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Der Weg zu einer neuen Unterrichtspraxis: "der offenene Unterricht"

Zwischenprüfungsarbeit 2002 26 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung

3 Offener Unterricht – Modetrend oder mehr?

4 Was sind offene bzw. geschlossene Lernsituationen?

5 Zwei ausgewählte offene Unterrichtsformen im Überblick

6 Wege zur Öffnung des Unterrichts
6.1 Die persönlichen Voraussetzungen für den offenen Unterricht
6.2 Fragen, die im Lehrerkollektiv aufkommen
6.3 Möglichkeiten den Unterricht zu öffnen
6.4 Regeln des offenen Unterrichts
6.4.1 Typische Verhaltensprobleme und Lösungsmöglichkeiten
6.4.2 Gesprächsregeln für den Lehrer
6.4.3 Regeln für Kreisgespräche
6.5 An den Schülerinteressen anknüpfen: Eigenständige Arbeit an
selbstgewählten Themen

7 Offener Unterricht an Schulen
7.1 Das Klassenzimmer umgestalten
7.2 Einbeziehung der Eltern
7.3 Einblicke in die Unterrichtspraxis an Grundschulen und Gymnasien
7.3.1 Offener Unterricht in der Grundschule
7.3.2 Offener Unterricht am Gymnasium

8 Fazit

9 Literaturangaben

1 Einleitung

Was ist offener Unterricht? – Ist es ein Modewort oder Besinnung auf schulische Lernkultur? Es gibt viele Wege, die zur Öffnung des Unterrichts führen, dazu gehören aber auch Regeln und vieles mehr. Wo und warum wird der Unterricht geöffnet, ist es sinnvoll für Schüler und Lehrer und welche Erfolge lassen sich verzeichnen?

Dies sind Fragen, denen ich nachgehen will.

2 Begriffsbestimmung

„Offener Unterricht ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Reformansätze in vielfältigen Formen inhaltlicher, methodischer und organisatorischer Öffnung mit dem Ziel eines veränderten Umgangs mit dem Kind auf der Grundlage eines veränderten Lernbegriffs.“ (Wallrabenstein, W.: „Offene Schule – offener Unterricht“; Hamburg 1991. S. 54)

Dies ist nur eine von vielen Definitionen, die versuchen, den offenen Unterricht näher zu beleuchten, denn der Begriff des offenen Unterrichts ist dehnbar.

„Offener Unterricht definieren zu wollen, ist ein Widerspruch in sich selbst.“

(Kasper, H.: „Laßt die Kinder lernen – offene Lernsituation“; Braunschweig 1989. S. 5)

è Die allgemeine Faustregel besagt jedoch, dass es auf das Zusammenwirken, auf das Ergänzen von geschlossenen und offenen Lernsituationen im Unterricht ankommt. Denn es gibt keine reine"Fremdbestimmung" und "Selbstbestimmung"; es geht vielmehr darum, das Spannungsverhältnis von Freiwilligkeit und Pflicht, zwischen Führung und Selbsttätigkeit, zwischen lehrergelenkten Aktivitäten und individualisierter Arbeit – in Abhängigkeit der Ziele und Situation – immer neu zu lösen.

3 Offener Unterricht – Modetrend oder mehr?

Eindeutige Konturen hat der Begriff des offenen Unterrichts in den knapp zwei Jahrzehnten seiner Verwendung in der deutschen Schulpädagogik nicht finden können. Begriffsvarianten und verwandte Beziehungen – informeller Unterricht und schülerzentrierter Unterricht, u.a. – haben sich auch nicht gerade zum Vorteil einer eindeutigeren Verständigung ausgewirkt.

Unterricht zu öffnen, sich auf den Weg der Öffnung zu machen, ist jedoch eine pädagogisch unabweisbare Forderung, die sich an große pädagogische Traditionen anschließen kann.

Offenheit impliziert Vielfalt und Aushalten von Spannung. Offenheit impliziert auch Aufforderung zur Diskussion und zu einer persönlichen Standortbestimmung.

Diese mehrperspektivische Einleitung, ob offener Unterricht nun Modetrend oder mehr ist, spiegelt bereits ein Spezifikum der zu entwickelnden Sache:

Sie entzieht sich einer monologischen Abhandlung. Sie ist vielmehr angewiesen auf gemeinsames Nachdenken, auf gemeinsame Verantwortung für eine lebendige und lernfähig bleibende Schule.

Damit offener Unterricht kein Modewort ist, erscheinen analoge Formen der Lehrerausbildung und -weiterbildung (an Ausbildungsstätten, die eigenverantwortetes, persönlich signifikantes Lernen möglich machen) wichtige Ansatzpunkte zu sein.

Erziehungswissenschaftler müssen mit Lehrern ein Stück gemeinsame Verantwortung übernehmen, d.h. auch, dass sie nicht kurzlebigen Modetrends nachgeben, sondern an wesentlichen Prinzipien und Konstrukten unter veränderten Bedingungen festhalten und sie weiterentwickeln müssen.

Ob offener Unterricht zur Veränderung der Lern- bzw. Unterrichtskultur beitragen kann, hängt davon ab, wie effektiv und was die Schüler lernen, wie ist der Lernprozess organisiert, damit Schüler ihre Erfahrungen, ihre Probleme, aber auch ihre Kenntnisse selbständig einbringen können.

„Mit dem Stichwort ‘Offenheit‘ scheinen mir nach wie vor wichtige pädagogische Anliegen bezeichnet, die im grundlegenden Lernen angebahnt und über alle Schulstufen hinweg weiterkultiviert werden sollten. Ihr anthropologischer Kern liegt im Moment der Verfügbarkeit des jungen Menschen. (...)

Den Ängstlichen und vor allem den Angstmachern kann gesagt werden: Zu viel ist zugemauert im schulischen Gebäude, so dass die Statik noch lange nicht gefährdet ist, wenn wir uns heute auf den Weg der Öffnung begeben.“

(Kasper, H. : „Laßt die Kinder lernen – offene Lernsituation“; Braunschweig 1989. S.11 ff.)

4 Was sind offene bzw. geschlossene Lernsituationen?

Die Merkmale für offene Lernsituationen sind:

- Schüler sind an didaktischen Entscheidungen beteiligt
- es herrscht eine innengelenkte, freie Lernsituation
- überwiegend selbst bestimmtes Lernen (Inhalte, Zeit / Tempo, Lernwege)
- problem- oder projektorientiertes Lernen (Projektunterricht, Freiarbeit, Rollenspiel)

Die Merkmale für geschlossene Lernsituationen sind:

- didaktische Entscheidungen über Ziel, Inhalt, Methoden, Wege und Mittel liegen beim Lehrer
- Festgelegtheit des Unterrichts vom Ziel bis zum Ergebnis
- überwiegende Fremdbestimmung des Lernens durch gelenkte Tätigkeit
- lehrgangsorientiertes Lernen
- die Unterrichtsform ist z.B. Frontalunterricht

5 Zwei ausgewählte offene Unterrichtsformen im Überblick

Von den vielfältigen Unterrichtsformen, die offen gestaltbar sind, habe ich zwei ausgewählt:

1 – Wochenplanarbeit
2 – Freiarbeit

Sie sind für eine Veränderung der Unterrichtspraxis im Schulalltag besonders bedeutsam.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Blickt man in die Unterrichtspraxis, so stellt man fest, dass Frontalunterricht nach wie vor dominant ist. Es soll Klassen geben, die z.B. Gruppen – und Partnerarbeit überhaupt nicht kennen lernen. Wenn man Unterricht als eine Veranstaltung betrachtet, die bei Lernenden Lernen bewirken soll, kann man diese Art von Unterricht nur als eine sehr archaische Form verstehen. Sie folgt der Vorstellung, dass von einem Lehrer durchgeführter Unterricht immer 20 – 30 Lernprozesse synchron initiiert, realisiert und zu einem Ergebnis führt. Dies ist sicher eine große Illusion. Auch 15 aufmerksame Augenpaare werden keine gesicherten Hinweise auf real ablaufende Lernprozesse geben. Das kann nur heißen, dass einfallsreichere Arrangements gesucht werden müssen, die Lernen wirklich realisieren helfen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass bei lehrerorientiertem Unterricht das Lerntempo an einem fiktiven Durchschnitt orientiert ist, so dass recht viele Schüler ihr Lerntempo nicht finden. Die Folge wird sein, dass abgebrochene, nicht in Gang kommende und im Tempo verzerrte Lernprozesse schließlich zur Kumulation von Halb-, und Nichtverstandenem führen. Selbstbestimmtes, - verantwortetes Lernen kann hier andere Lernmöglichkeiten eröffnen.

(vgl. Bönsch, M.: „Offener Unterricht in der Primar- und Sekundarstufe I – Praxisleitende Theorie und theoriebildende Praxis“; Hannover: Hahn 1993. S. 31 ff.)

6 Wege zur Öffnung des Unterrichts

6.1 Die persönlichen Voraussetzungen für den offenen Unterricht

Persönliche Voraussetzungen für : * den Lehrer

* die Schüler

Der Lehrer

Offenheit fängt bei uns selbst an. Lehrer müssen darüber nachdenken, welche Schwerpunkte sie setzen, welche Fähigkeiten die Kinder entwickeln müssen, um sich mit den bedrohenden gesellschaftlichen und politischen Problemen auseinandersetzen zu können.

Die Schule sollte in stärkerem Maße als bisher auf die Lernbedürfnisse und Interessen der Kinder Rücksicht nehmen und ihnen ermöglichen, durch selbständiges und eigenverantwortliches Lernen und Handeln innerhalb und außerhalb der Schule, auch in ihren mitmenschlichen Beziehungen, im Umgang mit Tieren und Pflanzen, in der Begegnung und mit der Auseinandersetzung mit der Umwelt, wissender und fähiger zu werden. Dazu gehört in ganz entscheidender Weise nicht nur die Ausbildung und Förderung des kognitiven Lernens, sondern auch das soziale Lernen.

Lehrer müssen auch die zur Tradition gewordenen Festlegungen für Erziehung und Unterricht (z.B. Pausenregelungen, Stundenaufteilungen in 45 Minuteneinheiten usw.) immer wieder darauf überprüfen, ob sie für das Leben und Lernen der Kinder förderlich sind oder ob sie behindern. Wer bereit ist, sich auf kindgerechte Unterrichtsformen einzulassen, sollte im Interesse aller Beteiligter darauf achten, dass die Veränderungen behutsam und in Übereinstimmung mit der persönlichen Entwicklung erfolgen. Lehrer müssen es lernen, sich in ihrer Rolle auch zurücknehmen zu können.

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638218238
ISBN (Buch)
9783640491568
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17192
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Pädagogik
Note
gut
Schlagworte
Unterrichtspraxis Unterricht

Autor

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