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Kommunale Planung von Kindertageseinrichtungen nach den Maßgaben des Kinderförderungsgesetzes

Hausarbeit 2011 43 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Realisierungsvorhaben und Finanzierung des Ausbauprozesses

3. Der demographische Wandel als Grund für den Ausbauprozess

4. Der Steigende Bedarf an frühkindlicher Förderung

5. Rechtlichen Grundlagen des Ausbauprozesses

6. Gestaltungsprinzipien der Jugendhilfeplanung

7. Der Ausbauprozess der Kinderbetreuung nach dem neuen Kinderförderungsgesetz aus jugendhilfeplanerischer Perspektive
7.1 Planungsakteure und Kooperationspartner
7.1.1 Betroffenenbeteiligung: Die Partizipation der Beteiligten
7.1.2 Beteiligung freier Träger
7.1.3 Wohlfahrtsverbände
7.1.4 Einbindung von Entscheidungsträgern und Planungsgruppen
7.1.5 Personalentwicklung und Personalbedarf
7.2 Planungsschritte
7.2.1 Zielformulierung
7.2.2 Bestandsermittlung und Bedarfserhebung
7.2.3 Bedarfsplanung
7.2.4 Evaluation und Fortschreibung

8. Resüme

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nicht nur zu Zeiten der industriellen Revolution, sondern vor allem heute in der emanzipierten Zeit des neoliberalen Arbeitsmarktes, ist die Rolle der weiblichen Fachkraft im Erwerbsleben nicht wegzudenken.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nimmt einen immer größer werdenden Stellenwert ein und stellt für viele Paare die Voraussetzung, ihren Kinderwunsch realisieren zu können. So sind Strukturvorgaben wie die Gewährleistung von aus- reichender Betreuungsmöglichkeit, die Förderung der Wahlfreiheit für Mütter und Väter durch die Bereitstellung eines bedarfsgerechten Angebotes an Betreuungs- plätzen - sprich einer dafür zeitlich möglichst flexiblen Regelung - sowie die Be- zahlbarkeit der Offerten bei dem Ausbau der Kindertagesförderung von evidenter Bedeutung.

Neben den makroperspektivischen Gründen sprechen auch aktuelle Ergebnisse der Bildungsforschung und des -vergleichs für den Ausbau von Plätzen in Kin- dertageseinrichtungen. Der Auftrag frühkindlicher Bildung rückt durch Bildungs- pläne und der Akademisierung der Ausbildung immer stärker in den Fokus. Probleme bei der Umsetzung sind bspw. ein zu enggeführter Personalschlüssel, der die Qualität der Betreuung herabsetzt. Daneben schreitet die Akademisierung zwar voran, führt aber auch zu einer gesellschaftlichen und finanziellen Abwer- tung des Berufsbildes des Erziehers. Diese Problematik wird durch die demogra- phische Entwicklung ergänzt. In eher ländlicher Region, bspw. in kleineren Orten, fällt der Bedarf zu gering aus, eine Kindertageseinrichtung zu betreiben und somit sind die Familien gezwungen, ihre Kinder in den nächstgrößeren Ort zu bringen. Positive Rahmenbedingungen und funktionierende Strukturen gilt es dementspre- chend zum Wohl des Kindes zu verändern. Der Ausbau des qualitativ hochwerti- gen Betreuungsangebotes soll durch das am 16.12.2008 in Kraft getretene Kinder- förderungsgesetz (KiföG) vorangetrieben werden. Ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem 01.08.2013 und eine Betreuungsquote von 35 % für unter Dreijährige bis zum Jahr 2013 sind dabei die zentralen Punkte. In dieser Hausarbeit sollen die maßgeblichen Rahmenbedingungen, die erforderlichen Informationsquellen und die Planungsakteure der Jugendhilfeplanung beschrieben und zusätzlich mit der Kinderbetreuungsplanung des Landkreises Leipzig verknüpft werden.

2. Realisierungsvorhaben und Finanzierung des Ausbauprozesses

Das am 16.12.2008 in Kraft getretene Kinderförderungsgesetz bildet als fünftes großes politisches Änderungsgesetz zum SGB VIII eine Grundlage für den Ausbau der Kindertagesbetreuung. Es sollen die eben genannten Ziele der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Erhöhung der Bildungschancen für bessere Zukunftsperspektiven der Kinder erreicht werden.

Demnach soll bis zum Jahr 2013 bundesweit jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen können. 750.000 Betreuungsplätze sollen ab 2013 zur Verfügung stehen. Die Kindertagespflege stellt dabei ca. ein Drittel der neuen Plätze. Außerdem wird ab dem 01.08.2013 nach Abschluss der Ausbauphase jedem Kind mit Vollendung des ersten Lebensjahres ein Rechtsan- spruch auf Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder einer Tagespflege zu- gesprochen.1

Neben der angestrebten Betreuungsquote von 35 Prozent einigten sich Bund, Län- der und Kommunen im Jahre 2007 bzw. bei der Qualifizierungsinitiative für Deutschland im Oktober 2008 zusätzlich weitere qualitative Maßnahmen durchzu- führen.

Dazu gehören die Gewinnung und Qualifizierung von ErzieherInnen und Tagespflegepersonen sowie die Verbesserung der Sprachförderung der Kinder.2

Der Ausbauprozess kostet insgesamt rund 12 Milliarden Euro. Der Bund trägt da- bei 4 Milliarden Euro, wobei jährlich 2,15 Milliarden Euro für Investitions- und 1,85 Milliarden Euro für Betriebskosten vorgesehen sind. Ab dem Jahre 2014 wird der Bund die Länder mit jährlich 770 Millionen Euro unterstützen.3 Im Rahmen des Zukunftsinvestitionsgesetz und dem konjunkturpolitischen Maß- nahmepakets II soll der Investitionsschub mit rund 10 Milliarden Euro für das Jahr 2009 und 2010 weiter verstärkt werden. Neben den Bereichen Schule, Hoch- schule, Forschung und Weiterbildung soll somit auch der Bereich der frühkind- lichen Infrastruktur gefördert werden. Diese Finanzhilfe wird durch einen Eigen- anteil der Länder und Kommunen von 3,3 Milliarden Euro ergänzt.4

Diese Fakten wurden aus dem ersten Evaluationsbericht des Kinderförderungsgesetzes entnommen, welcher eine notwendige und gesetzlich verankerte Prüfung der Umsetzungsgestaltung stellt.

Dieses Finanzierungsvorhaben wird durch direkte Einsparungen im SGB II und den demographiebedingten Einsparungen im Bereich des Kindergeldes gegen- finanziert. Die Gesamteinsparung beläuft sich auf 5,4 Milliarden Euro, wobei der Bund 1,3 Milliarden Euro an weiteren Bundeseinsparungen den Ländern und Kommunen überlässt, sodass eine direkte Finanzhilfe von 4,1 Milliarden Euro entsteht.5

Bezug zum Landkreis Leipzig:

Auch im Jahr 2010 erstellt die Sächsische Staatsregierung ein Investitions- programm zur Einrichtung, Sanierung und Modernisierung von Kindertageseinrichtungen in Sachsen.

Die Landkreise und kreisfreien Städte müssen diese Mittel beantragen und können dann in eigener Verantwortung über den Einsatz dieser Mittel in ihrem Gebiet entscheiden.

Zusätzlich stellt auch die Bundesregierung den Ländern finanzielle Hilfe für den Ausbau der Kindertagesbetreuung für Kinder bis zur Vollendung des 3. Lebensjahrs zur Verfügung.

Der Landkreis Leipzig kommt somit für das Jahr auf einen Zuwendungsbescheid von 2.706.917,00 €.6

Im Rahmen des konjunkturpolitischen Maßnahmepakets II mit dem Zukunfts- investitionsgesetz stellt der Bund weitere Finanzhilfen für zusätzliche Investi- tionen der Kommunen und der Länder in den Jahren 2009, 2010 und 2011 zur Verfügung. Darunter fallen auch Investitionen frühkindlicher Infrastruktur, sodass den Städten und Gemeinden des Landkreises Leipzig für die Bildungsinfrastruktur insgesamt 21.516.465 € zur Verfügung stehen, von denen kein unerheblicher Teil dem Bereich der Kindertageseinrichtungen zu Gute kommt.7

3. Der demographische Wandel als Grund für den Ausbauprozess

Ein erheblicher Zuwachs in der Altersgruppe der über 65-Jährigen fordert von der Kinder- und Jugendhilfe neue Zielsetzungen, Strategien und konkrete Handlungs- pläne, um den spürbaren Konsequenzen einer alternden Gesellschaft entgegenzu- wirken.

Welche Dimension der demographische Wandel und dessen Entwicklung annehmen, soll in diesem Kapitel verdeutlicht werden.

Dabei hilft ein Blick auf die Daten der 11. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahre 2006 des Statistischen Bundesamtes. Die wesentliche Basis einer solchen Bevölkerungsvorausberechnung umfasst neben tatsächlichen Bevölkerungsstrukturdaten, die Geburtenraten, die Lebenserwartung und den Wanderungssaldo.8

Während 2006 die Einwohnerzahl Deutschlands bei 82,3 Mio. lag, wird diese im Jahr 2050 nur noch 68,8 Mio. betragen. Ein Rückgang von 13,5 Mio. Menschen ist somit zu verzeichnen.

Der Anteil der unter 20-Jährigen verringert sich von 19,5 % auf 15 %.

Parallel steigt der Anteil der über 65-Jährigen von 20 % auf 34,5 %.

Im Hinblick auf den Ausbauprozess der Kinderbetreuung ist neben der allgemei- nen Betrachtung aller Altersgruppen eine differenzierte Sicht auf die Alterspopu- lation der 0- bis 3-Jährigen für den jugendhilfeplanerischen Prozess von Vorteil. So zeigt sich, dass die absolute Bevölkerungszahl der bevölkerungsschwächsten Altersgruppe in der Alterspopulation der unter 21-Jährigen von 2.062.000 um 10 % auf 1.846.000 fällt.9 Die Rückläufige Entwicklung der Alterspopulation in diesem Bereich verläuft aber keines Falls linear. Außerdem können sich auch innerhalb einer Stadt oder eines Kreises gegenläufige Entwicklungen zeigen. „Deshalb sind planungsfeldspezifisch zugeschnittene Datenaufbereitungen zu den jeweils relevanten Altersklassen unabdingbare Voraussetzung der Einschätzung demografischer Tendenzen.“10

Für die Jugendhilfeplanung bedeutet das eine Konkretisierung auf kleinräumige Betrachtungen, bzw. die Notwendigkeit demographischer Modellrechnungen auf kommunaler Ebene. Um SOLL-IST-Abweichungen festzustellen, ist eine kontinuierliche Aktualisierung der Studien notwendig.

„Zentrale Aufgabe der Jugendhilfeplanung ist es dabei,

- die Modellrechnungen sinnvoll und verständlich zu präsentieren,
- sie in eine beteiligungsorientierte Fachdiskussion einzubringen,
- daraus entsprechende Folgerungen zu formulieren und
- den politischen Mandatsträgern in Jugendhilfeausschüssen und anderen kommunalen Gremien qualifizierende Darstellungen und Erläuterungen anzubieten.“11

Nicht außer Acht zu lassen sind weitere Faktoren, die eine Relativierung der Bedeutung der Bevölkerungsentwicklung zur Folge haben. Zu diesen sogenannten Unsicherheitsfaktoren gehören sozioökonomische Entwicklungen, gesellschafts-, wirtschafts- und sozialpolitische Rahmenbedingungen, sowie der Konkurrenzkampf in den verschiedenen Feldern der Daseinsvorsorge.12

Wird davon ausgegangen, dass mehr Kinder auch mehr Jugendhilfe, bzw. weniger Kinder auch weniger Jugendhilfe bedeuten muss, so würde das auch nahelegen, dass den demographischen Annahmen aus sozialpolitischer Sicht bei dem Ausbau der Kinderbetreuung wenig Beachtung geschenkt worden ist.

Diese Aussage ist jedoch abzulehnen, da ein Blick auf die Ursachen des demographischen Wandels im weiterführenden Sinne auch die Gründe für den Ausbau der Kinderbetreuung erklärt. Es ist daher von großer Bedeutung, einen Blick auf die Gründe für die Nachwuchsschwäche zu werfen.

Laut Kaufmanns soziologischer Interpretation gilt es dabei zwischen vier Ebenen zu unterscheiden: Auf kultureller Ebene sind die Enttraditionalisierung und der Wertewandel ausschlaggebend für eine biografische Unverbindlichkeit bei Ehe und Elternschaft.

Aus dem Blickwinkel der institutionellen Ebene ist festzuhalten, dass es aufgrund der Liberalisierung des Ehe- und Scheidungsrechts, sowie der Forderung nach wachsender Dynamik in der Wirtschaft, als auch der fehlenden Anerkennung von Erziehungsleistungen zu einer ökonomischen Benachteiligung der Eltern und ei- ner Transferausbeutung der Familie kommt. Kaufmann zählt im Bereich der Paar- ebene die Erschwerung der Nestbildung und die gefährdete Verlässlichkeit und das damit verbundene erhöhte Scheidungsrisiko zu den Gründen für unfreiwillige Kinderlosigkeit. Außerdem führt aus Sicht der Individualebene die zunehmenden Opportunitätskosten von Elternschaft zu ehe- und kinderlosen Partnerschaftsfor- men.13

Die aufgezählten Annahmen führen zu einem Rückgang der Fertilität und so lässt sich auf multivariaten Analysen folgendes Ergebnis festhalten:

„1. Je geringer die Differenz in der Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen, desto höher die Fertilität.
2. Je >>moderner<< die Geschlechterverhältnisse, desto höher die Fertilität.
3. Je besser ausgebaut die öffentliche Dienstleistungen für Kinder (Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen), desto höher die Fertilität.
4. Der Anteil der Geldleistungen für Familien am Volkseinkommen korreliert dagegen kaum mit der Fertilität. (vgl. Künzler 2002:284).“14

Obwohl diese Ambivalenzen in den unterschiedlichen Milieus auf unterschied- lichster Weise empfunden werden, ist festzustellen, dass die jüngeren Generatio- nen hinsichtlich ihrer Entscheidung für oder gegen Kinder zunehmend verunsi- chert sind.

Dieser Zustand führt dann weiter über eine Aufschiebung dieser Entscheidung bis hin zum Verzicht auf Kinder. Den Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbstätigkeit gilt es entgegenzutreten, um die schwindende Fertilitätsrate zu bekämpfen.

Zurückgehend auf die Frage, ob weniger Kinder auch weniger Jugendhilfe bedeutet, gilt nach diesem soziologischen Exkurs festzustellen, dass nur eine Stärkung der Kinder- und Jugendhilfe im Rahmen einer familienfreundlichen Sozialpolitik dem demographischen Wandel entgegenwirken kann.

Gerade bei der Versorgung der unter 3-Jährigen mit Tageseinrichtungsplätzen wird deutlich, wie sehr die Versorgungsquote zwischen den einzelnen Kommunen schwankt. Es darf nämlich nicht davon ausgegangen werden, dass bedarfsgerechte Angebote durch den Rückgang der Geburtenzahlen automatisch erreichbar wer- den. So basieren Prognosen aus quantitativen Modellrechnungen meist auf dem Status-Quo und dem damit verbundenen Entwicklungsmangel. Durch Wanderungsbewegungen von Familien und Kindern innerhalb von Kom- munen kommt es zu Vermischungen in der Bewohnerstruktur. Demographiebasierte Jugendhilfe muss aufgrund der genannten Fakten versuchen, die Lücke zwischen heutiger Alltagssituation und den anzustrebenden Zuständen in der Zukunft zu schließen.

„Demographiebasierte Jugendhilfeplanung ist strategische Planung.

Aufgrund der (begrenzten) Unsicherheit, mit der sich demografische Wandlungsprozesse prognostizieren lassen (Modellrechnungen), und der Langsamkeit dieser Entwicklungen kann demografiebasierte Planung nur Grundrichtungen vorstrukturieren, in die sich aktuelle operative Planungs- und Umsetzungsschritte einpassen müssen.“15

Michael Löher greift diesen strategischen Punkt auf und proklamiert einen Paradigmenwechsel: „Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel weg vom Leitbild des Wachstums, von mehr Einwohnerinnen und Einwohnern, größerer Infra- struktur und größerem Flächenverbrauch, hin zu einem neuen qualitativen Ansatz sozialer Kommunalpolitik.“16

Den Ausbauprozess der Kinderbetreuung gilt es in Folge des demographischen Wandels also nicht nur auf quantitativer, sondern auch auf qualitativer Ebene nach vorne zu bringen.

Auf diese qualitativen Merkmale der Ausweitung der Kinderbetreuung nach dem neuen Kinderförderungsgesetz soll deshalb in den folgenden Kapiteln stärker eingegangen werden.

4. Der Steigende Bedarf an frühkindlicher Förderung

Neben der UN-Kinderrechtskonvention weist auch das Sozialgesetzbuch aus- drücklich darauf hin, dass jeder junge Mensch ein Recht auf Bildung und Förderung seiner Entwicklung hat.17

Wie diese Förderung im frühkindlichen Förderungsbereich aussehen sollte, wird in diesem Kapitel beschrieben.

Zunächst soll aber auf den Einfluss der Nutzung frühkindlicher Bildungs- und Betreuungsangebote auf den späteren Schulbesuch und dem damit verbundenen volkswirtschaftlichen Nutzen eingegangen werden.

Bildung wird in Deutschland „vererbt“, d. h. die Bildung der Eltern übt einen er- heblichen Einfluss auf den besuchten Schultyp des Kindes aus. Eine weitere große Einflussgröße auf den Bildungsweg ist die frühkindliche Bil- dung.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2006 erhöht sich durch einem Krippenbesuch die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, von 36 Prozent auf 50 Prozent.18

Die Integration einer Person wird durch die Bildungsstufe beeinflusst, und mit der Chance auf eine nächsthöhere Bildungsstufe steigt auch die Chance auf ein zukünftiges höheres Erwerbseinkommen. Des Weiteren werden soziale Absiche- rung und berufliche Vorsorge verbessert, sodass der Bezug von Transferleistun- gen des Staates abnimmt.

Zwar bedeutet eine höhere Wahrscheinlichkeit, das Gymnasium zu besuchen, nicht automatisch auch, dass der Abschluss erreicht wird. Obwohl 15 Prozent der Gymnasiasten das Abitur nicht erreichen, erhöht sich für die Schüler, die eine Krippe besucht haben, der Gesamtdurchschnitt der Wahrscheinlichkeit eines Gymnasium-Abschlusses immer noch um 12 Prozent.19 Während sich die Kosten eines durchschnittlichen Krippenbesuchs auf 8.026 Euro belaufen, ergibt sich auf- grund der unterschiedlichen Lebenseinkommen von Abiturienten und Nicht- Abiturienten ein Brutto-Nutzeneffekt des Krippenbesuchs von 21.642 Euro.20 Die Differenz beträgt somit 13.616 Euro. Hochgerechnet auf die von Bundesregierung geplante Betreuungsquote von 35 % der Kinder in einem Jahrgang, ergibt sich ein Nettonutzen von 2,1 Milliarden Euro pro Geburtsjahrgang.21

Das Aufgabengebiet der frühkindlichen Förderung muss aber auch neben den fi- nanziellen Gesichtspunkt auch aus entwicklungspsychologischer Sicht betrachtet werden.

Bildung, welche mehr als nur Schule ist, beginnt nämlich schon mit der Geburt. Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe müssen sich ihrer Aufgabe des Bildungsauftrags stellen und diese Erkenntnis in den Konzeptionen der Angebote realisieren.

Die Antizipation der Gründe, warum kindliche Bildungsprozesse nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gefördert werden sollen, bestärkt die Notwendigkeit des Ausbaus der Kindertagesbetreuung.

In den frühen Lebensjahren werden die immer wichtiger werdenden Grundlagen für Qualifikation, Kompetenzen und Selbstständigkeit gelegt.22 Die PISA-Studie im Jahre 2001 zeigte, dass es das deutsche Bildungssystem zu überdenken gilt. Bildung als Schlüssel zur Förderung der Chancengleichheit rückt immer mehr in den Fokus der soziapolitischen Debatte. Gerade deshalb ist es von großer Bedeutung, Kinder schon frühzeitig zu fördern. Die Entwicklung des Ge- hirns vollzieht sich in den ersten Lebensjahren so schnell wie sonst zu keinem Zeitpunkt in der Lebensspanne, wobei das Gehirn dabei nicht einfach einer vorge- gebenen Entwicklungslinie folgt, sondern die Erfahrungen widerspiegelt, welche das Kind in seiner Umwelt macht.23

Die frühkindliche Bildung im Rahmen der Kinderbetreuung steht somit im Zent- rum zwischen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, anderen Kindern, Eltern und Familie, sowie kommunalen und sozialräumlichen Rahmen- bedingungen.

Auf die damit verbundene notwendige Beteiligung der Kinder, Eltern, beteiligten Fachkräfte und Institutionen, Kommunen, der Gesellschaft, Politik und Öffentlichkeit soll in den nachfolgenden Kapiteln eingegangen werden.

[...]


1 Vgl. http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Kinder-und-Jugend/kinderbetreuung.html (eingesehen am 09.03.11).

2 Vgl. Bundesministerium für Familie, 2010, S.3.

3 Vgl. Bundesministerium für Familie, 2010, S.4.

4 Vgl. Bundesministerium für Familie, 2010, S.4.

5 Vgl. Sharma & Steiner, 2008, S. 33.

6 Vgl. Leipzig, 2010, S. 3.

7 Vgl. Leipzig, 2010, S. 3.

8 Vgl. Bürger & Schone, 2010, S. 246.

9 Vgl. Bürger & Schone, 2010, S. 249.

10 Bürger & Schone, 2010, S. 249.

11 Bürger & Schone, 2010, S. 252.

12 Vgl. Bürger & Schone, 2010, S. 250.

13 Vgl. Kaufmann, 2005, S. 132.

14 Kaufmann, 2005, S. 150.

15 Bürger & Schone, 2010, S. 254.

16 Löher, 2009, S.50.

17 Vgl. § 1 SGB VIII.

18 Vgl. (Fritschi & Oesch, 2008).

19 Vgl. Fritschi & Oesch, 2008, S. 15.

20 Vgl. Fritschi & Oesch, 2008, S. 17.

21 Vgl. Fritschi & Oesch, 2008, S. 18.

22 Vgl. Wagenblass, 2010, S.350.

23 Vgl. Wagenblass, 2010, S.352.

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640921553
ISBN (Buch)
9783640921287
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172284
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig – FB Angewandte Sozialwissenschaften
Note
Schlagworte
kommunale planung kindertageseinrichtungen maßgaben kinderförderungsgesetzes

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Titel: Kommunale Planung von Kindertageseinrichtungen nach den Maßgaben des Kinderförderungsgesetzes