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Autorschaft im Web 2.0

Netzliteratur und der Tod des Autors

Seminararbeit 2011 23 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Autor
2.2 Der Tod des Autors
2.3 Web 2.0
2.4 Literatur im Netz
2.5 Netzliteratur

3. Autorschaft im Web 2.0
3.1 Der dilettantische Autor
3.2 Der literarische Autor
3.3 Der Autor im Plural

4. Fazit

Quellen

Literatur

Internet

1. Einleitung

Jahrzehnte nachdem der französische Philosoph Roland Barthes im Zuge der poststrukturalistischen Kritik vom Tod des Autors gesprochen und damit ein mittlerweile geflügeltes Wort geschaffen hat, ist der Autor respektive der Autorenbegriff noch immer nicht verschwunden und Teil öffentlicher wie wissenschaftlicher Debatten. Das Werk eines Autors wird, geprägt von der Ära des Genies zu Zeiten Goethes, als Werk einer Person, als „hierarchische[r], exklusive[r], undemokratischen[r], lineare[r], abgeschlossene[r], graue[r], sedierende[r] Text aus Buchstaben“[1] gesehen.

In Zeiten des Internets aber verändern sich nicht nur die Gesellschaft, deren Kommunikations- und Informationswege, es verändern sich auch die alten Kulturgüter einschließlich der Literatur. In den letzten Jahren haben sich die Lesegewohnheiten radikal verändert, wie die Stiftung Lesen in ihrer alle acht Jahre erscheinenden Studie herausgefunden hat. Während das Lesen am Bildschirm im Jahr 1992 noch gar nicht erfasst worden war, haben im Jahr 2000 schon 25 Prozent der Befragten ausschließlich am Bildschirm gelesen. Im Jahr 2008 stieg die Zahl auf 41 Prozent an.[2]

Neben dem Umgang mit dem Geschriebenen verändert sich auch der Umgang mit dem Schreiben. Das Internet fördert die Erwartungen an das Ende der Literatur, wie wir sie kennen: Die Literatur von einem Autor für viele Konsumenten, die von hinten nach vorne zu lesen ist, die nicht vom Leser veränderbar, durch das Urheberrecht geschützt ist und in Buchform erscheint.[3] Das Internet weckt damit die Erwartung, aus der oben beschriebenen Art von Literatur „endlich ein inkludierendes und aktivierendes, laterales und dynamisches, offenes und interaktives, multimediales und buntes Hyperdokument“[4] zu machen.

Was aber wird aus dem Autor durch das Internet? Wenn das Internet seinen Einfluss auf die Literatur geltend macht, werden Autor- und Werkbegriff davon nicht unberührt bleiben können. Das Netz, sollte es das oben genannte offene Hyperdokument hervorbringen, könnte den singulären Autor abschaffen oder überflüssig machen. Wenn dem so sein sollte, erfüllt sich damit die Barthesche Kritik? Bedeutet das Internet den Tod des Autors?

Im Folgenden werde ich versuchen, die Stellung und Funktion des Autors in Zeiten des Internets zu beleuchten. Ich werde dafür zuallererst klären, was ein Autor ist und worum es sich beim Tod des Autors handelt. In einem nächsten Schritt werde ich sowohl erläutern, was das Web 2.0 ist, als auch wo der Unterschied zwischen Literatur im Netz und Netzliteratur liegt. Abschließend werden verschiedene Arten dieser Literaturformen und die Position des Autors darin begutachtet. Dabei werde ich deutlich machen, inwiefern Barthes' These für die betrachteten Formen von Internetliteratur zutreffend ist.

Aus Gründen des vorgegebenen Umfangs und der damit einhergehenden eng gesteckten thematischen Grenzen, werden das Urheberrecht und eine theoretische Debatte um den Begriff des Autors, trotz ihrer Nähe zum Thema dieser Arbeit, nicht in aller Tiefe behandelt werden können. Beides wird aber, wenn und weil notwendig, angesprochen werden.

2. Begriffsklärung

2.1 Autor

Der Begriff Autor geht zurück auf das lateinische Wort auctor und bezeichnet den Urheber und Verfasser eines Texts.[5] Der Autorenbegriff ist in „unterschiedlichen sozialen Handlungsfeldern – z.B. Rechtssystem, Wirtschaftssystem, Erziehungssystem – [verschieden definiert] und übernimmt selbst innerhalb der Literaturwissenschaften unterschiedliche Funktionen, u.a. bei der Identifikation, Klassifikation, Interpretation und Bewertung von literarischen Texten.“[6] In den Literaturwissenschaften gibt es Differenzierungen, die unter anderem den historischen und den impliziten Autor unterscheiden. Der historische Autor ist der reale Verfasser eines Textes. Der implizite Autor hingegen ist die Vorstellung, die sich der Leser aufgrund des Textes vom Autor macht. Der implizite Autor ist somit die Instanz zwischen Erzähler und historischem Autor.[7]

Der historische Autor als Urheber eines literarischen Textes spielt in den Literaturwissenschaften eine zentrale Rolle. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde der Autor als wesentliche Bezugsgröße zur Interpretation eines Textes gesehen und galt als Grundlage für eine „vorrangig biografisch interessierte […] Goethephilologie.“[8] Im Laufe des 20. Jahrhundert kam es dann zu mehreren Brüchen im Verständnis des Autorenbegriffs.[9] Der wohl relevanteste Wandel im Autorenverständnis ist der von Roland Barthes ausgerufene Tod des Autors.

2.2 Der Tod des Autors

Roland Barthes wendet sich in seiner Kritik Der Tod des Autors[10] gegen die Bedeutungshoheit des Autors gegenüber dem Text. Er sagt, dass klassische Literatur und Literaturkritik zwanghaft um einen Autor kreisten, der letztlich als die einzige sinngebende Instanz gesehen werde.[11] Barthes wendet sich gegen den traditionellen Zusammenhang von Autor und Werk, gegen das Verständnis vom Autor als alleinigen Urheber eines Werkes. Diese Auffassung verortet er im seit dem Mittelalter aufkommenden Individualitätsgedanken. Er kritisiert den Biografismus, der als Folge der Goetheschen Genieästhetik gesehen werden kann.[12]

Barthes erklärt „den Autor für überlebt. Dagegen setzt [...] er sowohl die Autonomie und Eigendynamik des literarischen Textes in seinen vielfältigen Bezügen zu anderen Texten als auch die Instanz des Lesers als bedeutungsgenerierende Größe.“[13] Barthes entwickelt den Begriff vom Autor als scripteur, der als lediglich Schreibender der Sprache untergeordnet ist und nicht mehr das Subjekt des Textes darstellt. Der Autor verbindet nur noch „Zitate aus unzähligen Stätten der Kultur“ zu einem intertextuellen Gewebe ohne aber selbst eine originäre Botschaft zu erschaffen.[14] Durch den Tod des Autors wurde die sinnstiftende Autonomie des Autors gebrochen und dem Leser bedeutungsschaffende Macht gegeben. Der Tod des Autors ist somit die Geburt des Lesers.[15] Diese Verschiebung und Aufweichung der Autorität ist das, was Literatur im Web 2.0 als Erfüllung der Bartheschen Kritik erscheinen lässt, insbesondere im Bezug auf den Hypertext.

2.3 Web 2.0

Der Ausdruck Web 2.0 wurde von Tim O’Reilly auf einer ebenso benannten Konferenz im Jahr 2004 geprägt.[16] Web 2.0 deutet auf eine Weiterentwicklung des Netzes hin, so wie auch auf einen veränderten Gebrauch des Internets. Die Ziffern im Titel, 2.0, sind Bezüge zur Programmiersprache. Programm-Updates werden mit solchen Ziffern markiert. Geringfügige Änderungen werden durch eine erhöhte Nachkommastelle gekennzeichnet, gravierende Veränderungen durch eine Änderung der ganzen Zahl markiert. Der Ausdruck Web 2.0 deutet somit auf eine signifikante Veränderung des Web hin. Das Neue am Internet 2.0 ist die Wandlung vom Konsumenten zum Produzenten. Der sogenannte Internet-User holt sich nicht mehr bloß Informationen oder Produkte aus dem Internet. Er trägt stattdessen aktiv zum Internet bei. Er verfasst Blogs und Wikis, stellt Musik und Filme auf dafür vorgesehene Seiten online, er kommuniziert und stellt sich selbst in sozialen Netzwerken dar. Der User produziert den Inhalt des Netzes und füllt es mit sogenanntem User-Generated-Content: Der frühere Konsument ist mittlerweile auch Produzent.[17] Diese Veränderungen in Richtung Interaktivität sind oftmals verbunden mit dem sogenannten Hypertext. Hypertext ist eine Form von Internet-Text basierend auf der Programmiersprache HTML (HyperText Markup Language), deren Prinzip der nicht lineare Textaufbau ist, beispielsweise durch Verlinkungen.[18]

Mehr Aktivität und Gestaltungsfreiraum für den User ist etwas, was durchaus positiv konnotiert ist, aber auch Nachteile und dementsprechend Kritiker hat, sogar in Teilen der Internet-Gemeinschaft selbst, wie das Magazin The Wire im Jahr 2005 deutlich machte:

“Our culture no longer bothers to use words like ‘appropriation’ or ‘borrowing’ to describe those very activities. Today’s audience isn’t listening at all – it’s participating. Indeed ‘audience’ is as antique a term as ‘record’, the one archaically passive, the other archaically physical. […] The record, not the remix, is the anomaly today. The remix is the very nature of the digital.”[19]

Was hier auf Musiktonträger bezogen wird, ist als genereller Kritikpunkt am aktiv gestaltbaren Netz zu verstehen. Was im Netz gefunden wird, wird häufig als Allgemeingut ohne Rechtsschutz aufgefasst, verändert und/oder verbreitet. Dieses Problem wird uns später noch begegnen.

Generell ist zu sagen, dass die Interaktivität innerhalb des Web auch vor der Autorschaft und der Literatur keinen Halt macht. Der Einfluss der Internet-(R-)Evolution auf die Literatur und die Autorschaft gilt es im Folgenden darzustellen und näher auszuführen.

2.4 Literatur im Netz

Digitale Literatur, Hyperfiktion und Netzliteratur – das sind die Begriffe, mit denen versucht wird, über Literatur im Netz, über das Netz und durch das Netz zu diskutieren. Allerdings wird die Auseinandersetzung darüber durch „terminologische Unklarheiten erschwert.“[20] Zwar gibt es wichtige Kriterien für die Literatur in den neuen Medien im Allgemeinen, wie Non- bzw. Multilinearität, Autorenkollaborationen und Mensch-Maschine-Kommunikation.[21] Allerdings greifen diese Kriterien zu kurz, um eine eindeutige Definition zu ermöglichen. Generell ist Literatur als digital zu bezeichnen kein gültiger Definitionsversuch, sondern ein medienunabhängiger Fakt[22], insofern als Saussures Zeichenlehre Sprache als digitalen, arbiträren Code definiert und somit Sprache an sich digital ist, auch ohne das Netz. Weiter ist nicht-lineares Lesen nicht per se auf einen Rechner respektive auf das Internet angewiesen. Außerdem ist das Zusammenspiel von „Programmcode und Bildschirmtext“ nicht zwingend literarisch fokussiert, sondern eine allgemeingültige Eigenschaft von Rechnern im Zusammenspiel mit dem Menschen.[23]

Bevor also eine Analyse der Autorenfunktion im Internet stattfinden kann, muss erst eine kurze Begriffsgrundlage geschaffen werden. Dafür wird nun eine Differenzierung der Begriffe „Literatur im Internet“ und „Netzliteratur“ stattfinden, sowie die Eingrenzung des zu betrachtenden Gebiets. Der Begriff „Literatur im Netz“ umfasst „all jene [...] traditionellen literarischen Texte [...], die einfach nur als lineare Zeichenketten eingescannt und auf vernetzten Computern abgelegt werden, um das Internet als Speicher- und 'Abrufmedium' zu nutzen.“[24] Bekannte Beispiele hierfür sind einerseits das Projekt Gutenberg[25] und andererseits Google Books[26]. Auch wenn das Medium Internet und seine Betreiber und Nutzer oftmals als Ignoranten geltenden Rechts bezeichnet werden, wie in der oben angeführten Kritik des The Wire-Magazins, zeigt sich hier, das einerseits ein Rechtsbewusstsein bei den Betreibern besteht, oder dies aber andererseits von der Öffentlichkeit eingefordert wird.

Das Projekt Gutenberg ist hierbei als vorbildlich anzusehen. Die Internetseite, die auf Spiegel Online zu finden ist, scannt Bücher ein, an denen kein gültiges Urheberrecht mehr besteht. Dieses erlischt 70 Jahre nach dem Tod eines Autors respektive nach dem Tod des Übersetzers. Die eingescannten Werke, über 5500 nach heutigem Stand, werden kostenfrei digital zugänglich gemacht.[27] Google Books auf der anderen Seite hat sich als Brecher bestehenden Rechts herausgestellt, in dem es mehrere Millionen Bücher eingescannt und zumindest teilweise im Netz einsehbar gemacht hat, ohne vorher die Rechteinhaber einzubeziehen. Der Rechtsstreit über dieses Verfahren von Google ist bis heute nicht endgültig beigelegt und entschieden.[28]

[...]


[1] Werber, Niels: Der Cyberspace als Medium der Literatur? Zur semantischen Tradition der Entdifferenzierung und der Technik der Literatur. http://www.diss.sense.uni-konstanz.de/lesen/werber.htm (08.03.2011)

[2] Stiftung Lesen: Lesen in Deutschland 2008. Zitiert nach: Ernst, Thomas: Wer hat Angst vor Goethes Pagerank? Und ist Helene Hegemann echt? Bewertungsprozesse von Literatur und Aufmerksamkeitsökonomien im Internet. In: Arnold, Heinz Ludwig u.a. (Hg.). Wertung, Kanon und die Vermittlung von Literatur in der Wissensgesellschaft. Berlin: de Gruyter, 2011 (in Vorbereitung).

[3] Werber.

[4] Ebd.

[5] Burdorf, Dieter u.a. (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler 2007. S. 60

[6] Ebd. S. 61

[7] Gfrereis, Heike (Hg.): Literatur. Stuttgart: Metzler 2005. S. 16

[8] Hoffmann, Torsten; Daniela Langer: Autor. In: Anz, Thomas (Hg.). Handbuch Literaturwissenschaft. Band 1: Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler 2007. S. 131.

[9] Ebd. S. 131f.

[10] Barthes, Roland: The Death of the Author. In: Lodge, David (Hg.): Modern Criticism and Theory. A Reader. Second Edition. New York: Pearson Education, 2000. S. 146-150.

[11] Freedman, Sanford, Carole Anne Taylor: Roland Barthes. A Bibliographical Reader's Guide. New York: Garland 1983. S. 99

[12] Hoffmann. S. 146

[13] Ebd. S. 132

[14] Ebd. S. 147

[15] Freedman. S. 99

[16] Meckel, Miriam, Katarina Stanoevska-Slabeva (Hg.): Web 2.0. Die nächste Generation Internet. Baden-Baden: Nomos, 2008. S. 15.

[17] Meckel. S. 19

[18] Yoo. S. 16

[19] Keen, Andrew: The Cult of the Amateur. How Today’s Internet is Killing our Culture and Assaulting our Economy. London: Nicholas Brealey Publishing, 2007. S: 24. Zitiert nach The Wire. July 2005.

[20] Schäfer, Jörgen: Text-Spiele. Anmerkungen zur Netzliteratur. In: Sprache und Literatur 93 (2004). S. 76 – 87. Hier: S. 76.

[21] Ebd.

[22] Ebd. S. 77

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] S. http://gutenberg.spiegel.de/ (13.03.2011).

[26] S. http://books.google.de (13.03.2011)

[27] http://gutenberg.spiegel.de/information (13.03.2011).

[28] Vgl: Zeit Online. US-Gericht bremst Googles Bücherpläne. http://www.zeit.de/digital/internet/2011-03/google-books-gericht-2. 23.03.2011. (23.03.2011).

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640919895
ISBN (Buch)
9783640919963
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172202
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Schlagworte
Roland Barthes Web 2.0 Tod des Autors Netzliteratur Literatur im Netz Blogs Hypertext Autorschaft Links Hegemann Litblogs Urheberrecht

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Titel: Autorschaft im Web 2.0