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Der Einfall und Fall der Götter in die Welt der Menschen in Heinrich von Kleists "Amphitryon"

Seminararbeit 2010 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Jupiters Sehnsucht nach Liebe

2. Jupiters Identitätsproblem

3. Die Verwirrung der menschlichen und göttlichen Ebene

4. Der Fall des Gottes Jupiter

Schlusswort

Quellentext

Sekundärliteratur

Einleitung

Kleists Amphitryon1 ist - wie viele seiner Werke - äusserst komplex und sprachlich sehr dicht gestaltet. Kleist, von der Aufklärung stark beeinflusst und zugleich in eine Erkenntniskrise getrieben, setzt sich auch in Amphitryon mit seiner damit zusammenhängenden Sprachskepsis auseinander. Speziell ist, dass er sich mit der Sprache und deren Grenzen anhand der antiken Götter, die sich in die Welt der Menschen wagen, auseinandersetzt. Götter haben im Zeitalter der Aufklärung eigentlich nichts zu suchen, und trotzdem - oder gerade deswegen - benutzt Kleist den mythologischen Amphitryon-Stoff, um sich mit Erkenntnis und Sprache zu befas- sen. Diesen sprachlichen Einfall der Götter in die Welt der Menschen, der gleichzeitig der Fall der Götter ist, möchte ich im Folgenden anhand der Figur Jupiters genauer anschauen. Zuerst soll das Paradoxon der Sehnsucht Jupiters nach der Liebe Alkmenes angeschaut wer- den, denn dies ist ein menschlicher Wunsch, und kein göttlicher. Danach soll das daraus und aus dem Rollenspiel resultierende Identitätsproblem Jupiters untersucht werden. Aus dem Rollenspiel, den unterschiedlichen Identitätsproblemen und -verschiebungen ergibt sich schliesslich eine Verwirrung der göttlichen und der menschlichen Ebene, die mit dem Fall des Gottes endet.

1. Jupiters Sehnsucht nach Liebe

Jupiter, das Oberhaupt und der mächtigste aller Götter des Olymps, ist bekannt für seinen Trieb, auch und gerade mit sterblichen Frauen zu verkehren. In der antiken Mythologie ist dieser Trieb vor allem sexuell, bei Kleist jedoch ist das Besondere daran, dass Jupiter nicht nur das Vergnügen sucht bei Alkmene, sondern von ihr geliebt werden will, und zwar als der, der er ist.2 Dieser Wunsch nach Liebe ist, wenn man bedenkt, dass er ein Gott ist, ziemlich seltsam, ist dies doch ein äusserst menschlicher Wunsch. Jupiter birgt also schon in sich selbst einen Widerspruch, da er als Oberster aller Götter eigentlich sehr menschliche Sehnsüchte hegt. Dieser Widerspruch äussert sich auch und vor allem in seiner Sprache: Jupiter spricht im Dialog mit Alkmene (II, 5) äusserst zweideutig, will er sich ihr doch zu erkennen geben, muss sich aber zugleich als Amphitryon ausgeben, um von ihr empfangen zu werden.

So spricht er zuerst: „Auch selbst der Glückliche, den du empfängst/ Entlässt dich schuldlos noch und rein, und alles,/ Was sich dir nahet, ist Amphitryon.“ (V. 1261-1263). Jupiter weiss, dass er sich Alkmene nur als Amphitryon nähern kann, und gibt sich als diesen aus - versucht ihr aber in diesem Ausspruch zugleich den Hinweis zu geben, dass er eben nicht Amphitryon ist, sondern der Glückliche, den sie empfängt, auch wenn sie meint, er sei Amphitryon. In denjenigen Stellen, an denen er versucht, Alkmene beizubringen, dass er eigentlich Zeus/Jupiter ist, spricht er im Konjunktiv und in der dritten Person von sich selbst.3 Damit irrealisiert und distanziert er sich von sich selber. Er ist Jupiter und ist zugleich nicht Jupiter - ein Widerspruch. So z.B.: „Und wär ich Zeus, wenn du dem Reigen nahtest,/ Die ewge Here müsste vor dir aufstehn,/ Und Artemis, die strenge, dich begrüssen.“ (V. 1314-1316). Er ist Zeus, aber spricht von sich selber als abwesender Person, ja sogar im Irrealis. Oder sogar als er zum Indikativ wechseln muss, um Alkmene davon zu überzeugen, dass sie von Zeus be- sucht worden ist, und sie damit vor der Verzweiflung zu retten, spricht er von sich in der drit- ten Person:

JUPITER. […]

Es war kein Sterblicher, der dir erschienen,

Zeus selbst, der Donnergott, hat dich besucht. ALKMENE. Wer?

JUPITER. Jupiter.

ALKMENE. Wer, Rasender, sagst du?

JUPITER. Er, Jupiter, sag ich. (V. 1335-1338).

Jupiter spricht als Ich, bezeichnet sich aber gleichzeitig als Er - Er, Jupiter, Ich. Der menschliche Wunsch, von Alkmene geliebt zu werden, und zwar in seinem Selbst von ihr geliebt zu werden, übersteigt seine göttliche Macht offenbar, sodass er sich spalten muss. Er kann nicht gleichzeitig Gott sein und nicht Gott sein, genau so wenig wie er von Alkmene gleichzeitig als Amphitryon und als Jupiter geliebt werden kann - dies ist sein Dilemma. Er muss gleichzeitig sich selbst und nicht sich selbst sein, und spricht daher auch zweideutig. Alkmene jedoch kann dies nicht fassen und pocht auf Eindeutigkeit. In ihrem Bedürfnis nach Eindeutigkeit hat nur ein Amphitryon Platz, und so kommt Jupiter nicht an sein Ziel. Er ist und bleibt auch am Schluss des Dialogs nur Amphitryon für sie:

„Wenn du, der Gott, mich hier umschlungen hieltest/ Und jetzo sich Amphitryon mir zeigte,/ Ja - dann so traurig würd ich sein, und wünschen,/ Dass er der Gott mir wäre, und dass du/ Amphitryon mir bliebst, wie du es bist.“ (V. 1564-1568).

Jupiters Sehnsucht nach Liebe ist also ein Paradox, da sein Wunsch nicht vereinbar ist mit seinem Status als Gott und auch nicht durch seine göttliche Macht erfüllbar ist.4 Da die Er- füllbarkeit seines menschlichen Wunsches seine göttliche Potenz übersteigt, er ist in der Welt der Menschen ohnmächtig und somit nicht ein omnipotenter, sondern impotenter Gott. Das macht den Einfall des Gottes in die Welt der Menschen auch zu einem Fall des Gottes.5 Dafür spricht auch der häufige Verweis auf Jupiter (und auch Merkur) mit Bezeichnungen des Teu- fels oder als Gefallene.6 Der Teufel, Luzifer, ist bekanntlich der gefallene Engel. Darauf wer- de ich jedoch später wieder zurückkommen, wenn ich auf die Verwirrung der göttlichen und menschlichen Ebene eingehe.

Der Widerspruch und das Dilemma von Jupiter äussern sich sowohl in seiner Sprache als auch in seinem Identitätsproblem, das sich schliesslich auch auf Alkmene und Amphitryon auswirkt (Alkmene verzweifelt fast an der Zweideutigkeit).7 Die genannte sprachliche Seite des Paradoxes habe ich nun anhand des Dialoges zwischen Jupiter und Alkmene ein wenig erläutert, zum Identitätsproblem Jupiters werde ich nun im folgenden Kapitel kommen.

2. Jupiters Identitätsproblem

Jupiter möchte, wie oben beschrieben, von Alkmene geliebt werden, und zwar als Jupiter - nicht als Amphitryon. Dies stürzt ihn in ein Dilemma, da sie ihn nur als Amphitryon lieben kann, und er daher nur von ihr geliebt wird als jemand, der er nicht ist. Jupiters Identitätsprob- lem führt dazu, dass er Alkmene mitzuteilen versucht, dass er nicht Amphitryon ist, ohne ihre Liebe zu verlieren - was misslingt, da sie niemand anderen akzeptieren kann. Da, auch das habe ich oben beschrieben, Jupiters göttliche Macht nicht an Alkmenes Liebe zu rütteln ver- mag, wird im Gegenteil an Jupiters Macht und göttlicher Identität gerüttelt. Er ist in seinem göttlichen Selbst bedroht. So empfängt er von Alkmene nicht einmal die Ehrfurcht, die ihm als Gott gebührte, da sie im Gebet stets immer nur Amphitryon vor Augen hat:

JUPITER. Wer ists, dem du an seinem Altar betest?

Ist ers dir wohl, der über Wolken ist?

Kann dein befangner Sinn ihn wohl erfassen? Kann dein Gefühl, an seinem Nest gewöhnt, Zu solchem Fluge wohl die Schwingen wagen? Ists nicht Amphitryon, der Geliebte stets, Vor welchem du im Staube liegst?

ALKMENE. Ach, ich Unsel’ge, wie verwirrst du mich.

Gott aus dem »Wahn« (v. 1512) seines olympischen Selbstgefühls reisst und ihn in eine sehr menschliche Verwirrung stürzt“ (Barth et. al. 1991, S. 917).

Kann man auch Unwillkürliches verschulden? Soll ich zur weissen Wand des Marmors beten?

Ich brauche Züge nun, um ihn zu denken. (V. 1447-1457).

Jupiter wirft Alkmene vor, dass sie ihn als Gott nicht liebe und nicht ehre, sondern immer nur Amphitryon liebe und - das ist fast schon der Vorwurf einer Hybris - ihn, den Menschen Amphitryon, auch anstelle des Gottes verehre.8 Alkmene kann aber wiederum nur in den ihr eigenen Kategorien der Eindeutigkeit denken: Sie kann immer nur Amphitryon im Herzen haben und keinen anderen, und das betrifft eben auch die Verehrung. Ausserdem kann sie kein Abbild anbeten - sie braucht ein Gesicht, um es sich vorstellen zu können. Sie kann kein Symbol anbeten, von dem sie nicht weiss, was es bedeutet (bedeuten hier im Frege’schen Sinne des Verweisens), sondern kann nur mit eindeutigen Zeichen, mit Zeichen die etwas und nur etwas bedeuten, umgehen.9 Jupiter kann von Alkmene also weder die menschliche Liebe noch die göttliche Ehrfurcht erfahren, da ihm bei beidem ihre Denkweise der Eindeutigkeit und Amphitryon im Wege stehen. Seine göttliche Macht und Identitä]t können von Alkmene nicht anerkannt werden und so scheitert Jupiter an ihr.

Alkmene annihiliert Jupiter sogar, wenn sie sagt: „Es soll in jeder ersten Morgenstunde/ Auch kein Gedanke fürder an dich denken:/ Jedoch nachher vergess ich Jupiter.“ (V. 1987ff.). Denn auch das „dich“ bezeichnet Jupiter, wenn auch in der Gestalt Amphitryons verborgen. Und so bedeutet die Aussage Alkmenes für Jupiter, dass sie keinen Gedanken an ihn verschwendet in den ersten Morgenstunden und ihn danach vergisst - also gar nie an ihn denkt. Der Gott ist vergessen in der Welt der Menschen.10

Dies alles resultiert darin, dass Jupiter in eine Identitätskrise gerät. Er hat sich durch das Rol- lenspiel von sich selbst entfremdet. So antwortet er z.B. auf Alkmenes Frage, ob er es war, der sie in der besagten Nacht besucht hat: „Ich wars. Seis wer es wolle.“ (V. 1266). Sein Ich ist vage und beliebig geworden, durch das Annehmen der Gestalt Amphitryons hat er die Bande zwischen Form und Inhalt, Zeichen und Bezeichnetem gekappt und ist nunmehr ‚ver- weislos’ und nicht mehr zu erkennen - auch für ihn selbst ist seine Bedeutung, sein Selbst nicht mehr klar.

[...]


1 Kleist, Heinrich von: Amphitryon. Ein Lustspiel nach Moli è re. In: Sembdner, Helmut (Hrsg.): Heinrich von Kleist. S ä mtliche Werke und Briefe. Zweibändige Ausgabe in einem Band. 2. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2008. Im Folgenden wird auf das Werk nur noch in Verszahlen verwiesen.

2 Vgl. V. 1519-1522: „Auch der Olymp ist öde ohne Liebe./ Was gibt der Erdenvölker Anbetung/ Gestürzt in Staub, der Brust, der lechzenden?/ Er will geliebt sein, nicht ihr Wahn von ihm.“

3 Vgl. zur Zweideutigkeit der Sprache Jupiters und besonders seinen Gebrauch des Konjunktivs (im Gegensatz zu Alkmenes Gebrauch des Indikativs) Fülleborn 2005, S. 200-205.

4 Vgl. dazu: „Die Liebe der Menschen ist keine Himmelsmacht, über die er [Jupiter] selbstherrlich verfügen kann, sondern ganz im Gegenteil das Fanal seines Machtverlusts - das ist die erschütternde Erkenntnis, die den

5 Vgl. dazu: „Die Erscheinung des deus absconditus […] erweist sich für Jupiter als Niederlage, weil er an der menschlichen Liebe teilhaben will, als wäre er ein Mensch; denn in der Vergegenwärtigung des zeitlos Abwesenden wird nur die Allgegenwart des geliebten Menschen, nicht aber mehr die den menschlichen wie den göttlichen Bereich umschliessende Omnipotenz des Gottes erfahren.“ (Barth et. al. 1991, S. 917).

6 Vgl. z.B. V. 1282-1286, 1343 „Gottvergessner“, V. 2049 „[…] ein Kerl, der wie aus Wolken fiel,“, V. 2179 „Blitz, Höll und Teufel!“, V. 2181 „Mordhund!“, V. 2186 „Tod! Teufel!“ etc.

7 Vgl. Szenen II,4 und II,5. In II,5 sagt Alkmene sogar explizit: „Wenn sich Amphitryon mir - ach, du quälst mich.“ (V. 1555).

8 Vgl. dazu: „Der Pantheismus, den Jupiter beschwört, um wenigstens eine unpersönliche Gottesliebe für sich zu retten, wo er schon nicht als Individuum geliebt werden kann, wird gewissermassen zum Pananthropismus säku- larisiert, in dem der auf sich selbst verwiesene, nur noch sich selbst bedeutende Mensch allgegenwärtig ist: »Ist’s nicht Amphitryon, der Geliebte stets, | Vor welchem du im Staube liegst?« (v. 1452 f.)“ (Barth et. al. 1991, S. 920).

9 Vgl. dazu: „Kleist hat nur die Divergenz von Geltung und Selbstgefühl, die historische Erfahrung der Selbst- entfremdung also, auf die göttliche Ebene verschoben und im Bild der nicht mehr selbstverständlichen Epiphanie des Göttlichen, dieser bis ins Mysterium reichenden Zeichensetzung des Gottes, von dem man sich kein Bildnis machen darf, das Verhältnis von Zeichen und zu bezeichnendem Wesen sehr grundsätzlich zur Diskussion gestellt.“ (Barth et. al. 1991, S. 916).

10 Vgl. dazu: „Diese vom Gott selbst provozierte Gottvergessenheit ist die Paradoxie“ (Barth et. al. 1991, S. 921).

Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640915606
ISBN (Buch)
9783640916078
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171892
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
Sehr gut
Schlagworte
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