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Literaturkritik zwischen Aufklärung und Moderne

Ein Vergleich

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ziel der Hausarbeit

2. Literaturkritik und Aufklärung
2.1 Funktion und Form der Literaturkritik im 18. Jh
2.2 Literaturkritiker des 18. Jahrhunderts

3. Die Literaturkritik der Gegenwart
3.1 Form und Funktion der Literaturkritik heute
3.2 Die Zeitung
3.3 Das Fernsehen
3.4 Das Internet

4. Parallelen und Unterschiede

5. Literaturverzeichnis

1. Ziel der Hausarbeit

Ziel der Hausarbeit war es, die zwei Enden der modernen Literaturkritik zu betrachten und zu vergleichen, zum einen die Entstehung der Literaturkritik im 18. Jahrhundert im Kontext der Aufklärung und zum anderen die Situation der Literaturkritik von heute und die Formen, die die Literaturkritik heute angenommen hat. Die Motivation hinter dieser Betrachtung war zu vergleichen, welche Merkmale der Literaturkritik gleich geblieben sind und welche sich im Laufe der Zeit verändert haben. Die Arbeit stellt hierbei nicht den Anspruch in literaturwissenschaftliche Fragestellungen einzudringen, sondern betrachtet die Literaturkritik als publizistische Gattung und gesellschaftliches Phänomen. Wenn von den Anfängen der Literaturkritik gesprochen wird sowie von der Zeit der Aufklärung, bezieht sich dies auf den Zeitraum des 18. Jahrhunderts. Der Begriff der aktuellen Literaturkritik beschreibt den Zeitraum zwischen den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Auch wenn die Arbeit einen Vergleich zwischen damals und heute anstrebt, ist die Struktur der Hausarbeit nicht spiegelbildlich aufgebaut. Im ersten Teil wird die Funktion und Form der Literaturkritik anhand der Theorien dreier Literaturkritiker der Aufklärung verdeutlicht. Im zweiten Teil ist dies nicht der Fall, hier wird versucht die Form und Funktion anhand der Medien der Literaturkritik zu verdeutlichen. Dies geschieht aus dem Grund, dass die Medienkonkurrenz die 2 Literaturkritik so stark verändert und definiert hat und noch fortlaufend beeinflusst, wie es einzelne Kritikerpersönlichkeiten heute nicht mehr vermögen.

Die Informationen bezüglich der frühen Literaturkritik beziehen sich zum Großteil auf Klaus L. Berghahns Abhandlung Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik 1730 - 1806. Er erläutert sowohl die Voraussetzungen, die zur Entwicklung der modernen Litera- turkritik führten, als auch ihre weitere Entwicklung. Um die Form der Literaturkritik aus die- ser Zeit zu veranschaulichen, habe ich mich jeweils auf eine Quelle von Johann Christoph Gottsched (Über die Kunstrichter) und Gotthold Ephraim Lessing (Der Recensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt) bezogen. Um die aktuelle Situation der Litera- turkritik nachzuvollziehen, habe ich mehrere Sammelwerke verwendet, unter anderem das von Rainer Baasner und Thomas Anz herausgegebene Band Literaturkritik. Geschichte, The- orie, Praxis, in dem der Literaturkritiker- und Wissenschaftler Oliver Pfohlmann ausführlich auf die Literaturkritik im Internet eingeht. Besonders hilfreich war das Bändchen Kaufen! statt Lesen!, herausgegeben von Gunther Nickel, weil es dem Leser Einblick in die Perspekti- ve der Literaturredakteure und Literaturkritiker erlaubt. Dies ist ebenfalls der Wert des 2002 erschienenen Sonderheftes der Zeitschrift Sprache im Technischen Zeitalter, in dem diverse Meinungen professioneller Litertaturkritiker vertreten sind und dem Leser dadurch eine kritische Betrachtung des aktuellen Literaturbetriebs vermittelt wird.

2. Literaturkritik und Aufklärung

Die Literaturkritik entstand nicht erst zu Beginn der Aufklärung. Bereits in der Antike wurden Texte kritisch reflektiert und bewertet. In Werken der griechischen und römischen Dichtung wurden andere Autoren und deren Arbeiten beurteilt. Ralf Georg Bogner nennt in diesem Zusammenhang Aristophanes „Die Vögel“, in dem sich der Dramatiker auf Texte Euripides bezieht.1 Während der Spätantike wurde durch die Literaturkritik das Können des Autors beurteilt und somit die Qualität des klassischen Kanons kontrolliert. Es handelte sich bei dieser Form der Literaturkritik aber um ein geschlossenes System, zu dem nur die Gelehr- ten, Dichter und Dramatiker Zugang hatten. In den meisten Arbeiten zu diesem Thema wird das Zeitalter der Aufklärung als Geburtsstunde der deutschen Literaturkritik genannt. „Die Geschichte der Literaturkritik ist kürzer, als man gemeinhin annimmt. Zu einer festen Institu- tion wurde sie erst im Zeitalter der Aufklärung.“, erklärt Peter Uwe Hohendahl.2

In seinem Vorwort zur Kritik der reinen Vernunft formulierte Immanuel Kant den Leitspruch der Aufklärung, indem er verkündete, dass das 18. Jahrhundert das der Kritik sei und das sich ihr alles zu unterwerfen habe. Kritik sollte in diesem Zusammenhang im Sinne der Vernunft verstanden werden. Zu Beginn der Aufklärung stand vor allem die Theologie im Zentrum der kritischen Diskussion. Später rückten auch andere Themen wie Politik, Kunst 4 oder Literatur in das Licht der Aufmerksamkeit. Die Literatur sollte als Instrument der Auf- klärung dienen. Durch sie sollten die Ideen der Aufklärung verbreitet werden. Um den Wert dieses Mediums zu erhalten und dem Konzept der Aufklärung treu zu bleiben, musste auch die Literatur selbst sich der Kritik stellen. Die Ideen der Aufklärung gingen einher mit der Emanzipation des Bürgertums und der steigenden Leserzahl. Durch die zunehmende Alphabe- tisierung der Bevölkerung vergrößerte sich auch der Anteil der literarisch interessierten Per- sonen innerhalb der Bevölkerung. Gefördert wurde diese Entwicklung durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Erst vor diesem Hintergrund konnte sich die Literaturkritik zur Institution herausbilden. Gemessen an heutigen Verhältnissen war der Anteil der lesenden Bevölkerung trotzdem gering und weitestgehend auf das Bildungsbürgertum beschränkt. Friedrich Nicolai stellte 1773 Folgendes fest: „Dieses gelehrte Völkchen von Lehrenden und Lernenden, das etwa 20000 Menschen stark ist, verachtet die übrigen 20 Millionen Menschen, die außer ihnen deutsch reden, so herzlich, daß es sich nicht die Mühe nimmt, für sie zu schreiben.“3 Es ist schwierig genaue Zahlen über die Alphabetisierungsrate zu finden. Die Quellen schwanken zwischen fünfzehn und einem Prozent lesefähiger Menschen im deutsch- sprachigen Raum während des 18. Jahrhunderts. Im Vergleich zur antiken Literaturkritik öff- nete sie sich dennoch in der Aufklärung einem breiteren Publikum. Die teilnehmenden Akteu- re waren nicht mehr nur auf die klassischen Gelehrten beschränkt, sondern schlossen auch Journalisten, Buchhändler, Verleger, Staatsbedienstete, Ärzte und Pfarrer mit ein.4 „Literatur- kritik war also im 18. Jahrhundert kein bloß innerliterarisches Phänomen umfassender Theo- rie- und Geschmacksbildung, sondern sie trägt auch bei zur Konstituierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit.“5 Jürgen Habermas nennt diese Entwicklung den Strukturwandel der Öffent- lichkeit. Die Teilnahme an dieser Form der neuen Öffentlichkeit war aber eng mit den finan- ziellen Verhältnissen der Leser verbunden. Innerhalb von Lesegesellschaften sollten zwar ständische Unterschiede keine Rolle spielen, doch die Mitgliedschaft in solchen Vereinigun- gen setzte voraus, dass man die zu diskutierenden Bücher auch erwerben und sich die Besu- che im Theater leisten konnte. Es muss darüber hinaus beachtet werden, dass das Lesepubli- kum des 18. Jahrhunderts nicht einheitlich an aufklärerischen Texten interessiert war, sondern sich zu großen Teilen auch der Unterhaltungsliteratur zuwandte, die mit dem Grundgedanken der Aufklärung, nämlich das kritische Hinterfragen, nicht mehr viel zu tun hatte.

Diese Entwicklungen nahmen auch Einfluss auf den damaligen Buchmarkt, der kommer- zieller wurde. Die Rolle, die der Schriftsteller darin einnahm, veränderte sich und ein neues Berufsbild entstand - der Verleger. Er trat an die Stelle des Mäzens, musste sich aber mehr und mehr nach dem Geschmack der Endkunden richten. Der Schriftsteller wurde nicht mehr von einem begüterten Gönner beauftragt und finanziert, sondern von seinem Verleger.6 Auch diese Veränderungen bedingten die Entstehung der Literaturkritik im deutschsprachigen Raum.

2.1 Funktion und Form der Literaturkritik im 18. Jh.

Einhergehend mit der wachsenden Leserzahl wuchs auch das Angebot an Lesestoff. Der Buchmarkt wuchs in einem rasanten Tempo. Die Buchproduktion wurde durch Fortschritte im Druck und in der Papierherstellung zunehmend industrialisiert. Zwischen den Jahren 1763 und 1805 wuchs die Buchproduktion um das Zehnfache.7 Entsprechend der wachsenden Buchproduktionen entstanden auch etliche Zeitschriften. Mit Hilfe der Rezensionen, die in den Zeitschriften veröffentlicht wurden, sollte dem Leser eine Übersicht über die zahlreichen Novitäten geboten werden. Doch in Anbetracht der Menge an neu erscheinenden Zeitschriften musste sich der Leser wiederum einen Überblick über diese selbst verschaffen. Von 1730 bis 1790 wurden dreitausend dieser Blätter gegründet.8 Die Zeitschrift wurde zum Instrument der Aufklärung, weil sie ein Medium der Literaturkritik darstellte. Der Kritiker sollte zum Sprachrohr der Aufklärung werden und zwischen literarischem Werk und Leser vermitteln.9 Anhänger der Aufklärung verstanden die Kritik als Mittel, das Verständnis und die kritische Betrachtungsweise des Publikums zu erweitern und zu fördern.

2.2 Literaturkritiker des 18. Jahrhunderts

Zwei der bedeutendsten Literaturkritiker, Gelehrte und Verleger des 18. Jahrhunderts wa- 6 ren Johann Christoph Gottsched und Christoph Friedrich Nicolai. Während sowohl Gottsched als auch Nicolai noch strikt nach den rationalistischen Grundsätzen argumentierten und rezen- sierten, trat mit Gotthold Ephraim Lessing ein unkonventionellerer Kritiker auf die literari- sche Bühne.

Johann Christoph Gottsched war Professor an der Universität Leipzig, an der er Poesie, Physik und Logik unterrichtete. Insgesamt gründete er fünf Zeitschriften in Form der morali- schen Wochenschriften wie zum Beispiel die Vernünftigen Tadlerinnen. Gemäß seiner Tätig- keit als Gelehrter rezensierte er nach den strengen Richtlinien der Regelpoetik. Er war der Überzeugung, dass jedes bewertende Urteil nach den Regeln der Vernunft gerechtfertigt wer- den musste. Seine Leser sollten aufgrund seiner rationalistischen Argumentation den Wert seines Urteils erkennen, nicht aber aufgrund der Autorität, die mit seinem Namen einherging. Aus diesem Grund veröffentlichte er seine Rezensionen anonym.10

[...]


1 Bogner, Ralf Georg: Die Formationsphase der deutschsprachigen Literaturkritik. In: Literaturkritik. Geschichte Theorie Praxis. Hrsg. von Thomas Anz & Rainer Baasner. 4. Aufl. München: C.H. Beck 2007, S. 14.

2 Berghahn, Klaus: Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik 1730 - 1806. In: Geschichte der deutschen Literaturkritik (1730 - 1980). Hrsg. von Peter Uwe Hohendahl. Stuttgart: Metzler 1985, S.10.

3 Berghahn: Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik, S.17.

4 Schneider, Ute: Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek als Integrationsmedium der

Gelehrtenrepublik. Diss. phil. Wiesbaden: Harrassowitz 1995, S.5.

5 Berghahn: Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik, S.16.

6 Vgl. Berghahn : Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik, S.16-18.

7 Vgl. Berghahn: Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik, S.19.

8 Vgl. Neuhaus, Stefan: Literaturkritik. Eine Einführung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, S.34.

9 Vgl. Berghahn: Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik, S.16.

10 Texte zur Theorie der Literaturkritik. Hrsg. von Sascha Michel. Stuttgart: Reclam 2008, S. 23.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640917945
ISBN (Buch)
9783640918027
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172067
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Mainzer Institut für Buchwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
literaturkritik aufklärung moderne vergleich

Autor

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Titel: Literaturkritik zwischen Aufklärung und Moderne