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Auswirkungen der Chemikalienverordnung REACH am Beispiel BASF

Seminararbeit 2010 21 Seiten

BWL - Unternehmensforschung, Operations Research

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die REACH-Verordnung
2.1 Inhaltliche Grundlagen der Verordnung
2.2 Interessenkonflikte

3 Analyse der BASF mit der „Risk–Opportunity / Revenue–Costs“-Matrix
3.1 „Risk–Opportunity / Revenue–Costs“-Matrix nach A.T. Kearney
3.2 Fallbeispiel der BASF
3.2.1 Drohende Umsatzeinbußen
3.2.2 Drohende Zusatzkosten
3.2.3 Möglicher Umsatzwachstum
3.2.4 Mögliche Effizienzsteigerungen / Kostensenkungen
3.2.5 Vollständige Matrix

4 Diskussion der Ergebnisse

5 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Versicherung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Im Jahre 2007 trat die EU-Verordnung Nr. 1907/2006 (kurz: „REACH-Verordnung“) in Kraft, die das Inverkehrbringen von chemischen Stoffen in der Europäischen Union regelt. Zum Inverkehrbringen vorgesehene Chemikalien müssen seither zentral registriert und in ihrer Wirkung auf Mensch und Umwelt bewertet werden. Sie unterliegen, abhängig vom Ergebnis dieser Bewertung, einer Einschränkung der Zulassung.

Die Motivation zur Einführung dieser Regeln ist in Verbraucher- und Umweltschutzgründen zu sehen[1], dementsprechend befürchtete die Industrie negative Konsequenzen für den Erfolg ihrer Geschäftstätigkeit.[2]

In der vorliegenden Arbeit werden die tatsächlichen Auswirkungen der REACH-Verordnung auf Unternehmen am Beispiel der BASF, des weltweit umsatzstärksten Chemiekonzerns[3], analysiert. Dazu wird die von der Unternehmensberatung A.T. Kearney entwickelte „ Risk–Opportunity / Revenue–Costs “-Matrix angewendet. Diese Matrix bietet eine graphische Aufbereitung der sich aus einer bestimmten Ursache ergebenden Folgen, die unterteilt werden in Risiken und Chancen für Kosten und Umsatz einer Organisation.

Die Leitfragen dieser Arbeit sind:

a) „Welche Folgen ergeben sich aus der Einführung der REACH-Verordnung für einen Chemiekonzern (im Speziellen: die BASF)?“
b) „Sind die in (a) identifizierten Folgen Risiken oder Chancen für Kosten oder Umsatz der BASF?“
c) „Mit welchen Vorgehensweisen reagierte die BASF in Hinblick auf die in (a) identifizierten Folgen?“

Zur Beantwortung dieser Fragen wird zunächst die REACH-Verordnung vorgestellt. Danach wird die „Risk–Opportunity / Revenue–Costs“-Matrix, im Anschluss an eine kurze Präsentation ihrer grundsätzlichen Struktur, für den Fall der BASF anhand von Literaturanalysen generiert und in einem weiteren Kapitel kritisch diskutiert. Zum Schluss erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit.

2 Die REACH-Verordnung

Am 1. Juni 2007 trat die EU-Verordnung Nr. 1907/2006 (kurz: „REACH-Verordnung“) in Kraft. Im Gegensatz zu EU-Richtlinien, die von den Mitgliedsstaaten zunächst in nationales Recht umgesetzt werden müssen, sind EU-Verordnungen unmittelbar rechtlich wirksam. Die REACH-Verordnung ersetzt mehr als 40 ältere Regelungen, die das bisherige Chemikalienrecht in EU-Mitgliedsstaaten stellten.[4] Sie betrifft fast alle chemischen Produkte, nur wenige Produktgruppen wie z.B. Arzneimittel, die durch eigene Regelungen abgedeckt werden, sind von ihr ausgenommen.[5]

Der Ausarbeitung der endgültigen Version dieser Verordnung gingen mehrere Jahre andauernde Diskussionen über ihre Inhalte voraus. Erste Bemühungen auf EU-Ebene für mehr Verbraucher- und Umweltschutz hinsichtlich chemischer Stoffe gab es im Jahre 1993, und bereits seit 1998 existiert das Grundkonzept der REACH-Verordnung, das die Beweislast für die Sicherheit von Chemikalien vom Staat auf die Industrie überträgt.[6] Zum Zeitpunkt des Inkrafttretens galt damit in der EU das strikteste Chemikalienrecht der Welt. Kritiker sagten der EU aus dieser Position erwachsende starke Wettbewerbsnachteile voraus.[7] Seit Oktober 2010 allerdings wird das EU-Recht übertroffen durch das in Teilen noch striktere neue chinesische Chemikalienrecht[8], und auch in anderen Märken wie beispielsweise den USA setzen sich Interessengruppen für eine Verschärfung des lokalen Chemikalienrechts ein.[9]

2.1 Inhaltliche Grundlagen der Verordnung

Der Kurzname „REACH“ der Verordnung ist ein Akronym aus den Worten R egistration, E valuation, A uthorisation and Restriction of Ch emicals. In Artikel 1 der Verordnung wird ihre Zielsetzung erläutert:

„Zweck dieser Verordnung ist es, ein hohes Schutzniveau für die menschliche Gesundheit und für die Umwelt sicherzustellen, einschließlich der Förderung alternativer Beurteilungsmethoden für von Stoffen ausgehende Gefahren sowie den freien Verkehr von Stoffen im Binnenmarkt zu gewährleisten und gleichzeitig Wettbewerbsfähigkeit und Innovation zu verbessern.“[10]

Nach dem Grundsatz „Ohne Daten kein Markt“ müssen Unternehmen ihre Produkte zentral registrieren, wenn sie mehr als eine Jahrestonne eines Stoffes in der EU herstellen oder in Verkehr bringen möchten.[11] Zu diesem Zweck wurde eine europäische Agentur für chemische Stoffe geschaffen, die in Helsinki angesiedelte „European Chemicals Agency“ (ECHA). In Abhängigkeit der Gefährlichkeit der Stoffe und der jährlich in Verkehr gebrachten Menge sind unterschiedliche Anforderungen, z.B. hinsichtlich der Risikoklassifizierung, bei der Registrierung zu erfüllen.

Für besonders gefährliche Stoffe, sogenannte „Substances of very high concern“ (SVHC) gibt es ein Zulassungsverfahren. Dies bedeutet, dass ein potentieller Produzent oder Importeur eines solchen Stoffes bei der ECHA eine Zulassung für seine Verwendung beantragen muss. Er muss dabei unter anderem nachweisen, dass der sozio-ökonomische Nutzen seiner Produkte schwerer wiegt als die möglichen Schäden für Umwelt und Gesundheit. Diese Regelung ermöglicht es, den Markt weiterhin mit wichtigen Produkten zu versorgen, wenn noch keine weniger gefährlichen Alternativen erforscht worden sind.

Die Marktteilnehmer sind unter REACH zur Zusammenarbeit bei der Registrierung verpflichtet, unter anderem um die Anzahl von Tierversuchen zu reduzieren. Für jede Substanz, die in der EU auf den Markt gebracht werden soll, wird ein „Substance Information Exchange Forum“ (SIEF) gegründet. In diesem müssen sich sämtliche Produzenten und Importeure zusammenschließen und zur Registrierung notwendige Daten miteinander austauschen, insbesondere die Ergebnisse von Tierversuchsstudien.[12] Firmen, die keinen Sitz innerhalb der EU haben, müssen dabei einen „Alleinvertreter“ mit Sitz in der EU benennen.[13] Der Ablauf der Bildung solcher Foren sowie Richtlinien zur Vergütung von bereitgestellten Substanzdaten sind nicht festgelegt und müssen somit von den Marktteilnehmern selbst organisiert werden.

Ein weiterer Inhaltspunkt von REACH ist die Kommunikation innerhalb der Lieferkette. Lieferanten und Verwender eines Stoffes müssen sich darüber austauschen, welche stoffbezogenen Gefahren ihnen bekannt sind. Dabei ist es auch vorgesehen, dass nachgeschaltete Verwender ihrem Lieferanten ihren Verwendungszweck für den Stoff mitteilen, damit dieser die Verwendung in seinem Stoffsicherheitsbericht bewerten kann. Möchte der Lieferant eine solche Verwendung nicht vertreten, so muss der nachgeschaltete Anwender einen eigenen Stoffsicherheitsbericht für diese spezielle Verwendung erstellen.[14]

2.2 Interessenkonflikte

Die Beweislastumkehr bedeutet eine erhebliche Mehrbelastung für die Industrie, und so ist es wenig verwunderlich, dass während der Gestaltungsphase der Verordnung versucht wurde, auf die Inhalte Einfluss zu nehmen.[15],[16] Der Widerstand der globalen chemischen Industrie gegen die Regulierung nahm dabei teils abstruse Formen an: so intervenierte die US-Regierung bei europäischen Entscheidern und bat um eine abgeschwächte Regulierung, und es zog ein US-amerikanischer Verband der chemischen Industrien gegen REACH in die Lobbyschlacht mit dem Argument, dass der europäischen Industrie gegenüber der amerikanischen Industrie Wettbewerbsnachteile entstehen würden.[17] Der entgegengesetzte Pol wurde von Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen gebildet, die ebenfalls Lobbymaßnahmen ergriffen. Die von ihnen in Auftrag gegebenen Studien zu den voraussichtlichen Auswirkungen von REACH ergaben den exorbitante Kosten prophezeienden Industriestudien[18] widersprechende Ergebnisse, so wird vor allem der sich durch eine geringere Erkrankungszahl ergebende langzeitige Mehrwert gelobt.[19]

Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing‘ “: Im Hinblick auf das Thema dieser Seminararbeit ist der „Leihbeamten-Affäre“ besondere Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Dieses Wort bezeichnet das „Ausleihen“ von Mitarbeitern privater Unternehmen an die öffentliche Hand unter fortgesetzer Bezahlung durch den ursprünglichen Arbeitgeber, sowie den Vorwurf, dass sich diese Mitarbeiter nicht immer als solche zu erkennen geben. Das Konzept des Mitarbeitertausches wurde eingeführt im Jahre 2004 und war gedacht zur Verstärkung fachlicher Kompetenz in den Bundesministerien, wird aber kritisiert aufgrund der mangelnden Unabhängigkeit der eingesetzten Fachkräfte, die aus der Bezahlung durch die Industrie resultiert. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Möglichkeit des Hineintragens von Ministeriums-Interna in die privaten Unternehmen.[20] In den Jahren 2004/2005 arbeitete eine von BASF bezahlte Fachkraft im Bundeswirtschaftsministerium an der Ausgestaltung der REACH-Verordnung auf EU-Ebene.[21] Allerdings liegen keine spezifischen Vorwürfe oder gar Beweise für eine Einflussnahme dieses Mitarbeiters zugunsten der chemischen Industrie im Rahmen seiner Anstellung im Bundeswirtschaftsministerium vor.

3 Analyse der BASF mit der „Risk–Opportunity / Revenue–Costs“-Matrix

In dieser Arbeit werden die Folgen der REACH-Verordnung auf das Unternehmen BASF untersucht, das mit 70,4 Mio. US-$ Jahresumsatz in 2009 umsatzstärkste Chemieunternehmen weltweit.[22] Produziert werden am Hauptsitz Ludwigshafen und 385 weiteren Standorten von 105.000 Mitarbeitern neben Öl und Gas unter anderem chemische Grundstoffe, Kunststoffe, Farben und Lacke, Baustoffe und Pflanzenschutzmittel.[23],[24] Viele, aber nicht alle Aspekte der folgenden Analyse können auch auf andere große europäische Chemieunternehmen übertragen werden, denn diese befanden sich nach der Einführung von REACH in einer ähnlichen Lage, haben aber unter Umständen anders darauf reagiert.

3.1 „Risk–Opportunity / Revenue–Costs“-Matrix nach A.T. Kearney

Die Ergebnisse der Analyse werden mit Hilfe eines Werkzeuges dargestellt, das von der Unternehmensberatung A.T. Kearney entwickelt wurde: die „Risk–Opportunity / Revenue–Costs“-Matrix. In dieser 2x2-Matrix, aufgeteilt in die Spalten „Risk“ und „Opportunity“ sowie die Zeilen „Revenue“ und „Costs“, können die identifizierten Folgen eines bestimmten Vorkommnisses (ab hier „Faktoren“ genannt) dargestellt werden.

Bewertet wird in der die Matrix begründenden Analyse, ob aufgrund eines identifizierten Faktors Umsatzeinbußen oder Zusatzkosten drohen, oder ob sich aus ihm Möglichkeiten ergeben, den Umsatz oder die Effizienz zu steigern bzw. die Kosten zu senken. Die Matrix bietet aufgrund ihrer Einteilung einen schnellen Überblick über die Bewertung der Faktoren.

Ein Beispiel findet sich in der von A.T. Kearney erstellten Abbildung 1, in der die Auswirkungen des Nachhaltigkeits-Trends für Unternehmen dargestellt sind. So ergibt sich beispielsweise für einen Automobilkonzern das Risiko von Umsatzeinbußen, wenn er große Geländewagen herstellt, die aufgrund des Meinungsumschwungs in der Gesellschaft weniger gekauft werden. Gleichzeitig entsteht aber die Möglichkeit, durch den Einstieg in den Hybridfahrzeugmarkt eine neue Umsatzquelle zu nutzen. Durch die politische Entscheidung, den Treibhausgas-Ausstoß zu senken, drohen Unternehmen Zusatzkosten für eine CO2-Steuer. Es entstehen aber auch neue Lösungen zur Steigerung der Energieeffizienz, sodass z.B. bei der Gebäudebeleuchtung Kosten eingespart werden können.

[...]


[1] Vgl. Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Artikel 1

[2] Vgl. ChemSec (2004), S.3

[3] Vgl. Fortune Magazine (2010)

[4] Vgl. Ackerman et al. (2006), S. 2

[5] Vgl. Brixius/Maur (2007), S. 277

[6] Vgl. Schröder (2007)

[7] Vgl. Ackerman et al. (2006), S. 3

[8] Vgl. ChemSec (2010a)

[9] Vgl. Cone (2006)

[10] Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Artikel 1

[11] Vgl. Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Artikel 5

[12] Vgl. Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Artikel 29f.

[13] Vgl. Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Artikel 8

[14] Vgl. Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Artikel 37

[15] Vgl. Schröder (2007)

[16] Vgl. Barth (2008)

[17] Vgl. Ackerman et al. (2006), S.3f.

[18] Vgl. ChemSec (2004), S.3

[19] Vgl. Ackerman/Massey (2004), S.11

[20] Vgl. Amann (2009)

[21] Vgl. Barth (2008)

[22] Vgl. Fortune Magazine (2010)

[23] Vgl. BASF (2010a)

[24] Vgl. BASF (2010b)

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640934430
ISBN (Buch)
9783640934713
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173259
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Lehrstuhl für Unternehmenstheorie
Note
1,7
Schlagworte
BASF Management Strategie Wirtschaft Industrie EU China USA Chemikalien 1907/2006 SIN-Liste Risk Opportunity Revenue Costs A.T. Kearney Nachhaltigkeit Sustainability Chemie EU-Verordnung SIEF ECHA PricewaterhouseCoopers Kritik

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