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Skepsis und Nichtwissen als Kernmoment gymnasialer Bildung

Essay 2011 48 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1. Schritt: Die Charakterisierung unserer Gesellschaft als „Wissens-gesellschaft“ und der Begriff des Wissens

2. Schritt: Der Erwerb von Wissen als Sachkompetenz im Lehr-Lern-prozess und neuere Befunde qualitativ-empirischer Unterrichts- und Bildungsforschung

Einige einschlägige Befunde qualitativ-empirischer Unterrichts- und Bildungsforschung – ein Exkurs –

3. Schritt: Skepsis, problemeröffnetes Nichtwissen und gymnasiale Bildung

4. Schritt: Gymnasialpädagogische Perspektiven

Anmerkungen

0 Einleitung

Der folgende Beitrag fokussiert unter dem Thema „Skepsis und Nichtwissen als Kernmoment gymnasialer Bildung.“ auf das Moment des Skeptischen und des problembewussten Nichtwissens. Dieses Moment ist dem abendländischen Bildungsdenken bereits seit der griechischen Antike, vor allem seit Sokrates-Platon, wesentlich zugehörig, wenngleich es immer wieder marginalisiert und depotenziert wurde. Zugehörig sind Skepsis und Nichtwissen auch den Wurzeln des deutschen Bildungsbegriffes, diese liegen im religiös-theologischen Bereich, genauer gesagt, bei Meister Eckhart. Das Skeptische und das bewusste, problemeröffnete Nichtwissen – mit einem Ausdruck des Nicolaus von Kues: die docta ignorantia, die belehrte, einsichtig gewordene Unwissenheit – vertrete ich als wesentlich für den heute angebbaren Sinn gymnasialer Bildung.

In einem ersten Schritt gehe ich von der Gegenwartsdiagnose unserer Gesellschaft als „Wissensgesellschaft“ aus und lege dar, dass unter Wissen näherhin personale Sachkompetenz zu verstehen ist. Sodann zeige ich zweitens auf, wie Wissen als Sachkompetenz im Lehr-Lernprozess erworben wird und mache einen kurzen Exkurs zu neueren Befunden qualitativ-empirischer Unterrichts- und Bildungsforschung. In einem dritten Schritt lege ich den Zusammenhang von Skepsis, problemeröffnetem Nichtwissen und gymnasialer Bildung dar und behaupte die Relevanz des Skeptischen als maßgeblichen Zug heutiger Gymnasialbildung. Abschließend skizziere ich viertens einige gymnasialpädagogische Perspektiven als Konsequenz.

1. Schritt: Die Charakterisierung unserer Gesellschaft als „Wissensgesellschaft“ und der Begriff des Wissens

Wie andere moderne Gesellschaften transformiert sich die bundesrepublikanische Gesellschaft schon seit längerem, so wird oft diagnostiziert, zur postindustriellen „Wissens- und Informationsgesellschaft“. Vor allem in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Technik ist Wissen in unserer Gesellschaft besonders gefragt. Ist die BRD doch ein „rohstoffarmes Land“, das sich in der globalen Konkurrenz um Marktanteile, um Kapital, Produktions- und Dienstleistungsstandorte ökonomisch nur durch seine „Humanressourcen“, die durch Bildung als „Investition in die Köpfe“ zu rekrutieren sind, auf Dauer behaupten kann. Unsere Gesellschaft scheint für ihr Bestehen auf Wissen auf dem je letzterreichten Stand dringend angewiesen zu sein – keinesfalls aber auf das erwähnte Nichtwissen, schon gar nicht als Moment gymnasial-schulisch intendierter Bildung von Schülerinnen und Schülern. Wenn Nichtwissen und das Bewusstsein darum in diesem Kontext eine Rolle spielt, so nur um von diesem als bloßer Vor- und Durchgangsstufe schnellstmöglich zum entsprechenden Wissen zu gelangen. Denn es gilt, über das je letzte „Wissensupdate“ immer wieder neu „fit“ für die Wissensgesellschaft zu werden. Pädagogik als Lebensnotbewältigung!

Um nun zu einer adäquaten Verhältnisbestimmung von Wissen und problemeröffnetem Nichtwissen als skeptische Problemkompetenz zu gelangen, ist der Wissensbegriff wenigstens umrisshaft zu bestimmen. Ich versuche dies durch eine zweiteilige Annahme:

Wissen, qualifiziert verstanden, so der erste Teil der Annahme, ist eine bestimmte Verfasstheit der wissenden Person. Als personale Verfasstheit ist Wissen von der Person des bzw. der Wissenden nicht ablösbar, sondern stets an sie gebunden als konkrete, individuelle und leibliche Instanz.

Abtrennbar vom Wissenden selbst sind, gleichsam als „Wissensabsplittungen“, nur Sachverhaltsaussagen, nämlich Wahrheit beanspruchende Sätze: informatorische Wissensfragmente, kurz: „Informationen“.

Eine Gefahr, die sich in Bezug auf die heute erreichbare Informationsfülle für gymnasial-schulisches Lehren und Lernen hier auftut, ist, dass schulisch die Fähigkeit zur Informations beschaffung gegenüber der Kompetenz zur Informations bewertung so stark favorisiert wird, dass kaum Zeit und Mittel übrig bleiben für die Ausbildung der Urteilsfähigkeit, die man braucht, um die Qualität bzw. Güte von beschafften Informationen adäquat zu beurteilen.

Ist schulisches Lernen vornehmlich auf den Erwerb der Kompetenz zur Informationsbeschaffung und auf die Präsentation der beschafften Informationen ausgerichtet, so hat dieses Lernen außer seiner Gewinnseite auch die genannte sehr gewichtige Verlustseite. Befunde der rekonstruktionslogischen Unterrichtsforschung bestätigen dies.

Wissen, so lautete meine erste Bestimmung des Wissens, ist an die Person des bzw. der Wissenden gebunden.

Beim zweiten Teil meiner Annahme zur Wissensbestimmung kommt es auf das Verhältnis von Wissen und Können bzw. Kompetenz an: Wissen steht unter der Bedingung von Sachkompetenz. Gute, d.h. richtige Information wird erst dadurch zum Wissen qualifiziert, dass bei der Person, die über eine bestimmte Information verfügt, sacheinschlägige Kompetenz vorliegt. Liegt auf der Seite der wissenden Person, die über Information verfügt, nicht die entsprechende sacheinschlägige personale Sachkompetenz vor, so auch kein Wissen.

Sachkompetenz ist hier nicht zu verwechseln mit der heute vielbeschworenen Lernkompetenz als zukunftssicherndes Multifunktionswerkzeug, das von den Schülerinnen und Schülern im Laufe ihres schulischen Bildungsweges als Vorbereitung für das lebenslängliche „learning on demand“ im „Lernen des (selbstgesteuerten) Lernens“ erworben werden soll. Dieses Lernen wird oft als Herzstück zeitgemäßer Bildung angesehen, begründet mit der Dringlichkeit, vor allem Disponibilität für unabsehbare und inhaltlich unbestimmbare sozioökonomische Wandlungen zu generieren, vorzuhalten und zu sichern.

Eine solche Lern kompetenz stünde im Unterschied zu einschlägigen Sachkompetenzen gerade in Gefahr, die Bedeutung spezifischer Sachbereiche und das Fachwissen, das in Auseinandersetzung mit den Sachbereichen erzielt wird, zu nivellieren. Damit einher geht die Tendenz zur inhaltlichen Abwertung und Entleerung der vielgestaltigen Weltbedeutung und die Vergleichgültigung der pluriformen Dimensionen von Wirklichkeitserfahrung und -deutung in ihrem Eigenrecht.

Im Unterschied zur Lernkompetenz ist Sachkompetenz besonders gekennzeichnet durch wiederholt und variiert durchgeführte Lernprozesse, in deren Verlauf Menschen eine Sache in ihrer Komplexität wahrnehmen und differenziert erfassen, deren Kontext erforschen und die Sachzusammenhänge durchdenken. In einem Prozess der Bildung werden sie vertraut mit den auf den Sachbereich bezogenen Begriffen und Erkenntnissen, Fragen und Problemen, Methoden und Verfahren.

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Details

Seiten
48
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640928194
ISBN (Buch)
9783640927838
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172736
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Pädagogik der Sekundarstufe
Note
Schlagworte
Skepsis Nichtwissen Schule Gymnasium Wissen Wissensgesellschaft Lehren Lernen Unterricht Qualitativ-empirische Unterrichts- und Bildungsforschung Bildungstheorie Bildungsphilosophie

Autor

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