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Primärprävention von Bulimia nervosa - Ein Berufsfeld für die Oecotrophologie?

Bachelorarbeit 2011 83 Seiten

Gesundheit - Ernährungswissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

II. ABSTRACT (deutsch/englisch)

III. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

IV. TABELLENVERZEICHNIS

V. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 BULIMIA NERVOSA
2.1 Merkmale und Symptome
2.2 Epidemiologie
2.3 Abgrenzung zu anderen Essstörungen
2.3.1 Anorexia Nervosa
2.3.2 Binge-Eating - Störung
2.3.3 Nicht näher bezeichnete Essstörungen
2.4 Erklärungsansätze zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Bulimia nerovsa
2.4.1 Risikogruppen
2.4.2 Genetische Faktoren
2.4.3 Biobehaviorale Faktoren
2.4.4 Einflüsse der Familie und „Peers“
2.4.5 Einfluss der Gesellschaft und des gängigen Schönheitsideals
2.4.6 Einfluss der Medien
2.4.7 Individuelle und Persönlichkeitsfaktoren
2.4.8 Belastende Lebensereignisse
2.5 Protektive Faktoren
2.6 Auslösende Ereignisse und aufrechterhaltende Faktoren
2.7 Folgen und Prognose
2.7.1 Folgen für den Erkrankten
2.7.2 Folgen für die Gesellschaft
2.7.3 Prognose

3 PRÄVENTION VON BULIMIA NERVOSA
3.1 Allgemeine Aspekte der Prävention
3.1.1 Definitionen
3.1.2 Abgrenzung zur Gesundheitsförderung
3.1.3 Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen
3.2 Nationale Präventionsprogramme
3.2.1 Body Talk
3.2.2 Jugend mit Biss
3.2.3 PriMa
3.2.4 TOPP
3.2.5 Torera
3.2.6 Das Projekt des Heidelberger Mädchenhaus e.V
3.2.7 Ein Trainingsprogramm zum Einsatz an Schulen
3.2.8 NICE
3.2.9 POPS
3.3 Internationale Präventionsprogramme
3.3.1 Full of Ourselves
3.3.2 Free to be me
3.3.3 Weigh to eat
3.3.4 Eating smart, eating for me
3.3.5 The Body Logic Program
3.3.6 Everybody’s different
3.3.7 Every body is a somebody
3.4 Der Einsatz von OecotrophologInnen bei primärpräventiven Maßnahmen

4 DISKUSSION
4.1 Betrachtung der Wirksamkeit und Methodik der primärpräventiven Maßnahmen
4.2 Die Rolle der Oecotrophologie in der Präventionsarbeit

5 SCHLUSSFOLGERUNG

VI LITERATURVERZEICHNIS

II. ABSTRACT (deutsch/englisch)

Hintergrund und Ziel: Bulimia nervosa ist eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, deren Auswirkungen sowohl gesundheitlicher, psychischer als auch sozialer Art sind. Aufgrund der Tragweite der Folgen ist es nötig, primärpräventive Arbeit zu leisten. Es soll deshalb herausgefunden werden, welche primärpräventiven Maßnahmen es in Bezug auf Bulimia nervosa gibt und welche Wirkung diese erzielen. Da OecotrophologInnen vielseitig eingesetzt werden können, soll geklärt werden, welche Rolle dieses Berufsfeld bei der Durchführung dieser Arbeit einnimmt. Vorgehensweise: Zuerst wird im Rahmen dieser Arbeit auf Faktoren, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung beitragen können, sowie protektive Faktoren eingegangen. Anschließend werden nationale und internationale primärpräventive Maßnahmen beschrieben und hinsichtlich deren Wirksamkeit und Methodik bewertet. Des Weiteren wird anhand der beschriebenen Maßnahmen überprüft, ob OecotrophologInnen für diesen Bereich geeignet sind und eingesetzt werden. Die methodische Vorgehensweise umfasst eine ausführliche Literaturrecherche. Ergebnisse: Eine spezifische Primärprävention von Bulimi nervosa gibt es in der Regel nicht. Vielmehr hat sich die Ausrichtung der Primärprävention auf die Stärkung von protektiven Faktoren als effektiv erwiesen. OecotrophologInnen werden zum jetzigen Zeitpunkt selten in der Primärprävention eingesetzt. Die Aufgabengebiete sind eher in der Sekundär- und Tertiärprävention zu finden. Schlussfolgerung: Die vorhandenen Ansätze zur Primärprävention von Essstörungen sind vielversprechend. Um nachhaltige Veränderungen zu erreichen, sollten die behandelten Aspekte in das Schulcurriculum integriert werden. Die Oecotrophologie stellt bei vorhandenen Zusatzqualifikationen einen wichtigen Bestandteil im primärpräventiven und ernährungstherapeutischen Kontext dar.

Schlüsselwörter: Bulimia nervosa, Primärprävention, Oecotrophologie

Background and aim: Bulimia nervosa is a multifactorial disease which causes sanitary, mental as well as social impacts. Because of the importance of these consequences it is necessary to practice primary prevention. It is therefore to determine which primary preventive measures exist in relation to bulimia nervosa and what effect they achieve. Because alumni of nutritional science and home economics may be appointed eclectically it is to clarify which role falls to this occupational area in this job accomplishment. Procedural method: First of all, an overview of factors which causes to the onset and the retention of bulimia nervosa is given. Afterwards national and international primary preventive measures are described and evaluated in regard to their efficiency and methodology. Furthermore by means of the described measures, it is reviewed if the alumni of nutritional science and home economics are appropriate to be appointed in this. The methodological approach includes a detailed literature search. Result: There is no specific primary prevention of bulimia nervosa. Instead it is shown that focusing of strengthening protective factors is effective. At that time alumni of nutritional science and home economics are rarely appointed in primary prevention. The assignments are rather found in secondary and tertiary prevention. Conclusion: The existing approaches of primary prevention look promising. To achieve a sustainable effect integration of the examined aspects in the school curriculum is needed. With additional skills nutritional science and home economics present an important component in primary prevention and dietetic treatment.

key words: Bulimia nervosa, primary prevention, nutritional science and home economics

III. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Poster zur Prima-Lektion 1 „Models“ (BERGER , zur Verfügung gestellt 2011)

Abbildung 2: Poster zu PriMa-Lektion 3 „Macht“ (BERGER , zur Verfügung gestellt 2011)

Abbildung 3: Poster "TOPP" zu Lektion 3 „Funktionalität des Essverhaltens“ (SOWA , 2009, S. 147)

Abbildung 4: Poster zu "Torera" Lektion „Gefangen im Essen“ (BERGER et al., 2008, S. 195)

IV. TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Diagnostische Kriterien der Bulimia nervosa nach ICD-10 und DSM-IV-TR (DILLING & FREYBERGER, 2008, S. 204f; SAß et al., 2003, S. 657)

Tabelle 2:Diagnostische Kriterien der Anorexia nerovsa nach DSM-IV-TR (SAß et al., 2003, S. 651f)

Tabelle 3:Diagnostische Kriterien der Binge-Eating-Störung nach DSM-IV-TR (SAß et al., 2003, S. 861)

Tabelle 4:Übersicht der Nicht Näher Bezeichneten Essstörungen nach DSM-IV-TR (SAß et al., 2003, S. 658)

Tabelle 5: Übersicht der Module des Projektes "Jugend mit Biss" des Frankfurter Zentrums für Ess-Störungen (SCHLEVOGT, 2002, S. 23ff)

Tabelle 6: Übersicht der Lektionen des Präventionsprogramms PriMa- Primärprävention Magersucht (Berger et al., 2008, S. 68ff)

Tabelle 7: Übersicht der Lektionen des Präventionsprogramms "TOPP" Teenager ohne pfundige Probleme (SOWA, 2008)

Tabelle 8: Übersicht der Lektionen des Präventionsprogramms „Torera“ (Berger et al., 2008, S. 121ff)

Tabelle 9: Übersicht der Inhalte der Projekttage des Heidelberger Mädchenhaus e.V. für Schulen (RAABE, 2009, S. 66f)

Tabelle 10:Übersicht über die Themen des Grund- und Auffrischungskurses des Programms zur Prävention von Essstörungen (DANNIGKEIT et al., 2007, S. 37)

Tabelle 11: Übersicht der Themen des Elternabends während des Grund- und Auffrischungstrainings zur Prävention von Essstörungen (DANNIGKEIT et al., 2007, S. 75)

Tabelle 12: Übersicht der Themen des Präventionsprogrammes „NICE“ (KgKJH, 2005, S. 34f)

Tabelle 13: Übersicht der Themen der einzelnen Unterrichtsstunden des Präventionsprogrammes „POPS“ (WARSCHBURGER, 2009)

Tabelle 14:Übersicht der in Deutschland durchgeführten primärpräventiven Maßnahmen bei Essstörungen

Tabelle 15: Übersicht der Fachkräfte, die an primärpräventiven Maßnahmen mitgewirkt haben

V. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

„ Ich hasse kotzen!

Und trotzdem muss ich es immer und immer wieder tun. [ … ]

alles für diesen kleinen Moment des Glücks, in dem ich alles essen kann was mir schmeckt ohne mir Sorgen dar über machen zu müssen, zuzunehmen.

[ … ]

Und dann plagt auch noch das schlechte Gewissen...

der Druck steigt...ich spüre wie die Seele rebelliert, wie der Magen schmerzt und krampft...

es folgt der Bick in den Spiegel! Jedes Mal grauenvoller, jedes Mal aufs Neue eine Enttäuschung - ein Todesurteil!

Ich schäme mich - schlimmer noch - ich hasse mich!

Finde mich furchterregend hässlich. Fett! Spüre diese unbändige Wut! Diesen Selbsthass und Ekel!

[ … ]

Und dann kotze ich! “ (N.N., o. J.)1

Dieser Auszug eines Gedichtes einer Betroffenen von Bulimia nervosa spiegelt sehr gut wider, welche Gedanken in einer Betroffenen vor sich gehen können. Bulimia nerovsa ist eine Essstörung, die durch ständig wiederkehrende Essanfälle, bei denen in kurzer Zeit große Mengen an Lebensmitteln verschlungen werden, gekennzeichnet ist. Diese Essanfälle werden durch Maßnahmen wie Erbrechen, Einnahme von Laxantien oder Diuretika, kompensiert (BIEDERT, 2008, S. 30). Es ist anzunehmen, dass das Thema Bulimia nervosa nach wie vor ein Tabuthema in der Gesellschaft darstellt. In den Medien wird immer häufiger über Essstörungen berichtet, aber es scheint so, als ob es sich dabei überwiegend um das Krankheitsbild der Anorexia nervosa handelt.

Problematisch bei Bulimia nervosa ist die Tatsache, dass sie von Außenstehenden oft nicht erkannt wird. Die Betroffenen selbst schämen sich und fühlen sich wegen ihrer Krankheit abstoßend und verheimlichen diese aus genannten Gründen (RAABE, 2009, S. 11). Auch die gesundheitlichen Schäden werden fälschlicherweise oft heruntergespielt (ebd.). Die Folgeschäden können zur Entstehung von Karies, Darmproblemen, Störungen im Elektrolythaushalt bis hin zum Zustand der Mangelernährung führen. Bulimia nervosa bringt aber nicht nur körperliche, sondern auch ökonomische, soziale und vor allem psychische Folgen, wie zum Beispiel die Entstehung einer Depression, Angststörung oder der Boderline-Persönlichkeitsstörung, mit sich (REICH et al., 2004, S. 83ff). Diese Essstörung beginnt meist in der Phase zum Erwachsenwerden (SALBACH-ANDRAE 2010, S. 20). Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten kann aber oft schon früher erkannt werden. In einer Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wurde unter anderem auch das Thema Essstörungen aufgegriffen. Laut der “KiGGS-Studie“, in der elf- bis 17-jährige Mädchen in Deutschland unter anderem zu ihrem Essverhalten befragt wurden, sind bereits 22% der Befragten als auffällig in Bezug auf ihr Essverhalten einzustufen (HÖLLING & SCHLACK, 2007, S. 795). REICH et al. (2004, S. 28) gehen sogar noch weiter und sagen, dass sich in Westeuropa circa 40% der Mädchen und weiblichen Jugendlichen zwischen elf und 19 Jahren zu dick fühlen - trotz Normal- oder Untergewicht. Dieses Bewusstsein sowie die ständige Beschäftigung mit dem Essen, der Figur und das Halten von Diäten können bereits der Anfang einer Essstörung sein (GUSELLA et al., 2008, S. 105). In Deutschland wird die Prävalenz von Bulimia nervosa auf 2 bis 4% geschätzt (DHS, 2004, S. 8). Diese Zahlen machen deutlich, dass es von großer Wichtigkeit ist, möglichst früh auf die Gefahr dieser Essstörung aufmerksam zu machen und dabei auch die Eltern für dieses Thema zu sensibilisieren. Um dies zu erreichen, wurden in den letzten Jahren mehrere Präventionsprogramme gestartet. Diese beziehen sich aber häufig nicht spezifisch auf Essstörungen wie Bulimia nervosa, Anorexia nervosa oder Binge-Eating-Störung, sondern sie befassen sich im Allgemeinen mit dem Heranführen an ein gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten, der Akzeptanz des eigenen Körpers, der Stärkung des Selbstbewusstseins sowie der Vermittlung von Medienkompetenzen, wie zum Beispiel der kritischen Reflexion des dargestellten Schönheitsideals in der Werbung oder in Filmen (DANNIGKEIT et al. 2007, S. 26f). Diese Präventionsprogramme sind in der Regel auf Primärprävention an Schulen ausgerichtet und werden von geschulten Lehrkräften, Sozialpädagogen oder Psychologen durchgeführt. Aber nicht nur diese Berufsgruppen können eingesetzt werden. Durch eine breitgefächerte Ausbildung können OecotrophologInnen vielseitig im Gesundheitssektor eingesetzt werden, wie zum Beispiel in der Ernährungsberatung oder in Verbraucherzentralen. Es kann also vermutet werden, dass das Berufsfeld der Oecotrophologie auch bei der Prävention von Essstörungen mitwirken kann.

Diese Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Frage, welche anerkannten und diskutierten Risikofaktoren existieren. Da es bisher keine Gegenüberstellungen der primärpräventiven Maßnahmen zu geben scheint, soll weiterhin geklärt werden, welche Präventionsprogramme durchgeführt werden und welche Effekte hierdurch erzielt werden können. Ist es überhaupt möglich, eine multifaktoriell bedingte Krankheit zu erfassen und sie durch Präventionsprogramme vorzubeugen und wie können diese Programme beurteilt werden? Die letzte Forschungsfrage bezieht sich darauf, welche Rolle der Oecotrophologie bei der Prävention von Bulimia nervosa zugeschrieben wird. Greift dieses Berufsfeld bereits bei der Primärprävention ein oder kommt es erst bei der Sekundär- bzw. Tertiärprävention zum Tragen?

Zur Bearbeitung dieser Fragen wird zunächst in Kapitel 2 das Thema Bulimia nervosa eingeführt. Berücksichtigt werden dabei außer der Symptomatik und der Epidemiologie vor allem Risikofaktoren, auslösende sowie aufrechterhaltende und protektive Faktoren. In Kapitel 3 wird ein Überblick über die nationalen primärpräventiven Maßnahmen, hinsichtlich ihren Inhalten, Zielen und ihrer Wirksamkeit, gegeben. Auch internationale Präventionsprogramme werden in einer kurzen Übersicht dargestellt. Weiterhin wird ein Überblick über die eingesetzten Fachkräfte gegeben. In Kapitel 4 folgt die Diskussion, in der die beschriebenen Präventionsmaßnahmen reflektiert und bewertet werden, um im Anschluss daran die Frage klären zu können, ob dies auch ein Aufgabenfeld für die Oecotrophologie darstellt.

2 BULIMIA NERVOSA

Im Folgenden wird das Krankheitsbild und das Vorkommen von Bulimia nervosa beschrieben und von anderen Essstörungen abgegrenzt. Anschließend wird auf mögliche Risikofaktoren, die zur Entstehung von Bulimia nervosa führen können eingegangen. Auch auslösende, aufrechterhaltende sowie protektive Faktoren werden betrachtet. Im Anschluss daran, werden die Folgen, sowohl für den Erkrankten selbst als auch für die Gesellschaft und die Heilungschancen aufgeführt.

2.1 Merkmale und Symptome

Das Wort Bulimia stammt aus dem Griechischen und bedeutet Ochsenhunger (PUDEL & WESTENHÖFER, 2003, S. 232). Diese Bezeichnung spiegelt eines der Hauptmerkmale sehr gut wider. Bulimia nervosa (nachfolgend BN genannt) ist durch ständig wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet, bei denen in kurzer Zeit große Mengen an Lebensmitteln verschlungen werden. Dabei handelt es sich meist um hochkalorische und leicht essbare Lebensmittel (BIEDERT, 2008, S. 30). Während des Fressanfalls kommt das Gefühl des Kontrollverlustes auf (ebd.). Um einer Gewichtszunahme entgegenzusteuern, setzen Bulimikerinnen verschiedene kompensatorische Maßnahmen ein. Häufig kommt es im Anschluss an die Fressattacken zu selbstinduziertem Erbrechen, längeren Fastenperioden, exzessivem Sporttreiben oder zur Einnahme von Laxantien und Diuretika (RUSSELL, 1989, S.17f). Außerhalb der Fressattacken sind die Erkrankten meist durch ein gezügeltes Essverhalten und durch eine sehr fett- und kalorienarme Ernährung gekennzeichnet (PUDEL & WESTENHÖFER, 2003, S. 232). Auch die ständige Beschäftigung mit dem Gedanken an Essen, Figur und Gewicht ist eine Auffälligkeit bei der BN. Das Selbstbewusstsein und die Stimmung hängen dabei stark mit dem Gewicht und der Figur zusammen (BRYANT-WAUGH & LASK, 2008, S.28). Das Gewicht liegt dabei in den meisten Fällen im Bereich des Normalgewichtes (LEGENBAUER & VOCKS, 2006, S. 20). Trotz des Normalgewichtes empfinden sich die Betroffenen als zu dick. Es liegt eine Körperschemastörung vor (SALBACH-ANDRAE et al., 2003, S. 27). Oft ist bei Bulimikerinnen auch eine Neigung zu riskantem Verhalten wie ungeschütztem Sex, Alkohol- oder Drogenkonsum zu beobachten (BRYANT-WAUGH & LASK, 2008).

Laut BRYANT-WAUGH & LASK (2008) „stehen diese Verhaltensweisen [fast immer] im Zusammenhang mit Gefühlen der Unzufriedenheit mit sich selbst und des Kontrollverlustes.“ (S. 29).

In der Medizin müssen Krankheiten als solche definiert werden. Hierfür gibt es den Diagnosekatalog des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychatric Association, DSM-IV-TR und die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der World Health Organisation. Für BN sind die diagnostischen Kriterien in der folgenden Tabelle gegenübergestellt.

Tabelle 1: Diagnostische Kriterien der Bulimia nervosa nach ICD-10 und DSM-IV-TR (DILLING & FREYBERGER, 2008, S. 204f; SAß et al., 2003, S. 657)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Vergleich der beiden Definitionen zeigt, dass es wenige Unterschiede gibt. Die Definition von ICD-10 wird durch die Definition des DSM-IV-TR ergänzt. Zum einen wird deutlich gemacht, dass es während der Essanfälle zu einem Gefühl des Kontrollverlustes kommt und zum anderen wird darauf hingewiesen, dass die Störung nicht ausschließlich im Verlauf von Episoden einer Anorexia nervosa auftritt. Die Unterscheidung in die beiden Subtypen „Purging“ und „Non-Purging“ wird bei der Definition nach ICD-10 nicht berücksichtigt. Im Gegensatz zu ICD-10 wird jedoch im DSM-IV-TR die übermäßige Beschäftigung mit dem Essen nicht erwähnt, es wird aber auf den Zusammenhang von Figur und Körpergewicht auf das Selbstbewusstsein der Betroffenen verwiesen. Weiterhin wird im ICD-10 angemerkt, dass es zur Entstehung von Untergewicht kommen kann. Dies wird im DSM-IV-TR nicht erwähnt.

2.2Epidemiologie

BN wird erst seit Ende der Siebziger als eigenständige Essstörung angesehen (RUSSELL, 1979, S. 429). Von diesem Krankheitsbild sind mit mindestens 90 % überwiegend Frauen betroffen. Nur maximal 10% sind Männer (KLOTTER, 2007, S. 128). Das Krankheitsbild der BN scheint in Industrienationen weiter verbreitet zu sein als in Entwicklungsländern oder auch in Ländern, in denen Schlankheit nicht im Vordergrund steht, wie zum Beispiel in ländlichen Gegenden Afrikas (WILFLEY & RODIN, 1995, S. 78). Inzwischen scheinen die Prävalenzraten jedoch auch in diesen Kulturen zu steigen (NOBAKHT & DEZHKAM, 2000, S. 265). Das Durchschnittsalter, in dem BN diagnostiziert wird, liegt zwischen 16 und 19 Jahren (SALBACH-ANDRAE et al., 2010, S. 20). Zur Prävalenz gibt es unterschiedliche Ergebnisse. Diese sind von der Art der Untersuchung abhängig, beispielsweise von der Repräsentativität der untersuchten Gruppe und der Messmethoden (REICH & CIERPKA, 2010, S. 27). In der Literatur sind daher sowohl Angaben zur Punktprävalenz als auch zur Lebenszeitprävalenz zu finden. Oft fehlt die Differenzierung und es wird nur eine Prävalenz erwähnt. Beispielhaft sprechen THIELS & GARTE (2000, S. 552) von einer Punktprävalenz bei weiblichen Studierenden in Deutschland von 0,8%, wohingegen SAß et al. (2003, S. 656) von einer Prävalenzrate von 1-3% ausgehen. Laut einer Überblicksarbeit von HOEK & VAN HOEKEN (2003, S. 383) liegt die Prävalenz für BN bei 1%. FAVARO et al. (2003, S. 701) sprechen von einer Lebenszeitprävalenz von 4,6%. In Deutschland wird die Prävalenzrate auf 2-4% geschätzt (DHS, 2004, S. 8).

Häufiger ist der subklinische Typ der BN zu finden. Hier beträgt die Prävalenz 5,4% (WHITEHOUSE et al., 1992, S. 57). Zur Inzidenzrate der BN gibt es bisher nur wenige Ergebnisse. Zusammengefasst, bezogen auf 100.000 Einwohner, liegt diese bei mindestens zwölf Neuerkrankungen pro Jahr (HOEK & VAN HOEKEN, 2003, S. 383). In der Höchstrisikogruppe der 20-24-jährigen liegt die Inzidenzrate bei 82 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner (ebd.). In einer aktuellen Studie von KESKI- RAHKONEN et al. (2009, S. 823) wird von einer Inzidenzrate von 300 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner in der Höchstrisikogruppe von 16-20 und 150 Neuerkrankungen im Alter zwischen zehn und 24 Jahren berichtet. Es wird angenommen, dass die Dunkelziffer der Erkrankten noch höher liegt, da viele Frauen erst nach langer Krankheitsdauer offen über ihre Krankheit sprechen und das äußere Erscheinungsbild oft sehr unauffällig bleibt (WUNDERER & SCHNEBEL, 2008, S. 45).

2.3 Abgrenzung zu anderen Essstörungen

Zwei weitere Essstörungen sind die Anorexia nervosa (nachfolgend AN genannt) und die Binge-Eating-Störung (nachfolgend BED genannt). Beide Störungen werden im Folgenden dargestellt und von BN abgegrenzt. Für die Definitionen der AN und der BED wird auf den Diagnosekatalog des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychatric Association (DSM-IV) zurückgegriffen, da dieses laut BIEDERT „[…[ in der Psychotherapieforschung und psychologischen Diagnostik [das] am häufigsten verwendete Klassifikationssystem ist“ (2008, S. 17). Bei jeder Diagnose wird auf die Kriterien des ICD-10 verwiesen (ebd.). Nicht immer kann eine Essstörung als klare BN, AN oder BED diagnostiziert werden. Hierfür gibt es noch eine weitere Kategorie der Essstörungen, die „Nicht näher bezeichneten Essstörungen“ (REICH et al., 2004, S. 26).

2.3.1 Anorexia Nervosa

Die AN ist wie die BN dadurch gekennzeichnet, dass sich die Betroffenen sehr viel mit den Themen Essen, Figur und Gewicht beschäftigen (BIEDERT, 2008, S. 11). Im Unterschied zur BN liegt dabei aber kein Normalgewicht vor. Typisch für die AN ist ein selbst herbeigeführter Gewichtsverlust. Dabei liegt das Gewicht mindestens 15% unter dem für das Alter entsprechende Körpergewicht. Bei Betroffenen in der Vorpubertät bleibt eine altersentsprechende Gewichtszunahme aus (ebd.). Trotz bestehendem Untergewicht wollen anorektische Patientinnen weiter abnehmen und empfinden sich immer noch als zu dick. Dieses Untergewicht entsteht durch eine sehr knapp bemessene Kaloriengrenze, die sich die Erkrankten erlauben (PUDEL & WESTENHÖFER, 2003, S. 217). Hierbei werden ganze Mahlzeiten weggelassen oder die Betroffenen gestatten sich nur eine ganz bestimmte Menge an sogenannten erlaubten Lebensmitteln (ebd.). Zusätzlich zu dem gezügelten Essverhalten werden verschiedene Methoden angewandt, um das Gewicht zu beeinflussen. Diese sind zum Beispiel die Einnahme von Appetitzüglern, Diuretika, Abführmitteln oder selbstinduziertes Erbrechen. Im Unterschied zur BN stehen diese Maßnahmen aber nicht im Vordergrund (ebd.). Auch die Körperschema-Störung gehört wie bei der BN zum Krankheitsbild. Bei dieser nehmen die Patienten die eigene Figur und den Körperumfang auch trotz deutlichem Untergewicht als zu dick und verzerrt wahr (SAß et al., 2003, S. 645). Beim Vergleich der Verbreitung und dem Alter der Erstmanifestation von AN und BN können weitere Unterschiede festgestellt werden. Bei der AN gibt es zwei Häufigkeitsgipfel. Im Durchschnitt tritt die AN entweder im Alter von 14 oder von 18 Jahren auf, wohingegen die BN in der späten Adoleszenz, zwischen 16 und 19 Jahren, beginnt (SALBACH- ANDRAE et al., 2010 S. 20). Weiterhin ist die BN in Bezug auf die Prävalenz mit 1% häufiger vertreten als die AN mit 0,3% (HOEK & VAN HOEKEN, 2003, S.383). In Deutschland wird die Prävalenz auf 0,5-1% geschätzt. Auch die Inzidenzrate der AN ist etwas niedriger. Die Inzidenz liegt jährlich bei mindestens acht Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner (ebd.).

[...]


1 Auszug eines Gedichtes einer Betroffenen

Details

Seiten
83
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640920631
ISBN (Buch)
9783640920655
Dateigröße
907 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172267
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,0
Schlagworte
Bulimia nervosa Primärprävention Oecotrophologie

Autor

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