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Moderne Gesellschaft und Religion bei Émile Durkheim und Max Weber

Hausarbeit 2011 26 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zu den Personen Émile Durkheim und Max Weber
1.1. Émile Durkheim
1.2. Max Weber

2. Zum Begriff der modernen Gesellschaft
2.1. Zum Begriff der modernen Gesellschaft bei Émile Durkheim
2.2. Zum Begriff der modernen Gesellschaft bei Max Weber
2.3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

3. Zum Begriff der Religion
3.1. Der Religionsbegriff bei Durkheim
3.2. Der Religionsbegriff bei Max Weber
3.3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Religionsbegriffs bei Durkheim und Weber

4. Ort und Rolle von Religion in der modernen Gesellschaft nach Émile Durkheim und Max Weber

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Rahmen eines ethnologischen Seminars mit dem Titel „Religion im öffentlichen Raum“ ist es unabdingbar, sich mit Émile Durkheim und Max Weber zu befassen, da beide Soziologen die Religionssoziologie entwickelt und nachhaltig geprägt haben.

In dieser Hausarbeit soll vergleichend dargestellt werden, wie Émile Durkheim und Max Weber die Begriffe der modernen Gesellschaft und der Religion aus ihrer jeweiligen soziologischen Positionierung heraus definieren. Dabei geht es auf keinen Fall darum, eine der Definitionen als endgültig anzuerkennen, vielmehr soll deutlich werden, wie komplex die Begriffe sind. Es ist mir besonders wichtig, zu zeigen, dass Religion bei beiden Soziologen als tief in der Gesellschaft verwurzelt anzusehen ist und nicht als externes Element betrachtet werden kann, denn Religion hat Einfluss auf nahezu alle Bereiche des Lebens, wie etwa: Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Ethik, Arbeit, Politik, Bildung, Erziehung, Kunst und Medien.

Der französische Soziologe und Positivist Durkheim plädierte für eine Soziologie als allgemeine Gesetzeswissenschaft. Er ist der funktionalistischen Systemtheorie zuzuordnen und untersuchte den Begriff der Gesellschaft und deren Struktur. Durkheim wandte als Methode eine hitorizistische Erklärung an, indem er archaische und fortgeschrittene Gesellschaften miteinander verglich, um somit moderne Gesellschaften zu beschreiben.

Der deutsche Max Weber, der als historischer Soziologe gilt, stand für eine Soziologie im Sinne einer Gesellschaftsgeschichte und für eine institutionalistische Handlungstheorie. Er erforschte vor allem den Begriff des Akteurs und dessen Handeln in Bezug auf Wirtschaft, Gesellschaft und Religion. Seine Methode war die einer kulturwissenschaftlichen Hermeneutik, womit er die historische Eigenart der okzidentalen Moderne sowie deren institutionelle Einzigartigkeit idealtypisch darstellte.

Der gemeinsame moralische Bezugspunkt Webers und Durkheims ist das Schicksal des modernen Menschen, welches von Durkheim aus einer moralischen Position und von Weber aus einer relativistischen Position heraus untersucht wurde. Beide stellten sich die Frage, wie eine moralische Lebensführung in einer funktional differenzierten Gesellschaft überhaupt noch möglich sei. Die Arbeit ist so strukturiert, dass zu Beginn eine kurze Einführung in das Leben, die Werke und die Bedeutung Durkheims und Webers für die Soziologie steht, bevor es im zweiten Teil zu den jeweiligen Ansichten des Begriffs der modernen Gesellschaft kommt und im dritten Teil zum Begriff der Religion. Um eine Übersichtlichkeit der Positionierungen zu bekommen, stehen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede jeweils am Ende der Kapitel. Im vierten Teil der Arbeit werden der Ort und die Rolle von Religion in der modernen Gesellschaft bei Durkheim und Weber dargestellt, der fünfte Teil bildet eine Zusammenfassung.

1. Zu den Personen Émile Durkheim und Max Weber

1.1. Émile Durkheim

David Émile Durkheim wurde 1858 in Épinal, Lothringen geboren. Émile studierte Philosophie in Paris und war als Lehrer für Philosophie an diversen Gymnasien tätig. Nachdem er von einem Studienaufenthalt im ehemaligen Deutschen Reich zurück nach Frankreich kam, erhielt er 1887 einen Lehrauftrag für Sozialwissenschaften in Bordeaux. Von 1896 bis 1902 forschte und lehrte Durkheim als Professor für Sozialwissenschaften an der Université de Bordeaux mit einem eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl. Im Jahre 1898 gründete er die Zeitschrift "L'Année sociologique". Ab 1913 wurde er zum Professor der Pädagogik und der Soziologie. Die bekanntesten Schüler Durkheims waren Marcel Mauss und Maurice Halbwachs. Am 15.11.1917 verstarb Durkheim durch einen Schlaganfall in Paris.[1]

Die wichtigsten Werke

Als die wichtigsten Werke Durkheims sind zu nennen: "De la division du travail social" (1893), "Les Règles de la méthode sociologique" (1895), "Le Suicide" (1897) und "Les Formes élémentaires de la vie religieuse" (1912).

Die Bedeutung Durkheims für die Soziologie und die Ethnologie

Durkheim trug wesentlich zur Etablierung der modernen Soziologie als eigenständige Wissenschaft bei. Er kritisierte bisherige soziologische Arbeiten als praxisfern, methodisch unzureichend und zu sehr auf biologischen und psychologischen Argumentationen beruhend. Mit seinem Werk „Les Règles de la méthode sociologique“ grenzte er die Soziologie von anderen Wissenschaften ab. Die Soziologie verfüge ihm nach über einen eigenen Gegenstand, den er als sozialen Tatbestand definiert, sowie eine eigene Methode, die sie als empirische Wissenschaft kennzeichne. Er postuliert eine Soziologie als Basiswissenschaft für soziales und erzieherisches Handeln. Seine Wirkung beeinflussten auch die Linguistik, die Geschichtswissenschaft, die Psychologie, die Anthropologie und die Ethnologie. Funktionalisten wie Bronislaw Malinowski, Strukturfunktionalisten wie Alfred Radcliffe-Brown, Strukturalisten wie Claude Levi-Strauss oder Marcel Mauss ließen sich von Durkheim inspirieren.[2]

1.2. Max Weber

Maximilian Carl Emil Weber wurde 1864 in Erfurt geboren. Seine wohlhabende Familie ermöglichte ihm eine gute Ausbildung. Weber studierte Nationalökonomie, Rechtswissenschaften und Geschichte in Heidelberg, Straßburg, Berlin und Göttingen, bis er 1889 die Promotion zum Dr. jur. erlangte, die Habilitation folgte 1891. Durkheim hatte einen Lehrstuhl in Nationalökonomie in Heidelberg als auch in Freiburg inne. Aufgrund einer psychischen Erkrankung konnte er mehrere Jahre das Amt des Professors nicht ausüben, dennoch blieb er in ständigem Kontakt zu anderen Wissenschaftlern und war in dieser Zeit publizistisch tätig. Émile Durkheim war Mitbegründer der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ und engagierte sich für den Verein für Socialpolitik, wodurch er wesentlich zur Etablierung und Professionalisierung der deutschen Soziologie beitrug. Weber verstarb 1920 in München.[3]

Die wichtigsten Werke

Seine beutendsten Werke sind: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904), „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ (1919), „Wissenschaft als Beruf“ (1919), sowie diverse Aufsatzsammlungen.

Die Bedeutung Max Webers für die Soziologie

Max Weber zählt neben Emile Durkheim zu den Mitbegründern der (Religions) Soziologie als Wissenschaft. Nach Weber sollen sich die Theorien der Soziologie mit der Analyse des menschlichen Handelns auseinandersetzen, denn Soziologie sei als Frage nach der Welthaltung zu verstehen und analysiere moderne Gesellschaften.

Wissenschaft dient der Beschreibung und Erklärung von erfahrbaren Zusammenhängen und stellt klar, was die Rahmenbedingungen des Handelns und des Lebens sind. Entwicklungen in der Gesellschaft können nur verstanden und erklärt werden, in dem man die Deutungen und Weltanschauungen sowie die Ziele des Handelns der Individuen mit einbezieht. Somit kommen den Handlungsmotiven eine wichtige Funktion bei Webers Soziologie zu. Das Handeln wird ihm nach erst dadurch sozial, in dem der Handelnde seine Handlungen sinnhaft und intentional an dem Verhalten anderer ausrichtet. Das bedeutet, dass das individuelle Handeln mit einem Sinn ausgestattet sein soll und absichtlich am Verhalten der Mitmenschen ausgerichtet werden muss. Ein weiteres Merkmal des sozialen Handelns besteht in dem subjektiv gemeinten Sinn der Handlung. Darunter sind die Absichten zu verstehen, die der Akteur mit seiner Handlung verknüpft, aber auch die Erwartungen, die der Handelnde an das Verhalten der Gesellschaft und ihre Normen und Wertvorstellungen hat.

Die Beweggründe des sozialen Handelns sind nach Weber durch den Kapitalismus und die Bürokratisierung des sozialen Lebens bestimmt.

Durch die Folgen des Handelns einzelner Akteure lassen sich gesellschaftliche Veränderungen erklären, so lautet das Prinzip des methodologischen Individualismus, dem auch Weber zugerechnet werden kann.

Seine Hauptfrage war, wieso wir, die abendländisch-moderne Gesellschaft, so leben, wie wir leben und worin der „Kitt“ des gesellschaftlichen Zusammenlebens besteht.

Max Weber untersuchte und verglich verschiedene religiöse Systeme. Religion bestimmt ihm nach den Ethos der Menschen sowie deren Welthaltung und sagt ihnen, wie ihre Lebensführung aussehen sollte. Er sah den Übergang von der traditionalen hin zur modernen Gesellschaft in der Entstehung und Wirkung des sozioökonomischen Kapitalismus, wodurch sich automatisch die Art der Lebensführung veränderte.

2. Zum Begriff der modernen Gesellschaft

Das Prinzip der sozialen Differenzierung und das Prinzip der Arbeitsteilung wurden bereits von Adam Smith und Herbert Spencer als wesentliche Strukturmerkmale moderner Gesellschaften ausgemacht. Auch Durkheim und Weber griffen diese beiden Merkmale auf. Zuerst wird der Begriff so zu erläutern versucht, wie Durkheim ihn in seinen Arbeiten verstand, danach soll die Sicht Max Webers auf die Phänomene der modernen Gesellschaft erläutert werden.

2.1. Zum Begriff der modernen Gesellschaft bei Émile Durkheim

Durkheim untersuchte in seinem 1893 erschienenen Buch „De la division du travail social“, worin sich die moderne Industriegesellschaft im Vergleich zu anderen Gesellschaften unterscheidet. Ihm nach liegt der Unterschied in der Arbeitsteilung sowie in der Spezialisierung und Differenzierung der individuellen Fähigkeiten. Der ökonomische und der wissenschaftliche Fortschritt sind Zeichen der Modernisierung. Der Modernisierungsprozess ist ihm zu Folge ein Prozess sozialer Differenzierung.

Seine Leitfrage war, wie soziale Solidarität und Integration aufgrund der stetig wachsenden Individualisierung überhaupt gelingen kann. Diese Frage könne nur erläutert werden, in dem die Gesellschaft wissenschaftlich untersucht werde. Da die Soziologie zu seiner Zeit noch im Anfangsstadium steckte, bediente er sich anderer wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden und Theorien, um diese dann später soziologisch zu begründen. Nach Durkheim handle die Wissenschaft stets mit Dingen und nicht mit Ideen und Konzepten.

Grundsätzlich befasse sich Wissenschaft nicht mit Illusionen. Er sieht in Dingen nichts materielles, sondern etwas handfestes und fassbares, das der Soziologie einen wissenschaftlichen Charakter gebe.

Durkheim zu Folge bestehe der Mensch aus zwei Teilen, er bezeichnete ihn als „homo duplex“.[4] Der Mensch sei sowohl von Begierden als auch von Rationalität gesteuert, es herrsche eine Dichotomie von Körper und Seele, ein natürlicher und ein sozialer Teil. Der Mensch brauche von außen vorgegebene Regeln, um seine Begierden zu erfüllen und domestiziere sich somit selbst. Durkheim berief sich darauf, dass dies ein gegebener Zustand sei, der von der Gesellschaft vorgegeben sei. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sieht er folgendermaßen: Zum einen sei Gesellschaft etwas, dass dem Individuum vorausgehe und auf das es in natürlicher Weise stoße, zum anderen übe sie einen gewissen Zwang auf die Individuen aus und reguliere deren Verhalten durch gegebene Normen und soziale Erwartungen, die an die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft gestellt würden.

Im Folgenden möchte ich die Ergebnisse Durkheims, die er in der Unterscheidung zwischen der traditionalen Gesellschaft und der modernen Gesellschaft macht, anhand von Hartmut Rosa darstellen. Rosa sagt, dass die Differenzierungsform in der traditionalen Gesellschaft segmentär verlief, wohingegen sie in der modernen Gesellschaft arbeitsteilig und somit funktional sei. Das Verhältnis der einzelnen Aggregate untereinander sei in der traditionalen Gesellschaft von starker Gleichheit und Ähnlichkeit geprägt, in der modernen Gesellschaft sei das Verhältnis stark different und zeige Abhängigkeiten auf. Das große Kollektivbewusstsein bestimmte den vorherrschenden Bewusstseinstyp in der traditionalen Gesellschaft, in der modernen Gesellschaft hingegen steige das Individualbewusstsein als Zeichen der Arbeitsteilung. Das Verhältnis der Individuen zueinander wurde durch die Gleichheit von Solidarität geprägt und sei nun durch Abhängigkeiten und gegenseitige Ergänzungen solidarisch. Der Aspekt der sozialen Integration und der Moral glich einer mechanischen Solidarität, die auf Gleichheit beruhe, und veränderte sich zu einer organischen Solidarität, welche auf Komplementarität beruhe. Das Teilhaben der Individuen an der Gesellschaft veränderte sich von einem direkten Teilhaben hin zu einem indirekten, welches nun lediglich über Berufsgruppen stattfinde. Zuletzt macht Rosa bei Durkheim einen Unterschied in der Rechtsform aus, welche in der traditionalen Gesellschaft einem repressiven Strafrecht glich und somit das Kollektivbewusstsein schützte und in der modernen Gesellschaft ein ausgleichendes Vertragsrecht darstelle, welches die soziale Interaktion regelt.[5]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Durkheim den Begriff der modernen Gesellschaft an der Arbeitsteilung und den daraus resultierenden Folgen für die soziale Integration ausmacht. Die Frage, wie soziale Ordnung und individuelle Autonomie in Einklang zu bringen sind, beantwortet er mit der Persönlichkeitsentwicklung durch Sozialisation. Die Sozialintegration werde durch die Systemintegration möglich.[6]

2.2. Zum Begriff der modernen Gesellschaft bei Max Weber

Max Weber erforschte vor allem in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ die Grundzüge der modernen Gesellschaft. Hierbei ging es ihm vor allem um die Beeinflussung der Religion in die Bereiche der Lebensführung, der Wissenschaft und der Wirtschaft.

Zum Begriff der modernen Gesellschaft möchte ich zuerst ein Zitat von Wolfgang Schluchter über Max Weber aufführen:

„Institutionell gesehen, sind es neben dem rationalen Kapitalismus mit seinem freien Austausch der Produktionsfaktoren und der Trennung von gewinnorientierter Unternehmung und konsumorientiertem Haushalt vor allem der rationale Verwaltungs- und Steuerstaat mit seiner Satzungsherrschaft und dem Monopol des legitimen physischen Zwangs auf seinem Territorium, aber auch die rationale Wissenschaft mit ihrer Kombination von Theorie und Experiment sowie der Umsetzung der daraus gewonnenen Technologie in den Alltag. Sie alle tragen zur Eigenart der modernen okzidentalen Kultur bei.“[7]

Schluchter nimmt an, dass Weber der modernen Gesellschaft eine rational-legale Herrschaftsform unterstellt, in der die Herrschaftsansprüche auf positivem, also niedergeschriebenem Recht beruhen und somit als legitim gelten. Hinzu kommt der Aspekt der bürokratischen Verwaltung, der Weber für ein modernes, rationales Element einer Gesellschaft ausmacht. Die moderne Gesellschaft ist vor allem durch den Kapitalismus gekennzeichnet, denn welcher sich vom traditionalistischen Wirtschaften unterscheidet, in dem er auf reine Gewinnakkumulation und eine Steigerung der Produktion sowie der Produktivität abzielt. Max Weber teilt den Kapitalismus in eine Form, das Äußere, und in einen Geist, das Innere.

Die Form des kapitalistischen Wirtschaftens ist durch die Organisationsform und deren Struktur geprägt, der Haushalt wird vom Betrieb getrennt und es herrscht eine „betriebliche Organisation der Arbeit.“[8] Den Geist des Kapitalismus macht er am asketischen Berufseifer, dem Glauben an eine zwingende Berufspflicht, sowie an einer strikten Kosten-Nutzen-Bilanz fest. Durkheims Interesse gilt der inneren Triebkräfte, dem Geist des Kapitalismus, und nicht der Form, es geht ihm nicht um die Geschichte von Ideen, sondern wie wirtschaftliche Erwerbsinteressen, politische Herrschaftsinteressen und religiöse Heilsinteressen und -ideen in der Geschichte wirken.[9]

In dem Reinvestieren des kapitalistischen Unternehmers in die Steigerung des Profits wird nach Weber der Ursprung des Kapitalismus und dessen Welthaltung ausgedrückt, was er für nahezu irrational hielt, da darin handlungsleitende Motive liegen, die dem eigentlichen Menschsein, im Sinne des Verbrauchs, des Genusses und Konsums, widersprechen.

Der Calvinismus ebenso wie der Protestantismus nehmen eine aktiv weltverneinende Haltung ein, die er als „innerweltliche Askese“ bezeichnet und an der er anknüpft. In seiner Studie über den asketischen Protestantismus untersuchte Weber die Einwirkung der religiösen Ethik auf die Lebensführung. Demnach muss sich der Mensch in ruheloser Berufsarbeit „zum Ruhme Gottes und zum Wohle der Menschheit in der Welt“ bewähren, wobei ein religiöser Druck herrscht, der die alltägliche Lebensführung systematisiert und überprüft.[10] Somit kam es ihm nach zu einer Veränderung der Ansicht gegenüber dem durch Arbeit erworbenem Kapital, denn dieses gelte nun als erstrebenswert und „als Zeichen göttlicher Gnade“.[11]

Diese Veränderung der abendländischen Gesellschaft stellt für Weber einen Rationalisierungsprozess dar, der sich auf die Produktionsformen, die Weltanschauung und die Lebensführung bezieht. So erlangten auch soziale Beziehungen eine andere Form, sie änderten sich von überwiegend vergemeinschaftenden Beziehungen hin zu vergesellschaftenden Beziehungen. Letztere beruhen auf „rational motiviertem Interessenausgleich oder motivierter Interessenverbindung“, wohingegen Erstere auf „subjektiv gefühlter Zusammengehörigkeit der Beteiligten“ beruhen.[12] Demnach zeichnen sich moderne Gesellschaften nicht nur durch ihr kapitalistisches Wirtschaftssystem aus, „sondern auch durch ihre an keine Tradition gebundene empirische Wissenschaft, durch die technische Berechnung und Beherrschung der Welt und durch ihr rationales Rechtsverwaltungssystem“.[13] Dieser Rationalisierungsprozess ist nach Weber unumkehrbar, kein Teil der Erde und keine Kulturform könne sich ihm entziehen.

Heutzutage würde dafür wahrscheinlich am ehesten der Begriff der Globalisierung passen.

Fassen wir noch einmal zusammen, worin sich für Weber die Veränderungen des Modernisierungsprozesses zeigen: in den Bereichen der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Herrschaft, sowie im Bereich der Gesellschaft. Demnach gibt es keinen Bereich das Lebens, den der Modernisierungsprozess nicht beeinflusse.

Das soziale Handeln, welches in der traditionalen Gesellschaft eher affektuelle und traditionale Züge aufwies, veränderte sich zum zweck- und wertrationalen Handeln. Die sozialen Beziehungen ändern sich in ihrer Form, Vergemeinschaftung wird zur Vergesellschaftung. Zuletzt veränderten sich die sozialen Gebilde von Gemeinschaften und Familien zu Zweckverbänden, Bürokratien und Parteien.

Durch diesen Rationalisierungsprozess wurde die Welt entzaubert und säkularisiert. Sie wurde berechenbarer und beherrschbarer und ihr wurden die poetischen, magischen und außeralltäglichen Momente entzogen, was nach Weber einem Sinnverlust gleicht, der eine gewisse Irrationalität und den Verlust von Freiheit mit sich zieht und die Ambivalenz dieses Modernisierungsprozesses ausmacht.[14]

[...]


[1] Vgl. Rosa (2007): S.68.

[2] Vgl. Ebd, S.85.

[3] Vgl. Rosa (2007): S.49.

[4] Vgl. Monivas (2007): S.23.

[5] Vgl. Rosa (2007): S.81, Tab.6.

[6] Vgl. Münch (1988): S.281.

[7] Schluchter (2009): S.28.

[8] Rosa (2007): S.56.

[9] Vgl. Schluchter (2009): S.42 und Müller (1992): S.53.

[10] Rosa (2007): S.57.

[11] Ebd.

[12] Weber (1922): S.21f.

[13] Rosa (2007): S.59.

[14] Vgl. Rosa (2007): S.60f.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668750432
ISBN (Buch)
9783668750449
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172078
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Ethnologie und Afrikastudien
Note
2,3
Schlagworte
Durkheim Max Weber Moderne Gesellschaft Religion

Autor

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