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Das Ende einer Hoffnung. Was wurde aus Grunge?

Rezeption einer Jugendszene im gesellschaftspolitischen Kontext unter Berücksichtigung der darin verwendeten Kommunikationsmittel

Examensarbeit 2010 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Von der Jugendkultur zur Szene
1.1 Die Bedeutung von Jugendkulturen
1.2 Die Entstehung von Szenen

2. Die Generation X
2.1 Der Einfluss der Baby-Boomer (Yuppies)
2.2 Das gesellschaftspolitische Erbe der 80er Jahre
2.3 Kristallisationspunkt Seattle
2.4 Die Rolle der Musikindustrie
2.4.1 Authentizität als Reaktion gegen das Rockbusiness
2.4.2 Die Vermarktung der Authentizität durch Sub Pop

3. Kommunikationsstilmittel im Grunge
3.1 Musik/ Tanz
3.2 Ideologie/ Werte
3.3 Kleidung/ Mode

4. Schluss und Ausblick: Was wurde aus Grunge?

5. Verwendete Literatur

Einleitung

Grunge ist ein Jugendphänomen, das sich in erster Linie über die Musik artikuliert. Es hatte ab Beginn der 80er Jahre eine Vorlaufzeit, die man als Pre-Grunge-Ära bezeichnen kann und die bis ca. 1985 dauerte. Ab 1986 wurde der sich langsam zur Szene verdichtende, mittlerweile als Grunge bezeichnete Underground durch das Platten-Label Sub Pop von Seattle in den USA ausgehend vermarktet. 1988 trat das Phänomen seinen Siegeszug auch auf dem europäischen Kontinent an, bevor es im November 1991 mit der Veröffentlichung des Werkes „Nevermind“ der Gruppe Nirvana weltweit seinen Durchbruch erlebte. Nach dem Selbstmord des Sängers dieser Gruppe, Kurt Cobain, im April 1994 verschwand das Phänomen aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Die vorliegende Arbeit zeigt zunächst auf, wodurch sich eine Jugendkultur kennzeichnet und stellt fest, dass Grunge dem Status einer Jugendkultur nicht gerecht wird, sondern als Szene betrachtet werden muss (Kapitel 1). Ferner war Grunge das Produkt der Generation X, die von einem stark innerlich zerrissenen Charakter und Melancholie geprägt war, deren Gründe sowohl in gesellschaftlichen, wie auch wirtschaftlichen und politischen Veränderungen gesehen werden können (Kapitel 2.1 bis 2.3). Dabei wurde das mit Grunge transportierte Lebensgefühl einer „Verlierer-Generation“, das lediglich für kurze Zeit auf Grund des Erfolges einiger Vertreter des Grunge einen Hoffnungsschimmer aufkeimen ließ, schließlich durch den Ausverkauf der Szene begünstigt, weshalb ihr der Makel eines Hypes angeheftet wurde (Kapitel 2.4). Die in der Szene verwendeten Kommunikationsstilmittel trugen der inneren Haltung, die sich sowohl an einem einfachen Leben orientierte als auch durch äußere Faktoren geprägt war und der mit ihr verbundenen Ideologie Rechnung (Kapitel 3). Vor dem Hintergrund des in Kapitel 1 bis 3 Gesagten wird deutlich, dass Grunge zum einen Independent-Labels (also unabhängigen Musikproduktionsfirmen) zum Aufstieg in den Mainstream verhalf und zum anderen zu einer Stilvermischung beitrug, in deren Zuge neue Richtungen, wie der Nu Metal entstanden (Kapitel 4).

1. Von der Jugendkultur zur Szene

1.1 Die Bedeutung von Jugendkulturen

Jugend stellt ein Phänomen dar, das seinen Ausgangspunkt durch die entstehende Freizeitindustrie im Zuge der Auswirkungen der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert fand[1]. Genauer gesagt entwickelte es sich aus dem Künstlermilieu, der Avantgarde bzw. der Bohème. Allerdings, so heißt es an einer Stelle: „Im 19. Jahrhundert ist die „Jugend“ weitgehend ein Phantasma der mit ihr sich identifizierenden Bohème.“[2] Seine inhaltliche Gestaltung nahm das Phänomen Jugend erst nach dem 2. Weltkrieg durch die Entstehung von Jugendkulturen an. Vor allem „(…) in den Sechzigern tauchten (…) immer häufiger die Begriffe „Subkultur“ und „Jugendkultur“ auf.“[3] Dabei war Jugendkultur ein streng abgeschlossenes System mit eigenen Werten und Ideologien für eine gesamte Altersgruppe (in der soziologischen Forschung auch Alterskohorte genannt), das im Widerstand und in Opposition zur herrschenden Kultur (der Erwachsenen) stand. Um den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen Ausdruck zu verleihen, entwickelten Jugendkulturen ihre eigenen Stile. Dabei stellt sich Stil einerseits als „(…) Medium dar, in dem sich Gruppenbewusstsein oder kollektive Identität ausdrückt. Andererseits kann sich (…) die mit dem Arrangement verknüpfte Bedeutung bis zur Weltanschauung verdichten und erweitern.“[4] Im Laufe der Geschichte zeigte sich dann, dass Stile am stärksten durch ein Arrangement aus „Kleidung (Mode), Accessoires, Statussymbole, Körpersprache, Rituale, Umgangsformen, einen spezifischen „Slang“ (Sprüche) (…)“[5] und dem Tanz repräsentiert werden konnten. „„Last not least“ ist wohl Musik als eine Hauptkomponente von Stil anzugeben.“[6] Auch wenn die genannten Stilkategorien der Jugend dienten, ihre eigene Identität auszudrücken, so hat Jugendkultur durch bestimmte äußere Einflüsse, wie vor allem der Industrie (aber auch der Medien und der Wissenschaft) bis heute nicht nur eine Würdigung, sondern auch eine Entwertung erfahren: „Mehr denn je ist Jugendkultur heute ein Bastard aus echten Bedürfnissen und Gefühlsäußerungen auf der einen sowie aus raffinierten Marketingstrategien auf der anderen Seite.“[7] Dass hierin eine unausweichliche Ambivalenz besteht, zeigt sich am ehesten in der Musik. „Ohne die westliche Kulturindustrie gäbe es keine Jugendkulturen, keine Internationalität des Rock und Pop.“[8]

1.2 Die Entstehung von Szenen

Der Begriff Jugendkultur unterliegt heutzutage nicht nur einem zunehmend inflationären Gebrauch, sondern ist an sich auf Grund der entstehenden Heterogenität und damit einhergehenden Vermischung von Stilen und Lebenswelten im Zuge der Auswirkungen der postmodernen Gesellschaftsstruktur nur schwer im Einzelfall klar zu definieren[9]. Diese Problematik ist das Resultat einer zunehmenden Verwässerung von bestehenden oder wünschenswerten Abgrenzungen, die eine entsprechende Jugendkultur als solche kennzeichnen könnten. Insofern spricht man seit den 90er Jahren eher von (Jugend-)Bewegungen, (Jugend-)Phänomenen oder Szenen[10]. So konstatieren Janke und Niehues: „Wir reden vielmehr über viele verschiedene Szenen. Szenen, die überall dort entstehen, wo Menschen freiwillig gemeinsame Interessen, Wertvorstellungen und Freizeitaktivitäten entwickeln (…). Sie weichen die alten Strukturen der Gesellschaft, also soziale und lokale Herkunft oder Bildungshierarchien, auf und erzeugen neue. Szenen sind die Gesellschaftsordnung der 90er Jahre.“[11] Grunge gestaltet sich als solch eine Szene, die fälschlicherweise von Anfang an mit dem Attribut behaftet war, eine Jugendkultur zu sein. Unabhängig vom Versuch der Kennzeichnung als eine Jugendkultur erweist sich die Grunge-Szene im Speziellen als ein Produkt einer Generation[12].

2. Die Generation X

Die Generation, die synonym mit der Grunge-Szene in Verbindung gebracht wird, wurde mit dem Begriff „Generation X“ plakatiert, der aus der Feder des kanadischen Schriftstellers Douglas Coupland stammte[13]. Da sich das Phänomen von den USA ausgehend verbreitete, bezog sich der Begriff vornehmlich auf die dortige Jugend, während in Deutschland das gleiche Phänomen in einer Adaption durch den Roman „Generation Golf“ von Florian Illies beschrieben wurde. Der von beiden Autoren beschriebenen Generation ist eines gemein: ihre Angehörigen sind in den 90er Jahren zwischen 20 und 30 Jahre alt und haben eine pessimistische, melancholische, gar hoffnungslose Grundhaltung, die sich am prägnantesten mit den Worten von Janke/ Niehues zusammenfassen lässt:

- sie wissen, dass sie es niemals zu einem Wohlstand wie dem ihrer Eltern bringen werden;
- die Verheißung von Konsum und Kulturangeboten hat sich für sie erschöpft;
- sie wissen, dass alle spannenden Erfahrungen schon einmal gemacht worden sind;
- sie misstrauen allen etablierten Werten und Institutionen[14]

Im Folgenden werden die Faktoren genannt, die zu dieser Grundhaltung beitrugen und im Besonderen einen Einfluss auf die Grunge-Szene innerhalb der Generation X ausübten.

2.1 Der Einfluss der Baby-Boomer (Yuppies)

Die Generation X sah sich als Verlierer einer Entwicklung, von der sie glaubt, die Generation vor ihr habe diese verschuldet. Dabei handelt es sich um die Baby-Boomer[15], „(…) die Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre als Yuppies (young urban professionals) die obersten Etagen der Unternehmen und Institutionen besetzten und heute als arriviert gelten.“[16] In den Augen der Generation X erwiesen sich die Baby-Boomer als Begünstigte einer historisch bedingten Ausgangssituation, da diese „(…) noch im Überfluss der Nachkriegsgesellschaft aufwuchsen und Nutznießer eines bis dahin nicht gekannten Wirtschaftsaufschwungs waren.“[17] Die Baby-Boomer profitierten dabei von Werten, die die Hippies und 68er im Zuge ihres „Marschs durch die Institutionen“ in der Gesellschaft etablierten. Diese hatten die verkrusteten Autoritäten aufgeweicht und damit einer „Neuen Linken“ die Bahn geebnet, in deren Gefolge nicht nur soziale Bewegungen und Umwälzungen stattfanden, sondern auch ein Kult der Selbstverwirklichung und des Individualismus etabliert wurde. Diese – im Endeffekt – Utopie nach Selbstverwirklichung und die damit einhergehenden Vorzüge eines „scheinbar besseren Lebens“ gepaart mit dem Aufschwung der Nachkriegsjahre, konnte von der Generation X nicht aufrechterhalten werden[18]. Douglas Rushkoff spricht aus der Perspektive eines Angehörigen der Generation X, wenn er sinngemäß feststellt: „Wir haben zugeschaut, als die Baby-Boomer aufs College gegangen sind, großartige Jobs bekamen, die Wirtschaft zum Absturz brachten (…)“[19] und insofern der Generation X ein schwieriges Erbe hinterließen. Daraus zieht Rushkoff das Fazit: „Nachdem wir der Generation vor uns zusahen, wie sie sich von Hippies zu Yuppies, zu New-Age-Anhängern und Grundbesitzern verwandelte, haben wir nun das Gefühl, dass wir im Kielwasser der Baby-Boomer schwimmen und die wirtschaftliche Bürde einer Gesellschaft tragen, die von finanziellen Krediten und sozialen Schulden lebt.“[20]

[...]


[1] hierzu lässt sich mit John Clarke ausführen, „(…) dass Freizeit einen Bereich relativer Freiheit darstellt (und historisch darstellte, zumindest, seit die Kultur der Industriearbeiter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gestalt gewann).“ ; Clarke, J. (1979); S.133

[2] Schwendter, R. (1986); S. 44

[3] Kemper, P. (2002); S. 18; dabei wird im Zuge der 68er Generation von „Gegenkultur“ gesprochen

[4] Mühlberg, P./ Stock, M. (1990); S. 235

[5] Kersten, M. (1995); S. 83

[6] Zimmermann, P. (1984); S. 39

[7] Janke, K./ Niehues, S. (1995); S. 27

[8] Baacke, D. (1986); S. 83

[9] hierzu heißt es in einer neueren Jugendstudie: „Trotz Globalisierung, weltweiter Kommunikation, Migration und Mobilität sind sie (die Jugendlichen; Anm. d. Verf.) durch starke soziale Ungleichheit, Heterogenität der Lebensumstände und eine Vielfalt der Lebensstile geprägt. Deshalb kann auch nicht von einem einheitlichen Bild der Jugend gesprochen werden.“ ; Zinnecker, J./ Behnken, I./ Maschke, S./ Stecher, L. (2002); S. 7

[10] vgl. Farin, K. (2001); S. 19

[11] Janke, K./ Niehues, S. (1995); S. 17

[12] Wobei einzelne Generationen durchaus unterschiedliche Jugendkulturen bzw. Szenen ausbilden können zeitgleich zur Grunge-Szene bildete sich etwa auch die Techno-Szene heraus, die ebenfalls ein Produkt der gleichen Generation ist.

[13] Sein gleichnamiges Buch mit dem Zusatz „Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur“ war ursprünglich als eine bei ihm beauftragte Studie über die aktuelle Jugend gedacht. Auf Grund der Komplexität der Thematik entschied er sich dann für das Genre des Romans.

[14] Janke, K./ Niehues, S. (1995); S. 169

[15] Die Baby-Boomer waren die in den USA zwischen 1945 und 1960 Geborenen, in Deutschland zeitverzögert zwischen 1955 und 1965, also die geburtenstarken Jahrgänge vor dem „Pillenknick“.

[16] Hebdige, D. (1997); S. 19

[17] Kellner, D. (1997); S. 72

[18] vgl. Hebdige, D. (1997); S. 19

[19] Rushkoff, D. (1997); S. 350f

[20] ebd.; S. 348

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640930173
ISBN (Buch)
9783640930081
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172926
Institution / Hochschule
Freie Journalistenschule Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Kurt Cobain Medienwissenschaften Mediensoziologie Jugendkulturen Rockgeschichte Musikgeschichte

Autor

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