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Unternehmen im Nationalsozialismus - Opfer oder Profiteure des Systems?

Erörterung der Fragestellung am Beispiel des Volkswagenwerkes

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gleichschaltung der Wirtschaft im Nationalsozialismus

3. Die Idee der Volksmotorisierung

4. Das Volkswagenwerk, Opfer oder Profiteur?

5. Zusammenfassung

6. Literaturangabe

1. Einleitung

Die Frage nach der Schuld von Unternehmen im Nationalsozialismus war und wird wohl auch in Zukunft noch eine der kontrovers diskutierten historischen Auseinandersetzungen bleiben. Im Zuge mit der Öffnung der Archivalien von Unternehmen um 1990, bot sich den Historikern erstmals die Möglichkeit bestehende Theorien und Annahmen durch gesicherte Forschungsergebnisse abzulösen und damit zumindest das Zustandekommen und den Bestand des Nationalsozialismus künftig nicht auf wirtschaftliche Ursachen zu stützen. Offen jedoch verbleiben die Fragen nach den Beweggründen von Unternehmern und ihrem daraus resultierenden Handeln. Einen seit jeher bitteren Nachgeschmack hinterlässt die trotz Gleichschaltung existente Entscheidungsfähigkeit der Unternehmer, welche sich in der differenzierten Behandlung von Zwangsarbeitern zeigt. Unbestritten ist, dass die beiden Möglichkeiten, erstens der Gewährleistung eines menschenwürdigen Lebens und zweitens die absolute Vernichtung des Menschen durch Arbeit, bei der Frage um Schuld nicht gleichzusetzen sind. Die Intention der vorliegenden Arbeit besteht darin, zunächst einen allgemeinen Überblick über die ökonomischen Gegebenheiten für Unternehmen im Nationalsozialismus aufzuzeigen und im Folgenden detailliert auf die Rolle des Volkswagenwerkes im Dritten Reich einzugehen. Schließlich soll die Frage nach Opfer- oder Profiteursrolle für das Volkswagenwerk Beantwortung finden.

2. Die Gleichschaltung der Wirtschaft im Nationalsozialismus

Heutzutage herrscht im Wesentlichen Einigkeit darüber, dass eine finanzielle Unterstützung der NSDAP in der Weimarer Republik von Seiten der Wirtschaft zwar gab, diese aber nicht die Regel war. Somit kann man konstatieren, dass die Machtergreifung im Januar 1933 einzig den politischen Ereignissen und Einflüssen geschuldet war und keinem Primat der Wirtschaft zugrunde lag, wie fälschliche Theorien in der Vergangenheit vermuteten. Nach der Machtübernahme standen zahlreiche Unternehmen der neuen Regierung zunächst mit großer Skepsis gegenüber. Zum einen fürchteten sie die antikapitalistischen Züge des Regimes, zum anderen wurden sie durch den Gedanken der Autarkie abgestoßen, welcher den Außenhandel massiv gefährdete.[1] Die Unternehmen hatten sich ihre Weltmarktanteile schwer erarbeitet und waren keineswegs bereit diese aufzugeben, oder gar komplette Produktionsreihen umzustellen. Dieser Einstellung lag die Annahme zugrunde, dass es sich bei den Veränderungen in Verbindung mit Aufrüstung und der Beschneidung des Außenhandels nur um kurzfristige Maßnahmen handeln würde.[2] Trotzdessen arrangierten sich die Unternehmen schnell mit dem NS-Regime, was vornehmlich daran lag, dass die Unternehmer sowohl die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik, als auch den vom NS-Regime entwickelten hierarchischen Status gegenüber der Belegschaft, begrüßten, welcher mit einer Unterdrückung der Arbeiterbewegung direkt einher ging. Vor allem die lukrativen Staatsaufträge boten zahlreichen Unternehmen nach der Weltwirtschaftskrise die Möglichkeit sich zu sanieren.[3]

Es gilt allgemein als bewiesen, dass die Unternehmen keine aktive Beteiligung an den politischen Zielen des Nationalsozialismus übten. Die Wirtschaft diente somit dem NS-Regime als Werkzeug. Zur Realisierung der nationalsozialistischen Ziele waren Hitler und seine Regierung auf das ökonomischen Potential des Landes angewiesen.[4] Das Hauptziel lag in der Gewinnung von Lebensraum, sprich in der Expansion, welche durch Autarkiebestrebungen und Aufrüstung[5] erreicht werden sollte.

Waren- und Finanzströme wurden fast vollständig vom Konsum auf den Rüstungssektor verlagert. Banken und Versicherungen finanzierten verdeckt Rüstungsprojekte, indem sie mit dem Geld ihrer Sparer und ohne deren Wissen in Reichsanleihen investierten.[6]

Neuinvestitionen waren für die Unternehmen riskant, für das NS-Regime jedoch essentiell, da die Devisenknappheit und die Bestrebungen nach Autarkie die Entwicklung neuer rüstungsrelevanter Rohstoffe erforderte. Die Produktion der Rohstoffe Kautschuk, Kunstfasern und synthetischen Treibstoffes war möglich und wurde durch Preis- und Abnahmegarantien des Staates und nicht wie oft angenommen durch Zwang und Druck des NS-Regimes für die Unternehmen abgesichert.[7] In der Phase der Konsolidierung der nationalsozialistischen Regierung fanden die Unternehmen zu marktwirtschaftlicher Normalität. Henry A. Turner beschreibt diese Zeitspanne wie folgt:

„Historiker sind sich, glaube ich, weiter darüber einig, daß in geschäftlicher Hinsicht die Friedensjahre des Dritten Reiches aus Sicht der deutschen Unternehmer eine überwiegend positive Zeit waren. Nach dem tiefen Konjunkturrückgang der großen Depression erholte sich die deutsche Volkswirtschaft unter dem NS-Regime rasch, während in anderen Ländern die verheerenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise andauerten.“ [8]

In diesem Zusammenhang steht, dass Deutschland bemerkenswerter Weise als erste Industrienation Vollbeschäftigung[9] erreichte, wohingegen in den USA noch 1939 24% der arbeitsfähigen Bevölkerung ohne Anstellung war. Die Gründe für diese veränderte wirtschaftliche Lage in Deutschland sind vielfältig. Zum einen profierte Hitler von den staatlichen Arbeitsprogrammen, die fast vollständig aus der Regierung um Schleicher stammten, beispielsweise der Bau der Reichsautobahn. Zum anderen schufen die intensiven Rüstungsbestrebungen neue Arbeitsplätze, wie sich am Beispiel der Flugzeugindustrie belegen lässt.[10]

In diesem Zusammenhang soll auch erläutert werden, inwieweit der Aufschwung dem NS-Regime geschuldet ist. Führende Historiker sind sich heute weitgehend übereinstimmend darüber einig, dass das Ansehen des Dritten Reiches durch Hitlers Außenpolitik und die Beseitigung des Massenarbeitslosigkeit entscheidend gesteigert werden konnte, auch wenn letzteres nicht allein der nationalsozialistischen Führung zugedacht wird. Dafür spricht vor allem, dass die erwirtschafteten Staatseinnahmen kaum zur Stimulans der Konsumgüterindustrie verwendet worden, sondern vorhandene Ressourcen fast ausnahmslos in diverse Rüstungsprojekte flossen. Bezeichnenderweise wurden die Arbeitnehmerbeiträge zur Arbeitslosenversicherung konstant hoch gehalten, obwohl Vollbeschäftigung herrschte. Die zusätzlich erwirtschafteten Milliarden flossen ebenfalls in den Rüstungssektor.[11]

Ab 1935/36 entwickelte sich unter den Unternehmern erstmals ein Bewusstsein für die Nachteile der gelenkten Wirtschaft. Diese Nachteile erschlossen sich den Unternehmen in differenzierten Formen. Einmal in Gestalt der Deutschen Arbeitsfront, genannt DAF, welche die betrieblichen Interessen der Belegschaft vertrat und darüber Arbeiter für das Regime zu rekrutieren versuchte.[12] Zum anderen durch die Einschränkung der Verfügungsgewalt der Unternehmer. Diese konnten sich der staatlichen Kontrolle, was Rohstoffe, Devisen und erwirtschaftete Profite anbelangte, nicht entziehen. Vor allem die Konsumgüterindustrie unterlag strengen Restriktionen, doch auch die Investitionsgüterindustrie hatte mit der Reglementierung des Außenhandels zu kämpfen.[13]

Durch beachtliche finanzielle Anreize lenkte das Dritte Reich die Wirtschaft in eigenem Interesse. Mit dem Erlass des 2. Vierjahresplanes 1936 verschärfte sich die Situation dramatisch. Hinter dem Ziel die deutsche Wirtschaft in den kommenden vier Jahren kriegsfähig zu machen, traten die politischen Interessen des NS-Regimes vor die Eigeninteressen und die Rationalität der Unternehmen. Es kam unter anderem auch zur Einmischung in Personalentscheidungen. Eigenwillige waren in leitender Tätigkeit nicht länger geduldet und wurden systematisch durch Gleichgeschaltete ersetzt. Nach Kriegsausbruch 1939 konnte ein Unternehmen, welches den Forderungen des Dritten Reiches nicht nachkam zur Einschränkung der Produktion, oder gar zur Schließung, durch den Entzug von Rohstoffen oder Arbeitskräften, gezwungen werden.[14]

[...]


[1] Vgl. TURNER, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, in: GALL, Lothar /POHL, Manfred (Hrsg.): Unternehmen im Nationalsozialismus (= Schriftreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Bd. 1), München 1998, S. 16f.

[2] Vgl. SCHNEIDER, Michael C.: Rüstung, Arisierung, Expansion. Wirtschaft und Unternehmen, in: SÜß, Dietmar /SÜß Winfried (Hrsg.): Das Dritte Reich, München 2008. S. 193.

[3] Vgl. TURNER, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, S. 16f.

[4] Ebd.

[5] Die Aufrüstung musste aufgrund der ausländischen Beobachtung verdeckt erfolgen.

[6] Vgl. SCHNEIDER, Michael C.: Rüstung, Arisierung, Expansion. Wirtschaft und Unternehmen, S. 188.

[7] Vgl. WEHLER, Hans Ulrich: Deutsche Gesellschaftgeschichte 1914-1949 (Bd. 776), Bonn 2009. S.

693.

[8] Vgl. TURNER, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, S. 18.

[9] Kritisch betrachtet werden sollte die Tatsache, dass die deutsche Arbeitslosenquote zwar massiv sank, jedoch nicht alle Menschen in Lohn und Brot gebracht wurden, wie sich vermuten ließe. Zahlreiche Menschen wurden aus der Statistik gestrichen, so unter anderem Frauen, aber auch Männer, die dem Arbeitsmarkt durch die Einführung des sechsmonatigen Arbeitsdienstes und der allgemeinen Wehrpflicht nicht mehr zur Verfügung standen.

[10] Vgl. WILDT, Micheal: Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008. S. 96f.

[11] Ebd.

[12] Die DAF war für die Unternehmen unangenehmer als die Gewerkschaften in der Weimarer Republik. Der DAF-Leiter Ley setzte seine Interessen propagandistisch um, indem er immer häufiger den Kontakt zu den einfachen Arbeitern in den Betrieben suchte. Die Idee der Volksgemeinschaft sollten von allen Bürgern nachvollziehbar sein.

[13] Vgl. SCHNEIDER, Michael C.: Rüstung, Arisierung, Expansion. Wirtschaft und Unternehmen, S.193.

[14] Vgl. TURNER, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, S. 18f.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640913817
ISBN (Buch)
9783640912766
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171775
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
unternehmen nationalsozialismus opfer profiteure systems erörterung fragestellung beispiel volkswagenwerkes

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