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Die Theorie des Rationalismus und Ansätze aus der Dritten Debatte - eine mögliche Synthese?

Seminararbeit 1998 14 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Die Ideen des Rationalismus
2.1. Institutionen aus rationalistischer Sicht
2.2. Rationalistisches Verständnis von Kooperation

3. Die Herausforderer der Rationalisten
3.1. Kritik am Rationalismus und seinen Methoden
3.2. Ist rationalistische Forschung noch haltbar?

4. Rationalismus und Theorien der Dritten Debatte - eine mögliche Synthese?
4.1. Ergänzen einer Theorie durch fehlende Aspekte
4.2. Verschmelzen zweier oder mehrer Theorien

5. Zu guter Letzt

Literaturnachweis

1. EINLEITUNG

Längst sind die Zeiten vorbei - so es sie jemals gab - in denen jeder Staat "sein eigenes Süppchen kochte". Ein dichtes Netz von internationalen Verträgen und die Gründung zahlreicher Organisationen über Staatsgrenzen hinweg führen zu immer intensiverer Zusammenarbeit zwischen einzelnen Staaten und Organisationen. Politik, Wirtschaft und Kultur vernetzen sich jenseits der nationalen Ebene, wirtschaftliche und finanzielle Abhängigkeiten, aber auch die Erleichterung der Kommunikation durch neue Medien tragen zur weiteren Vertiefung zwischenstaatlicher Beziehungen bei. Das Wort Globalisierung ist in aller Munde.

So vielfältig, ja unübersichtlich ist dieses Feld geworden, daß sich seit den 20-er Jahren, zunächst in den USA, ein neuer Wissenschaftszweig Internationale Beziehungen (IB) herausgebildet hat, der das Mit- oder Gegeneinander in der Weltpolitik, Ursachen, Abläufe und Auswirkungen sowie die Handlungen der mitwirkenden Akteure untersucht. Je nach Herangehensweise und Blickwinkel auf das internationale Geschehen sind unterschiedliche Theorien entstanden.

Jede Theorie vereinfacht, indem sie sich auf einen bestimmten Aspekt konzentriert, denn "die intellektuelle Bewältigung der Vielfalt internationaler Prozesse und Strukturen ist nicht möglich ohne vorgefaßte oder systematisch ausgewählte gedankliche Filter, Ordnungs- und Erklärungsschemata, welche die Fülle des Wahrgenommenen überschaubar machen" (Haftendorn, in: Woyke (Hrsg.), 1977, S.298). Dies zieht natürlich den Ausschluß von Elementen mit sich, die aus einer anderen Sichtweise heraus wiederum wichtig sein können.

Eine der theoretischen Strömungen der IB ist der Rationalismus. Seine Herangehensweise und seine Erklärungsmuster waren (sind) lange Zeit vorherrschend in diesem Bereich gewesen. Sie warfen neue Fragen über die Gründe von Zusammenarbeit zwischen den Staaten auf. Ihr Forschungsprogramm bietet viele interessante Annahmen über den Zusammenhang von internationalen Institutionen und Zusammenarbeit auf. Doch auch sie stoßen, wie jede Theorie, auf Grenzen. Gerade von Theoretikern der Dritten Debatte, einer wissenschaftlichen Bewegung, die sich gegen althergebrachte Forschungsmethoden auflehnt und das Miteinander vieler verschiedener Ansätze befürwortet, werden die Rationalisten kritisiert.

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, inwieweit sich durch das Zusammen gehen rationalistischer Forschung mit Theorieansätzen der Dritten Debatte das unvermeidliche Ausgrenzen bestimmter Aspekte reduzieren läßt. Ist es überhaupt möglich, verschiedene Herangehensweisen an ein Thema miteinander zu verbinden? Ist eine solche Verbindung sinnvoll oder besteht die Gefahr, daß durch die Berücksichtigung vieler Aspekte eine neue Theorie unüberschaubar und somit wirkungslos wird?

Ausgehend von der Darstellung der Theorie des Rationalismus sowie der Kritik an seiner Forschung durch Vertreter der Dritten Debatte werde ich versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

2. DIE IDEEN DES RATIONALISMUS

Die Theorie des Rationalismus, wie sie in den IB verwandt wird, ist nicht zu verwechseln mit der rationalistischen Strömung der Philosophie. Allerdings ist die Namensverwandtschaft nichtganz und gar unbegründet. Auch der Rationalismus der IB geht davon aus, daß der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist, und diese Eigenschaft seine Handlungen weitestgehend bestimmt. "Hierbei wird rationales Handeln verstanden als Entscheiden zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten anhand des Kriteriums des möglichst weitgehenden Erreichens von Zielen." (Rational-Choice-Ansatz) (Keck, in: Göhler, 1994, S.188).

Diese Annahme bildet die Grundlage des rationalistischen Weltbildes, welches desweiteren noch durch zwei zusätzliche Faktoren bestimmt wird: zum einen die Feststellung, daß Knappheit an Rohstoffen und Gütern herrscht, und zum zweiten, daß das Zusammenleben auf der Erde vom Wettkampf gekennzeichnet ist. Demnach sehen die Rationalisten die Weltpolitik also als eine Mischung aus Konflikten (aufgrund des Wettkampfes) und Zusammenarbeit oder Kooperation (ermöglicht durch die Vernunft) (vergl. Smith, 1995, S.12). Kooperation ist, damit Konflikte nicht überhand nehmen, grundlegend für das Fortbestehen der Erde.

Hier setzt die Forschung der Rationalisten an. Sie untersuchen die Bedingungen für Zusammenarbeit. Als Kinder der Aufklärung, wie Robert O. Keohane, selbst Rationalist, behauptet, "we believe that human life can be improved through human action guided by knowledge. We therefore seek knowledge in order to improve the quality of human action." (Keohane,1988, S.158).

Die Rationalisten beschränken ihre Forschung auf die systemare Analyseebene, das heißt, sie betrachten das internationale System als ein Ganzes. Nationalstaaten werden als eine gegebene Einheit aufgefaßt. Ihre Entstehung und die Wirkung ihrer Innenpolitik werden außer Acht gelassen, die Interessen ihrer Handlungsträger als von vornherein gegeben betrachtet. Andere Akteure in der Weltpolitik, wie zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, werden nicht berücksichtigt.

Um Zusammenarbeit erforschen zu können, ist es nach Ansicht der Rationalisten notwendig, ersteinmal das Entstehen und Funktionieren von Institutionen zu untersuchen, denn beide sind aufs Engste miteinander verknüpft. Robert O. Keohane fa×t dies wie folgt zusammen: "To understand the conditions under which international cooperation can take place, it is necessary to understand how international institutions operate and the conditions under which they come into being" (Keohane, 1988, S.159).

Beide Schwerpunkte rationalistischer Forschung werde ich im folgenden Text kurz darstellen, denn nur in Kenntnis der rationalistischen Theorie von Zusammenarbeit und der Rolle internationaler Institutionen, erschlie×en sich auch die Unzulänglichkeiten ihrer Forschung, und ist die Kritik der Vertreter der Dritten Debatte zu verstehen.

2.1. Institutionen aus rationalistischer Sicht

Kooperation und Institutionen sind, wie schon erwähnt, schwer voneinander zu trennen; sie bedingen sich gegenseitig. Trotzdem, Zusammenarbeit existiert auch ohne die Einrichtung von Institutionen, dann allerdings nur auf sporadischer Basis (vergl.Keohane, 1988,S.166). Institutionen dagegen leben von der Qualität der Zusammenarbeit: "if there were no potential gains from agreements to be captured in world politics...there would be no need for specific international institutionsConversely, if cooperation were easy...there would be no need for instituions to facilitate cooperation" (Keohane, 1988, S.166).

Was aber sind nun Institutionen, oder genauer gesagt die spezifischen internationalen Institutionen, auf die Robert O. Keohane sich hier bezieht? Um es vorwegzunehmen, der Begriff der Institution ist so weitgefaßt, daß die Rationalisten sich (überwiegend) auf die Betrachtung spezifischer Institutionen beschränken, das heißt, solcher Einrichtungen, die eine bestimmte Organisationsform und ein bestimmtes Wirkungsfeld aufweisen, und für die klare Regeln geschaffen wurden. Darunter fallen Organisationen wie die NATO oder die UNO und Regime (Kooperationsverhältnisse), wie zum Beispiel das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT. Regime, im Gegensatz zu Organisationen, sind keine Handlungsträger. Von der rationalistischen Theorie weitestgehend außer Acht gelassen werden Konventionen, also Abkommen oder Vereinbarungen, die keine festen Regeln besitzen, aber deren größtenteils ungeschriebene Normen im allgemeinen akzeptiert werden. Gerade aber die internationalen Beziehungen beruhen auf vielen Konventionen, wie die Humanitäre Intervention oder Friedensabkommen.

Allen Institutionen ist gemein, daß sie das Verhalten von Akteuren vorschreiben und einschränken, sowie Erwartungen hervorrufen. Außerdem, sind sie einmal errichtet worden, gewinnen sie eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber jenen, die sie ins Leben gerufen haben. Dafür beeinflußen sie nun ihrerseits die Interessen von Entscheidungsträgern (vergl. Rittberger; Zürn, 1991, S.400)

Die Staatssouveränität, als eine Konvention entstanden, heute aber durch die Festschreibung in der UN-Charta in ein Regime umgewandelt, wird als höchste gegebene Institution von den Rationalisten gesehen und akzeptiert. Sie bildet den Rahmen für sämtliche Handlungen in der Weltpolitik. Ihr ordnen sich alle anderen Institutionen unter (zumindestens sollte es so sein). Berechtigt wird die Existenz von Institutionen durch die von ihnen verursachte Senkung der Transaktionskosten. Transaktionskosten, ein Begriff aus der Wirtschaft, sind jene Kosten, die bei der Suche nach Partnern und das Verhandeln und Überwachen von Verträgen entstehen. Institutionen gewährleisten den Informationsfluß schaffen die Bedingungen für den Austausch und überwachen die beidseitige Einhaltung der Vereinbarungen. Dies ist notwendig, da kein Staat es sich leisten kann, länger zu kooperieren als ein anderer. Institutionen kommen um so häufiger vor, so die Rationalisten, je erfolgsversprechender die Erwartungen an eine Kooperation sind, und je stärker sie die Transaktionskosten senken können.

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Details

Seiten
14
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638218108
ISBN (Buch)
9783638788045
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17175
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Theorie Rationalismus Ansätze Dritten Debatte Synthese Neue Entwicklungen Internationalen Beziehungen

Autor

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Titel: Die Theorie des Rationalismus und Ansätze aus der Dritten Debatte - eine mögliche Synthese?