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Ulman Stromers Papiermühlgründung

Konzepte, Begleitumstände, Erfolge

Bachelorarbeit 2011 57 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitende Worte
1.1. Gegenstand und Ziel /Zeitliche und inhaltliche Abgrenzung
1.2. Forschungsstand und Quellen-/Literaturlage

2. Das Stromersche Handelshaus im Kontext historischer Entwicklung der Stadt Nürnberg bis 1450
2.1. Übersicht des gewerblichen Progresses
2.2. Profitieren vom Fachwissen

3. Wirtschaftliche Faktoren für Ulman Stromer zur Gründung einer Papiermühle
3.1. Kernstück Papiermühle
3.1.1. Gesamtkonzept der Firma Stromer
3.1.2. Wahl des Standorts Nürnberg
3.2. Mitarbeit in der Papiermühle
3.2.1. Einstellung von Mitarbeitern
3.2.2. Arbeitskonditionen in der Papiermühle
3.3. Arbeitsverträge zur Sicherung des Unternehmens
3.3.1. Aufbau der Arbeitsverträge
3.3.2. Vertragsvergleich mit einem Vorbild des Handwerks

4. Ulman Stromers Kontaktstrukturen zur Gründung einer Papiermühle
4.1. Politisches Handeln
4.1.1. Absatzträger im (gesellschafts-)politisches Bereich
4.1.2. Position im Nürnberger Rat
4.2. Auswirkungen auf das Papierunternehmen
4.2.1. Papierverkauf
4.2.2. Verbreitung des Papiers

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Grafiken und Abbildungen

Bildnachweis

1. Einleitende Worte

Ein kolorierter Holzschnitt der Reichsstadt Nürnberg aus der Schedelschen Weltchronik von 1493 (Abb. 1) zeigt uns eine Gruppe von fünf Gebäuden am rechten unteren Bildrand, etwas außerhalb der Stadtmauern. Es handelt sich bei dem Gebäudekomplex um Ulman Stromers Papiermühle, die zu jener Zeit aber nicht mehr in Betrieb war. In Deutschland haben wir die erste sichere Nachricht von der Aufstellung einer Papiermühle durch Ulman Stromer vor den Toren Nürnbergs im Jahr 1390. Die ursprünglichen Mühlenanlagen gingen jedoch durch einen Brand anno 1479 zugrunde. Spätere Bilder, wie eben auch der Abdruck aus der Schedelschen Weltchronik, können nur die sogenannte Gleißmühle nach dem Wiederaufbau zeigen, wenn wohl auch der ursprüngliche Grundrisszustand größtenteils erhalten werden konnte und wir so zumindest ein grobes Bild des Aussehens in früherer Zeit vorliegen haben.1

1.1 Gegenstand und Ziel

Grundlegendes Ziel der vorliegenden Arbeit ist es darzustellen, welche Auswirkungen die Papiermühlgründung für das Handelshaus des Ulman Stromer hatte. Von dieser Betrachtung erfasst und näher erforscht wird also das Wirken Ulman Stromers zu Lebzeiten (1329-1407). Die Arbeit ist räumlich zunächst grundsätzlich auf das Territorium der Reichsstadt Nürnberg beschränkt. Da jedoch das Handelsnetz der Stromer weit über die Grenzen des heutigen Deutschlands reichte, wurden auch andere, ausländische Orte mit einbezogen. Der Beginn der Abhandlung findet sich begründet in einer Untersuchung der wirtschaftlichen und politischen Umstände, die das Herstellen von Papier für Ulman Stromer in Nürnberg attraktiv machten. Dem vorausgeschickt sei eine überblicksartige Darstellung der Nürnberger Stadtgeschichte bis circa 1450 aus dem vordergründig wirtschaftlichen Blickwinkel, um die Wechselbeziehungen und damalig vorherrschenden geschäftlichen Zustände besser charakterisieren zu können. Unter den ökonomischen Umständen sind die betrieblichen Gegebenheiten, die die Papiermühle zum Kernstück des Stromerschen Handelshaus machte sowie die positiven Standortbedingungen, welche in Nürnberg gegeben waren, herauszustellen. Von ebenfalls hoher Bedeutung ist der profilierte politische Rang, welchen Ulman Stromer im Nürnberger Rat einnahm. Wie er diese Position für sein Unternehmen der Papiererzeugung ausnützen konnte, wird hierbei verdeutlicht. Auf die Papiermühle und seine Mitarbeiter wird ebenso geblickt. In diesem Zusammenhang ist zuerst eine Aufstellung des eingestellten Personals zu erfolgen. Damit sein Unternehmen erfolgreich bestehen konnte, zwang Ulman seine Mitarbeiter Treueide zu schwören. Diese Eide wurden handschriftlich vermerkt und sind als eine der ersten Arbeitsverträge in diesem Handwerk zu sehen. Inwieweit sich Ulman dabei an Vorbildern aus anderen Gewerben orientierte und worin die Differenzen liegen, soll bei diesem Punkt abrundend erörtert werden. Ein Fazit schlussendlich gibt Auskunft über die ermittelten Umstände, Faktoren und Beweggründe zur Gründung der ersten urkundlich belegten Papiermühle auf deutschem Gebiet.

1.2. Forschungsstand und Quellen-/Literaturlage

Die Beschäftigung mit der Papierherstellung in Nürnberg in Bezug auf Ulman Stromer findet in der Forschung hinreichenden Anklang. Vor allem aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es eine Reihe an Beiträgen, die sich im Speziellem auf Ulman Stromer und seine Hadernmühle berufen. Die Abhandlungen schildern bevorzugt das Leben Ulman Stromers, wobei die Periode der Papiermühlgründung im Mittelpunkt steht. Als überlieferter Beleg werden hierzu die Notizen des Püchels von mein geslechte und von abentewr aus der Hand Ulman Stromers, in gotischer Minuskel geschrieben, genutzt.2 Jenes Werk gilt als Hauptquelle der Arbeiten zur ersten Papiermühlgründung auf deutschem Gebiet.3 Hauptsächlich wird bei den Abfassungen auf den Vorgang der Schaffung der Papiermühle eingegangen und durch welche allumfassenden Hintergrundumstände ein solch wirtschaftlicher Kraftakt einer Eröffnungspremiere möglich gemacht wurde. Abgerundet wurde meist mit einer Beschreibung der Papierherstellung an sich oder dergleichen, universellen Betrachtungen zum Papier und seiner Geschichte. Spezifischere Herangehensweisen, wie sie hier bestrebt sind, wurden in der derzeitigen Forschungslage nicht bzw. kaum berücksichtigt. Aktuellere Publikationen behandeln Ulman Stromers Püchel häufig auch als Teil eines übergeordneten Themas, so wird das Püchel als Exemplum herangezogen. Als Beispiele hierfür sind die Werke von Matthias Kirchhoff und Barbara Schmid4 anzuführen, die beide jeweils das Püchel Stromers vornehmlich im Hinblick auf ihre gewählte Hauptthematik untersuchten.

Als Quellenmaterial wurden Akten und Urkunden herangezogen, die für Ulman Stromer und dessen Papiermühlprojekt relevant waren. Zum einen sind hierbei auf städtische Rechnungs- bzw. Lehensbücher hinzuweisen, zum anderen auf eine Quellensammlung basierend auf dem Archiv des Freiherren Stromer von Reichenbach. Wie der Name des Herausgebers bereits vermuten lässt, handelt es sich hierbei um einen Nachfahren Ulman Stromers. Von Bedeutung ist vor allem die Analyse der Originalbriefe aus der Zeit der Papiermühleröffnung.

Als hauptsächliche Primärquelle wurde, wie bereits erwähnt, das Püchel von mein geslechte und von abentewr von Ulman Stromer hergenommen. Es liegt ein Faksimile der Urfassung mit einem dazugehörigen Kommentarband5 vor. Darin sind die Aufzeichnungen Ulman Stromers ab etwa 1360 vereinigt, der in einem quasi ersten Teil familiäre Bemerkungen notiert und anschließend in einem zweiten Part in loser Folge unter anderem Berichte über die Reichsstadt Nürnberg, des Handels und über politische Ereignisse abgibt. Ausweislich der Wasserzeichen entstand die Handschrift erst ab 1385, vermutlich begann der bereits 60-jährige Ulman seine Aufzeichnungen gegen 1390.6 In dieser Abhandlung werden vorzugsweise die äquivalenten Übertragungen des Püchels im Kommentarband zum Faksimile zitiert.

Eine erkleckliche Literaturlage zum Thema Papier und Ulman Stromer gibt einen groben Überblick. Hierbei trifft man unweigerlich auf Autorennamen wie Lore Sporhan-Krempel, die eine Vielzahl an Abhandlungen zu dem Thema verfasst(e). Ebenfalls muss in diesem Zusammenhang auf die Aufsätze von Wolfgang Stromer von Reichenbach gewiesen werden. Seine Schriften zeugen von detaillierten, aufschlussreichen Kenntnissen und Folgerungen, wiederholen sich aber mehrfach in einigen Teilen bei den diversen, von ihm stammenden Arbeiten. Indessen wird, wie Matthias Kirchhoff es so treffend bezeichnete, ein „(über)pointiert[er]“7 Stil bei Wolfgang Stromer von Reichenbach verfolgt, der teilweise das Geschriebene minder glaubhaft bzw. etwas überspitzt formuliert erscheinen lässt. Oftmals kooperieren die beiden letztgenannten Verfasser in ihren Arbeiten zu Ulman Stromer und dessen Papiermühle.

Geschichtliche Sammelwerke tragen dazu bei die wirtschaftlichen und politischen Faktoren zur Papiermühlgründung überzeugend darlegen zu können. Für den Punkt, der die geschlossenen Arbeitsverträge mit Mitarbeitern der Papiermühle genauer schildert wurden zum Vergleich Abhandlungen zur allgemeinen Arbeitssituation im Mittelalter zu Rate gezogen. Sie ergänzen die gedruckten Quelleinfügungen zu vertraglichen Berufsregelungen im Mittelalter.

Erwähnung müssen an dieser Stelle auch die Überblickswerke zum Thema Papier finden. Diese lassen natürlich die erste Papiermühlgründung in Deutschland nicht unbeachtet, dennoch können in den zumeist schon ältlicheren Werken heute Fehlinformationen nachgewiesen werden. Diesbezüglich kann beispielsweise Hans H. Bockwitzs Publikation „Zur Kulturgeschichte des Papiers“ aus dem Jahr 1935 angeführt werden. Fälschlicherweise wird berichtet, dass Ulman in seinem Püchel von den aufständischen Welschen schreibe, dessen „Widerstand […] [jedoch] rasch gebrochen wurde, so dass anzunehmen ist, dass die Italiener seitdem sie im „Kämmerlein des Turmes“ eingesperrt gewesen, zur Zufriedenheit Stromers ihre Arbeit taten.“8 Die Legende von den rebellischen, welschen Mitarbeitern, die „Ulman den Gehorsam verweigerten und ihm nicht das zweite Rad an seiner Papiermühle bauen wollten“9 hielt sich hartnäckig über eine große Zeitspanne in der Forschungsliteratur. Der Grund dafür liegt in den vielfältigen Überarbeitungen, die das Püchel im Laufe seiner Zeit erfahren musste. Diese vermeintlich für wahr gehaltene Episode aus der Papiermühlhistorie wurden in vergangenen Beiträgen zum Thema Papier aufgenommen, doch kann jetzig, nicht zuletzt durch Piccards Wasserzeichenkunde, aufgedeckt werden, dass solche „Märchen“ wie von den aufrührerischen Italienern erst gut zwei Jahrhunderte später von fremder Hand hinzugefügt wurden.10 Auf solche irrtümlichen Angaben wurde, so weit es möglich war, achtgegeben und selbstverständlich nicht konstatiert.

2. Das Stromersche Handelshaus im Kontext historischer Entwicklung der Stadt Nürnberg bis 1450

Der Nürnberger Ulman Stromer lebte Ende des 14. Jahrhunderts in einer Zeit, in der seine Heimatstadt eines der Zentren des deutschen Reichsgebietes war. Durch diese zentrale Position im Reich und einer günstigen Verkehrsanbindung gelang es Nürnberg zu einer der führenden Handelsstädte Europas aufzusteigen. Gegründet wurde die Stadt an der Pegnitz um 1040 mit dem Bau der Burg unter dem fränkischen Kaiser Heinrich III. (1039-1056) auf dem Felsberg.

2.1. Übersicht des gewerblichen Progresses

Ursprünglich gab es zwei königliche Wirtschaftshöfe, die da wären die Sebalder (Ersterwähnung um 1050) sowie die Lorenzer Siedlung (ab 1209). Nicht nur Wallfahrtsmagnet sondern auch einen damit einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwung brachte das „durch Krankenheilungen an Bedeutung gewinnende Grab des hl. Sebald.“11 Dank verstärktem Aufenthalt der Staufer und bauliche Maßnahmen in Nürnberg in Auftrag derselben stieg der Ort recht bald zu einer einflussreichen Stadt auf. Als das Ballungsgebiet wuchs, fanden dort bedeutende gesellschaftlichwirtschaftliche Veränderungen statt. Der grundbesitzende Adel sah sich einer neuen und mächtigen Klasse - den Kaufleuten und Händlern - gegenüber, die durch ihre Geschäftsreisen viel Welt erfahrener waren als sie.12 Von Vorteil war es also für das Patriziat auch mit dem Handel verbunden zu sein, was in Nürnberg größtenteils der Fall war. Berühmte patrizische Sippen, wie die Stromer-Dynastie, zeugen davon. Viele Städte, auch Nürnberg betreffend, erhielten vom König einen Freibrief, der ihnen bestimmte Rechte, was Zoll- und Handelsfreiheiten betrifft, einräumte. Damit war auch dem König gedient, da er so Verbündete bekam. Als Pfalzsitz genoss Nürnberg eh schon Geleitsfreiheit und keine Einschränkung auf Abgabe von Gütern bei Grenzüberschreitungen, was ihnen Vorteile gegenüber anderen Handelsstädten und dem ausländischen Gebiet gab. Nürnberg war Umschlagplatz für verschiedene Waren wie Tuche, Wein, Gewürze, darüber hinaus trieben hiesige Kaufmänner Nürnbergs, wie eben die Stromer-Familie, mit vielen anderen (ausländischen) Städten Handel.13 Die an Burg und Fluß sowie Kreuzwegen gelegene Stadt, eignete sich besonders für das Abhalten von Märkten. Menschen strömten aus der Umgebung herbei, um zu kaufen und zu verkaufen.

Die stadtpolitische Vertretung übernahm in Nürnberg der Rat, der Schritt für Schritt sein Machtpotential ausdehnen konnte. Friedrich II. verlieh der Stadt im Jahre 1219 mit dem „Großen Freiheitsbrief“ das 1. Stadtprivileg und förderte Nürnbergs Entwicklung von der Königs- zur Reichsstadt.14 Reichsstadt meint hierbei, dass die betreffende Stadt ein autonomes Glied des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde und als solches ohne jede Zwischeninstanz dem Kaiser unterstellt war (Reichsunmittelbarkeit). Hieraus ergibt sich eine enge Bindung an Kaiser und Reich, welche die Politik der Reichsstadt Nürnberg nachhaltig bestimmt hat.15 Dass der Rat eine entscheidende Position einnimmt, verdeutlichen auch die etlichen erhaltenen Sonderrechte, die diesem und somit der Stadt zu Gute kamen. So fiel dem Rat 1320/23 das Privileg einer selbständigen Strafgerichtsbarkeit16 für einen sicheren Handel zu und 1332 erlangte Nürnberg Zollfreiheit in 72 Städten.17 Die Mitgliedschaft im Rat, wie sie auch Ulman Stromer genoss, sicherte somit enorme Einflussnahme auf die Geschicke der Stadt und schloss eine nicht unbeachtet zu lassende Informationsquelle für sowohl Stadt- als auch Mitgliedsseite ein. Nürnberg galt schon in damaliger Zeit als Großwirtschaftsraum. Handelsautonomie und ein gewährtes Geleit waren wichtige Faktoren, die Nürnberg Vorwärtskommen und Schutz im Handel bot. Ohne Geleitschutz hätte nämlich bedeutet, dass bei einem unglücklichen Umstand auf dem Geschäftsweg, demjenigen die Ware zufiel, der in diesem Gebiet Herrscher war.18

Zwischen Böhmen und Rhein gelegen kam Karl IV. (1316-1378) unweigerlich an Nürnberg vorbei und schmeichelte sich „durch eine großzügige Bestätigung [von] Privilegien“19 ein. Nach einem Handwerkeraufstand 134820, welcher kurzzeitig für die Klasse der Handwerker der Stadt Nürnberg erfolgreich ausging, kam der Rat wieder zum Zuge und die Zünfte wurden verboten. Das Ausmaß des Nürnberger Handelsnetzes im 14. Jahrhundert reichte von Österreich bis Flandern. „Bis zum Jahre 1400 hatte Nürnberg ein umfassendes System von Handels- und Zollfreiheiten in Territorien und Städten aufgebaut […].“21 Wichtig war nicht nur der Export von Waren, sondern auch der Import. Handwerker, deren Schaffensort Knotenpunkt ihrer Beschäftigung war („Nürnberger Tand geht durch alle Land.“22), brauchten Rohstoffe diverser Art, um sie für die Produktherstellung zu nutzen. „Ohne ständige Zusammenarbeit mit den Kaufleuten des Auslands wäre der Aufbau eines internationalen Großhandels unmöglich gewesen.“23 Auswärtige Warenlager und Faktoreien zeugen davon. Kurzzeitigen Rückgang im handwerklichen Gewerbe, aber eine Situation die ganze Wirtschaft betreffend, war die Pestepidemie ab 1349.24 Beachtlich war überdies der Einfluss der Nürnberger Kaufleute auf den Finanzmarkt. Nürnberg war also nicht nur Handelszentrum, seine Kaufleute beteiligten sich auch an Finanzgeschäften. Als Beispiel hierfür lässt sich das obendrein für die Stromer bedeutende Metallhandwerk anführen: der aufstrebende Gewerbezweig führte viele Nürnberger dazu sich am Bergbauwesen pekuniär zu beteiligen.25 Mit dem Handel wuchs dabei das Bankwesen. Handelsmänner brauchten Kredite und mussten Geld wechseln. Oft waren die Bankiers, wie bei den Stromern der Fall, selbst Kaufleute. Bekanntestes Exempel hierfür ist das Hause der Medici, das Herrschergeschlecht war so mächtig, dass es in Florenz regierte.26 Um 1062 wurden wohl in Nürnberg die ersten Münzen geprägt, nach Bestätigung des durch Heinrich III. (1017-1056) verliehenen Münzrechts.27 Allgemein wurden im europäischen Raum etwa ab dem Jahr 800 mit der Münzprägung begonnen. Geldverleiher und später Banken machten gute Geschäfte. Durch die Ausgabe von Münzen hunderter Staaten barg der Geldwechsel jedoch viele Risiken. Aufgrund der weitläufigen Fernhandelsbeziehungen „wurden Nürnberger wie die Stromer […] als erste deutsche Bankiers für die Päpste in Avignon und Rom tätig.“28 Als eine maßgebende und beeinflussende Familie ab Mitte des 14. Jahrhunderts in der Stadt Nürnberg beschreibt die Stromer-Dynastie treffend. Ulman Stromer war ab 1360, im Alter von 30 Jahren nicht nur bestimmender Politiker seiner Heimatstadt, sondern auch mit seinen Brüdern Peter und Andreas Mitregierer des den Kontinent überspannenden Handelshauses seiner Familie29 (im Jahre 1341 erstmalig urkundlich bezeugt30). Nürnberg hatte den Aufstieg zu einer Wirtschaftsmetropole geschafft, die „durch ihren Gewerbereichtum und als tatsächlicher Mittelpunkt des Reichs ein besonderes Gewicht zukam.“31 Eine Niederlassung in der Reichsstadt Nürnberg war somit von aussichtsreicher und vorteilhafter Bedeutung. „Die Firma vertrieb fast das ganze Warensortiment des mittelalterlichen Fernhandels, vorzüglich Gewürze, Drogen, Textilien und Metallwaren [sowie] deren Rohstoffe.“32 Das Nürnberger Metallgewerbe versorgte sich zum größten Teil mit Stahl und Eisen aus der unweit gelegenen Oberpfalz. Die Stromer standen in Kontakt mit oberpfälzischen Montanrevieren und konnten daraus wiederum Vorteile für ihre Gesellschaft ziehen.33 Diese nützlichen Verbindungen zeigen sich beispielsweise an Ulrich Hegnein34, er war Hammerherr in der Oberpfalz und späterer Schwiegervater Ulman Stromers. Ebenfalls Konrad III (1303-1383) nutzte augenscheinlich familiäre Verbindungen für seinen Betrieb: seine Frau stammte aus einem angesehenen Unternehmen des Montanwesens.35 „Eisenerz wurde in den […] Hammerwerken verhüttet.“36 „Im Wetterleuchten der bevorstehenden Auseinandersetzungen [im Zuge des Städtekriegs] […] rüstete die Stromerfirma als Verleger des Waffenhandwerks die Reichsstadt aus, wie die Stadtrechnungen erweisen.“37 Eine führende Stellung auf europäischen Märkten für Buntmetalle, zudem der einer für Edelmetalle brachten sehr viel Einfluss auf Finanzmärkte und eben auch der Rüstungsindustrie: Ulman Stromer lieferte das zur Herstellung von Kanonen benötigte Kupfer.38 „Durch die Bannrechte der Mahlmühlen und durch die Hammerwerke, in denen Gebrauchsgüter, Werkzeug und Waffen geschmiedet wurden, bedeutete ihr Besitz wirtschaftliche und politische Macht.“39

Zusammenfassend kann man sagen, dass Nürnberg als Schnittpunkt von Fernhandelsrouten eine besondere Rolle im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation spielte. Die Metallverarbeitung war neben dem textilvertreibenden Gewerbe ein wichtiger Teil der Stromer-Industrie. „Dazu wurden die Nürnberger frühe Schrittmacher der Geldwirtschaft in ihrem Wirtschaftsraum.“40 Bis ans Ende des 15. Jahrhunderts konnte Nürnberg seine herausragende Stellung bewahren, bis es schließlich von Augsburg überholt wurde.

2.2. Profitieren vom Fachwissen

Zum Erfolg des Nürnberger Handwerks trug auch der bekannte „Nürnberger Witz“ bei. Erfindungen und Spezialisierungen in den verschiedenen Bereichen der Facharbeit brachten Vereinfachungen und Erleichterungen in den Arbeitsabläufen.

Als eine Gruppe von Experten, gerade auf wirtschaftlichem und wissenschaftlichem Sektor, führten die Stromer auch eine beratende Tätigkeit aus. Aber die Beratung spielte eine eher beigeordnete Rolle, die Stromersche Firma nutzte ihre Kenntnis und Erfahrung vor allem für den eigenwirtschaftlichen Erfolg. Innovationen und Expertendasein in verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel der neuen Wasserkünste oder des Hammerwerks (1336, Konrad „lange“ Stromer trug zur Erfindung mit bei) zeugen davon.41 Die Stromer starteten „neue Unternehmungen auf wirtschaftlichem Gebiet [wofür] schon einige spezielle technische Voraussetzungen“42 gegeben waren. Wie bereits erwähnt, kannte sich die Familie insbesondere mit der Wasserbautechnik aus, was daher rührte, da die Stromer auch im Bergbauwesen tätig waren und viele Mühlen43 besaßen. „Die Antriebskraft über Nockenwelle und Zahnrad erschloss mit der Wasserkraft eine weithin verfügbare Energiequelle.“44 Durch die neuen Wasserkünste konnten die Bergwerke in Betrieb gehalten werden. Da den Stromern eine Schlüsselposition auf den europäischen Märkten für Bunt- sowie Edelmetallen zu eigen war, beeinflussten sie Geld- und Finanzmärkte (wie zum Beispiel die Münzprägung, vgl. hierzu 2.1.) und nutzten ihr Fachwissen für ihren Rüstungskonzern aus (das von Ulman Stromer importierte Karpatenkupfer verarbeitete man zu Kanonen).45 Erster nachweisbarer Unternehmer eines Hammerwerks im Nürnberger Umkreis war besagter Konrad III, „der lange“ Stromer (1303-138346), ein Vorfahr Ulmans.47 Konrad III war bis 1336 Besitzer des Gleißhammers.48 Mittels Wasserkraft betrieben befanden sich die Hammerwerke in Mühlen an Flüssen, wie am Oberlauf der Pegnitz. Durch den Mühlenbesitz ist ein weiteres Indiz gegeben, dass die Papierfabrikation durch optimale Prämissen begründet war. Der sogenannte Gleißhammer, notabene ist wie die Mühle ein ganzer Stadtteil Nürnbergs benannt, wurde von Konrad Stromer 133549 erworben. Auf einer stilisierten Stadtkarte (vgl. Abb. 2) Nürnbergs, ursprünglich aus dem Jahr 1601 stammend, ist die Papiermühle Stromers eingezeichnet. Ein Hinweis auf den vorherigen Gebrauch der durch Ulman später erworbenen Hadermühle liegt zudem vor, da ihr ursprünglicher Beiname Gleißmühle50 (vgl. Abb. 2) war und demnach wohlmöglich für die Eisenverhüttung eingesetzt wurde. Voraussetzungen für die Errichtung einer Papiermühle waren daher auch eine Vielzahl an relevanten Betrieben, wobei an vorderster Stelle die metallverarbeitenden Gewerbe standen. Wie man an der Gleißmühle sieht. Gesprochen wird bei der Handelsgesellschaft Stromer auch von einem „Brain-Trust“51, vergleichbar heutzutage mit der Krupp-Dynastie oder der Dr. Oetker-Gruppe. Will heißen, als ein Zusammenschluss von Experten gerade auf wirtschaftlichem und wissenschaftlichem Sektor führten sie eine lenkende und unterweisende Tätigkeit aus. Ulman Sromer selbst schreibt im Püchel von mein geslechte und von abentewr über Preise und Geldkurse sowie diverse Handelsbräuche, die von seinen vor 1360 gesammelten kaufmännischen Erfahrungen in den Hauptniederlassungen im Ausland (Barcelona, Genua, Mailand, Krakau52) abgeleitet werden können. Diese Kenntnisse geben wiederum Aufschluss über das weitverzweigte und viele Bereiche abdeckende Unternehmensimperium der Stromer. Ulman schreibt so etwa über Wareneinfuhr und -ausfuhrbedingungen in Genua für Kupfer53, das unter anderem für die bereits erwähnte Herstellung von Kriegsgerät nötig war, und gibt darüber hinaus Umrechnungen für fremde Maße und diverse Handelswaren, wie Leinwand: „Item wer in Konstanz 480 Ellen Leinwand hat, daraus werden in Genua 112 Kanna.“54 Davon ausgehend kann abgeleitet werden, dass diese Erzeugnisse von solcher Bedeutung für die Firma Stromer waren, dass Ulman sie sogar schriftlich festhielt, damit sie für die Nachwelt nicht verloren gingen. In einem weiteren Abschnitt im Püchel tritt der unternehmerisch nützliche Blickwinkel deutlich hervor. Ulman listet die Städte auf, in denen Nürnberg Zollfreiheit hatte. Auf einer Landkarte (Abb. 3) wurden alle aufgezählten Orte, wie beispielsweise Aachen, Neufchâteau, Koblenz, Antwerpen, Brüssel, München, Lübeck usw. eingetragen.

3. Wirtschaftliche Faktoren für Ulman Stromer zur Gründung einer Papiermühle

Das unternehmerische Wagnis der Gründung einer Papiermühle geschah 1390 aus einer Konsequenz von wirtschaftlichen und politischen Faktoren. Nachfolgend werden zunächst die für Ulman Stromer substanziellen ökonomischen Elemente untersucht. Logisch aufbauend wird vom abstrakten Firmenkonzept zur dann tatsächlichen Umsetzung übergegangen und anschließend den einen Betrieb tragenden Aspekt des Arbeitsverhältnisses analysiert.

[...]


1 Vgl. Sporhan-Krempel und Stromer 1960, S. 98.

2 Treffend ist hier die von Barbara Schmid verwendete Bezeichnung „Hausbuch“, da Ulman in seinem Buch die familiären und wirtschaftlichen Verhältnisse aufzeigt. Vgl. hierzu Schmid 2006, S. 66, 67.

3 Allerdings ergaben Forschungen, dass die Möglichkeit besteht, die erste Papiermühlniederlassung bei Schopfheim/Wiesental einzuordnen. Laut Baseler Rechnungsbücher wurde in den 1370er Jahren Papier aus der baden-württembergischen Ortschaft gekauft. Vgl. hierzu: Kälin 1974, S. 83.

4 Matthias Kirchhoffs Studie verfolgt die verschiedenen Funktionen von Gedächtnis in Nürnberger Abfassungen und bedient sich hierzu u.a. der Textgattung Gedenkbuch, wozu als Exempel das Werk Ulman Stromers hergenommen wurde. Barbara Schmid benutzt das Püchel als Beispiel eines Hausbuches zum Nachweis familiärer und wirtschaftlicher Verhältnisse. Vgl. hierzu das Literaturverzeichnis, S. 53.

5 Stromer, Ulman: Püchel von mein geslecht und von abentewr, Teilfaksimile der Handschrift Hs 6146 des GNM Nürnberg, Kommentarband bearbeitet von Lotte Kurras. Mit Beiträgen von Lore Sporhan-Krempel, Wolfgang Stromer von Reichenbach und Ludwig Veit. Zur 600-Jahrfeier der Gründung der ersten Papiermühle Deutschlands hrsg. vom Verband deutscher Papierfabriken, Bonn 1990.

6 Vgl. Stromer 1990, S. 13.

7 Kirchhoff 2009, S. 26.

8 Bockwitz 1935, S. 48.

9 Franzke (Hrsg.) 1990, S. 39.

10 Vgl. ebd., S. 40.

11 Wendehorst 1993, Sp. 1318.

12 Vgl. Grant 2006, S. 26.

13 Vgl. Schultheiss 1966, S. 53.

14 Vgl. ebd., S. 33.

15 Vgl. Angermann (Hrsg.) 1995, Sp. 645.

16 Vgl. Schultheiss 1966, S. 38.

17 Schultheiss 1966, S. 54.

18 Vgl. Kusch 1989, S. 56.

19 Schultheiss 1966, S. 39.

20 Vgl. Kusch 1989, S. 61.

21 Schultheiss 1966, S. 55.

22„»Nürnberger Tand geht durch alle Land« hieß es und er wurde sogar bis nach Übersee exportiert. Zu diesem Tand zählten Messer, Scheren, Schellen, Schlüssel, Brillen, Fingerhüte, Maultrommeln, Draht, Rechenpfennige, Musikinstrumente wie Trompeten und vieles andere.“ Wendt 2007, S. 206.

23 Schultheiss 1966, S. 55, 56.

24 Vgl. Kusch 1989, S. 94.

25 Vgl. Schultheiss 1966, S. 57.

26 Grant 2006, S. 26.

27 Erlanger 1979, S. 3.

28 Vgl. Schultheiss 1966, S. 57.

29 Vgl. Franzke (Hrsg.) 1990, S. 15.

30 „[…] daß ihn Herr Cunrat Nutzel »het ledig und losse gesagt aller rechnung von der geselschafft wegen[…] vnd ouch aller sache, vnd hett auch in bezahlt […]«.“ Archiv der Freiherren Stromer von Reichenbach Teil I: Urkunden 1972, S. 5-6.

31 Sporhan-Krempel und Stromer 1960, S. 82.

32 Reichenbach 1963, S. 11.

33 Vgl. Keller 1981, S. 35.

34 Vgl. Stromer 1990, S. 95.

35 Vgl. 1Fleischmann 2008, S. 943.

36 Keller 1981, S. 36.

37 Sporhan-Krempel und Stromer 1960, S. 82.

38 Vgl. Franzke (Hrsg.) 1990, S. 16.

39 Sporhan-Krempel und Stromer 1960, S. 83.

40 Ebd., S. 61.

41 Vgl. Franzke (Hrsg.) 1990, S. 16, 19.

42 Ebd., S. 83.

43 Über 20 Mühlen besaßen die Stromer bis 1445. Vgl. hierzu Reichenbach 1963, S. 12, Anm. [55])

44 Fried 2009, S.116.

45 Vgl. Franzke (Hrsg.) 1990, S. 16.

46 Vgl. Fleischmann 2008 , S. 943.

47 Stromer 1990, S. 95.

48 Vgl. Dirlmeier (u.a.) 2003, S. 34.

49 Vgl. ebd.

50 Etymologischen Untersuchungen zufolge bezweckten Gleißmühlen den Metallen Glanz zu verleihen. „Ein eiserner Hammer mit einer gleiszenden oder glänzenden Bahn (…), metalle damit glänzend zu machen.“ Vgl. hierzu Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Auf CD-ROM und im Internet. Website. URL: http://urts55.uni- trier.de:8080/Projekte/WWB2009/DWB/wbgui_py?lemid=GA00001 [02.01.2011 / 14:00].

51 Franzke (Hrsg.) 1990, S. 19.

52 Vgl. Kirchhoff 2009, S. 25.

53 Stromer, Ulman, Püchel von mein geslecht und von abentewr, 31v:

„Wenn man in Genua 8 Unzen kauft, so wiegen sie in Nürnberg nur 7 Unzen. Wer in Nürnberg 11 ½ Zentner Kupfer hat, daraus werden in Genua 12 ½ italienische Zentner.“ Stromer 1990, S. 35.

54 Ebd.

Details

Seiten
57
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640925148
ISBN (Buch)
9783640925308
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172469
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Buchwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Ulman Stromer Papier Geschichte Papiermühle Nürnberg

Autor

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Titel: Ulman Stromers Papiermühlgründung