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Legitimation und Ziele politischer Bildung

Was macht den mündigen Bürger so mündig?

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Legitimation politischer Bildung
1.1 Der Beutelsbacher Konsens
2. Ziele politischer Bildung
2.1 Der mündige Bürger
2.2 Weitere Ziele politischer Bildung

III. Fazit

IV. Verzeichnisse
1. Abkürzungen
2. Quellen

I. Einleitung

„Jeden Moment kann den Lehrer die Schülerfrage ereilen: Warum machen wir das hier überhaupt?“1 zitiert Wolfang Sander in seiner Antrittsvorlesung an der Friedrich-Schiller- Universität Jena den Frankfurter Pädagogen Thomas Ziehe. Eine zentrale Aufgabe didaktischer Ausbildung soll es Sander zufolge sein, den zukünftigen Lehrern Antworten auf diese Frage an die Hand zu geben.2

Für den schulischen Unterricht muss immer eine Auswahl an Inhalten aus der riesigen Fülle eines Faches getroffen werden. Es ist nicht selbstverständlich, dass traditionelle Inhalte weiterhin für Schüler relevant sind. Auch muss jedes Schulfach eine Rechtfertigung für seine Existenz finden. Nur ein kleiner Teil dessen was zu lernen möglich wäre, wird in Schulen tatsächlich gelehrt. Verschobene Anforderungsprofile in der globalisierten Welt müssen Auswirkungen auf den Unterricht an deutschen Schulen haben. Die vielfach geäußerte Forderung nach ökonomischer Ausbildung an allgemeinbildenden Schulen ist nur ein Beispiel für einen Wandlungsprozess in den Anforderungen an jungen Menschen.

Es ist daher keine Selbstverständlichkeit, dass der Fächerkanon dauerhaft in der jetzigen Form erhalten bleibt. Auch die politische Bildung muss es sich gefallen lassen, dass man sie hinterfragt, sie muss sich ihrer Legitimation und ihrer Ziele klar werden. Nur ein Unterricht, der sein Ziel klar vor Augen hat, kann den Schüler diesem Ziel näher bringen. Die erarbeiteten Ziele müssen allen Beteiligten plausibel erscheinen und zum allgemeinen Bildungsauftrag von Schule beitragen. Nur so wird ein Lehrer in der Lage sein die Frage nach dem Sinn seines Unterrichts hinreichend zu beantworten.

Ich möchte mich daher in dieser Arbeit zunächst mit der allgemeinen Legitimation für ein Fach „Politik“ an allgemeinbildenden Schulen auseinandersetzen. In einem zweiten Schritt werde ich dann nach den allgemeinen Zielen einer solchen politischen Bildung fragen. Erst diese ermöglichen und begründen die Auswahl konkreter Inhalte für den Politikunterricht.

II. Hauptteil

1. Legitimation politischer Bildung

„ Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. ( … ) Zu dieser Aufklärung aber ist nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag: die von seiner Vernunft in allen Stückenöffentlichen Gebrauch zu machen. “ Immanuel Kant3

Mit diesem Ausspruch verkündet Immanuel Kant die Grundpfeiler der Aufklärung: Freiheit und Vernunft. „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ heißt es weiter. Kant sieht die Pflicht bei den Bürgern. Jeder einzelne muss es wagen selbst aktiv zu werden und sich einzubringen. Nur ein aktiver Bürger kann Veränderung gestalten. Ein solcher Bürger ist die Grundlage aller Demokratie. Eine Demokratie ohne Bürger funktioniert nicht. Theodor W. Adorno formuliert das so:

„ Eine Demokratie, die nicht nur funktionieren, sondern ihrem Begriff gemäß arbeiten soll, verlangt mündige Menschen. Man kann sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen. “ 4

Der mündige Bürger ist also das Idealbild aller Demokratie. Demokratie ist auf mündige Bür- ger angewiesen,- ohne ist sie hohl und inhaltsleer. Der mündige Bürger trägt die Demokratie, er füllt sie mit Leben. Ein demokratischer Staat muss folglich aus seinen Bewohnern mündige Bürger machen - schon um sich selbst zu erhalten. Mündigkeit und demokratisches Be- wusstsein sind keinesfalls selbstverständlich vorhanden. „Demokratie vererbt sich nicht“ 5 stellt Hans-Peter Bartels fest.

Der demokratische Staat muss daher Strukturen schaffen, die den Menschen helfen zu mün- digen Bürger heranzureifen. Er muss gewährleisten, dass jeder Bürger die Chance bekommt sich politisch zu bilden und die Spielregeln der Demokratie zu erlernen. Der Staat, aber auch private Organisationen, schaffen deshalb Strukturen und Institutionen der politischen Bil- dung.

Eines der wichtigsten „Werkzeuge“ Menschen zu bilden ist die Schule. Es ist daher nur folge- richtig, dass in der Schule eine allgemeine politische Bildung installiert wird - unter welchem Namen auch immer. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden nur von Politikunterricht sprechen, alle verwandten Fächer mit anderem Titel sind aber ebenso angesprochen.

Bereits zu Beginn des modernen Schulwesens lassen sich Bestrebungen erkennen politische Bildung in die Schulbildung einzugliedern. Bereits Wilhelm II. intendiert in einem Erlass vom 01. Mai 1889 eine politische Bildung, die seine politischen Ziele stützt, ihn als Person stärkt und die Ausbreitung konträrer Überzeugungen zu verhindern sucht.6 Es wird darin eine Sicht auf politische Bildung deutlich, die auf politische Erziehung hin zur richtigen Gesinnung abzielt. Politische Bildung fungiert hier als Legitimation des bestehenden Herrschaftssystems und zu dessen Stützung. Den Schülern soll hier das rechte Weltbild vermittelt werden. Auch beide deutschen Diktaturen setzten auf eine politische Erziehung zur Profilierung der jeweiligen Machthaber und um Kritik zu unterbinden.

In den drei westlichen Besatzungszonen wurde nach dem zweiten Weltkrieg ein anderes Ziel politischer Bildung deutlich. Die Westalliierten verfolgten mit ihrer Reeducation-Politik das Ziel die Deutschen zu „echten“ Demokraten zu machen. Vorgegebene Ziele sollten den Bürgern als Wahrheit „eingetrichtert“ werden. Wolfgang Sander bezeichnet diese Form der politischen Bildung als eine Art Mission. Weitere Beispiele aus der Geschichte politischer Bildung finden sie Beispielsweise bei Joachim Detjen.7

All diesen Beispielen aus der Geschichte der politischen Bildung ist gemein, dass sie in dieser Form für eine Demokratie nicht tragbar sind. Demokratie strebt den mündigen Bürger an. Politische Bildung darf daher nicht feste Meinungen und Überzeugungen vertreten. Sie muss den Schüler auf seinem Weg zu einem demokratischen, kritischen Bürger begleiten. Den Schüler in die eine oder andere politische Richtung zu manipulieren ist für politische Bildung in einer Demokratie nicht tragbar. Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg erarbeiteten daher gemeinsam mit Politikdidaktikern im Jahr 1976 auf einer Fachtagung in Beutelsbach drei Regeln für politischen Unterricht.

1.1 Der Beutelsbacher Konsens

In einer Zeit starker politischer Auseinandersetzungen vor allem zwischen linken und rechten Politiker und unter dem Einfluss eines schlechten Rufs der Politikdidaktik als eine „unwissenschaftliche“ Wissenschaft einigten sich die Tagungsteilnehmer auf drei Grundsätze in der Tradition Immanuel Kants, um die politische Bildung auf ein wissenschaftliches, breit akzeptiertes Fundament zu stellen:

„Überwältigungsverbot. Es ist nicht erlaubt, den Schüler - mit welchen Mitteln auch immer - im Sinne erwünschter Meinungen zuüberrumpeln und damit an der „ Gewinnung eines selbstständigen Urteils “ zu hindern. Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer demokratischen - rundum akzeptierten - Zielvorstellung von der Müngigkeit des Schülers. “ 8

Das Überwältigungsverbot stellt die Freiheit im Kant´schen Sinne sicher. Jeder Schüler soll selbstständig über Politik nachdenken und unter Gebrauch des Verstandes zu eigenen Urteilen kommen. Diese (unterschiedlichen) Urteile sind Grundlage der Demokratie. Deshalb verbietet sich jede Beeinflussung des Schülers, welcher Art auch immer. In eine ähnliche Richtung zielt der zweite Grundsatz, das Kontroversitätsgebot:

„ Was in der Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontro- vers erscheinen. Diese Forderung ist mit der vorgenannten aufs engste verknüpft, denn wenn unterschiedliche Standpunkte unter den Tisch fallen, Optionen unter- schlagen werden, Alternativen unerörtert bleiben, ist der Weg zur Indoktrination be- schritten. “ 9

Nicht nur darf eine vorhandene Überzeugung nicht in Frage gestellt werden, auch ist es untersagt den Meinungsbildungsprozess zu beeinflussen. Auslassungen und unsachgemäße Darstellungen sind geeignet den Willensbildungsprozess des Schülers zu stören und zu lenken. Dies widerspricht der freien Meinungsbildung in einer Demokratie. Konflikte wissen- schaftlicher oder politischer Art müssen als solche ausgezeichnet und diskutiert werden. Der Schüler soll darin unterstützt werden sich eine eigene Meinung zu bilden. Dies drückt vor allem auch der dritte Grundsatz aus:

„ Der Schüler muss in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine ei- gene Interessenlage zu analysieren, sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen. Eine solche Zielsetzung schließt in sehr starkem Maße die Betonung operationaler Fähigkeiten ein, was aber eine logische Konsequenz aus den vorgenannten Prinzipien ist. “

Dieses dritte Prinzip transportiert bereits einige Ziele politischer Bildung. Der Schüler soll befähigt werden politische Situationen zu analysieren und die Alternativen zu evaluieren. Aus dem Verbot der Beeinflussung durch andere folgt zwingend, dass jeder einzelne selbstständig zu einem Urteil gelangen muss. Die dafür notwendigen Werkzeuge sind im Politikunterricht zu erlernen und zu lehren.

Der Beutelsbacher Konsens erfuhr in der Folgezeit viel Zustimmung und wurde zu einer allgemein anerkannten Leitlinie. Einzig das dritte Prinzip veranlasste einige Politikdidaktiker einen verstärkten Einbezug des Allgemeinwohls zu fordern. So schlugen beispielsweise Herbert Schneider und Siegfried Schiele 1996 vor, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und zur Berücksichtigung der Interessen anderer dem Konsens hinzuzufügen.

Ist nun einmal ein Fach politischer Bildung geschaffen, dass die Grundsätze des Beutelsbacher Konsens erfüllen soll, müssen möglichst konsensfähige Ziele für ein solches Fach entwickelt werden, nach denen sich die Auswahl des expliziten Unterrichtsinhaltes treffen lässt. Dies will ich im Folgenden versuchen.

[...]


1 DER Spiegel Nr. 24/1993 vom 14.06.1993, S. 37, aus: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682830.html, eingesehen am 06.03.2011

2 Sander, Wolfgang: Wozu politische Bildung? , in Jenaer Universitätsreden Bd. 6 : Jena 1999

3 Zitiert nach: Sander, Wolfgang: Politik entdecken - Freiheit leben , Schwalbach/Ts. 2008: S.

4 Zitiert nach: Detjen, Joachim: Politische Bildung , München 2007: S.

5 Bartels, Hans-Peter: Demokratie vererbt sich nicht: Was tun? , in Oberreuter, Heinrich (Hrsg.): Standortbestimmung politische Bildung , Schwalbach/Ts. 2009: S. 67-72

6 Sander, Wolfgang: Theorie der politischen Bildung , in Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung , Schwalbach/Ts. 2005: S.

7 Detjen, Joachim: Politische Bildung - Teil II: Geschichte der politischen Bildung , München 2007: S. 13-208

8 Zitiert nach: Reinhardt, Sibylle: Politik-Didaktik , Berlin 2009: S.

9 Zitiert nach: Reinhardt, Sibylle: Politik-Didaktik , Berlin 2009: S. 30 f.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640918980
ISBN (Buch)
9783640918683
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172151
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Politikwissenschaft
Note
Schlagworte
Legitimation politische Bildung Legitimation politischer Bildung Ziele politischer Bildung mündige Bürger Beutelsbacher Konsens Kompetenzen

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