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Eine sprachkritische Untersuchung der Institutionen- und Pressesprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1) Ansätze und Ziele der Sprachkritik

2) Erwartungen an die Textsorte Institutionentext
2.1) Kritik der Institutionensprache am konkreten Beispiel

3) Erwartungen an die Textsorte Pressetext
3.1) Kritik der Pressesprache am konkreten Beispiel

4) Textvergleich und Verbesserungsvorschläge
4.1) Vergleich
4.2) Konkrete Verbesserungsvorschläge

5.) Fazit

Literatur

Monographien

Aufsätze

Internet

Vortragsfolien

Einleitung

Diese Hausarbeit wird sich sprachkritisch einerseits mit der Institutionensprache und andererseits mit der Pressesprache auseinandersetzen. Als Vertreter der Institutionensprache liegt ein Schreiben vor, welches stellvertretend durch die Deutsche Rentenversicherung aufgesetzt wurde. Als Stellvertreter der Pressesprache liegt ein regionaler Artikel über die Einweihung einer Düne im Sinne des Umweltschutzes vor. Besonders die Verwaltungssprache, welche man zur Institutionensprache zählt, wurde schon oft wissenschaftlich kritisiert. „[K]ritisiert wird an der Verwaltungssprache ihre Weitschweifigkeit, Umständlichkeit, Gespreiztheit und unschöne Diktion.“[1] Hierin findet sich auch die Legitimation einer aufklärerischen und verbesserungsorientierten Sprachkritik bezüglich der Verwaltungssprache: „Die nach wie vor hohe Zahl von Klienten, die auf einen Antrag verzichten, die beinahe unüberwindlichen Schwierigkeiten für funktionale Analphabeten und die Probleme für Ausländer sind Indiz dafür, dass das Problem der Verständlichkeit noch nicht gelöst ist.“[2] Besonders haben sich dem Verständlichkeitsproblem der Verwaltungssprache Ulrich Knoop und Jochen Rehbein in verschiedenen Aufsätzen gewidmet, wobei sie hier nur als Vertreter eines großen wissenschaftlichen Untersuchungspunktes stehen können. Wesentlich weniger beschäftigte sich die Sprachwissenschaft bis dato mit einer Kritik der Pressesprache. Einen guten Einstieg hierzu bietet Hans-Jürgen Bucher mit seinem Werk Mediensprache. Medienkommunikation. Medienkritik.

Der erste Unterpunkt bietet eine Zusammenschau der Literatur mit den verschiedenen Vertretern und deren Ansätze zur Sprachkritik und deren Methoden. Dies bildet eine Vorbereitung auf die nachfolgende, eigene Sprachkritik zu den vorliegenden Textbeispielen. Bevor es zu einer Sprachkritik am Exempel kommen kann, müssen jeweils Textsortenerwartungen und –normen definiert werden. Nach einer getrennten Sprachkritik der beiden Textsorten werden diese wegen ihres scheinbar großen Unterschiedes noch einmal verglichen und anschließend konkrete Verbesserungsvorschläge versucht zu unternehmen.

1) Ansätze und Ziele der Sprachkritik

Zuerst gilt es festzuhalten, dass eine von allen Seiten akzeptierte Sprachkritik nicht besteht. Es existieren viele Arten der Sprachkritik, welche jeweils durch ihre einzelnen Vertreter repräsentiert werden. Bickes zum Beispiel unterteilt in zwei große Formen der Sprachkritik. Zum einen in die Untersuchung des Sprachgebrauchs im Einzelfall und zum anderen in den Sprachgebrauch in einem „Regelsystem“.[3] Er betont vor allem, dass es schwierig ist „Sprachbewertungen anders als über das Sprachgefühl zu begründen.“[4] Diese sprachlichen Bewertungen werden entweder durch Individuen oder durch größere Gruppen, wie Institutionen vorgenommen.[5]

Horst Sitta hat schließlich einige Prinzipien aufgestellt, an denen sich eine alle wichtigen Aspekte abdeckende Sprachkritik orientieren könnte. Erstens soll eine Sprachkritik einen „reichen lebendigen Begriff von Sprache“ haben, was Sitta als deren Mittelpunkt definiert. Zweitens sollte eine Sprachkritik zwar auf der Sprachwissenschaft basieren, aber dennoch über sie hinausgehen. Drittens soll nicht alles Ungewöhnliche und Eigenartige der Sprache als negative Ausschweifung beschrieben werden. Hier ist es wichtig, ein „Nachdenken“ und „Staunen“ hervorzurufen und sich nicht gleich auf Verbesserungsvorschläge zu stürzen. Viertens müsse sich eine Sprachkritik an gewissen sprachlichen Normen orientieren können, welche bis dato noch keine Einigkeit finden konnten. Fünftens sollte die Sprachkritik schließlich nicht durch Laien erfolgen, sondern müsse eine „akademische und aufklärerische Disziplin“, also wissenschaftlich fundiert sein.[6] Wichtig scheint für Sitta zu sein, dass sich die Sprachkritik nicht nur der reinen Beschreibung des sprachlichen Gegenstandes widmet, sondern dass sie diese auch bewertet.[7] Er appelliert an seine Leserschaft:

„Sprachkritik braucht Leser, setzt Rezipienten voraus, die auf sie vorbereitet sind. Solche Leser müssen herangebildet werden, sie entstehen nicht naturwüchsig. Diese Bildungsaufgabe muss in erster Linie der Schule überbunden werden: Wie sie (unbestritten, wenngleich mit überschaubarem Erfolg) lektürefähig macht, so muss sich auch (wenigstens bis zu einem gewissen Grade) zu Kritikfähigkeit sprachlichen Erscheinungen gegenüber erziehen. Reflexion über Sprache heißt hier das Programm, zu dem sich die Schule zwar verbaliter bekennt, das sie aber nicht hinreichend einlöst.“[8]

Rainer Wimmer stellt vier „Komponenten“ einer typischen Sprachkritik vor. Als erstes beinhaltet diese meistens einen „auslösenden Moment“, das heißt, es wird eine Besonderheit oder etwa eine Abweichung von der Sprachnorm festgestellt. Der zweite Aspekt beruft sich vor allem auf Texterwartungen, also Textsortenmuster und grenzt somit den Horizont der Sprachkritik in diesem Schritt schon sehr ein. Objektiv gestaltet wird der dritte Teil, in dem eine rein „linguistische Analyse“ stattfindet. Erst im letzten Schritt kommt es zu einer Bewertung und zu gefällten Urteilen, welche in den meisten Fällen durch große Zurückhaltung der Verfasser geprägt ist.[9] Zusätzlich kann Sprachkritik „in den meisten Fällen als Sprachnormenkritik aufgefasst werden, denn die meisten Kommunikationskonflikte, die Anlässe für Sprachkritik sind, sind Auseinandersetzungen über Sprachgebrauchsnormen und die mit ihnen verbundenen Interessen.“[10] „Das oberste Ziel der sprachkritischen Arbeit ist, bei den Kommunikationsbeteiligten einen möglichst reflektierten Sprachgebrauch zu erreichen.“[11] Als oberstes Prinzip sieht Wimmer die „Verständlichkeit“ von Texten, neben der sich auch die Grice’schen Kommunikationsmaximen wiederfinden.[12]

Wie Wimmer macht auch Schiewe einen Vorschlag zum Aufbau einer wissenschaftlichen Sprachkritik. Bei ihm stehen, im Gegensatz zu Wimmer die Verbesserungsvorschläge im Zentrum, nachdem diese über die „Beschreibung des Sprachzustands“, die „Erläuterung des Zeichenbegriffs“ und die „Feststellung von Mängeln“ erarbeitet wurden.[13] Schiewe besagt, dass es verschiedene Arten der Sprachkritik gebe: die philologische, literarische, politische, gesellschaftsbezogene, feministische oder die Sprachkritik als Medienkritik. Diesen verschiedenen Arten der Sprachkritik, kann man noch verschiedene Ziele überordnen: die aufklärerische, nationalistische, emanzipatorische oder die feuilletonistische, populäre Sprachkritik.[14] Schiewe nannte in seinem Vortrag beispielhaft vier Maßstäbe, an denen sich die Sprachkritik unter anderem orientieren kann: die grammatische Richtigkeit, die Reinheit der Wörter, die Angemessenheit und die sprachliche Schönheit, wobei letztere wohl den geringsten Stellenwert unter den aufgezählten Maßstäben genießt.[15] Schiewe formulierte in seinem Vortrag eine Voraussetzung, die eine wissenschaftlich fundierte Sprachkritik erst möglich machen würde: „Es gibt eine innere Mehrdeutigkeit, somit Varietäten, die eigene funktionale Sprachformen und Stile ausprägen können. Sprachkritik darf sich nicht einseitig auf die Standardsprache als Maßstab für sprachliche Richtigkeit und Stilgüte berufen.“ Unter anderem darf man sich nicht allein auf die Schriftsprache beziehen und kein statisches Sprachideal als Grundlage benutzen, da man sich immer einem ständigen Sprachwandel bewusst sein muss. Auch der Zusammenhang, in dem ein Text steht, spielt für eine an ihm angewendete Sprachkritik eine große Rolle und kann deren Ergebnis erheblich beeinflussen.[16] Ziel einer nach Schiewe formulierten Sprachkritik ist es schließlich nicht nur eine Wertung abzugeben, sondern auch neue, verbesserte Orientierungsmöglichkeiten zur Verwendung von Sprache zu liefern.[17]

Doch um diese Ziele erreichen zu können bedarf es einer guten Überzeugungsleistung, denn „…die Sprachwissenschaft tut sich schwer mit der Sprachkritik (und umgekehrt)….“[18] Das Problem der Annäherung zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik liegt anscheinend an der Basis, auf die sich die Sprachkritik beruft. Die Sprachwissenschaft sieht in dieser keine wissenschaftliche Theorie.[19] Auffordernd hierzu wirken die Worte Knoops: „Erfolgreiche Sprachkritik darf sich nicht mit der Leerformel von „Ungeist“ vom sprachlichen Alltagsleben distanzieren, denn an der geistigen Erschließung wirkt die ganze Sprachgemeinschaft mit.“[20]

[...]


[1] Knoop, Ulrich: Kritik der Institutionensprache am Beispiel der Verwaltungssprache, in: Fachsprachen. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft, hg. v. Lothar Hoffmann, Hartwig Kalwerkämper und Herbert Ernst Wiegand, Berlin/New York 1997. [Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 14.1] S. 866-874.

[2] Becker-Mrotzek: Die Sprache der Verwaltung als Institutionensprache, in: Fachsprachen. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft, hg. v. Lothar Hoffmann, Hartwig Kalwerkämper und Herbert Ernst Wiegand, Berlin/New York 1997. [Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 14.2] S. 1391-1402.

[3] Vgl. Bickes, Hans: Sprachbewertung – Wozu?, in: Bewertungskriterien in der Sprachbewertung, hg. v. Bernd Ulrich Biere und Rudolf Hoberg, Tübingen 1995. [Studien zur deutschen Sprache 2] S. 6-27.

[4] Ebd. S. 131.

[5] Vgl. Ebd. S. 132.

[6] Vgl. & Siehe: Sitta, Horst: Was publizistische Sprachkritik sein könnte, in: Reflexion über Sprache aus literatur- und sprachwissenschaftlicher Sicht, hg. v. Axel Gellhaus und Horst Sitta, Tübingen 2000. [Reihe Germanistische Linguistik 218] S. 95-114.

[7] Vgl. Ebd. S. 147.

[8] Sitta. S. 147.

[9] Vgl. Wimmer, Rainer: Wie kann man Sprachkritik begründen?, in: Sprach und mehr. Ansichten einer Linguistik der sprachlichen Praxis, hg. v. Angelika Linke et al., Tübingen 2003. [Reihe Germanistische Linguistik 245] S. 417-449.

[10] Ebd. S. 153.

[11] Wimmer. S. 155.

[12] Vgl. Ebd. S. 157-158.

[13] Vgl. Schiewe, Jürgen: Sprachwissenschaft und Sprachkritik. Begriffliche und methodische Überlegungen, Darmstadt 24. Mai 2007. (Folien des Vortrags S. 1-22). S. 8.

[14] Vgl. Schiewe. S. 7.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Vgl. & Siehe: Ebd. S. 14.

[17] Vgl Ebd. S. 16.

[18] Trabold; Annette: Sprachpolitik, Sprachkritik und Öffentlichkeit. Anforderungen an die Sprachfähigkeit des Bürgers, Wiesbaden 1993. S. 27.

[19] Vgl. Schiewe. S. 9.

[20] Knoop. S. 870.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640918843
ISBN (Buch)
9783640918607
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172102
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
2,0
Schlagworte
Pragmatik; Sprachkritik; Linguistik; Institutionensprache; Sprache in Institutionen Mediensprache; Pressesprache;

Autor

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