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Versuch der Entwicklung eines Textbegriffs

Die Wiedergeburt des Autors

Seminararbeit 2010 25 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung – Über die Entwicklung eines Textbegriffs

2. Was ist ein Text?
2.1. Über das Wesen des Textes
2.2. Der Text in Rede und Schrift

3. Abgrenzung des Textbegriffs
3.1. Der Textbegriff in Abgrenzung vom Handlungsbegriff
3.2. Der Textbegriff in Abgrenzung vom Werkbegriff

4. Von Michail Bachtin zu Julia Kristeva – Dialogizität, Intertextualität und Autorschaft

5. Die Wiedergeburt des Autors

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Über die Entwicklung eines Textbegriffs

„Der Text ruht in der Sprache“[1], heißt es in Roland Barthes Aufsatz Vom Werk zum Text. Die folgenden Ausführungen werden diese Aussage in Zweifel ziehen, sodass der Text an einen ganz eigenen Ort verlegt werden kann. Die Frage, mit der sich diese Abhandlung beschäftigt, lautet: Was bezeichnet den Text wirklich?

Barthes würde vermutlich bereits den Gedanken an diese Fragestellung einen Rück­schritt zum Signifikat nennen. Jedoch sollen bei der folgenden Analyse gerade Vor­überlegungen, wie die des Strukturalismus, zunächst außer Acht gelassen werden, um sich dem Textbegriff aus einer anderen Perspektive annähern zu können. Der zu entwickelnde Textbegriff soll sich der Naivität eines hermeneutischen Textbegriffs entziehen, sich aber nicht der Dekonstruktion verschreiben wie poststrukturalistische Theorien.

Als Ausgangspunkt sind die theoretischen Aufsätze D ie Redevielfalt im Roman und Das Problem des Textes von Michail Bachtin von Nutze, da er der Hermeneutik zwar durchaus kritisch gegenüber steht, aber traditionelle Begrifflichkeiten dennoch nicht verwirft. Allerdings richtet sich das Hauptaugenmerk hier weniger auf das Verständnis von Text als auf das Wesen des Textes. Die folgenden Erörterungen sollen vor allem darüber Aufschluss geben, was ein Text ist. Während sich bei Bachtin, je nach Blickwinkel, ein engerer oder weiterer Begriff von Text ausmachen lässt[2], soll in der folgenden Argumentation eine möglichst prägnante Vorstellung davon erarbeitet werden, was einen Text ausmacht. Nachdem in den ersten Kapiteln die nötigen Voraussetzungen für die Entwicklung eines Textbegriffs geschaffen werden, wird im Folgeteil der Arbeit versucht, diese Erkenntnisse in einen literatur­theoretischen Ansatz einzubinden, welcher zu einer Art Vereinigung verschiedener Elemente hermeneutischer und poststrukturalistischer Thesen gelangt.

Zu diesem Zweck werden Bezüge zu verschiedenen Theorien der Textualität her­gestellt, andere Ansätze integriert sowie kritisch beleuchtet. Besonders in den Blick­punkt rücken die Positionen von Roland Barthes, Karlheinz Stierle, Julia Kristeva und natürlich Michail M. Bachtin. Nach einer Begriffseinführung in den ersten Kapiteln dient Bachtins Begriff der Dialogizität als Grundlage im Hinblick auf das Konzept der Intertextualität von Julia Kristeva, um im letzten Schritt, konträr zu Roland Barthes Aufsatz Der Tod des Autors, die Wiedergeburt des Autors zu feiern. Die Wiedergeburt des Autors soll als Legitimation hermeneutischer Methodik bei der Textanalyse fungieren.

Um tatsächlich festzustellen, was den Text bezeichnet, ist es notwendig, dass zu­nächst triviale, aber strukturstiftende, d.h. abgrenzende Erkenntnisse über das Wesen des Textes verinnerlicht werden. Anhand von Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu anderen Denkansätzen wird danach versucht, den Textbegriff in Abgrenzung zu anderen zentralen Begriffen möglichst genau zu umreißen. Dazu erfolgt in Kapitel 2.2. eine Einteilung in Rede und Schrift, sowie in Kapitel 3.1. und 3.2. die Abgren­zung des Textbegriffs vom Handlungsbegriff bzw. Werkbegriff. Dieses Modell ver­sucht seinen Gehalt im Besonderen durch Differenz offenzulegen, um so von einer negativen zu einer positiven Konzeption des Textbegriffs zu gelangen. Im Gegensatz zu anderen theoretischen Ansätzen soll hier nicht hin zum Textbegriff argumentiert werden, sondern vom Textbegriff aus. Das heißt, dass nicht von abstrakten Eigen­schaften auf einen konkreteren Begriff hin gearbeitet wird, sondern, dass von einer konkreten Vorstellung aus, der Versuch unternommen wird, zu möglichst konkreten Eigenschaftszuschreibungen zu gelangen. Dennoch wird in der Einleitung darauf verzichtet, dieser Arbeit eine allgemeine Definition eines Textbegriffs voraus zu stellen. Gegenteilig wird im Zuge der ersten Kapitel versucht, die Vorstellung von Text mithilfe verschiedener Wesenszuschreibungen zu präzisieren.

2. Was ist ein Text?

2.1. Über das Wesen des Textes

Im Folgenden sollen die grundlegenden Sachverhalte dargestellt werden, die not­wendig sind, um die Theorie des Textbegriffs zu entfalten. Die Theorie soll sich dem Textbegriff so allgemein wie möglich nähern. Es werden keine Beschränkun­gen vorgenommen, sodass sich das Modell sowohl auf schriftliche Texte, als auch auf Redetexte, genauso wie auf literarische Texte und Gebrauchstexte, anwenden lässt. Zunächst ist festzuhalten, dass der Text nicht materiell ist. Der Text ist kein Stoff mit lesbaren Zeichen und besteht auch nicht aus Formen oder Funktionen sol­cher Zeichen. Damit ist eine Menge von gedruckten Buchstaben auf Papier genauso wenig als Text zu bezeichnen, wie eine Folge von Wortlauten. Der Leser sieht zwar Zeichen und der Zuhörer nimmt Laute wahr, aber die Verarbeitung eines Texts un­ter­liegt nicht den Sinnesorganen, sondern geschieht mithilfe des Verstandes. Dass Schreiben und Lesen als Verstandesprozesse anzusehen sind und sich von bloßer Wahrnehmung deutlich abgrenzen, sollte Beweis genug dafür sein, dass Texte un­möglich nur aus sprachlichen Zeichen bestehen.

Die Textproduktion respektive Textrezeption kann als Prozess symbolischer Über­setzung verstanden werden. Kompetente Sprecher einer Sprache erkennen Schrift­zeichen oder Laute als Symbole und sind in der Lage diese in Beziehung zu einander zu setzen. Die Sprache bietet zwar die Möglichkeit zum Ausdruck des Texts, ist aber dennoch als objektivierendes Hilfsmittel zu begreifen, welches zwar alle Elemente eines jeden Texts enthält, aber ohne das Subjekt bedeutungslos bleibt. Der Inhalt des Textes besteht demnach aus dem, was der Text bedeuten kann. Jedoch kann ein und derselbe Wortlaut mannigfaltige Bedeutungen tragen. Der Text an sich hat keine bestimmte Bedeutung, sondern er beinhaltet alle Möglichkeiten von Bedeutung ei­nes Wortlautes oder einer Satzfolge.

In der traditionellen Linguistik, wird der Text hauptsächlich als höchste sprachliche Einheit angesehen, welche eine begrenzte, kohärente Folge sprachlicher Zeichen darstellt und eine kommunikative Absicht verfolgt. Oft wird diese Form der Defini­tion nur auf Gebrauchstexte angewendet, welche im Kontext zumeist eindeutig und unmissverständlich wirken, da sie in reale Handlungszusammenhänge eingebettet sind. Aber dennoch wird außer Acht gelassen, dass sich die kommunikative Absicht niemals im Text selbst offenbart, sondern immer erst durch den Kontext offengelegt wird. Der Text wird daher nie einer einzigen Bedeutung unterliegen.

Die Sprache ist objektiv, Bedeutung hingegen ist subjektiv und der Text gilt als Möglichkeit der Vereinbarung von beidem. Die natürliche Sprache ist unendlich und bietet somit durch ihre Struktur eine wichtige Voraussetzung für das Wesen des Textes. Texte entstehen aber erst durch die Verwendung von Sprache immer in Ab­hängigkeit vom Subjekt. Stark vereinfacht könnte man auch etwa sagen, dass ver­wendete Sprache ein einziger großer Text ist, der je nach Verfasser oder Sprecher bzw. Rezipient oder Zuhörer in seiner Bedeutung variiert.

Der Text an sich besitzt weder Anfang noch Ende, da realisierte Grenzen in verwen­deter Sprache vielmehr als bedeutungskonstituierende Maßnahmen des Verstandes angesehen werden. Jedoch soll der Text damit nicht komp­lett in das Subjekt verlegt werden, da ihm gerade durch die Sprachlichkeit eine objektivierende Gestalt zu­kommt.

Des Weiteren wird der Text als einzigartig bezeichnet. Kein Text in einer sprachli­chen Äußerung ist gleich einem anderen, unabhängig davon, wie ähnlich er ihm sein mag. Textgrenzen entstehen daher zwangsläufig nur an den Punkten, an denen sich Texte in ihrer Einzigartigkeit unterscheiden. Das paradox erscheinende Begriffspaar Grenzenlosigkeit und Einzigartigkeit wird im Folgenden eine wichtige Rolle spielen.

Die Existenz des Textes gilt gleichermaßen als Bedingung der Möglichkeit für die Bedeutungskonstitution von verwendeter Sprache überhaupt. Er hat seinen Ort in der Vermittlung zwischen Sprache und Bedeutung, Objekt und Subjekt. Und genau als so ein theoretisches Gedankenkonstrukt soll der Text auch in dieser Arbeit be­griffen werden. Davon ausgehend wird in den folgenden Kapiteln erarbeitet, wie sich das theoretische Element Text von anderen Theorieelementen abgrenzen und in einen literaturtheoretischen Zusammenhang stellen lässt.

2.2. Der Text in Rede und Schrift

Die Rede soll jede Form von gesprochener Sprache bezeichnen, während die Schrift jede Form von geschriebener Sprache darstellt. Beide Arten der Realisierung von Sprache haben eins gemein, denn sie existieren nur aus­gehend von einem sprechen­den bzw. schreibenden Subjekt. Des Weiteren ist festzuhalten, dass Geschriebenes und Gesprochenes verschiedene Aus­formungen ein und derselben Sache sind, und dass geschriebene Sprache in gesprochene Sprache transferiert werden kann und umgekehrt. Sprechen und Schreiben sind als Handlungen zu bezeichnen, aber weder das, was gesprochen wird, noch das, was geschrieben wird, ist ein Text. Der Text ist alles jenes, was etwas Gesprochenes oder Geschriebenes bedeuten kann.

Karl-Heinz Stierle beschreibt die Schrift in seinem Aufsatz Text als Handlung und Text als Werk als den „Text im prägnanten Sinne“[3], da sie das Moment der Realisie­rung überdauere und überhaupt erst eine genaue Analyse des Geäußerten zulasse.[4] Allerdings gibt er ebenfalls zu bedenken, dass in einem Schriftstück keine Intona­tion, kein Sprechrhythmus oder ähnliches mehr vorhanden sei, sodass sich der Leser einen eigenen Zugang zu dem Schriftstück schaffen müsse.[5] Das in dieser Arbeit vorgestellte Modell kehrt diese Kategorisierung um, sodass die Rede als eine der Schrift überstehende Form von realisierter Sprache bezeichnet werden kann. Das ist damit zu begründen, dass die Handlung eines Schreibenden auf einer anderen Ver­mittlungsebene stattfindet, als die Handlung eines Sprechenden. Die sprachliche Äußerung, die von einem Sprecher getätigt wird, übersetzt dessen subjektive Reali­tät in direkter Form, während eine schriftliche Äußerung als die vermittelte Darstel­lung der direkten Übersetzung angesehen werden muss. Das hat wiederum zur Folge, dass der Text in der Rede viel eher das Prädikat prägnant verdient, als der Text einer schriftlichen Äußerung. Im Verlauf dieser Arbeit soll das Verhältnis von Subjekt und Text untersucht und konkretisiert werden. Da sich die Rede in ihrem Wesen weitaus personalisierter darstellt, beinhaltet die Auffassung von Rede als prägnante, der Schrift überstehenden Form von Text auch ein wichtiges theoreti­sches Element der vorliegenden Analyse.

Ein weiterer Unterschied zwischen Rede und Schrift ist, dass gesprochene Worte zumeist in Handlungskontexte eingebettet sind, während geschriebene Worte oft komplett losgelöst von Kommunikationsakten entstehen, wenn sie beispielsweise Kunst oder Wissenschaft darstellen sollen. Aber noch weitaus wichtiger ist die Dy­namik, die sich im Prozess der Übersetzung von subjektiver Realität in gesprochene Worte offenbart. Redekontexte bestehen zum Beispiel oft in einer spontanen Äuße­rung und der direkten Reaktion auf diese Äußerung, während schriftliche Äußerun­gen aufgrund ihrer indirekten Vermittlung durch das Aufzeichnen von Buchstaben auf Papier oder das Eintippen von Buchstaben in den Computer in der Regel mit mehr Bedacht ausgeführt werden.

Zudem ist die Möglichkeit der Verschriftlichung und Erhaltung von Texten, einer­seits aufgrund der materiellen Beständigkeit und andererseits aufgrund der Memo­rierungsmöglichkeit von Inhalten (näher erläutert in Kapitel 3.2 Der Textbegriff in Abgrenzung vom Werkbegriff), gleichzeitig die Bedingung für die Existenz des litera­rischen Werkes.

[...]


[1] Barthes, Roland: Vom Werk zum Text. In: Kammer, Stefan und Lüdeke, Roger
(Hrsg.). Texte zur Theorie des Textes . ReclamStuttgart.2005, S. 42

[2] Vgl. Bachtin, M. Michail: Das Problem des Textes. In: Kammer, Stefan und Lüdeke, Roger
(Hrsg.). Texte zur Theorie des Textes . ReclamStuttgart.2005, S. 173

[3] Stierle, Karlheinz: Text als Handlung und Text als Werk. In: Kammer, Stefan und Lüdeke, Roger (Hrsg.). Texte zur Theorie des Textes . ReclamStuttgart.2005, S. 217

[4] Ebd. S. 217

[5] Ebd. S. 217

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640911844
ISBN (Buch)
9783640909988
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171651
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Textbegriff Roland Barthes Intertextualität Julia Kristeva Bachtin Stierle Tod des Autors Hermeneutik Poststrukturalismus Strukturalismus Text

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Titel: Versuch der Entwicklung eines Textbegriffs