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Die Erstürmung Béziers während des Albigenserkreuzzugs – Ein Beispiel für subkulturelle Kriegführung?

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) EINLEITUNG
I. DARLEGUNG DER DER ARBEIT ZU GRUNDE LIEGENDEN THEORIE MORILLOS`
II. EINFÜHRUNG DER QUELLEN

2) HAUPTTEIL
I. DIE ZERWÜRFNISSE IM LANGUEDOC
II. QUELLENBEARBEITUNG
(A) DIE HYSTORIA ALBIGENSIS DES PETER VON VAUX-DE-CERNAY
(B) DER CANSO DE LA CROZADA DES WILHELM VON TUDELA

3) RESÜMEE
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
I. QUELLEN
II. FORSCHUNGSLITERATUR

ANHANG

1) Einleitung

Am 22. Juli des Jahres 1209, dem Tag der heiligen Maria Magdalena im zwölften Jahr des Pontifikats Innozenz´ III., erstürmte ein Kreuzfahrerheer die südfranzösische Stadt Béziers. Die Bewohner der Stadt wurden, wie zeitgenössische Quellen übereinstimmend berichten1, in einer Gewaltorgie ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht umgebracht. Mit diesem Fanal begann ein sich über zwei Jahrzehnte hinziehender Krieg in Südwestfrankreich2, der als Albigenserkreuzzug3 in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Ziel dieses Kreuzzugs war es, die in Südwestfrankreich stark verbreitete und von der Lehrmeinung der katholischen Kirche abweichende Glaubensgemeinschaft der Katharer4 zu bekämpfen und die Einheit des christlichen Glaubens wiederherzustellen.

Eine relativ aktuelle Abhandlung über die Frage, ob das Ausmaß an Gewalt in diesem Krieg das anderer Kriege zu dieser Zeit überstieg, findet sich in einem 2004 von Balard et al. herausgegebenen Sammelband5.

In der vorliegende Arbeit soll nun die Frage erörtert werden, ob die Ereignisse um die Eroberung Béziers als ein Indiz für die Existenz subkultureller Kriegführung zu bewerten sind. Der Begriff der subkulturellen Kriegführung in diesem Zusammenhang stammt aus einer Arbeit des US-amerikanischen Historikers Stephen Morillo, der im Jahr 2006 mithilfe einer deskriptiven Kriegstypologisierung durch Gegensatzpaare den Versuch einer Neuklassifizierung von Kriegen in die akademische Diskussion einbrachte6.

Im Weiteren soll zunächst die Theorie Morillos näher erläutert werden, um dann mit Hilfe zweier Quellen die Frage zu erörtern, ob die Kampfhandlungen um Béziers die Merkmale tragen, die nach Morillos Theorie eine subkulturelle Kriegführung auszeichnen.

I. Darlegung der der Arbeit zu Grunde liegenden Theorie Morillos`

Stephen Morillo, US-amerikanischer Historiker vom Wabash College, hat sich mit seiner Arbeit das Ziel gesetzt eine auf kulturelle Aspekte bezogene Kriegstypologisierung zu entwerfen. Das dabei von ihm erdachte Gegensatzpaar Trans- und Intrakultureller Krieg ist als Teil eines größeren Konzepts zu verstehen, welches in einem Sammelband von Hans-Henning Kortüm aus dem Jahr 2006 vorgestellt wird7 und das in Bezug auf die Herangehensweise am ehesten Ähnlichkeiten mit Arbeiten aus der Anthropologie besitzt8. In Morillos Arbeit wird der Versuch unternommen eine epochenübergreifende, von zeitlichen Gebundenheiten losgelöste Kriegstypologisierung zu entwerfen.

Dabei unterscheidet Morillo grundsätzlich zwischen Kulturräumen und Subkulturen innerhalb eines solchen Kulturraums. Ein Kulturraum zeichnet sich seiner Meinung nach durch weitestgehend gemeinsame Lebensweise, Religion, Philosophie und auch ‚Kriegskultur‘ aus. Als Beispiele für solche Kulturräume könnten im Mittelalter zur behandelten Zeit das christliche Abendland und der islamische Orient angeführt werden. Der Begriff Subkultur hingegen bezieht sich auf eine Kultur innerhalb eines großen Kulturraums, welche einige oder auch die meisten der oben genannten Merkmale mit anderen Kulturen des eigenen Kulturraums teilt. Die sich im Anhang befindliche Tabelle 1 soll als erster kurzer Überblick über die Typologie dienen.

Von entscheidender Bedeutung sind nach Morillo die kulturellen Unterschiede zwischen den einzelnen Subkulturen, da diese die Identitätsbildung innerhalb der Kulturen determinieren. Bestünden zwischen zwei Kulturen eines Kulturraums kulturelle Unterschiede, so sei aber, komme es zum Krieg zwischen den beiden, keineswegs zwangsläufig eine subkulturelle Kriegführung die Folge. Denn erst die Wahrnehmung der kulturellen Differenz durch die Beteiligten beeinflusse auch die Art der Kriegführung9. Das heißt dass ein Krieg, der von zwei Mitgliedern ein und desselben Kulturraumes ausgefochten wird, sowohl intra- als auch subkulturelle Kriegführung bedingen kann: „[...]sub- cultures might engage in intra-cultural warfare if the cultural characteristics distinguishing them did not effect their conduct of war with each other“10.

Die maßgebliche Kategorie für diese Arbeit ist diejenige des subkulturellen Krieges, da sowohl Morillo als auch Kortüm in ihren Artikeln den Albigenserkreuzzug als Beispiel für subkulturelle Kriegführung erwähnen11. Weil es den engen Rahmen dieser Proseminarsarbeit gesprengt hätte den gesamten Krieg in die Analyse einzubinden, habe ich mich für die Eroberung Béziers als Untersuchungsgegenstand entschieden. Ausschlaggebend hierfür war erstens die relativ gute Quellenlage und zweitens die selbst von den Zeitgenossen als besonders grausam empfundenen Exzesse der Kreuzfahrer, die subkulturelle Kriegführung vor dem Hintergrund eines Kreuzzugs durchaus als mögliche Erklärung erscheinen lassen.

II. Einführung der Quellen

Die beiden der Arbeit zu Grunde liegenden Hauptquellen sind die nordfranzösische Hystoria Albigensis und der südfranzösische Canso de la Crozada. Diese Quellen wurden ausgewählt da sie sich zum Einen als Produkte der „engagierten Zeitgeschichtsschreibung über den Albigenserkreuzzug“12 darstellen, das heißt sie wurden verfasst um direkten Einfluss auf die am Kreuzzug Beteiligten auszuüben, und da sie zum Anderen den Konflikt aus nord- als auch aus südfranzösischer Sicht zeigen, ein Faktum, welches im Weiteren noch von Bedeutung sein wird.

Der Canso de la Crozada besteht aus drei Teilen und wurde von zwei Autoren verfasst, wobei nur der erste Teil, geschrieben von dem Kleriker Wilhelm von Tudela, für die vorliegende Fragestellung von Relevanz ist. Über den Auftraggeber der Canso liegt keine Gewissheit vor, doch wird des öfteren mit Balduin von Toulouse ein Mitglied des Tolosaner Grafengeschlechts und führendes Mitglied des südfranzösischen Adels vermutet. Dafür, dass es sich um einen südfranzösischen Adligen handelte, deuten neben der provençalische Sprache auch die des öfteren auftauchende Anrede seiner Zuhörer mit „senhor“, einer in Okzitanien geläufigen Anrede für Mitglieder des Adels13. Wilhelm von Tudela sieht das Kreuzzugsunternehmen in Südfrankreich durchaus als ein legitimes Mittel zur Bekämpfung der sich verbreitenden Häresie an, er versucht jedoch zugleich den nord- und südfranzösischen Adel auszusöhnen und stellt die Katharer als die eigentlich Schuldigen für die diversen Kriegsgräuel und die Notwendigkeit des gesamten Krieges dar14.

Mit der von Peter von Les-Vaux-de-Cernay verfassten Hystoria Albigensis liegt ein religiös motiviertes und den Kreuzzug rundweg positiv beurteilendes Zeugnis der Ereignisse vor. Der aus der nordfranzösischen Abtei Les-Vaux-de-Cernay stammende Zisterziensermönch deutet das Kreuzzugsunternehmen als Kampf zwischen den Kräften Gottes und denen Satans15. Dadurch entzieht er sich jeder Notwendigkeit die Ereignisse kritisch zu hinterfragen, da jede Kritik an dem nach seinem Verständnis von Gott gelenkten Kreuzzug einer Kritik Gottes gleichkäme.

Anders als Wilhelm von Tudela, der durchaus auch die politisch-feudalrechtlich brisanten Hintergründe des Kreuzzugsunternehmens in seine Erzählung der Ereignisse einfließen lässt, wird dieser Aspekt, wohl da er nicht in die rein religiöse Deutung passt, von Peter von Les-Vaux-de-Cernay komplett außer acht gelassen. Peter von Les-Vaux-de-Cernay wird in der Forschungsliteratur als möglicher Chronist des Albigenserkreuzzugs gehandelt16, wodurch sich seine extrem einseitige Berichterstattung erklären ließe.

2) Hauptteil

I. Die Zerwürfnisse im Languedoc

Die Einnahme Béziers stand - zeitlich gesehen - zu Beginn des Feldzuges gegen die Kirche der Katharer in Südfrankreich. Doch aus Sicht der langfristigen Folgen, welche sie bewirkte, ist diese Einnahme bereits als einer der Höhepunkte des Albigenserkrieges anzusehen.

Betrachtet man zunächst einmal die Ursachen dieses Konflikts, so steht zu Beginn die Verbreitung des katharischen Glaubens in Teilen Südfrankreichs. Wichtige Hintergründe des Geschehens sind außerdem die damalige gesellschaftliche und feudale Ordnung Südfrankreichs. Das Grafengeschlecht von Toulouse, die bedeutende Vormacht im Languedoc und der Provence, war keineswegs Untertan der französischen Kro]ne. Die Bevölkerung Südwestfrankreich verstand sich als okzitanisches gens mit eigener Sprache und Lebensweise17. Traditionell war der gesamte südfranzösische Adel sehr auf seine Eigenständigkeit bedacht, was auch der lokalen Vormacht der Tolosaner Grafen des öfteren zu schaffen machte18. Das Kreuzzugsunternehmen, welches zum Großteil von nordfranzösischen Vasallen des französischen Königs dominiert wurde, hatte deshalb von Beginn an den Beigeschmack eines Eroberungskrieges gegen das okzitanische „Volk“19. Dieses Gefühl, welches gewiss auch den Widerstandswillen der nichtkatharischen Südfranzosen beseelte, wurde durch die vom Papst versprochenen dies- als auch jenseitigen Belohnungen (remissio peccatorum) für die Kreuzfahrer noch verstärkt20.

[...]


1 Peter von Vaux-de-Cernay, Hystoria Albigensis, aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gerhard E. Sollbach (Manesse Bibliothek der Weltgeschichte), Zürich 1997; Wilhelm von Tudela, Canso de la Crozada, hg. und aus dem provençalischen übersetzt von Eugène Martin-Chabot, Bd. 1, in: Les classiques de l´histoire de France au Moyen Age, Bd. 13, hg. unter Leitung von Louis Halphen, Paris 21960.

2 Im Folgenden werde ich für die vom Kreuzzug betroffenen Gebiete die Namen Südwestfrankreich, Okzitanien oder Languedoc verwenden, da hierüber in der Forschungsliteratur keine einheitliche Regelung getroffen wurde (vgl.: Wagner, Kay, Debellare Albigenses, S. 12-13 und Anmerkungen). Das Gebiet deckt in etwa das der heutigen südfranzösischen Region Languedoc ab.

3 Zur Diskussion darüber ob es überhaupt richtig sei den Krieg als Kreuzzug zu bezeichnen, siehe: Mayer, Geschichte der Kreuzzüge; Wagner, Debellare Albigenses.

4 Die Namensgebung für diese Glaubensrichtung variiert zwischen Katharer (ob abgeleitet von catus, lat. Katze oder catarsis, griech. Reinigung ist umstritten) und Albigenser - nach der südfranzösischen Stadt Albi, in welcher sich ihr erster Bischofssitz befand. Es ist davon auszugehen, dass sich die Anhänger dieses Glaubens jedoch einfach als „gute Leute“ oder „gute Christen“ (boni homines) bezeichneten (siehe hierzu: Oberste, Der „Kreuzzug“ gegen die Albigenser, S. 29).

5 Barber, Malcolm, The Albigensian Crusades: Wars like any others?, in: Dei gesta per francos. Etudes sur les croisades dédiées à Jean Richard - Crusade studies in honour of Jean Richard, hg. von Michel Balard, Benjamin Z. Kedar und Jonathan Riley-Smith, Aldershot 2001.

6 Morillo, Stephen: A General Typology of Transcultural Wars - The Early Middle Ages and Beyond, in: Transcultural Wars from the Middle Ages to the 21st Century, hg. von Hans-Henning Kortüm, Berlin 2006, S.29-42.

7 Kortüm, Hans-Henning: Clash of Typologies - The Naming of Wars and the Invention of Typologies, in: Transcultural Wars from the Middle Ages to the 21st Century, hg. von Hans-Henning Kortüm, Berlin 2006, S. 11-26.

8 Otterbein, Keith F., Cross-Cultural Studies of Armed Combat, in: Feuding and Warfare. Selected Works of Keith F. Otterbein, ed. von Keith F. Otterbein (War and Society, Volume 1, ed. von S.P. Reyna und R.E. Downs), Amsterdam 1994, S. 97.

9 Morillo, Stephen, A General Typology of Transcultural Wars - The Early Middle Ages and Beyond, in: Transcultural Wars from the Middle Ages to the 21st Century, hg. von Hans-Henning Kortüm, Berlin 2006, S. 30.

10 Ebd., S. 31.

11 Ebd., S. 38; Kortüm, Hans-Henning, Clash of Typologies - The Naming of Wars and the Invention of Typologies, in: Transcultural Wars from the Middle Ages to the 21st Century, hg. von Hans-Henning Kortüm, Berlin 2006, S. 26.

12 Wagner, Kay, Debellare Albigenses. Darstellung und Deutung des Albigenserkreuzzuges in der europäischen Geschichtsschreibung von 1209 bis 1328, in: Politik im Mittelalter, Bd. 4, Diss. Neuried 2000, S. 63.

13 Ebd., S. 101.

14 Ebd., S. 106-109.

15 Ebd., S. 65.

16 Roquebert, Michel, Histoire des Cathares. Hérésie, Croisade, Inquisition du XIe au XIVe siècle, Paris 2000, S. 101; Wagner, Debellare Albigenses, S. 66.

17 Oberste, Jörg, Der „Kreuzzug“ gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter, Darmstadt 2003, Kap. 1.

18 Woehl, Christine, Volo vincere cum meis vel occumbere cum eisdem. Studien zu Simon von Monfort und seinen nordfranzösischen Gefolgsleuten während des Albigenserkreuzzugs (1209 bis 1218), in: Europäische Hochschulschriften, Reihe III Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 906, Diss. Frankfurt a. Main 2001, S. 2.

19 Ebd., Kap.1.4.

20 Widersetzte sich ein südfranzösischer Adliger dem Kreuzzugsheer, sollte er von seinen Ländereien vertrieben und ein dem Kreuzzug loyal gegenüberstehender Adliger dessen Position übernehmen.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640914265
ISBN (Buch)
9783640914401
DOI
10.3239/9783640914265
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Erscheinungsdatum
2011 (Mai)
Note
1,0
Schlagworte
Mediävistik Béziers Albigenser Albigenserkreuzzug subkulturelle Kriegführung Kriegführung Morillo Papst Innozenz Theorie Hystoria Albigensis Canso de la Crozada Katharer Katharerfeldzug Katharerkreuzzug

Autor

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