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Blockaden und Disparitäten?

Über das Entwicklungspotential und dessen Hindernisse in Brasilien

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemdarstellung
1.2. Zielsetzung und Hypothese
1.3. Organisation der Arbeit

2. Literaturüberblick

3. Methodik und Daten

4. Soziale Disparitäten in Brasilien

5. Blockade der Politik

6. MST als Ergebnis der Abwesenheit von politischer Konsensbildung

7. Schlussfolgerungen

Literaturliste

1. Einleitung

Brasilien. Spricht man als Westeuropäer von diesem Land, denken die meisten Menschen wohl zuerst an Fußball, Samba und Favela. Doch ein genauerer Blick lohnt sich. Denn im Zuge des wirtschaftlichen Aufstrebens von Brasilien, Russland, Indien und China (sog. BRIC-Staaten) wurde das Hauptinteresse stets dem „gelben Riesen“ geschenkt. China war für den deutschen Außenhandel wesentlich attraktiver, denn es lockte die Aussicht auf einen riesigen, wachsenden Absatzmarkt. Dadurch sind die wirtschaftlichen Fortschritte in der Entwicklung Brasiliens für die breite Masse beinahe unbemerkt geblieben.

In den Jahren 1968 bis 1975 erfolgte der Aufstieg zur Musterwachstumsökonomie Südamerikas. In dieser Zeit hatte das Militär die Regierung übernommen und ein Staats- und Wachstumsprogramm initiiert, das eine staatsgestützte und -gesteuerte importsubstituierenden Industrialisierung1 vorsah.2 Im Zuge der Verschuldungskrise der 1980er Jahre stiegen die Zinsen rasant an, was das gesamte brasilianische Wirtschaftssystem aushebelte und schließlich ganz Südamerika in die Stagnation führte. Aufgrund der staatlichen Subventionen für die heimische Industrie und die Abschottung gegen den Weltmarkt, hatte die heimische Industrie keinen Zwang Güter zu produzieren, die auf dem Weltmarkt konkurrieren konnten. Deshalb waren brasilianische Güter von mangelhafter Qualität.3 Des Weiteren führte die extreme Förderung der Industrie und die gleichzeitige Vernachlässigung der anderen Wirtschaftssektoren, z: B. die Landwirtschaft zu großen Einkommensungleichheiten. Erst durch die Redemokratisierung 1988 und durch wirtschaftliche Reformen der Regierung unter Präsident Cardoso konnte Brasilien in den 1990er Jahren aus der Krise geführt werden.4 Trotz alledem sind die sozialen Unterschiede nach wie vor groß, da die Masse der Bevölkerung im ländlichen Raum am Wachstum kaum partizipieren konnte.

Von der Wahl des Gewerkschaftsführers Luiz Inacio Lula da Silva (genannt Lula) 2003 zum Präsidenten versprach sich besonders die arme Bevölkerung des Landes sehr viel. Zum ersten Mal in der Geschichte Brasiliens war eine linke Partei an der Macht und stellte den Präsidenten. Doch zur Überraschung vieler hat Lula die Wirtschaftspolitik seines Vorgängers fortgesetzt. „Denn Lula war klar, dass Wachstum mit Inflation - wozu seine Koalition ihn gerne überredet hätte - gerade den Armen Brasiliens schaden würde.“5 Und die Armen sind Lula‘s Wähler. Wirtschaftliche Eliten hatten zuvor 15 Jahre lang versucht, die Wahl Lula‘s zu verhindern, da die Befürchtung groß war, eine linke Regierung würde den Arbeiter bevorzugen und die Arbeitgeber und Unternehmen benachteiligen. Mittlerweile hat Lula sogar eine zweite Amtszeit abgeschlossen und seine Leiterin des Präsidialamtes Dilma Roussef wurde erst kürzlich zu seiner Nachfolgerin gewählt - trotz des Widerstands der verschiedenen wirtschaftlichen und konservativen Gruppen des Landes.6 Dies zeigt auch die Problematik der politischen Führung des Landes auf: Die wirtschaftliche Kraft des Landes ist fast ausschließlich auf den Südosten des Landes mit seinem Motor Sao Paulo fokussiert. Die Wohlstandsverteilung ist höchst verschieden, so liegt der Nordosten des Landes Jahrzehnte hinter der Entwicklung des Südostes zurück.7 Regionale Eliten schirmen sich gegen den Einfluss des Bundes regelrecht ab und das Steuersystem ist so komplex, dass fast alle Unternehmen Abgaben an den Staat und den Bund entrichten, wobei sie nicht einmal selbst wissen, wie die jeweiligen Sätze berechnet werden.8

1.1. Problemdarstellung

Die obigen Ausführungen zeigen, dass der brasilianische Staat eine industrie- und arbeitgeberfreundliche Politik betreibt. Die Mehrzahl der Bürger, insbesondere die Arbeiter, Kleinbauern und Landlosen sehen sich teilweise ineffizienten Sozialpolitiken gegenüber. Ihre Lebensgrundlagen sind verletzlich und sie sind in der Regel arm. An dieser Stelle gewinnt die Entwicklungszusammenarbeit an Bedeutung. Unternehmen, ausländische und inländische Nichtregierungsorganisationen (NROs) und der brasilianische Staat selbst nutzen ihre Kanäle und Ressourcen, um die Entwicklung in Brasilien voranzutreiben.

Aufgrund der föderalen Struktur des Landes und der starken Autonomie der Einzelstaaten ist es jedoch schwierig, nationale Strategien durchzusetzen. Die daraus resultierenden politischen Handlungshemmnisse behindern die Umsetzung von staatlichen Entwicklungsstrategien, die insbesondere auf eine Armutsreduzierung abzielen.

1.2. Zielsetzung und Hypothese

Ziel der Arbeit soll es sein, anhand einer exemplarisch gewählen NRO und staatlicher Programme die brasilianische Entwicklungszusammenarbeit zu beleuchten und der Frage nachzugehen, inwiefern die politischen und sozioökonomischen Bedingungen die Entwicklung Brasiliens hin zu einer geringeren Einkommensdisparität behindern. Die Hypothesen lauten: (1) Die föderale Staatsstruktur Brasiliens blockiert eine breit angelegte nationale Entwicklungspolitik. (2) Aufgrund dieses politischen Vakuums übernimmt die Zivilgesellschaft (beispielsweise in Form von Nichtregierungsorganisationen) Aufgaben des Staates im Bereich der sozioökonomischen Entwicklung der armen brasilianischen Bevölkerung.

Die Hausarbeit zielt zuerst darauf ab die Ursachen für die mangelnde Involvierung des Staates in die Entwicklungspolitik zu beschreiben. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt auf der Darstellung der Arbeit der Zivilgesellschaft - wie nimmt sie die Arbeit der Regierung wahr und wie versucht sie Lücken zu schließen?

1.3. Organisation der Arbeit

Nach einem kurzen Überblick über den Forschungsstand sollen die Methodik und die Instrumente vorgestellt werden, die in dieser Arbeit verwendet werden. Eine Lagefeststellung über die sozialen Disparitäten und Probleme des Landes bilden die Grundlage für die Analyse der Politik- und Governance-Probleme. Danach soll anhand eines Fallbeispiels gezeigt werden, wie NROs (nach mittel- und nordeuropäischem Verständnis) staatliche Aufgaben wahrnehmen und erfüllen, um so die der Arbeit zugrunde liegende Hypothese bearbeiten zu können.

2. Literaturüberblick

Der Begriff „Entwicklungshilfe“ wird in der Literatur immer häufiger durch den Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“ ersetzt, da „ [Entwicklungshilfe] einen paternalistischen und somit hierarchischen Unterton hat und die heute angestrebte Partnerschaftlichkeit mit den Entwicklungsländern nicht klar genug zum Ausdruckt bringt […]. [Entwicklungszusammenarbeit] bezeichnet das operative Geschäft, die praktische Durchführung von entwicklungspolitischen Programmen und Projekten in Planung, Durchführung und Evaluation.“9 International wird der Begriff Official Development Assistance (ODA) benutzt,10 im Folgenden wird der Begriff Entwicklungszusammenarbeit“verwendet.

Die Forschung zur Entwicklungspolitik hat in den neunziger Jahren durch verschiedene Krisen in Jugoslawien, Afrika oder den Zusammenbruch der Sowjetunion einen Aufschwung erfahren. Vor allem empirische Forschungsarbeiten über die Zivilgesellschaft und den Transformationsprozess der Politik in Sub-Sahara-Afrika,11 Süd-Korea,12 Ost- Europa13 und Russland14 wurden veröffentlicht. Mittlerweile lösen sich Politikwissenschaftler von theoretischen Paradigmen zur Erklärung entwicklungspolitischer Zusammenhänge. Die Komplexität der Unterentwicklung sei ein zu vielschichtiger Prozess, der durch monokausale Erklärungen nicht erfasst werden könne. „Das Warum ist und bleibt das zu Erklärende, das sich nicht an ideologisch besetzten Unterscheidungen zwischen endogenen und exogenen Faktoren oder an Gewandeinteilungen wissenschaftlicher Disziplinen orientieren darf.“15

Der Forschung zu NROs wurde in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Deren Zahl und Bedeutung hat inzwischen stark zugenommen, so dürfte die Zahl der internationalen NROs auf mittlerweile über 10.000 angewachsen sein. Auf nationaler Ebene wir die Zahl etwa jeweils gleich hoch geschätzt.16 NROs werden in der Entwicklungszusammenarbeit seit den neunziger Jahren verstärkt in Projekte nationaler Entwicklungspolitik eingebunden. Sie werden von gemeinnützigen und privaten Gebern in großem Umfang gefördert und verfügen über meist hohe Budgets für die Durchführung von Entwicklungsprojekten. Da diese Organisationen auf private Investoren angewiesen sind, sind schnelle und erfolgreiche Projektabschlüsse in der Entwicklungszusammenarbeit für deren Budget von großer Wichtigkeit.17

In der Debatte um die Existenzgrundlage für NROs gibt es derzeit verschiedene theoretische Zugriffsmöglichkeiten:

„ Recent years have witnessed a dramatic upsurge in the research on economics of non profit organizations. Two types of theories have been proposed to explain why non-profit organizations exist. One type is traditionally designated as market failure theories and accordingly regards non-profit organization as a particular solution to market failures. The other type, traditionally labelled as supply-side theory, views non-profit organization as an outlet for altruism, ideological entrepreneurship, and practicing of social values. “ 18

Dennoch fehlt es an einem theoretischen Zugang, der es erlaubt, die Motive von NRO- Führern von denen der Bürger oder Inanspruchnehmer herzuleiten.19 Im Folgenden soll nun die Methodik vorgestellt werden, die hier verwendet wird, um die Fragestellung zu beantworten.

3. Methodik und Daten

Mit Hilfe der Textinhaltsanalyse sollen im weiteren Verlauf die Kommunikationsinhalte der NRO ,Movimento dos trabalhadores rurais sem terra ‘ (MST) qualitativ untersucht werden, um dann, anhand der Ergebnisse, die der Arbeit zugrunde liegende Fragestellung zu bearbeiten. Die Textinhaltsanalyse soll eine spezifische Kommunikation - in diesem Fall die der MST - analysieren und dabei systematisch vorgehen. Es werden Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation gezogen.20

[...]


1 Das Modell der staatsgestützten und -gesteuerten importsubstituierenden Industrialisierung wurde in Brasilien entwickelt, um sich gegen billige Importe aus dem Ausland abzuschotten und somit die Binnenwirtschaft zu stärken. Dabei wird die im Land ansässige Industrie subventioniert und gefördert, während gleichzeitig die Importzölle erhöht werden. Nach dem Militärputsch von 1964 wurden die gestiegenen Kosten durch ausländisches Kapital gestützt, was die gesamte Wirtschaft abhängig von fremden Kapitalflüssen machte. Vgl. dazu Boeckh, A., Gigant, 2003, S. 61.

2 Vgl. dazu Kohlhepp, G., Schwellenland, 2003, S. 13.

3 Vgl. dazu Boeckh, A., Gigant, 2003, S. 62.

4 Durch den Plano Real, dem Programm zur Stabilisierung der brasilianischen Währung, konnte 1994 die galoppierende Inflation beendet werden, was als Voraussetzung für sämtliche Reformen der CardosoRegierung gilt. Vgl. dazu Boeckh, A., Gigant, 2003, S. 67.

5 Busch, A., Wirtschaftsmacht, 2009, S. 154.

6 Vgl. dazu ebd., S. 156.

7 Vgl. dazu Neuburger, M., Armutsgruppen, 2003, S. 171 ff.

8 Vgl. dazu Boeckh, A., 2003, S. 59 ff.

9 Ihne, H., Einführung, 2006, S. 4.

10 s. http://www.bmz.de/de/ministerium/haushalt/imDetail/0-1_Leitfaden_Was_ist_ODA.pdf, [Stand: 13.11.10].

11 Vgl. dazu Collier, P., Milliarde, 2008, S. 213 ff., s. http://users.ox.ac.uk/~econpco/research/ africa.htm.

12 Vgl. dazu Croissant, A., Südkorea, 2003, S. 225 ff.

13 Vgl. dazu Hensell, S., Willkür, 2009, S. 89 ff.

14 Vgl. dazu Mommsen, M., Russland, 2004, S. 373 ff.

15 Nuscheler, F., Entwicklungspolitik, 2006, S. 223.

16 Vgl. dazu Nohlen, D., NRO, 2010, S. 658.

17 Vgl. dazu Kuhn,B., Markt und Staat, 2005, S. 18 ff.

18 Balgah, R., Non-profit extension, 2009, S.391.

19 Vgl. dazu ebd., S. 392.

20 Vgl. dazu Mayring, P., Inhaltsanalyse, 2003, S. 12 ff.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640934447
ISBN (Buch)
9783640934379
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173263
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
blockaden disparitäten entwicklungspotential hindernisse brasilien

Autor

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