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Das Chamberlain-Beispiel

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten von Robert Nozick

Essay 2011 9 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Das Chamberlain-Beispiel

In dem Werk „Anarchie Staat Utopia“ von Robert Nozick tritt dieser für einen Minimalstaat ein, der im Wesentlichen nur die Funktionen eines Nachtwächterstaates im Sinne des klassischen Liberalismus erfüllen soll. Alles darüber Hinausgehende ist nicht zu rechtfertigen. Im Gegensatz hierzu legitimiert John Rawls in „Gerechtigkeit als Fairness“ Umverteilungsmaßnahmen; sein Buch kann als Gegenpol zum Werk Nozicks betrachtet werden kann.

Ich werde im Folgenden das von Nozick entwickelte Chamberlain-Beispiel diskutieren. Anhand dessen möchte er seine Anspruchstheorie stützen und gleichzeitig beweisen, dass strukturelle Verteilungsansätze wie sie von Rawls befürwortet werden, unhaltbar sind. Das Gedankenexperiment soll zunächst aus der Argumentationssichtweise von Nozick dargestellt werden. Anschließend sollen die Vorwürfe gegen Rawls diskutiert werden. Insbesondere möchte ich mich dabei der Frage stellen, inwieweit es Nozick gelingt, mit seinen Argumenten gegen die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness zu überzeugen.

Als Basis für die Ablehnung jeder Art des Wohlfahrtsstaates dient Nozick die Anspruchstheorie. Demnach kommt gerechtes Eigentum durch drei Grundsätze zustande: Der erste ist die Frage nach der Aneignung eines Besitztums. Wer sich Besitz auf gerechte Art und Weise aneignet, hat Anspruch auf dieses Besitztum. Herrenlose Güter dürfen in Besitz genommen werden, wenn dadurch einem dritten kein Schaden entsteht, etwa durch Knappheit von Ressourcen oder Land. Hierbei bezieht sich Nozick auf die Bedingungen von Locke, nach dem die Aneignung eines herrenlosen Gegenstandes dann erlaubt ist, wenn anderen, die diesen Gegenstand nun nicht mehr nutzen können, kein Nachteil daraus entsteht.

Der zweite Grundsatz regelt, wie Eigentum übertragen wird. Wer ein Besitztum gerecht übertragen bekommt von jemandem, der Anspruch darauf hatte, der hat selbst Anspruch auf das Besitztum. Die dritte Regel besagt schließlich, dass Ansprüche auf Besitztümer durch (wiederholtes) Anwenden der Regel 1 und 2 entstehen.

Um die These der Anspruchstheorie zu untermauern, entwickelt Nozick das bekannte Chamberlain-Beispiel. Der Leser wird aufgefordert, sich eine beliebige Güterverteilung vorzustellen, die er, ganz gleich, um welche Verteilung es sich handelt, als gerecht bewerten würde. (VI) Der berühmte Basketballspieler Chamberlain vereinbartjetzt mit seinem Verein, dass von jedem bezahlten Eintrittspreis im Stadion 25 Cent direkt an ihn gingen. Der Verein akzeptiert dies, und auch die Zuschauer zahlen freiwillig beim Stadionbesuch 25 Cent zusätzlich, die in Chamberlains Kasse fließen. Am Ende der Saison haben 1 Million Zuschauer je 25 Cent an Chamberlain bezahlt, so dass sein Vermögen um 250 000$ angewachsen ist, während das des Zuschauers jeweils um 25 Cent gesunken ist. (V2) Der Anspruchstheorie nach, muss auch die neue Verteilung V2 gerecht sein, wenn die Verteilung VI gerecht war. Denn: Die Zuschauer haben alle freiwillig die extra Tantiemen gezahlt und erhielten dafür eine Gegenleistung in Form von Vergnügen und Unterhaltung. Sowohl Chamberlain als auch die Zuschauer profitierten also von dem Tauschhandel. Wäre den Zuschauern das Spiel keine 25 Cent Wert gewesen, wären sie nicht ins Stadion gegangen. Umgekehrt hätte Chamberlain nicht spielen müssen, wenn der Gewinn es aus seiner Sicht nicht Wert gewesen wäre. Auch Drittpersonen haben keinen Grund zur Klage. Wer Chamberlain nicht spielen sehen wollte oder wer nicht bereit war, den Preis zu bezahlen, verfügt ja noch über die als gerecht befundene Ausgangsverteilung VI. Mit welchem Recht, fragt Nozick, dürfe man Chamberlainjetzt einen Teil seines rechtmäßig erworbenen Gewinns wegnehmen? (z. B. Einhebung von Steuern im Wohlfahrtsstaat) Wie könntejemand unter V2 Anspruch auf Chamberlains Güter haben, der es unterVl noch nicht hatte?

Nozick will mit diesem Beispiel seine Anspruchstheorie untermauern und gleichzeitig zeigen, dass strukturelle Verteilungstheorien falsch sind. Im Gegensatz zu strukturellen Verteilungsansätzen wie etwa bei Rawls, die Güter also bestimmten Strukturen folgend verteilen, kommt es Nozick einzig und allein auf die Frage an, wie eine Verteilung zustande gekommen ist. Zwei gleich große Verteilungen könnten also gerecht oder ungerecht sein, das entscheidet sich erst, wenn man prüft, wie sie entstanden. Wenn die Verteilung auf gerechte Art und Weise zustande gekommen ist, spielt es keine Rolle, wie hoch die Vermögensunterschiede im gegenwärtigen Zeitfenster sind. „Wenn die Besitzverteilung auf einwandfreie Weise zustande gekommen ist, gibt es kein Argument für einen weitergehenden Staatum derVerteilungsgerechtigkeitwillen.“ (vgl. Nozick, 1976)

Ein weiteres Argument von Nozick gegen die Umverteilung der extra Tantiemen betrifft die Frage der natürlichen Begabungen. Während Rawls der Ansicht ist, dass natürliche Gaben und Talente als eine Art öffentliches Gut angesehen werden sollten, bestreitet Nozick diese Sichtweise. Er ist der Auffassung, dass jeder alleinigen Anspruch auf seine Talente und Fähigkeiten habe, andernfalls müsste man eine „Kopfsteuer auf Fähigkeiten“ einführen, (vgl. Nozick, 1976) Niemand anders als Chamberlain selbst habe also Anspruch auf sein sportliches Talent, daher stehe auch ihm alleine der volle Anspruch auf den Gewinn zu, den er daraus schlägt. Nozick führt dies sogar noch weiter, indem er fragt, ob derjenige, der seine Fähigkeiten nicht nutzt, dann öffentliches Eigentum verschleudere, (vgl. Nozick, 1976)

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Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640919314
ISBN (Buch)
9783640919659
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172179
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
chamberlain-beispiel eine auseinandersetzung argumenten robert nozick

Autor

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Titel: Das Chamberlain-Beispiel