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Exegese zum "Vater Unser" (Mt)

Quellenexegese 2011 23 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Übersetzungsvergleich
1.1. Vergleich der Übersetzungen
1.2. Begründung der Übersetzungsauswahl

2. Textanalyse

3. Literarkritik / Quellenkritik

4. Formkritik / Formgeschichte

5. Traditionsgeschichte

6. Religionsgeschichtlicher Vergleich

7. Redaktionskritik / Redaktionsgeschichte

8. Pragmatische Analyse

9. Gesamtinterpretation und Stellungnahme

Einleitung

Die hier vorliegende historisch- kritische Exegese beschäftigt sich mit dem Vater Unser (Mt 6,9-13). Ansatzweise wird die anschließende Doxologie angesprochen, diese bleibt jedoch im Hintergrund. Das Bittgebet1 an sich ist mir in meinen bisherigen Lebensjahren sehr vertraut geworden. Sobald ich jedoch versuchte, mir inhaltlich über die Zusammenhänge klar zu werden, empfand ich es als fremd. Immer wieder fragte ich mich, was hinter den Bitten steht. Die dabei aufkommenden Fragen blieben bisher unbeantwortet. In einer Vorlesung über Jesus von Nazareth an der TU Braunschweig bei Hr. Prof. Wehnert habe ich erste, inhaltlich und vertiefende Zugänge zu dem Gebet gefunden. Aber auch dort war die Zeit nicht gegeben, um sich näher mit dem Gebet, was zentral im christlichen Glauben verankert ist, zu beschäftigen. An dieser Stelle möchte ich nun die Chance nutzen, das Gebet nach seinem damaligen Verständnis, seiner Bedeutung und Aussagekraft zu untersuchen.

Zwar gibt es das Vater Unser, auch Unservater genannt, ebenfalls bei Lukas (Lk 11,2-4), ich habe mich aber für die matthäische Form entschieden. Die Entscheidung wurzelt darin, dass mir diese Form gegenwärtiger ist und in der liturgischen Form auch stärkeren Anklang gefunden hat.

1. Übersetzungsvergleich

An dieser Stelle nehme ich einen Übersetzungsvergleich anstatt der Textkritik vor, da ich nicht über die notwendigen Sprachkenntnisse verfüge. Vorweg möchte ich jedoch noch anmerken, dass der Urtext der aramäischen Form zu Grunde liegt. Die griechische Fassung ist Voraussetzung für die beiden Evangelien. 2

1.1. Vergleich der Übersetzungen

An dieser Stelle sollen drei Verse des Vater Unser beispielhaft angeführt werden. Mt 6,10 In der Interlinearübersetzung3 4 steht der Vers in dieser Form: „Kommen soll dein Reich, geschehen soll dein Wille, wie im Himmel so auf Erden!“.

Der Wortlaut der Lutherbibel5 „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ gleicht fast dem der Einheitsübersetzung6: „[…], dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde.“, dem der Elberfelder Bibel7: „[…], dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“ und dem der Zürcher Bibel8: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“. Hier gibt es nur minimale Abwandlungen, wenn man die Satzzeichen betrachtet, oder auf den irdischen Bezug achtet: auf der Erde oder auf Erden.

Mt 6,11

„Unser Brot für den heutigen Tag gib uns heute!“ so lautet dieser Vers in der Interlinearübersetzung. An diese Form der Brotbitte schließen sich äußerlich die Form der Lutherbibel („Unser tägliches Brot gib uns heute.“) und die der Elberfelder Bibel an („Unser tägliches Brot gib uns heute, […]“). Die Einheitsübersetzung unterscheidet sich maßgeblich durch das Hinzufügen des Verbs „brauchen“. Denn dort heißt es: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.“. Ebenfalls weist die Zürcher Bibel eine Differenz im Bezug auf das Verb auf: „Das Brot, das wir nötig haben, gib uns heute!“

Mt 6,12

Dieser Vers wird in der Interlinearübersetzung wie folgt abgedruckt: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“.

Die Lutherbibel gibt diesen Vers 1:1 wieder. Die Einheitsübersetzung ersetzt das Verb „vergeben“ durch „erlassen“: „Und erlaß uns unsere Schulden, wie auch wir unsern Schuldnern erlassen haben.“. Die Elberfelder Bibel ist vom Wortlaut aus gesehen nah an der Interlinearübersetzung dran, dennoch ist ein Unterschied zu erkennen. Dieser zeigt sich in der Tempus Form des Verbs: „[…] und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben;“. Die Zürcher Bibel formuliert den zweiten Teil der

Bitte auffällig anders, als die anderen Bibeln: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben jenen, die an uns schuldig geworden sind.“ Doxologie (Mt 6,13 oder auch Mt 6, 13b)

Die Doxologie ist in den hier zitierten Bibeln nur in der lutherischen zu finden. Sie stammt aus der Zeit der frühen Kirche des 2. Jahrhunderts. Die Doxologie ist ein Zusatz des Gebets und beendet das Vater Unser mit den Worten: „ Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“.

1.2. Begründung der Übersetzungsauswahl

In dieser Exegese orientiere ich mich an der Elberfelder Bibel, da sie dem Urtext sehr nahe kommt. Zwar trifft das auch auf die Zürcher Bibel zu, diese kommt aber hauptsächlich in den Schweizer Reformationskirchen zum Einsatz. Die Elberfelder Bibel dahingegen ist in dem deutschen Sprachraum sehr weit verbreitet.

An dieser Stelle soll die Übersetzung der Elberfelder Bibel noch mal in einem abgedruckt werden:

Mt 6, 9-13

9 Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name;

10 dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!

11 Unser tägliches Brot gib uns heute;

12 und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben;

13 und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns von dem Bösen!

2. Textanalyse

Das Vater Unser ist in die Bergpredigt (Mt 5,1-7,29), die zweite große Rede im Matthäus Evangelium, eingearbeitet. Das sechste Kapitel, in dem das Gebet steht, hat als Thematik die jüdischen Tugenden. Diese sind das Beten, Fasten und die Almosen. Ab Mt 6,5 wird das Beten eingeleitet. Ab dem Vers 7 findet eine Abgrenzung zu den Heiden statt. Nach dem Vater Unser wird von dem Fasten gesprochen. Somit ist das Bittgebet in die drei Tugenden des Judentum eingebettet: Almosen, beten und fasten.

In der Literatur ist es umstritten, ob es sechs oder sieben Bitten im Vater Unser gibt. Der Unterschied beruft sich auf den Vers 13. Einige Theologen trennen die Bitte um Versuchung von der Erbittung um die Erlösung vor dem Bösen. Ich werde diese beiden Bitten als eine Bitte deklarieren. Diskrepanzen gibt es ebenfalls in dem Verständnis, welcher Ausrichtung die Du Bitten beziehungsweise die Wir Bitten zu Grunde liegen. Philonenko führt an, dass alle Bitten einen eschatologischen Charakter haben. Eine andere Auffassung ist, dass die Du-Bitten auf Gott gerichtet sind und die Wir Bitten das irdische Leben als Zentrum haben.9 Lohse folgt Wiefel im Bezug auf die Du Bitten. In den Wir Bitten sieht er das wir als die betenden Gemeinde, die sich die Barmherzigkeit Gottes erbittet für die „[…]Bedürfnisse der Jünger[…]“.10 Ich folge Philonenkos11 Auffassung, dass alle Bitten einen eschatologischen Inhalt aufweisen. Bei den Wir Bitten sehe ich das am stärksten in der Brot Bitte. Ich kann aber auch die Argumentation der anderen Seite nachvollziehen, die die Wir Bitten als Bezug zum irdischen Leben sehen. Ich denke, dass man fast allen Bitten ein sowohl als auch zuschreiben kann.

In der Anrede wird, einmalig für das Herrengebet, Gott expliziten angesprochen (Vgl. S. 13). Gleichzeitig erfolgt eine Ortsbestimmung. Wenn man die Du Bitten untereinander schreibt, sieht man deutlich, dass diese eine klare Struktur aufweisen: Subjekt, Objekt, Verb. Das Verb der ersten Bitte steht im „[…]Passivum divinium[…]“12. Das Verb der dritten Bitte steht im Imperativ des Aorists Passiv13. In Bezug auf die Bitte um das Kommen des Reichs ist hier eine apoklayptische Thematik zu erkennen. Eine Frage die mir an dieser Stelle aufkommt: Ist das Reich im Bezug auf das Vater Unser also noch nicht angebrochen? Diese Frage wird auf S. 10 beantwortet.

Die Bitten können aber auch als deutliche Aufforderungen gelesen werden. Es kommt bei mir die Frage auf, was genau mit dem Willen im Himmel gemeint ist. Natürlich ist dabei an die 10 Gebote zu denken, aber was kann damit noch gemeint sein? Auch diese Frage wird beantwortet werden. Siehe dazu S. .9

Die Wir Bitten sind deutlich länger formuliert als die Du Bitten. Sie sind alle im Plural der Pronomen formuliert. Daraus leite ich ab, dass ich beim Beten nicht nur von mir ausgehe.

Die Bitte um das Brot weist ein Verb im Präsens auf. Darin sehe ich einen Bezug zur Gegenwart. Und das zeigt mir, dass ich z.B mit der Bitte um das Kommen des Reiches und dieser Bitte von Gegenwart und Zukunft im Vater Unser sprechen kann. Dies wird noch zu erweisen sein. Die Bitte beziehungsweise das Verb der Brotbitte kann nicht so verstanden werden, dass er uns das Brot in die Hand gibt. Aber ich sehe darin eine Metapher der Nähe und direkten Annäherung. Allgemein sind in den Wir Bitten alle Verben im Präsens formuliert.

Der erste Teilsatz der zweiten Wir Bitte inkludiert, dass der Mensch sich schuldig fühlt. Ich frage mich an dieser Stelle, wofür er sich schuldig fühlt. Fühlt er sich für das nichteinhalten der 10 Gebote schuldig (Rückbezug zu der letzten Du Bitte!)? oder was macht ihn schuldig? Auf S. 19 wird diese Frage beantwortet werden.

Die letzten zwei Bitten werden beide mit einem „und“, einer subordinierenden Konjunktion, eingeleitet und sind am längsten. Ich sehe die beiden Bitten auch einer gegenseitigen Spannung ausgesetzt. Erwähnt die zweite Wir-Bitte noch die Schuld, so wird in der dritten Wir-Bitte erbittet, nicht in Versuchung geführt zu werden.

3. Literarkritik / Quellenkritik

Das Vater Unser kommt, wie bereits erwähnt, in den synoptischen Evangelien zwei Mal vor: Lk 11,2-4 und Mt 6,9-13. Markus hat das Bittgebet nicht, weist aber in der Getsemani Perikope durch Logien Vergleichbarkeiten auf. Außerdem ist das Vater Unser auch in der Did 8,2 f. zu finden und ähnelt dabei der matthäischen Form.14

Das synoptische Problem ist in der Wissenschaft mit diversen Hypothesen versucht worden zu lösen. An dieser Stelle soll ein eine knappe Erläuterung der Benutzungshypothese angeführt werden. Diese Hypothese ist in dem wissenschaftlichen Diskurs am meisten vertreten. Sie geht davon aus, dass Markus das älteste Evangelium sei. Dieses habe Matthäus und Lukas vorgelegen, wurde von ihnen in stilistischer und theologischer Weise verändert. Zusätzlich haben sie noch weitere Texte hinzugefügt. Außerdem haben Lukas und Matthäus die Logienquelle (Siegel Q) unabhängig voneinander verwendet. Diese beiden Evangelisten haben auch noch so genanntes Sondergut. Das sind Texte, die sonst kein anderer hat.

Eine direkte Abhängigkeit von Lukas und Matthäus in seinen Fassungen des Vater Unsers ist nicht erkennbar. Dennoch haben beide eine identische Tradition, was an dem Adjektiv „täglich“ in seiner griechischen Form nachvollziehbar wird. 15 Die oben angesprochene Logienquelle ist Ursprung des Vater Unsers für Matthäus und Lukas. 16

Vermutlich ist die kürzere Fassung und somit die lukanische, die ältere Fassung, allerdings ist Matthäus sprachlich gesehen älter. 17 Das stimmt mit der Faustregel lectio brevior potior (Die kürzere Lesart ist im Allgemeinen die bessere.) überein.18

Matthäus erweitert die Vateranrede wie folgt: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name.“ Bei Lukas heißt es nur: „Vater, geheiligt werde dein Name.“ Lukas ist hier die ursprünglichere Fassung. Als Indiz können dafür Joh 17,1 und Mk 14,36 gesehen werden. 19 Denn in diesen Versen ist ebenfalls eine kurze Vateranrede gegeben.

Die Bitte um das Kommen des Gottesreichs ist bei beiden in identischer Form vorzufinden. Matthäus fügt, im Gegensatz zu Lukas, an diese Bitte noch eine Bitte an: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!“ Diese Hinzufügung spricht für den matthäischen Sprachcharakter.20

Die Brotbitte unterscheidet sich bei den Evangelisten in der Wortstellung aber auch in der Verwendung der Wörter. Bei Matthäus heißt es:“Unser tägliches Brot gib uns heute“, bei Lukas dahingegen steht geschrieben: „Unser nötiges Brot gib uns täglich“. Die matthäische Form ist an dieser Stelle die ursprünglichere. Somit unterliegt Lukas hier einer redaktionellen Bearbeitung. Sand führt dafür mehrere Bibelstellen an, die dies begründen. Als Beispiel ist Lk 9,23 zu nennen.21

Die Bitte um Vergebung hat einen deutlichen Unterschied in den beiden Evangelien. Lukas spricht von Sünde („Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns schuldig ist.“) Matthäus von Schulden („Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben.“). Ebenfalls geht man hier davon aus, dass

[...]


1 Gnilka, 1986, S. 212.

2 Luz II, 2002, S. 505.

3 Die Literaturangaben der jeweiligen Bibeln erfolgen jeweils nur einmal. 2

4 Dietzfelbinger, E.: Das Neue Testament. Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch. Neuhausen, Stuttgart

5. Auflage 1994.

5 Die Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Lutherbibel mit Einführungen und Bildern. Stuttgart 2006.

6 Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Freiburg i.Br. 1999

7 Elberfelder Bibel. Revidierte Fassung. Wuppertal 5. Auflage 2000.

8 Zürcher Bibel. Zürich 2. Auflage 2007.

9 Wiefel, 1998, S. 131.

10 Lohse, 2011, S. 39.

11 Philonenko, 2002, S. 23.

12 Lohse, 2011, S. 43.

13 Ebd., S. 55.

14 Gnilka, 1986, S. 213.

15 Lohse, 2011, S.11-12.

16 Luz II, 2007, S. 504. Vgl. auch Schnelle, 2005, S. 222-225.

17 Ebd. S. 11. Vgl. auch Schweizer, 1976, S. 93 und Fiedler, 2006, S. 166.

18 Conzelmann/Lindemann, 2004, S.33.

19 Sand, 1986, S. 126. Vgl. auch Schweizer, 1976, S. 92.

20 Sand, 1986, S. 126.

21 Ebd. S. 126. Vgl. auch Luz II, 2002, S. 505.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640923199
ISBN (Buch)
9783640922918
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172063
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,3
Schlagworte
exegese vater unser

Autor

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Titel: Exegese zum "Vater Unser" (Mt)