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Sexualität in der Antiautoritären Erziehung von A.S. Neill - eine kritische Auseinandersetzung

Hausarbeit 2003 27 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Antiautoritäre Erziehung und die Schule Summerhill
2.1 Antiautoritäre Erziehung
2.2 Die Schule Summerhill und das Pädagogische Konzept von A.S. Neill

3. Sexualität in der Antiautoritären Pädagogik A.S. Neills
3.1 Grundlagen aus der Psychologie
3.2 Sexualerziehung in Summerhill
3.3 Neills Sexualpädagogik in der Kritik

4. Abschlussbemerkungen

5. Literatur

1. Einleitung

Die Sexualität ist ein Teil unseres Lebens. Darin stimmen wir wohl alle überein. Spätestens mit Beginn der der Pubertät beeinflusst sie unser Denken und Handeln, wenn nicht sogar schon wesentlich früher. So war es beispielsweise Siegmund Freud, der die frühkindliche Sexualität nachwies. Bereits als Säugling entwickelt das Kind eine sexuelle Anziehung auf seine Mutter, die später zum so genannten Ödipus-Komplex auswächst. Er gehört zur natürlichen Entwicklung im Kindesalter.

Die Frage allerdings, wie man mit der Sexualität umgehen soll, ist schon sehr lange Thema geisteswissenschaftlicher und alltäglicher Diskussion. Hier stehen sich sehr stark voneinander abweichenden Meinungen gegenüber. Eine der moderneren Auffassungen ist Gegenstand dieser Hausarbeit: Der Pädagoge Alexander Sutherland Neill vertritt in seinem Antiautoritären Erziehungskonzept eine radikale und sehr neuzeitliche Ansicht zu diesem Thema und entsprechend ist seine Pädagogik häufig Gegenstand heftiger Diskussionen gewesen.

Zunächst werde ich im Rahmen dieser Hausarbeit eine kurze Einführung zum Thema der Antiautoritären Erziehung und zur Pädagogik Neills geben. In diesem Zusammenhang wird die Schule Summerhill vorzustellen sein, da sie – wie man sagen könnte – zum Aushängeschild des Prinzips der Antiautoritären Erziehung geworden ist.

Im zweiten Teil werde ich die Sexualpädagogik Neills in ihren Grundzügen vorstellen. Dabei kann leider nicht auf jeden Aspekt eingegangen werden, da das den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Jedoch werde ich verschiedene Ansätze der Kritik um die Sexualerziehung darstellen und auch meine eigene Meinung zu den unterschiedlichen Punkten wiedergeben. Auch hier sei angemerkt, dass es sehr viele verschiedene Ansätze gibt, die aufgrund der Kürze nicht alle ausführlich behandelt werden konnten. Die Absicht dieser Arbeit besteht vielmehr darin, dem Leser Grundlagen der Antiautoritären Erziehung zu vermitteln und einen Einblick in das komplexe Thema der Sexualität aus erziehungswissenschaftlicher Sicht zu gewähren. Aus diesem Grunde befindet sich am Ende der Hausarbeit ein umfassendes Verzeichnis mit weiterführender Literatur.

2. Antiautoritäre Erziehung und die Schule Summerhill

2.1 Antiautoritäre Erziehung

Antiautoritäre Erziehung lässt sich zunächst auch als eine nicht-autoritäre Erziehung beschreiben. Dies mag sich sehr simpel anhören, deutet aber schon das Programm an, welches sich hinter dem Begriff verbirgt. Hier wird eine Erziehungskonzeption beschrieben, die ausgangs der sechziger Jahre im Zuge der damaligen Studentenbewegung entstand und in den frühen siebziger Jahren ihren Höhepunkt annahm. Zu dieser Zeit wurden unzählige Schriften auf Seiten der Vertreter so wie der Kritiker veröffentlicht, und die Konzepte der Antiautoritären Erziehung schafften es, in die Lehrangebote zahlreicher Hochschulen und Universitäten zu gelangen. Die Antiautoritäre Erziehung wurde zu einer Art Volksbewegung, auf die häufig positiv aber oft auch negativ reagiert wurde. Besondere Bedeutung erlangte während dieser Entwicklung das Buch „Theorie und Praxis der Antiautoritären Erziehung“[1], welches zu den literarischen Bestsellern des Jahres 1970 zählt.

Theoretisch orientierten sich die Verfechter Antiautoritärer Erziehung an den gesellschaftskritischen Positionen der Frankfurter Schule - beispielsweise an T.W. Adorno - und an tiefenpsychologisch begründeten Erziehungsvorstellungen, etwa an den Ansätzen von S. Bernfeld, E. Fromm, A. Neill und W. Reich. Im Wesentlichen ist das Prinzip Antiautoritärer Erziehung dadurch gekennzeichnet, dass sie ohne Zwänge auskommt und die Bedürfnisse der Kinder nicht unterdrückt. Eine liberale Erziehung also, die Freiheit und Selbstbestimmung groß schreibt und für die der Glaube an das Gute im Kind normativen Charakter bekommt und grundlegend wird. Auf diese Weise sollen die Kinder frühzeitig Selbstbewusstsein, Solidarität und politisches Interesse entwickeln.

Die Antiautoritäre Erziehung stellt somit eine Alternative zu traditionellen Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen dar, die fast immer von Autorität gekennzeichnet sind. Und mehr noch: Wenn man sich bewusst macht, welch große Bedeutung der Autorität in der Erziehung und in alltäglichen Lebensprozessen überhaupt, bisher zukam und heute noch zukommt, dann kann man erahnen, welche Sonderstellung die Antiautoritäre Erziehung für sich beanspruchen kann und wie revolutionär dieses Konzept war und immer noch ist. So schrieb Max Horkheimer 1936:

„Bei vielen Menschen ist ihr Verhältnis zur Autorität der hervorstechendste Zug ihres Charakters“[2].

Kurt Beutler formuliert diesen Gedanken näher aus. Für ihn ist die Unterwerfung des Zöglings unter die pädagogische Autorität eine Vorbereitung auf die Unterwerfung des Erwachsenen unter das Joch der staatlichen Autorität[3]. Derartige Tendenzen versucht die Antiautoritäre Erziehung zu vermeiden. So haben Neill und andere Pädagogen dieser Konzeption es sich zur Aufgabe gemacht, glückliche und vor allem freie Kinder heranzuziehen, die nicht auf eine Autorität angewiesen sind, sondern die in der Lage sind, für sich selbst bestimmen zu können.

Nach dem Versuch, der Antiautoritären Erziehung in den traditionellen Erziehungs- und Sozialisationsinstitutionen Geltung zu verschaffen, wurde diese Konzeption im Rahmen alternativer Lebensformen, wie z.B. in Kommunen oder in eigenen alternativen Einrichtungen (z.B. Kinderläden) praktiziert.[4] Als das repräsentativste Objekt unter solchen Einrichtungen kann das Landerziehungsheim Summerhill angesehen werden (Vgl. 2.2), welches einerseits bis heute sehr oft Ausgangspunkt für Diskussionen und Kritiken um den Grundsatz der Antiautoritären Erziehung ist, andererseits aber auch eine Großzahl an Fürsprechern für sich gewinnen konnte.

Heute ist die Bewegung der Antiautoritären Erziehung abgeklungen oder wird sogar von einigen Stimmen als gescheitert bezeichnet[5]. Jedoch: manche ihrer Forderungen haben in der Zwischenzeit Eingang in die Gestaltung pädagogisch-psychologischer Institutionen gefunden.

2.2 Die Schule Summerhill und das Pädagogische Konzept von A.S. Neill

Im Jahre 1921 gründet der schottische Reformpädagoge Alexander Sutherland Neill im englischen Lyme Regis (Suffolk) die Internatsschule Summerhill. Mit seiner Antiautoritären Erziehungsmethode, die er in seiner Institution über Jahre hinweg praktizierte – und die dort auch heute noch praktiziert wird - ist Neill weit über Großbritannien hinaus bekannt geworden und zählte schon zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Pädagogen in der Neuzeit. Seit seinem Bekanntwerden gilt Summerhill als der Prototyp der antiautoritären Schule. Man kann dieses Modellprojekt als Experiment betrachten, über dessen Erfolg oder Scheitern sehr kontrovers diskutiert wurde.

Die Einrichtung Summerhill liegt seit 1945 in Leiston, an der Ostküste Englands, und erstreckt sich auf einem Gelände von 45 000 m2. Sie besteht aus einem Hauptgebäude und mehreren Nebengebäuden, die etwa vierzig bis sechzig Schüler unterschiedlicher Nationalitäten im Alter zwischen fünf und siebzehn Jahren beherbergen können. Im Grundprinzip werden die Schüler hier repressionsfrei erzogen, um ihnen den Weg in ein glückliches, erfülltes und vor allem freies Dasein zu ebnen. Da in Summerhill auf jegliche Form der Lenkung oder suggestiven Beeinflussung der Kinder und auch auf Disziplinarmaßnahmen verzichtet wird, erinnert die Schule oft an ein Ferienlager, in dem die Freizeitgestaltung und Freiheit eine sehr wichtige Rolle spielen. Individualität und Gemeinschaftssinn sind hier bedeutsamer als das bloße Vermitteln von Wissen im Unterricht. So nehmen kreative Freizeitbeschäftigungen, wie Spiel, Tanz, Musik und Theater, einen Großteil der Zeit in Anspruch, da laut Neill, die Kinder in diesem Bereich ihre Persönlichkeit am besten entwickeln können. Das Spielen ist seiner Ansicht nach für eine natürliche, gesunde und glücke Entwicklung der Kinder wichtig.

So verwundert es auch nicht, dass in Summerhill keine Anwesenheitspflicht für den Unterricht besteht. Die Schüler können ihren Tagesablauf selbst festlegen, was dem Prinzip der Selbstbestimmung entspricht. Ein weiterer Schwerpunkt in Summerhill besteht in der Maxime der Selbstregierung. In wöchentlich stattfindenden Schulversammlungen werden auf demokratische Art und Weise alltägliche Umgangsformen und Normen festgelegt. Dies betrifft alles, was mit dem Leben in der Gemeinschaft zusammenhängt, also auch die Bestrafung von Vergehen gegen zuvor selbst festgelegte Regeln. An solchen Versammlungen können – müssen aber nicht –alle Mitglieder der Gemeinschaft teilnehmen. Alle haben das gleiche Stimmrecht und keine Meinung ist wichtiger als eine andere. So werden Schüler und Lehrer als gleichberechtigte Partner bei der Normsetzung und darüber hinaus verstanden.

So bekannt wie Neill durch seine Schule und Erziehung geworden ist, so umstritten ist auch seine Pädagogik. Summerhill wurde schon immer sehr kontrovers diskutiert und oft als „Skandalschule“ und als Schule ohne Regeln dargestellt[6]. Vor allem Neills Grundeinstellung zur Sexualität hat zu großem Aufsehen und weltweiten Protesten geführt. Er sprach sich für eine freie sexuelle Entfaltung aus, wobei er hier jedoch einen Kompromiss mit seiner Heimat eingehen musste, da im doch eher prüden Großbritannien andernfalls das Bestehen Summerhills gefährdet gewesen wäre.

Neben der Kritik an Neills Sexualpädagogik, auf die noch einzugehen sein wird, wurden auch Einwände gegen andere Aspekte seiner Erziehung aufgeworfen. Folgende Punkte tauchen unter anderen in den Diskussionen um Summerhill und die Pädagogik Neills immer wieder auf:

- Summerhill stellt eine „pädagogische Insel“[7] dar, eine künstlich hergestellte Umwelt also, die mit der Realität unserer Gesellschaft zu wenig gemeinsam hat.[8] Dieser Umstand führt zu der schon oft diskutierten Frage, wie die Integration der Zöglinge in die Gesellschaft aussehen solle.
- Neills pädagogischer Ansatz überschätzt die Eigendynamik der menschlichen Entwicklung, die Selbstregulation und die Selbstbestimmung. Neill glaubt, dass Kinder sich aus eigenem Antrieb entsprechend ihrer ihnen gegebenen Möglichkeiten entwickeln, wenn sie in Freiheit aufwachsen können. Daraus folgt, dass man sie nicht zum Lernen zwingen sollte. Weber konstatiert hierzu:

„Erfolgt die freie Wahl der Unterrichtsfächer durch die Kinder ohne vorausgegangene Erfahrung mit ihnen, so geschieht dies aufgrund von Vorurteilen. Außerdem besteht die Gefahr, dass Schüler, die lediglich vom Lustprinzip bestimmt sind, vor jenen Fächern ausweichen, die unbequeme Ansprüche stellen“[9].

- Trotz der Antiautoritären Erziehung kann in Summerhill Autorität vorherrschen. So haben W. Hilber und H. Heiland dargestellt, dass es eine Form der Autorität in Neills Konzept gibt, weshalb die Frage besteht, ob man noch von einem antiautoritären System sprechen kann.
- Einen weiterer Kritikpunkt sehen die Gegner von Summerhill im Fehlen qualifizierter Lehrer und dem Vernachlässigen wissenschaftlicher Unterrichtsfächer, sowie der Anwendung veralteter Lernmethoden. Dieser Einwand wird nicht nur von den Schulinspektoren erhoben, sondern von den Summerhill-Absolventen selbst. Neill weist zwar daraufhin, dass die Schüler später die Unterrichtsinhalte schnell nachholen, dies scheint aber nicht ganz so leicht zu sein, wie von Neill dargestellt. Auf die Frage hin, ob er das Geistige in seiner Pädagogik vernachlässige, antwortet Neill ausweichend, dass er dem Gefühls- und Gemütszuständen seiner Schüler einen höheren Stellenwert als geistigem Wissen und Fähigkeiten beimisst.

[...]


[1] A.S. Neill, 1960; Reinbeck 2001

[2] Horkheimer, Max. 1936, S. 77; zit. n. Claßen. 1973, S. 7

[3] Beutler, Kurt: Was heißt „Antiautoritäre Erziehung“? In: Claßen 1973

[4] siehe hierzu: Beutler, Kurt: Was heißt „Antiautoritäre Erziehung“? In: Claßen, 1973; S. 7 - 19

[5] siehe hierzu: Ludwig, Peter H.: Antiautoritäre Erziehung – ein gescheitertes Konzept? Bemerkungen zur gegenwärtigen Bilanzierung liberaler Pädagogik in Elternhaus und Schule. In: Ders. (Hrsg.). 1997, S. 102 - 232

[6] siehe hierzu: Hart, H. 1971

[7] Dick, L. van. 1979, S. 116; zit. n. Klemm. In: Ludwig (Hrsg.) 1997, S. 18

[8] siehe hierzu: E. Weber. 1974

[9] Weber 1974, S. 62; zit. n. Klemm. In: Ludwig (Hrsg.) 1997, S. 19

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638218580
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17240
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Sexualität Antiautoritären Erziehung Neill Auseinandersetzung Antiautoritäre Erziehungstheorie Erziehungspraxis

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