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Eltern im moralischen Dilemma

Philosophische Positionen zum Thema Spätabtreibung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 14 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Ein Fallbeispiel − „Der Ludwig lacht“

3. Rechtliche Grundlagen

4. Erläuterung einiger im Folgenden verwendeten Begriffe
4.1 Schwangerschaftsabbruch
4.2 Fetozid
4.3 Spätabbruch
4.4 Abtreibung
4.5 Abort

5. Philosophie und medizinische Probleme

6. Ansätze und Theorien für und wider Spätabbrüche
6.1 Potentialitätsargument
6.2 Der Personenstatus
6.3 Körperliche Selbstbestimmung und nicht-intentionales Töten
6.4 Die SKIP-Argumente
6.5 Das slippery slope Argument

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nicht nur in der Medizinethik, auch gesamtgesellschaftlich wird um Themen wie Sterbehilfe und Abtreibung allzeit kontrovers diskutiert. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben und Geboren werden wird ihre Aktualität wohl auch nie verlieren, bestimmen diese Themen doch Anfang und Ende jedes menschlichen Lebens. Kommt der Mensch vom natürlichen Weg des Entstehens und Vergehens ab, bedarf es bestimmter Regelungen. Hier scheiden sich die Meinungen.

Die gesetzlichen Grundlagen im Falle eines Schwangerschaftsabbruchs werden in Deutschland durch den § 2l8 StGB zu regeln versucht, zum Schutz der Betroffenen. Einerseits wird hier das ungeborene Leben vertreten, um vor leichtfertigen Abbrüchen geschützt zu werden, andererseits gilt es, das Interesse der Schwangeren zu beachten, Regelungen bezüglich ärztlicher Beratungspflichten zu steuern etc.

Im Jahr 2008 wurden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt l44.484 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt, 23l davon nach der 22. Schwangerschaftswoche.1 Hier spricht man bereits von Spätabbrüchen.

Da das ungeborene Kind zu dieser Zeit außerhalb des Uterus in der Regel schon überlebensfähig wäre, wiegen die Argumente für und wider Abtreibung in solchen Fällen schwerer als in der Abtreibungsdiskussion im Allgemeinen. Durch die rasante Entwicklung der pränatalen Untersuchungsmethoden ergeben sich Folgen und Möglichkeiten, die auch in der Philosophie, insbesondere der Medizinethik stark diskutiert werden. Welche Positionen und Ansätze sich aus der Diskussion um Abtreibung im Allgemeinen und Spätabtreibung im Speziellen ergeben haben, möchte ich in der vorliegenden Arbeit darstellen und prüfen. Einführend werde ich den Fall einer Familie schildern, die sich in genau dem moralischen Konflikt sah und auch noch sieht, den die Überlegungen über einen Spätabbruch mit sich bringen. Im Zuge dessen werde ich die wichtigsten verwendeten Begrifflichkeiten definieren. Ziel der Arbeit ist es, einige philosophische Ansätze für und wider den Spätabbruch zu verdeutlichen, auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und gegebenenfalls auf ihre Historie einzugehen. Darüber hinaus möchte ich auf folgende Konflikte eingehen: Warum unterliegen Abbrüche vor der l3. Schwangerschaftswoche anderen Bestimmungen als Spätabbrüche? Wie kann hier argumentiert werden? Welchen moralischen Status hat ein ungeborenes Kind, wie wirkt sich dieser auf den Konflikt aus und inwieweit steigt der moralische Wert des Menschen im Laufe seiner pränatalen Entwicklung? Daraus erfolgt die Frage nach dem Beginn des Menschseins. Ziel der Arbeit wird es nicht sein, Position zu ergreifen und diese zu verteidigen, genauso wenig, über Abtreibungsvorgänge im Allgemeinen zu referieren. Auch werde ich Argumente der Institution Kirche sowie die so genannten eugenischen Argumente nicht in die Bearbeitung einbeziehen.

2. „Der Ludwig lacht“

Während der Themensuche für diese Seminararbeit erschien in der Zeitschrift „Der Spiegel“ ein Artikel zum Thema Spätabtreibung 2 , in welchem die Problematik, besonders das moralische Dilemma, in das Eltern und Ärzte manövriert werden, recht anschaulich präsentiert wird. Berichtet wird über ein Paar aus Bayern, das ein Kind erwartet. In der 34. Schwangerschaftswoche diagnostizieren die behandelnden Ärzte eine schwere Behinderung des ungeborenen Kindes: Corpus-callosum-Agenesie, „[...], eine angeborene Fehlbildung des Gehirns, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Verbindung zwischen der rechten und linken Hirnhälfte, das Corpus callosum, fehlt oder stark unterentwickelt ist“.3 Folgen dieser Behinderung können Epilepsie, schwere geistige Beeinträchtigungen, Erblinden sowie Spastiken sein. Eine fast normale Entwicklung des Kindes ist jedoch nicht zu l00 Prozent ausgeschossen. Nachdem die Ärzte das Paar, das bereits ein gesundes Kind zur Welt gebracht hat, über die Schwere der Behinderung informieren, entschließt es sich zu einer Abtreibung. Spätabtreibungen sind gesetzlich, wie im nächsten Kapitel eingängiger erläutert wird, noch bis zum Geburtstermin möglich. Zu dem Entschluss treibt die werdenden Eltern die Angst vor dem Leben mit einem behinderten Kind. Und der Entschluss steht fest. Jedoch stimmt die Ethikrunde der Klinik, in der sich das Paar betreuen lässt, gegen einen Spätabbruch und so ist die Entscheidung für das Ungeborene, aber gegen seine Eltern gefällt. Die schwangere Frau wird gezwungen, das Kind, das sie schließlich gegen ihren Willen in ihrem Leib trägt, weiter auszutragen. Drei Wochen nach der erschütternden Diagnose, in der 37. Schwangerschaftswoche, wird das Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Das Schicksal des Kindes ist bis dahin unklar. Schließlich entscheiden sich die Eltern, es probeweise mit nach Hause zu nehmen.

Inzwischen ist der kleine Ludwig zwei Jahre alt und die Eltern sind froh, dass es ihn gibt. Wenn sie jedoch die Wahl hätten, würden sie sich immer wieder gegen das Kind entscheiden.

Diese Haltung drückt der Autor des Artikels sehr bezeichnend bereits auf sprachlicher Ebene aus, da die Individualität und das Personsein des Kindes dadurch, dass vor den Namen des Kindes ein Artikel gesetzt wird (der Ludwig), beeinträchtigt wird. Zwar ist dies gerade im bairischen Sprachraum üblich, wird durch die Übernahme in einen überregionalen Zeitschriftenartikel doch verstärkt und drückt so die emotionale Distanz seitens der Eltern gegenüber ihrem Kind aus. Im Folgenden soll nun dargestellt werden, welche philosophischen Positionen für und wider das Verhalten der Eltern und Ärzte im Besonderen und die Gesamtgesellschaft im Allgemeinen in einer solchen Situation sprechen.

3. Rechtliche Grundlagen

Per Gesetz ist es in Deutschland bis zur l2. Schwangerschaftswoche nach einer so genannten Schwangerschaftskonfliktberatung möglich, den Embryo bzw. Fötus von einem Arzt entfernen zu lassen. Nach dieser Frist spricht man von Spätabtreibungen. Spätabtreibungen sind hierzulande nur bei medizinischer Indikation möglich, d.h. wenn der schwangeren Frau durch den Arzt eine besondere Gefährdung ihrer Gesundheit durch die Geburt oder das Leben mit dem Kind, bescheinigt wird. In einem solchen Fall kann der Fötus theoretisch bis zum Geburtstermin abgetötet und entfernt werden, unabhängig von der Tatsache, dass er bereits ab der 22. Schwangerschaftswoche soweit entwickelt ist, dass er außerhalb des Mutterleibes lebensfähig wäre. Festgehalten wird dies im l6. Abschnitt des StGB – Straftaten gegen das Leben, § 2l8. Erst kürzlich wurde das umstrittene Abtreibungsgesetz dahin gehend verschärft, dass zwischen der Diagnose der schweren Behinderung des Fötus und dem Vollzug des Spätabbruchs eine Dreitagesfrist eingehalten sowie an einer Beratung zu den Lebensperspektiven des Kindes teilgenommen werden muss.4 Diese Beratungspflicht ist sowohl dem behandelnden Arzt als auch der Schwangeren auferlegt. Durch die Festlegung einer Bedenkzeit und einer solchen Pflichtberatung erhofft sich der Gesetzesgeber vermutlich einen Rückgang der Zahl der Spätabbrüche. Ob die Verschärfung dieses Gesetzes tatsächlich einen Rückgang der Abtreibung behinderter Kinder bedeutet, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Solange sich die Akzeptanz in der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderungen nicht verbessert und die pränatalen Untersuchungen im gleichen Zuge immer präziser werden, womit auch immer mehr Möglichkeiten geschaffen werden, jegliche Anomalien am Ungeborenen festzustellen, ist davon auszugehen, dass sich die Bereitschaft, einem behinderten Kind das Leben zu schenken, zumindest nicht steigert.

Fraglich ist auch, inwieweit vor der Geburt beurteilt werden kann, wie gut oder schlecht eine Mutter mit ihrem behinderten Kind zurecht kommen wird, abgesehen davon, dass Mütter gesunder Kinder solchen Prüfungen nicht unterzogen werden und im Einzelfall nicht einmal die Verantwortung für gesunde Kinder zu übernehmen bereit sind. Folgte man den Gedanken hinter der gesetzlichen Rechtfertigung von Spätabbrüchen, würde sich irgendwann gegebenenfalls sogar die Frage stellen, ob Ärzte dann nicht auch Abtreibungen gesunder Kinder befürworten sollten, wenn die werdenden Eltern der Verantwortung offensichtlich nicht gewachsen sind.

4. Erläuterung einiger im Folgenden verwendeter Begriffe

4.1 Schwangerschaftsabbruch

Eine Definition für den Terminus Schwangerschaftsabbruch oder abruptio graviditatis lautet wie folgt: „[…] der künstlich herbeigeführte Abbruch einer Schwangerschaft durch Entfernen des Schwangerschaftsmaterials […]“5. Findet dieser nach der l3. Schwangerschaftswoche statt, spricht man von einem Spätabbruch.

Unter diese Definition fallen folglich auch vorzeitig eingeleitete Geburten sowie Kaiserschnitte. Hinzuzufügen ist demnach, dass bei einem Schwangerschaftsabbruch, wie er hier thematisiert wird, eine Tötungsabsicht gegenüber dem Embryo bzw. Fötus vorliegt.

4.2 Fetozid

Der Fetozid bezeichnet das Abtöten des Fötus im Mutterleib. Bei einem Schwangerschaftsabbruch aus medizinischer Indikation nach der 22. Schwangerschaftswoche dient er dazu, eine Lebendgeburt zu verhindern. Überlebt ein Kind seine eigene Abtreibung, muss der verantwortliche Arzt alle lebenserhaltenden Maßnahmen ergreifen, um das Leben des Kindes zu retten und ist dem Kind dann gegebenenfalls auch zu Unterhalt verpflichtet.

Es gibt verschiedene Arten des Fetozid, die hier nicht weiter ausgeführt werden, da sie für den Verlauf der Arbeit von geringer Bedeutung sind.

4.3 Spätabbruch

Da der menschliche Fötus bereits ab der 22. Schwangerschaftswoche außerhalb des Mutterleibes überleben kann, spricht man bei einem Schwangerschaftsabbruch in einem so fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft von Spätabbruch. Dieser ist durch den § 2l8 StGB geregelt und nur rechtmäßig, wenn die bereits erwähnte medizinische Indikation vorliegt.6

4.4 Abtreibung

Als Abtreibung wird in der Alltagssprache der Schwangerschaftsabbruch mit Tötungsabsicht bezeichnet. Durch die negative Konnotation des Begriffs wird er in fachsprachlichen Artikeln je nach Position häufig entweder hervorgehoben oder vermieden.

4.5 Abort

Fehlgeburten werden im Deutschen auch als Aborte bezeichnet, wobei die englische Bezeichnung abortion sowohl die Fehlgeburt, also den Schwangerschaftsabbruch mit natürlicher Ursache, als auch die absichtliche Beendigung einer Schwangerschaft durch Abtöten des ungeborenen Kindes ausdrückt.

5. Philosophie und medizinische Probleme

Den Bezug zur Philosophie findet man im Konflikt um den Schwangerschaftsabbruch vorrangig in der Frage nach dem moralischen Status des Embryo bzw. Fötus. In den Bestimmungen zur Stammzellenforschung ist geregelt, dass menschliches Leben mit der Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebährmutterschleimhaut, der so genannten Nidation, beginnt, da [e]rst durch die Nidation […] die Bedingungen geschaffen [würden], die zur Embryonalentwicklung notwendig seien.“7 Diese Regelung trifft allerdings nur auf den deutschen Forschungsmarkt zu. Für den Zeitpunkt, an dem ein menschliches Wesen seinen Personenstatus erhält, liegt keine offizielle Bestimmung vor. Auch besteht kein Gesetz, das rechtfertigt, warum eine eingenistete Eizelle zwar schon menschliches Leben ist, sie aber noch nicht unter den Schutz der Menschenrechte fällt.

Dieser teils undefinierte Bereich zwischen Entstehen und Sein bestimmt also das moralische Dilemma, wenn es um die Entscheidung für oder gegen ein neues Menschenleben geht. Im nächsten Kapitel sollen verschiedene Standpunkte erörtert werden, die genau diesen Bereich zu beleuchten versuchen und darstellen, mit welchen Argumenten in Fällen wie dem oben geschilderten der Spätabtreibungen verhindert bzw. zu rechtfertigen versucht werden.

6. Ansätze und Argumente für und wider Schwangerschaftsspätabbrüche

Die im folgenden Teil der Arbeit präsentierten philosophischen Positionen pro und contra Schwangerschaftsabbrüche werden sich nicht ausschließlich auf die Fälle richten, in denen Spätabbrüche diskutiert werden, sondern richten sich hauptsächlich für bzw. gegen die Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen im Allgemeinen. Meine Aufgabe wird nicht nur sein, Standpunkte darzustellen, sondern zu betrachten, ob und wie sich die Haltungen der Befürworter und Gegner je nach Zeitpunkt der vorzunehmenden Abbrüche ändern bzw. Erklärungen dafür zu finden, mit welcher Begründung sich frühe Abbrüche gegenüber späten rechtfertigen lassen.

Die Anordnung der verschiedenen Positionen wird sich aus deren logischen Zusammenhängen untereinander ergeben.

[...]


1 http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Gesundheit/Schwangersch aftsabbrueche/Tabellen/Content75/Alter.psml

2 Der Spiegel, Nr. 26/ 22.06.2009

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Corpus-callosum-Agenesie

4 http://dejure.org/gesetze/StGB/2l8.html

5 http://www.aok.de/bund/tools/medicity/glossar_med.php?id=l536

6 http://www.schwanger-info.de/l27.0.html?&no_cache=l&tx_prglossary[searched]=l&tx_prglossary[showUid]=675

7 Deutsches Ärzteblatt

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640911790
ISBN (Buch)
9783640909919
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171640
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Department für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
eltern dilemma philosophische positionen thema spätabtreibung abtreibung ethik medizinethik philosophie schwangerschaft slippery slope potentialitätsargument leben abort fetozid schwangerschaftsabbruch ehtikrat behinderung moral personenstatus integrität bodily rights
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Titel: Eltern im moralischen Dilemma