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Argumentation und Manipulation

Argumentationsanalyse der Rede Adolf Hitlers vom 16. September 1935

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Überzeugen mittels gültiger Argumentation
1.1 Rhetorik und Argumentation
1.2 Elemente des Argumentationsmodells Stephen Toulmins

2. Verhaltensänderung durch Manipulation
2.1 Bewusste und unbewusste Manipulation
2.2 Mittel und Wege der unbewussten Manipulation

3. Politische Rede - Legitimierung der Herrschaft

4. Hitlers Reden
4.1 Affekterzeugung und Gemeinsamkeiten
4.2 Analyse der Rede vom 16. September 1935
4.2.1 Hintergründe
4.2.2 Übersicht der Argumentationselemente
4.2.3 Auswertung

5. Fazit

6. Literatur

7. Anhang
7.1 Rede vom 16. September 1935

0. Einleitung

Es gibt verschiedene Mittel und Wege, Menschen zu einer Meinungsänderung und einer daraus möglicherweise resultierenden Verhaltensänderung zu bewegen. In der vorliegenden Arbeit steht die Überzeugung durch Argumentation als eines der aristotelischen Elemente der Rede im Mittelpunkt. Mithilfe von schlüssigen Argumenten sollen Personen zu der Einsicht gebracht werden, dass ihre Position rational gesehen nicht haltbar ist. Doch es soll gezeigt werden, dass Beeinflussung auch ohne vernünftige Argumente möglich ist und dass dieses Ziel auch unter zu Hilfenahme manipulativer Techniken erreicht werden kann. Es ist jedoch anzunehmen, dass eine solcherart hervorgerufene Meinungsänderung nicht von Dauer ist, da sie auf falschen Voraussetzungen beruht.

Der Begriff der Manipulation wird oftmals mit der Herrschaft der NSDAP in Verbindung gebracht. Tatsächlich ist die während des Zeitraumes von ca. 1930 bis 1945 betriebene „Informationsverbreitung“ der Nationalsozialisten mit ihrer ausgeprägten Versammlungs- tätigkeit beispielhaft für eine allumfassende und hervorragend organisierte Beeinflussung der Massen. Doch so umfassend sie auch gewesen sein mag, dies kann kaum als Entschuldigung der Zeitgeschehnisse angeführt werden, denn eine grundsätzliche Überein- stimmung der Ziele und dazu verwendeten Mittel muss vorhanden sein (vgl. Ohr 1997: 42/49). So wurde z.B. die NSDAP in der ‚Kampfzeit' nicht von Anhängern der katholischen Kirche gewählt, da sich ihre Weltsicht grundsätzlich nicht mit deren Zielen vereinbaren ließ.

„Der Wunsch nach Arbeit, Wohlstand und nationaler Anerkennung“ (Donner 1995: 11) und mangelndes Vertrauen in die bestehende Weimarer Republik mag für die Bürger ebendieser ein großer Anreiz zur Wahl der NSDAP gewesen sein, die die Erfüllung dieser Wünsche versprach. Doch wie konnte die Bevölkerung im Verlaufe der Herrschaftsjahre stets aufs Neue für die zweifelhaften Ziele Hitlers gewonnen werden? Ein Grund mag möglicherweise in ihm selbst liegen. Der Mythos des brillanten Redners Hitler, der die Massen kraft seiner Rede in den Bann schlägt und sie so der Fähigkeit des klaren und rationalen Denkens beraubt, erscheint manchen noch immer plausibel. Die direkte Wir- kung seiner Reden ist in der Tat erstaunlich1, wenn auch kaum unerklärlich und als Entschuldigung für die Akzeptanz begangener Verbrechen wohl nicht ausreichend. Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass die Wirkung der Reden Hitlers auf Manipulation und andere Einflussgrößen zurückgeführt werden muss und weniger auf dessen argumentatori- schen Fähigkeiten.

Daher erscheint es sinnvoll, vorab zu klären, was eine schlüssige Argumentation ausmacht, um im Unterschied dazu die vermuteten Mängel in Hitlers ‚Argumentationsweise’ thematisieren zu können. Der Argumentationsbegriff wird zunächst unter Beachtung des aristotelischen Verständnisses betrachtet sowie die grundsätzlichen Funktions- und Wirkungsweisen aufgezeigt. Daran schließt sich eine knappe Erläuterung der Elemente des Argumentationsmodells des moderneren Argumentationstheoretikers Stephen Toulmin an, welches die Grundlage für die spätere Redeanalyse darstellt. Da vermutet wird, dass die Wirkungsweise der Rede sich so nicht erklären lässt, erfolgt eine Darstellung der Funktionsweise von Manipulation. Um zu verdeutlichen, warum das Hervorrufen von Meinungsänderungen so wichtig ist, sodass mitunter zu unlauteren Mitteln gegriffen wird, schließt sich eine nähere Betrachtung der speziellen Funktion der Rede in der Politik an. Es folgt die Darstellung der Instrumentalisierung von Affekten in Hitlers Reden im Allgemeinen und die Analyse der Argumentationsstruktur der Rede Hitlers vom 16. September 1935.

1. Überzeugen mittels gültiger Argumentation

1.1 Rhetorik und Argumentation

„Die Rhetorik stelle also das Vermögen dar, bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen“ (Aristoteles 1980: 122). Dabei beschränkt sie sich nicht wie die Wissenschaften auf ein Themengebiet, sondern ist interdisziplinär (vgl. ebd.). Ihr Ziel besteht darin, durch Sprache bzw. Rede zu Überzeugen und somit Meinungs- änderungen zwecks Übereinstimmung hervorzurufen. Laut Aristoteles gibt es dazu drei Überzeugungsmittel: den Redner selbst und seinen Charakter (Ethos), den Zuhörer, der sich durch die hervorgerufenen Emotionen selbst überzeugt (Pathos), sowie den Text an sich, der durch eine schlüssige Argumentation „Wahres“ oder „Wahrscheinliches“ aufzeigt (vgl. Aristoteles 1980: 133).

Darüber, wie solch eine gültige Argumentation bzw. ein Argument aufgebaut ist, gibt es verschiedene Ansichten. Die Gültigkeit ist jedoch kein Maß dafür, ob die aufgestellten Behauptungen wahr oder unwahr sind, sondern ob die angeführten Argumente überzeugen können oder nicht. Überzeugungskräftig sind Argumente, „insofern sie rational dazu bewegen können, den (problematisierten) Geltungsanspruch einer Aussage anzuerkennen“ (Kopperschmidt 2000: 52). Wichtig ist, dass die dazu angeführten Geltungsgründe rational überzeugen sollen, dank „des eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Argumentes“ (Habermas 1982: 52) und nicht durch Gewalt, Drohung oder Manipulation. Unter diesen Bedingungen müsste man vielmehr von „überreden“ anstatt von „überzeugen“ sprechen. Dort stehen dann statt Verständigung eigene Interessen im Vordergrund.

Seit Aristoteles hält sich das klassische Modell von Unter- und Oberprämisse, aus denen sich logisch eine Konklusion ergibt. Doch dessen Einfachheit und Ungenauigkeit werden von modernen Argumentationstheoretikern wie Stephen Toulmin oder Paul-Ludwig Völzing bemängelt und durch komplexere Modelle ersetzt. Toulmins Konzept soll im Weiteren kurz vorgestellt werden, doch zunächst folgt noch kurz eine Erläuterung des allgemeinen Prinzips der Argumentation.

Unter >>Argumentation<< soll eine geregelte Abfolge (Sequenz) von Sprechhandlungen verstanden werden, die zusammen ein mehr oder weniger komplexes, kohärentes und intensionales Beziehungsnetz zwischen Aussagen bilden, das der methodischen Einlösung von problematisierten Geltungsansprüchen dient (Kopperschmidt 2000: 59).

Am Anfang einer Argumentation steht also eine Behauptung, die einen Gültigkeitsan- spruch erhebt. An sich besteht an diesem Punkt nicht notwendigerweise der Anlass, diesen Geltungsanspruch zu rechtfertigen, dies geschieht erst im Falle einer Problematisierung dieses Anspruches. Zur Rechtfertigung müssen nun Argumente, also Geltungsgründe, angeführt werden. Dabei gilt das „argumentative Grundprinzip" (Kopperschmidt 2000: 55): Eine Aussage p gilt, weil eine andere Aussage q gilt. Für q gelten Bedingungen wie Gültigkeit, Eignung, Relevanz und Glaubwürdigkeit. (vgl. Kopperschmidt 2000: 62-70). Um überzeugende Argumente zu finden, kann sich der Topik bedient werden, der Lehre von den Topoi. Sie stellt u.a. eine Methode zur Entdeckung von Argumenten dar. Topoi, auch Gemeinplätze genannt, liefern Anhaltspunkte für die vorherrschende Meinung in der Bevölkerung. „Sie sind ein praxisbezogenes Arsenal lebensweltlicher Erfahrungen, kurrenter Ideen und Interessen, jedoch auch von Dogmen und Ideologemen, denkbaren Träumen und Zielen einer Gesellschaft“ (Herzog 19954).

1.2 Elemente des Argumentationsmodells Stephen Toulmins

Stephen Toulmin erweitert das klassische Argumentationsmodell um mehrere Elemente, da es ihm nicht ausreichend erscheint, aus Unter- und Oberprämisse zu der Konklusion zu ge- langen, wie dies Aristoteles vorschlägt. Toulmin geht von einer Behauptung (K) aus, die im Falle der Anzweiflung ihren erhobenen Geltungsanspruch einlösen können muss. Dies geschieht zum einen durch die explizite Angabe von Tatsachen, die er als Daten (D) bezeichnet. Der Zusammenhang zwischen Daten und Konklusion ist oft nicht direkt ersichtlich, sodass über die Angemessenheit der Daten nicht direkt entschieden werden kann. Dieser Übergang wird deshalb mittels einer bereichsunabhängigen Schlussregel (SR) gesichert. Falls deren Gültigkeit wiederum bezweifelt wird, muss eine bereichsabhängige Stützung (S) für die Schlussregel vorhanden sein. Stützungen müssen oftmals nicht explizit genannt werden, da bereits die Schlussregel als Begründung plausibel erscheint und akzeptiert wird. Ein weiteres von Toulmin eingeführtes Element der Argumentation ist ein modaler Operator (O). „Es kann zudem nötig sein, explizit auf den Grad der Stärke zu verweisen, den unsere Daten vermöge unserer Schlußregel der Behauptung verleihen“ (Toulmin 1996: 92). Ausnahmebedingungen (AB) geben die Umstände an, unter denen die Schlussregel den Schritt von Daten zu Konklusion nicht erlaubt.

Anhand dieses, hier nur grob dargestellten, Argumentationsmodells (vgl. Toulmin 1996: 88-98) soll später die Schlüssigkeit der zu untersuchenden Rede betrachtet werden.

[...]


1 Vgl. z.B. Tonbandaufnahmen der Sportpalastrede 1933: http://www.schinka.de/d11-reden-hitler.php3.

2 Vers 1355b; Hervorhebung im Original.

3 Vers 1356a.

4 Seitenangabe nicht möglich, da es sich bei der Quelle um eine Internetseite handelt. Hervorhebungen im Original vorhanden.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640921676
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172303
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
argumentation manipulation argumentationsanalyse rede adolf hitlers september

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