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Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Hauptteil
2.1. Desertion und unerlaubte Abwesenheit
2.1.1 Definition
2.1.2 Arten und Motivationen für die Desertion und unerlaubter Abwesenheit
2.1.4 Desertionsprävention
2.2 Die Desertionsverfahren
2.2.1 Die Jagd nach desertierten Soldaten
2.2.2 Das Konfiskationsverfahren unerlaubt abwesender Kantonisten
2.2.3 Das Enteignungsverfahren aktiver Soldaten
2.2.4 Desertion in Zahlen
2.2.5 Rückkehr abwesender Kantonspflichtiger und Stellung von Ersatzleuten
2.3 Die Strafen
2.4 Die Generalpardons

3. Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einführung

Diese Seminararbeit beschäftigt sich in ihrem weiteren Verlauf mit dem Thema `Desertion und unerlaubtes Entfernen´ in Preußen im 17. und 18. Jahrhundert. Damit fällt die Thematik in die Regierungszeiten Friedrich Wilhelms I. und dessen Sohn Friedrich II., der auch als Friedrich der Große bezeichnet wird. Friedrich II. übernahm im Jahr 1740 die Regierungsgeschäfte von seinem Vater. Dabei konnte er auf eine starke und gut ausgebildete Armee, einen guten Finanzhaushalt sowie installierte Verwaltungsstrukturen zurückgreifen.[1] Diese Vorgaben sollten ihm in den beiden Schlesischen Kriegen von 1740/41 und 1745 und dem Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 von großem Nutzen sein.[2]

Als prominentestes Beispiel einer ´versuchten Desertion` dieser Zeit ist die Flucht des späteren Königs Friedrich II. nennen. Dieser versuchte 1730 mit seinen Freund, dem Offizier Hans Hermann von Katte, vor seinem Vater Friedrich Wilhelm I. an den englischen Königshof zu fliehen. Der Plan wurde jedoch verraten, Friedrich II. in Küstrin als Deserteur gefangen gehalten und von Katte vor den Augen Friedrichs hingerichtet. Nach und nach überzeugte Friedrich seinen Vater von seiner Treue und erhielt 1732 als Oberst ein Regiment in Neu-Ruppin.[3]

Preußen rekrutierte zu diese Zeiten nicht nur die Kantonspflichtigen, die so genannten ´Einländer´, sondern auch so genannte ´Ausländer´. Dies waren zum einen Nicht-Preußen, zum anderen gehörten zu diesem Kreis auch die `gemachten Ausländer´, die aus Soldatensöhne oder Enrollierte aus anderen Kantonen Preußens bestanden und die sich unter Angabe des falschen Geburtsortes anwerben ließen.[4] Dies wird im weiteren Verlauf der Hausarbeit, besonders bei der Frage der Unsicherheit oder bei der Desertionsprävention noch eine Rolle spielen.

Aber nicht nur Soldaten, sondern auch enrollierte[5] Zivilisten oder noch nicht enrollierte Zivilisten konnten ´desertierten´ oder sich ´unerlaubt ´ entfernten. Dies wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit ein besonderes Unterscheidungsmerkmal sein.

Des Weiteren wird die Seminararbeit die Motive für Desertionen, das Strafverfahren und die Arten der Strafen vorstellen.

Für diese Arbeit konnte leider nur auf eine geringe Anzahl von Monographien zurückgegriffen werden. Obwohl es bereits zu Zeiten Friedrich des Großen sowohl ein bestehendes, als auch ein bewährtes Verwaltungssystem in Preußen gab, ist die Quellenlage sehr lückenhaft und konnte in den letzten Jahren nur teilweise rekonstruiert werden. Die Verlustsituation der Quellen hatte mehrere Ursachen. Ein Grund war, dass die Akten teilweise von der pußischen Armee und der französischen Besatzungsarmee zur Produktion von Patronenhülsen verwendet wurden.[6] Ein weiterer Grund waren die Zerstörungen des Potsdamer Heeresarchivs und des Geheimen Staatsarchivs in Berlin durch Bombardierungen und Kampfeinwirkungen während des Zweiten Weltkriegs.[7] Jedoch sind in den letzten Jahrzehnten viele Quellenzeugnisse teils aus privaten Beständen, teils aus nicht zerstörten oder neu geöffneten Archiven wieder aufgetaucht. Diese müssen aber zum Teil noch transkripiert, auf ihren Inhalt und auf ihre Aussagekraft geprüft werden. Da dieses Thema die neue Geschichte betrifft, kann man fast ausschließlich nur auf schriftliche Quellen zurückgreifen. Die wichtigsten Werke, auf die diese Arbeit aufbaut, stammen von Dr. Martin Winter – Untertanengeist durch Militärpflicht, Jörg Muth – Fluch aus dem militärischen Alltag, Ulrich Bröckling - Disziplin und Michael Sikora – Disziplin und Desertion. Die meisten für diese Arbeit genutzte Literatur entstand nach dem Jahr 1996 entstanden.

2. Hauptteil

2.1. Desertion und unerlaubte Abwesenheit

2.1.1 Definition

Michael Sikora übernimmt in seiner Monographie die Definition des Deserteurs aus dem Universal-Lexicon von Zedler, welche wie folgt lautet: Deserteur „heißt ein Soldate, welcher von seiner Compagnie ohne Abschied heimlich fortgehet und den seinem Landes-Herrn geschworenen Eid bricht“.[8]

Aus dieser Definition lassen sich sehr gut die Tatbestandsvoraussetzungen und die Rechtsfolge ableiten. Erste Tatbestandsvoraussetzung laut dieser Definition ist, dass es sich bei der Person um einen Soldaten handeln muss. Ist der Mann in den militärischen Dienst eines Dienstherren eingetreten, es reichte schon das `Werbegeld´ der Anwerber zu nehmen, spricht man von einem Soldat.

Zweite Tatbestandsvoraussetzung ist die heimliche Flucht und der damit einhergehende Eidbruch gegenüber dem Dienst- bzw. Landesherren. Wenn ein Soldat während eines Gefechts ´verspngt´ wurde, handelte es sich dabei nicht automatisch um einen Deserteur. Der Soldat musste sich mit Wissen und Wollen dem Militärdienst entziehen um zum Deserteur zu werden.

Allerdings spricht die hier zitierte Definition nur von Desertion von Soldaten. Der Begriff der Desertion lässt sich aber auch auf den zivilen Bereich übertragen. Die Flucht aus der zivilen Ehe wurde oftmals auch als ´Desertion´ bezeichnet.[9]

Bei abwesenden enrollierten Kantonspflichtigten sprach man zunächst von unerlaubt Abwesenden oder unerlaubt Entfernten. Das gleiche galt für die männliche Bevölkerung, die entweder für den Militärdienst noch nicht erfasst war oder für den Militärdienst als unbrauchbar erfasst worden war. Diese Bevölkerungsteile waren, auch wenn sie für den Militärdienst zu diesem Zeitpunkt nicht gebraucht wurden, für das merkantilistische Wirtschaftssystem Preußens sehr wichtig, sofern sie einer Arbeit nachgingen. Mit dem Edikt vom 17. Oktober 1713 wurden alle ´Landeskinder´, die unerlaubt Preußen verließen, wie militärische Deserteure behandelt.[10] Diese sollten „ihres zurückgelassenen Vermögens verlustig gehen, falls sie sich nicht binnen 3 Monaten wieder im Land einfinden würden.“[11] Handwerker, die sich auf der ´Walz´ befanden oder aufgrund ihrer Arbeit das Land verlassen mussten, sollten allerdings nicht bestraft werden.[12]

Die männliche Bevölkerung konnte sich aber auch auf andere Art und Weise dem Militärdienst entziehen. Diese Arten werden im folgenden Punkt vorgestellt.

2.1.2 Arten und Motivationen für die Desertion und unerlaubter Abwesenheit

Die ´beliebteste´ Art der Desertion war die Flucht aus dem Militärdienst, wie sie in der Definition in Punkt 2.1.1 vorgestellt wurde. Dabei kann die Flucht verschiedene Hintergründe und Motivationen besitzen.

Für manche Soldaten stellte die Flucht eine Entziehung aus dem Militärdienst dar. Dies taten viele Männer, um dem harten Soldatenalltag, Konflikten mit den Vorgesetzten, Strafen und bevorstehenden oder laufenden Feldzügen zu entgehen.

Viele Soldaten desertierten aber auch aus privaten Gründen, z.B. weil der Vater verstorben war und nun niemand da war, um den elterlichen Hof zu führen.

Weitere Beispiele sind: Angst vor dem Verlust der Nebeneinkünfte als Tagelöhner oder das Wohnen in der Garnison, obwohl der Soldat mietfrei in der Stadt wohnen konnte. Des Weiteren Angst vor Züchtigung und dem Dienstbetrieb oder weil der Familie es an dem Standort nicht mehr gefiel.[13]

Eine weitere Möglichkeit war, aus dem ´alten´ Regiment zu desertieren und sich erstens vom Feind oder zweitens von einer anderen Kompanie anwerben zu lassen. Bei der ersten Möglichkeit spricht man von den so genannten `Überläufern´. Hierbei entstand dem ehemaligen Dienst- bzw. Landesherrn einen doppelten Schaden, da er einerseits einen ausgebildeten Mann verlor, der jetzt andererseits gegen den alten Dienst- bzw. Landesherrn kämpfte. Bei der zweiten Möglichkeit erhielt der Soldat erneut beim Anwerben das Werbegeld. Darin sah der desertierte Soldat eine Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen.[14]

Eine weitere Möglichkeit des Entzuges war die Selbstverstümmelung. Diese wurde nicht nur während der Dienstzeit, sondern zum Teil auch vor und direkt nach der Werbung durchgeführt. Durch die Selbstverstümmelung wollte sich der Mann so verletzen, dass er für den Militärdienst unbrauchbar wurde. Von Erfolg waren dabei zwei Vorgehensweisen: Entweder amputierte sich der Soldat den Daumen der rechten Hand oder er schlug sich die Schneidezähne aus. Im ersten Fall konnte der Soldat aufgrund des fehlenden rechten Daumens den Hahn an der Steinschlossflinte nicht mehr spannen und im zweiten Fall hinderten die fehlenden Schneidezähne den Soldaten am Aufbeißen der Pulverpatrone.[15] Allerdings sind, laut Winter, bei Archivrecherchen keine Fälle der absichtlichen Selbstverstümmelung bekannt geworden[16] Da der pußische König besonderes Interesse an großgewachsenen Männern hatte, wird von Eltern berichtet, die ihre Kinder von frühester Jugend an körperlich schwer arbeiten ließen, um das Wachstum der Kinder zu hemmen.[17]

Das unerlaubte Auswandern wurde, wie bereits unter Punkt 2.1.1 beschrieben, ebenfalls als Desertion angesehen. Da zu diesen Zeiten Preußen zum Teil relativ schwach besiedelt war, der pußische König aber gleichzeitig eine Verdopplung seiner Armee auf 80.000 Mann vornahm, konnte diese Aufstockung nur durch Zwangsrekrutierung in der eigenen Bevölkerung geschehen. Diese Zwangsrekrutierungen veranlassten viele ´Landeskinder´, besonders die großgewachsenen Männer, die in Grenznähe lebten, Preußen zu verlassen. Eine solche ´Landflucht´ schadete der pußischen Wirtschaft, während sie gleichzeitig die Wirtschaft der Nachbarländer und teilweise späteren Gegner Preußens förderte. Desertions-Motivationen für noch nicht zu Militärdienst gezogene Kantonspflichtige waren vor allem die Flucht vor der Zwangsrekrutierung und oftmals persönliche oder wirtschaftliche Vorteile. Einige Kantonspflichtige, die sich auf der `Walz´ in anderen, grenznahen Ländern befanden, fanden dort nach ihrer Ausbildung bessere Arbeitsplätze oder heirateten dort.

Als letzten Ausweg sahen die Soldaten scheinbar nur den Selbstmord. Sikora trifft hierzu in seinem Buch folgende Feststellung: „Bei einer Zivilbevölkerung von 110 000 und insgesamt 107 Selbstmorden lautet das Verhältnis 1000 zu 0,16. Es begingen aber 132 Militärangehörige in dieser Zeit Selbstmord;“[18] Dies entsprach einem Verhältnis von 0,66 zu 1000.[19] Und besonders zeichnete sich ein Anstieg der Rate in den Exerziermonaten ab. Aus diesen Fakten folgert Sikora wie folgt: „Diese Zahlen dürfen immerhin als Indiz dafür gelten, dass in der Armee überdurchschnittlich viele Selbstmorde vorkamen.“[20]

[...]


[1] vgl. Friedenthal 1999, S. 418 – 419

[2] vgl. Dorn/Engelmann 1997, S. 5

[3] vgl. Bär/Quensel 2003, S. 307

[4] vgl. Winter 2005, S. 170 -171

[5] ´Enrolliert´ bedeutet die Einschreibung wehrfähiger Männer in die Kantonslisten, Diese Männer bezeichnete man dann als Kantonspflichtige

[6] vgl. Muth 2003, S. 19

[7] vgl. Muth 2003, S. 19

[8] Sikora 1996, S. 54

[9] vgl. Muth (2003), S. 85

[10] vgl. Winter 2005, S. 357

[11] Winter 2005, S. 357

[12] vgl. Winter 2005, S. 357

[13] vgl. Winter 2005, S. 414 - 417

[14] vgl. Sikora 1996, S. 54

[15] vgl. Winter 2005, S. 351

[16] vgl. Winter 2005, S. 352

[17] vgl. Sikora 1996, S 66

[18] Sikora 1996, S. 66

[19] vgl. Sikora, S. 66

[20] Sikora 1996, S. 66

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640924066
ISBN (Buch)
9783640924004
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172419
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
Schlagworte
Preußen Desertion Unerlaubtes Entfernen Strafen unerlaubte Abwesenheit Konfiszierungen Kantonisten Konfiskationsverfahren Generalpardon Motivationen Gassenlauf Desertionsprävention Desertionsverfahren Heer Soldaten Friedrich II. Friedrich der Große 18. Jahrhundert Regiment Jagd Enteignung

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Titel: Heeresaufbringung in Preußen im 17. und 18. Jahrhundert: Desertion und unerlaubtes Entfernen