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Perspektiven der Soziokultur

Ziele, Konzeptionen und aktuelle Tendenzen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Soziokultur - Kultur fur alle? Abriss einer Entwicklungsgeschichte

2. Perspektiven derSoziokultur
2.1 Ziele und Konzeptionen
2.2 Soziokultur aus dem kulturpolitischen Blickwinkel
2.3 Protestkultur als Ausdruck der Soziokultur
2.3.1 Die Demokratisierung der Kultur: Protest aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
2.3.2 Beispiel "Stuttgart 21"

3. Chancen der Soziokultur heute

Bilderverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Soziokultur - Kultur fur alle? Abriss einer Entwicklungsgeschichte

"Die besondere Fahigkeit von Soziokultur, mit kreativen Mitteln schnell auf gesellschaftliche Zusammenhange reagieren zu konnen, ist jetzt mehr als gefragt."

So Gerd Dallmann und Cornelia Luddemann im Editorial der Zeitschrift "Soziokultur" im ersten Quartal 2010. "Kultur fur alle und von alien" durfe nicht als Thema von gestern behandelt werden, sondern sei aktuellerAuftrag.[1]

Eine Kultur fur alle also scheint das Ziel der Soziokultur. Doch was ist Soziokultur eigentlich? In den fruhen 70er Jahren der westdeutschen Bundesrepublik wurden auf Basis der Neuen Sozialen Bewegungen Initiativen und spater Vereine gebildet, mit dem Ziel ihre Vorstellungen von einem neuen Gesellschaftsmodell zu verwirklichen. Besonders Kultur war dabei ein wichtiger Baustein. So sollte aktiv eine „Gegenkultur" gelebt werden, die sich durch ein neues und anderes Kulturverstandnis wie beispielsweise mehr kunstlerische Selbstbetatigung und auch die Asthetisierung des Alltaglichen ausdruckte. Zudem forderten die Akteure die Akzeptanz und Gleichbehandlung diverser kultureller Ausdrucks- und Organisationsformen durch Politik und Offentlichkeit. So verbreitete sich auch ein neues Demokratieverstandnis. Deswegen lasst sich hierbei von einer „Demokratisierung der Kultur" sprechen, die mit der Entwicklung alternativer Politikprozesse zusammentraf. Im Rahmen der Neuen Kulturpolitik der SPD und besonders unter Hermann Glaser bildete sich schlieRlich in den siebziger Jahren der Begriff der „Soziokultur".[2]

Inzwischen hat sich der Begriff in der kulturellen Offentlichkeit etabliert, auch wenn er nicht immer in der Kulturpolitik anerkannt und integriert ist. Heute versteht man unter "Soziokultur" "die Summe aus alien kulturellen, sozialen und politischen Interessen und Bedurfnissen einer Gesellschaft beziehungsweise einer gesellschaftlichen Gruppe"[3] und so auch die dafur notwendige kulturelle Praxis, die aus den lokalen Gegebenheiten resultiert. Gerade in Bezug auf die aktuelle politische und finanzielle Lage, die sich groRtenteils negativ auf die von der

Offentlichkeit betrachtete Relevanz kultureller Einrichtungen und besonders soziokultureller Aktivitaten auswirkt, ist das Thema "Soziokultur" so aktuell wie schon lange nicht mehr. Seien es die sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft, die bildungsbezogenen Defizite oder auch die Unzufriedenheit mit der Regierung und den Defekten im demokratischen System - all diese Themen spielen eine Rolle in der Diskussion um die Kultur. In diesem Zusammenhang stellen sich nun folgende Fragen: Inwieweit kann Soziokultur als Prinzip oder Losung einer "Kultur fur alle" und auch "von alien" fungieren? Welche Rolle spielt hier die gegenwartige Kulturpolitik? Was sind die Vorteile sowie Nachteile der Soziokultur? Welchen Beitrag leistet die Soziokultur heute bezuglich des demokratischen Verstandnisses der Gesellschaft? Und auch: Hat die Soziokultur der letzten Jahren zur Bildung einer neuen Protestkultur beigetragen?

Hierbei soil nun folgendermaRen vorgegangen werden: Da zwar zu dem Begriff und den Theorien der Soziokultur einige Literatur (Hermann Glaser, Norbert Sievers et al.) vorhanden ist, werden diese Werke hauptsachlich als Basis der ersteren Diskussionspunkte dienen. Bezuglich des Zusammenhangs von Soziokultur und Demokratie beziehungsweise Protestkultur fallt die kulturwissenschaftliche Forschungslage bisher relativ gering aus, so dass vorwiegend sozialwissenschaftliche Werke und Zeitungsartikel als Quellen genutzt werden mussen. Auf diese Weise bringt die vorliegende Arbeit jedoch auch einige neue Ansatze zur Soziokultur mit sich.

Beginnen wird die Arbeit mit den Zielen und Konzeptionen der Soziokultur, um danach auch auf die kulturpolitische Sicht dieser Kulturpraxis einzugehen. Als nachster Unterpunkt soil dann Protestkultur sowohl aus kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet werden, als auch an dem aktuellen Beispiel "Stuttgart 21" veranschaulicht werden. letztlich soil ein Ausblick auf die Zukunft gestellt werden. Ziel der Arbeit ist es, die aktuelle gesellschaftliche Lage in einen kulturwissenschaftlichen Zusammenhang zu betten, um die gegenwartigen Tendenzen von (sozio)kulturellen Aktivitaten zu erlautern und die Frage nach einer "Kulturfur alle und von alien" zu klaren.

2. Perspektiven der Soziokultur

Die theoretische Frage, was der Begriff "Soziokultur" bedeutet, wurde bereits beantwortet. Doch was beinhaltet Soziokultur? Wahrend Soziokultur in ihren Anfangen hauptsachlich noch eine Bewegung gegen die Kunst darstellte, setzt sie heute mit kunstlerischen und kulturellen Mitteln auf die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen. Dabei umfasst die soziokulturelle Praxis nicht nur Aktivitaten von freien Kulturgruppen oder Theaterensembles, soziokulturelle Zentren, Jugendkunstschulen, kulturelle Kinder- und Jugendarbeit, Interkulturprojekte und Stadtteilkulturarbeit, sondern auch weite Bereiche der kulturellen Bildung (beispielsweise durch Kulturpadagogik), Frauenkultur oder Seniorenarbeit. Soziokultur zahlt als unverzichtbare Erganzung der Angebote von traditionellen Kulturinstitutionen.[4]

Die Ziele der Soziokultur und welche Rolle sie in der Kulturpolitik spielt soil in den nachsten Unterkapiteln erortert werden.

2.1 Ziele und Konzeptionen

Soziokultur geht davon aus, dass jede(r) Kultur hat und diese aktiv mitgestalten kann.[5] Da Soziokultur jedoch ein breites Spektrum an Moglichkeiten bietet, Kultur zu schaffen, lasst sie sich als Praxisfeld nicht spezifizieren. Von Norbert Sievers und Bernd Wagner wird auch die Meinung vertreten, dass eine konzeptionelle oder kategoriale Einengung gar nicht notwendig sei, denn es sei gerade ein Charakteristikum der Soziokultur, dass sie in unterschiedlichen Feldern prasent ist. Sievers und Wagner finden es jedoch wichtig, eine Unterscheidung innerhalb des Soziokulturbegriffs an sich zu machen. Hierbei wird zwischen dem Kulturbegriff und dem Kulturpraxisbegriff unterschieden. Ersterer bedeutet, dass Soziokultur auf eine Erweiterung des traditionellen Kulturverstandnisses durch Einbindung der asthetischen Vermittlungs- und Produktionsformen in die Alltagskultur und gesellschaftlichen Prozesse abzielt.[6] Der Kulturpraxisbegriff geht davon aus, dass die

Soziokultur konkrete Kulturarbeit mit dem Ziel "Kultur fur alle" und "von alien beinhalten muss.

So sei Soziokultur traditionell eng verbunden mit den Ideen der Selbsttatigkeit und der Selbsthilfe. Indem jeder durch Initiativen und Projekte ein Stuck eigene Kultur selbst entwickeln konne, sei eine Veranderung des Alltags und letztlich auch der Gesellschaft moglich. Da hierbei die Autonomie jedes Einzelnen im Vordergrund steht, kann in diesem Zusammenhang auch von einer emanzipatorischen kulturellen Praxis gesprochen werden. Dabei ist jedoch zu betonen, dass neben der Emanzipation des Individuums gleichzeitig auch der "innergesellschaftliche Kulturaustausch"[7] Ziel jeder Soziokultur ist. Sie soil entwicklungsoffen sein und fremde Kulturen sowie neue Lebensstile fordern, indem sie eine Konfrontation und Durchmischung von unterschiedlichen Kulturen, Kunst und Lebensformen hervorruft. Dabei ist zu sehen, dass Soziokultur nicht den Anspruch einer elitaren Exklusivitat hat, sondern "Vielfalt aus Prinzip"[8] ist. Sie mochte einen freien Zugang fur eine breite Nutzerlnnenschicht ermoglichen und darf nicht auf Kunst eingeengt werden.[9]

"Soziokultur ist der Versuch, [...] Kunst als Kommunikationsmedium zu begreifen - als eine und zwar sehr gewichtige Moglichkeit, die plurale [...] Gesellschaft auf der 'kommunikativen Ebene' zusammenzubringen." [10]

Kunst stellt also kommunikative Strukturen bereit und kann daher auch Befragungs- situationen ermoglichen und DenkanstoRe (sowie Provokationen) einleiten.[11] So lasst sich schlussfolgern, dass Soziokultur die Weichen fur die Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft und politischer Einflussnahme stellen kann. Dieser Ansatz wird jedoch in Kapitel 2.3 noch naher erlautert. Zunachst soil das vorliegende Kapitel mit einer ubersichtlichen Grafik uber die Bedeutung von Soziokultur abschlieRen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Soziokultur im gesellschaftlichen Kontext

2.2 Soziokultur aus dem kulturpolitischen Blickwinkel

Bei der Unterscheidung innerhalb des Soziokulturbegriffs nach Sievers und Wagner gibt es auch noch eine dritte Variante: den Kulturpolitikbegriff. In der Kulturpolitik wird Soziokultur als eine spezifische Konzeption betrachtet, die neue Zugangsmoglichkeiten zu Kunst und Kultur bereitstellen soil. Hierbei geht es hauptsachlich darum, von der traditionellen Kunstforderung und Kunstpflege abzukommen und eine "kulturelle Chancengleichheit" zu schaffen.[12] Doch trotz der kulturellen Chancengleichheit ist der (kultur)politische Standpunkt zu betonen, dass Soziokultur zwar sozialen Zielen verpflichtet ist, nicht aber den Zielen der Sozialarbeit. Sie ist keine Sozialkultur und reduziert sich nicht auf die Behebung gesellschaftlicher Defizite.[13]

Aus Sicht der Kulturpolitik kann Kultur die kritische Offenlichkeit fordern. Zwar bestimmt sie nicht die Inhalte des Diskurses, schafft aber Voraussetzungen zur Kommunikation durch die Einubung von Kulturtechniken. So kann Kultur Politik sensibilisieren und ihr durch kulturelle Innovationen auch Sinn geben.[14] Soziokultur

[...]


[1] Dallmann/Luddemann 2010, S.l

[2] Siehe Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren 2011, "Geschichte Soziokultur"

[3] Siehe Bundesvereinigung SoziokulturellerZentren 2011, "BegriffSoziokultur"

[4] Vgl. Bundesvereinigung SoziokulturellerZentren 2011, "Begriff Soziokultur"

[5] Vgl. ebenda

[6] Vgl. Sievers/ Wagner 1992, S.21f

[7] Begriff nach Hermann Glaser

[8] Siehe Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V 2011, "Begriff Soziokultur"

[9] Vgl. Sievers/ Wagner 1992, S. 19ff

[10] Glaser/ Stahl 1974, S.25, Z. 36 bis S. 26, Z. 4

[11] Vgl. Glaser/Stahl 1974, S.26

[12] Vgl. Sievers/ Wagner 1992, S.21f

[13] Vgl.Sievers/Wagner 1992, S.20

[14] Glaser/Stahl 1974, S.141f

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640928477
ISBN (Buch)
9783640928514
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172815
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Volkskunde/Kulturgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Soziokultur Hermann Glaser Stuttgart 21 angewandte Kulturwissenschaft Kulturpolitik demokratische Kultur Kultur und Demokratie Volkskunde Protestkultur

Autor

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Titel: Perspektiven der Soziokultur