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Wie verstehen moderne Konzepte der Literaturwissenschaft die „Referenzillusion“ der Autobiographie? -Am Beispiel des Konzepts von Jean Starobinski

von Anna Kiesbauer (Autor)

Essay 2001 5 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Im Folgenden soll die Referenzillusion, die den Autobiographien unterliegt, anhand von Jean Starobinskis Konzept betrachtet werden.

„Referenzillusion“ und „Autobiographie“- zwei Begriffe, die zunächst einiger Klärung bedürfen.

„Referenzillusion“ - betrachtet man diesen Begriff näher, so ist er zunächst in zwei Teile zerlegbar. Auf der einen Seite verweist er auf „Referenz“, was man umschreiben könnte mit: “Beziehung zwischen einem sprachlichen Ausdruck und dem damit bezeichneten Inhalt, (frz.: référence = Bezugnahme, Empfehlung).[1] Auf der anderen Seite umfaßt der Ausdruck „Illusion“, was eine „falsche Vorstellung“ bzw. „Selbsttäuschung“ meint.[2]

Zum zweiten betrifft die Fragestellung die „Autobiographie“, welche eine Erzählung über das eigene Leben ist, und in einer längeren schriftlichen Form auftritt. Sie bietet einen Überblick über einen bestimmten Lebensabschnitt unter der Perspektive einer zeitlichen Distanz.[3]

Auch bei einer Autobiographie liegen die drei literarischen Instanzen: Autor, Erzähler und literarisches „Ich“ (selten „Du“/ „Er“) vor. Somit möchte ich im Folgenden die Täuschung der Autobiographie [=im Folgenden: AB] über die scheinbare Beziehung und Einheit zwischen dem Protagonisten der AB, der Erzählerinstanz und dem Autor darlegen, wie sie von modernen Konzepten der Literaturwissenschaft verstanden wird, und zwar unter der näheren Betrachtung der Theorie von Jean Starobinski.

Unter den Thesen Starobinskis: -die AB ist Sache des Individuums und -die AB ist „an die Gegenwart des Schreibvorganges gebunden“,[4] verstehe ich Folgendes.: Während der sog. „aktuellen Autoreferenz“, d.h. in diesem Moment des Schreibens der AB, stellt der Autor einen Bezug zu seinem „Ich“ dar, aber unter dem Einfluß seiner gegenwärtigen/jetzigen Sichtweise auf seinen Werdegang. Darin sieht Starobinski eine Barriere und Sichtblende für das tatsächliche, wahrheitsgetreue Erfassen und für die genaue Wiedergabe der vergangenen Ereignisse. Da der Autor beispielsweise in der Kindheit eine andere Persönlichkeit hatte als im Alter, hätte er somit die Ereignisse in der Kindheit anders dargelegt und kommentiert als vom Standpunkt eines reifen Autors, der einen rückblickenden Überblick über die Folgejahre hat. Dieses Phänomen findet man z.B. bei Autoren der Sturm-und-Drang-Zeit, die im Alter ihre früheren „stürmischen“ Jugendwerke leugnen, verschweigen oder durch Ausreden abschwächen; da sie nun einen anderen Blickwinkel und eine andere Position dazu einnehmen. So bezeichnet Starobinski jede AB zugleich als eine Selbstinterpretation, gekennzeichnet von der Beziehung zwischen dem Autor und seiner eigenen Vergangenheit.

[...]


[1] Wahrig-Burfeind (Hg.):Bertelsmann Universal Lexikon. Fremdwörter. S.608. Gütersloh 1992.

[2] Ebenda, S.286.

[3] Biti, Vladimir: Literatur-und Kulturtheorie.Autobiographie.

[4] Starobinski, Jean: Der Stil der Autobiographie. In: Niggl, Günter (Hg.): Die Autobiographie.Darmstadt 1989.

Details

Seiten
5
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638219006
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17295
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut f. Germanistik
Note
Schlagworte
Konzepte Literaturwissenschaft Autobiographie Beispiel Konzepts Jean Starobinski

Autor

  • Anna Kiesbauer (Autor)

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Titel: Wie verstehen moderne Konzepte der Literaturwissenschaft die „Referenzillusion“ der Autobiographie? -Am Beispiel des Konzepts von Jean Starobinski