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Sapere aude! WikiLeaks als Fahnenträger der digitalen Gegenöffentlichkeit

Wie die Netzgemeinschaft die Mündigkeit der modernen Gesellschaft verteidigt und einen dystopischen Cyberspace bekämpft

Bachelorarbeit 2011 76 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Sapere aude – der Mut zum eigenen Verstand

2. Figuration der Öffentlichkeit
2.1 Politikwissenschaftliche Aspekte
2.2 Sozialpsychologische Aspekte
2.3 Soziologische Aspekte

3. Figuration der Gegenöffentlichkeit
3.1 Kritische Teilöffentlichkeiten
3.2 Autonome Öffentlichkeiten
3.3 Anti-institutionelle Diskursöffentlichkeiten
3.4 Abgrenzungen zum Begriff der Öffentlichkeit

4. Die digitale Gegenöffentlichkeit
4.1 Hackerethik
4.2 4chan
4.2.1 Entstehung und chronologischer Verlauf
4.2.2 Community und interne Kommunikation
4.2.3 4chan und die Öffentlichkeit
4.3 Anonymous
4.3.1 Project Chanology
4.3.2 Palin E-Mail Hack
4.3.3 Operation Payback
4.3.4 Zwischenfazit

5. WikiLeaks und die Renaissance der Aufklärung
5.1 Etablierung der Enthüllungsplattform
5.1.1 Entstehung und erste Stunden
5.1.2 Zur Struktur
5.1.3 Die ersten Leaks
5.2 Collateral Murder
5.2.1 Inhaltsanalyse
5.2.2 Detailanalyse
5.2.3 Folgenanalyse
5.3 Die Kriegstagebücher, Teil I: Afghanistan War Logs
5.3.1 Intermediale Kooperation
5.3.2 Folgenanalyse
5.4 Die Kriegstagebücher, Teil II: Iraq War Logs
5.4.1 Inhaltsnalyse
5.4.2 Folgenanalyse
5.5 Bewertungen der Kriegstagebücher
5.6 Cablegate: Die Botschaftsdepeschen
5.6.1 Historische Referenz
5.6.2 Boulevardesque oder brisant?

6. Abschließende Analysen
6.1 Diskretion oder Information – Eine Alternativfrage?
6.2 Help WikiLeaks keep governments open
6.3 Der neue Datenjournalismus als digitale Revolution
6.4 Transparenz als Synonym für Meinungsfreiheit?

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang
9.1 Abbildungsverzeichnis

Endnotenverzeichnis

1. Sapere aude – der Mut zum eigenen Verstand

„Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung“1. Es ist nun über 200 Jahre her, dass Kant über das Zeitalter von Friedrich des Großen geschrieben hat. Das 18. Jahrhundert, auch das Zeitalter der Vernunft und der Kritik, gilt als epochaler Schritt hin zur Mündigkeit der Gesellschaft in Europa.2 Der Fortschrittsoptimismus prägte die Bewegung eines Bürgertums, welches sich auf die Macht einer kritischen Öffentlichkeit stützte, um Emanzipation, Presse- und Religionsfreiheit sowie bürgerliche Grundrechte durchzusetzen. Inzwischen lebt der moderne Mensch in aufgeklärten Industriestaaten, in denen Meinungs- und Pressefreiheit durch Grundgesetze und Menschrechte gesichert sind. Doch kann man trotz der gegebenen Freiheiten von einer mündigen Gesellschaft reden, die ihre Meinungsfreiheit nutzt? Im Grunde sollte dies durch die etablierten Medien wie Presse, Rundfunk und Fernsehen gewährleistet werden, indem sie den politischen Apparat überwachen, der Öffentlichkeit als Informationsquelle dienen und als Katalysator für Diskussionen und Debatten fungieren. Die Realität wird jedoch von vielen Beobachtern anders eingeschätzt und es ist die Rede von einem Versagen der vierten Gewalt und seiner demokratischen Aufsichtspflicht. Verschleierung, Informationszensur und eine politische Verdrossenheit seien die Folgen. Doch wie kann der Mensch aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit austreten und wie kann die Meinungsfreiheit geschützt werden?

Im Informationszeitalter hat wohl der moderne Sturm und Drang als erste Kultur den Nutzen der digitalen Medien für sich entdeckt. Das Internet gibt der Gegenöffentlichkeit nicht nur eine Plattform für den Diskurs und den Austausch von Informationen, sondern bietet die Möglichkeit Einfluss auf Politik und mediale Agenda zu nehmen. Am deutlichsten zeugt das Bestreben der Whistleblower-Plattform WikiLeaks davon, Einfluss auf die globale Politik auszuüben und die Öffentlichkeit für eine Ausübung ihrer Meinungsfreiheit zu sensibilisieren. Im Folgenden sollen die Fragen geklärt werden, welche Auswirkungen eine Enthüllungsplattform wie WikiLeaks auf die Mündigkeit der modernen Gesellschaft hat und welche Motivationen, Normen, Moralen und Ethiken hinter den Aktionen der Netzaktivisten stehen und mit welchen Methoden diese umgesetzt werden. Es wird analysiert, wie sich die digitale Gegenöffentlichkeit konstituiert und mit welchen Mitteln sie versucht ihre eigene Meinungsfreiheit im Cyberspace zu bewahren und wie durch öffentlich wirksame Aktionen auch die Zivilgesellschaft auf politische und ethische Missstände aufmerksam gemacht wird. Um in einer abschließenden Gesamtanalyse die elementaren Aspekte der Untersuchung der digitalen Gegenöffentlichkeit und WikiLeaks als deren Fahnenträger zusammenfassend zu eruieren sowie eine Entwicklungsprognose zu stellen, muss im Vorfeld eine theoretische Begriffsklärung von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit durchgeführt werden. Dazu werden im Folgenden vor allem die wissenschaftlichen Analysen von Jeffrey Wimmer als Sekundärliteratur herangezogen und weitergeführt.

2. Figuration der Öffentlichkeit

Der Begriff Öffentlichkeit ist in der kommunikationswissenschaftlichen Theorie kein wirklich fassbarer Terminus. Aus semantischer Perspektive ist dieser Begriff als polysem zu definieren, da er sich nach Wimmer und Rucht nicht nur als institutionelle Instanz konstituiert, sondern auch als Quasi-Akteur.3 Diese Definition lässt sich allerdings noch um zusätzliche Aspekte erweitern. Öffentlichkeit ist nicht nur die agierende Institution oder Organisation der Gesellschaft sondern auch der Zusammenschluss von Individuen aus Subsystemen und Räumen der Gesellschaft an sich. Die mediale Öffentlichkeit zeigt sich beispielsweise durch die Massenmedien, wie das Fernsehen, das Radio und die Printmedien. Öffentlichkeit wird hier als Synonym für Medienschaffende, Publikum oder Rezipienten gesetzt. Wimmer definiert Öffentlichkeit auf Grund der Vielfältigkeit und der Weite des Begriffs als interdisziplinär und beleuchtet den omnipräsenten Gegenstand des wis-senschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses unter vier Teilaspekten: politikwissenschaftliche Aspekte, sozialpsychologische Aspekte, kulturwissenschaftliche Aspekte sowie soziologische Aspekte. Diese Untergliederung des Begriffes erscheint sehr schlüssig und wird im Folgenden aufgegriffen und sublimiert. Die kulturwissenschaftlichen Aspekte werden dabei nicht berücksichtig, jedoch die drei anderen Ebenen um medienwissenschaftliche Aspekte erweitert, um Bezug auf die Fragestellung der Arbeit herzustellen.

2.1 Politikwissenschaftliche Aspekte

Betrachtet man Öffentlichkeit als Akteur politischer Prozesse, so wird deutlich, dass die Existenz ebendieser die Grundvoraussetzung für „eine repräsentativ verfasste Demokratie ist, […] in der Parteien, Interessengruppen und Bürger die Möglichkeit haben, den Meinungs- und Willensbildungsprozess zu beeinflussen“4. Der Begriff Öffentlichkeit konstituiert sich nach Habermas als prägende Bezeichnung des Bürgertums im 18. Jahrhundert. Als Kontrollorgan soll die bürgerliche Gesellschaft, die bisher nicht am politischen Prozess beteiligt war, die Regierung in ihren Entscheidungen überwachen und beeinflussen können.5 In seiner Entwicklung wird dem Begriff Öffentlichkeit meist politischer Charakter zugeschrieben und er steht auch heute noch für ein „[…] politisch mündiges, jedenfalls partiell aktives Volk“6. Die Aufgabe der Öffentlichkeit ist es aber nicht nur zu kontrollieren, sondern auch zu vermitteln. Wimmer betont die funktionalen Leistungen: „Informationsvermittlung, Meinungsbildung und die Kontrolle der gewählten Repräsentanten“7. Bürger, Politiker und andere Akteure des demokratischen, politischen Prozesses sind also durch die Öffentlichkeit in der Lage sich zu informieren und eine Meinung durch sie zu konstruieren. Neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive steht somit die massenmediale Kommunikation (Presse, Rundfunk etc.) als vierte Gewalt, welche die Aufgabe besitzt die eben genannten zu überwachen. In Artikel 5 des Grundgesetzes ist allerdings lediglich von der Freiheit der Presse die Rede; dies definiert die Medien aber nicht als feste vierte Gewalt. Sie müssen sich folglich selbst definieren und tun dies schlussfolgernd über die Öffentlichkeit und die damit verbundene Freiheit der Meinungsäußerung zu politischen, wirtschaftlichen und anderen Prozessen der Gesamtgesellschaft. Luhmann bestätigt dies in seiner Systemtheorie: „Die öffentliche Zugänglichkeit von Kommunikationen im politischen Herrschaftsapparat wird so mit Hilfe der Druckpresse erweitert, und erst daraufhin kommt es zu der Vorstellung einer öffentlichen Meinung als Letztinstanz der Beurteilung politischer Angelegenheiten“8. Die Medien haben also Öffentlichkeitscharakter und sind unabdingbar für die Bildung eines demokratischen Diskurses über Politik. Dabei ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Medien frei von Politisierung und anderen Einflüssen arbeiten und vermitteln müssen. Eine freie politische Meinungsbildung kann nur dann existieren, wenn im Ausschluss jeglicher Lobbyarbeit, Ab-hängigkeit der Medien von politischer Gunst oder Furcht vor politischen und juristischen Konsequenzen Berichterstattung durchgeführt werden kann. Auf der Rangliste für Pressefreiheit 2010, erstellt von Reporter ohne Grenzen, rangiert Deutschland auf Platz 17; immerhin noch vor den USA auf Platz 20.9 Dass aber auch hierzulande nicht von einer absolut freien Presse die Rede sein kann, wird durch mehrere Fälle der Unterdrückung von Berichterstattung oder Unterschlagung wichtiger Informationen deutlich. Dazu seien Beispiele wie der Fall Cicero 2005 angeführt. Das Magazin veröffentlichte damals Details über den irakischen Al-Qaida-Terroristen Abu Mussab al-Sarkaui. Wegen Verrats von Dienstgeheimnissen wurde die Redaktion auf Anordnung des Bundesinnenministers Otto Schilly durchsucht und die Rechner beschlagnahmt.10 2006 wurde die Bespitzelung von SPIEGEL-, stern- und FOCUS- Journalisten durch den Bundesnachrichtendienst publik.11 Auf die Veröffentlichung der US-Botschaftsdepeschen durch WikiLeaks folgte ebenfalls eine Welle der Empörung in der Politik und Wirtschaft, mit gravierenden Konsequenzen für die Betreiber und Informanten der Whistleblowing-Plattform.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine mediale Öffentlichkeit eng mit der Politik verzahnt ist, jedoch niemals Hand in Hand mit ihr gehen darf. Freie Meinungsbildung ist in jedem Falle zu gewährleisten. Informationen müssen frei von Manipulation und Veröffentlichungen frei von Sanktionen sein, um die Öffentlichkeit nicht in Unmündigkeit zu drängen.

2.2 Sozialpsychologische Aspekte

Das Bewusstsein von Öffentlichkeit aus sozialpsychologischer Perspektive differenziert sich deutlich von der politikwissenschaftlichen Herangehensweise. Öffentlichkeit ist hier ein allumfassender Begriff für das menschliche Individuum mit seinen persönlichen Verhaltens-, Moral- und Normvorstellungen. Dabei fließt auch insbesondere die bewusst öffentliche Bewertung des Individuums durch die Gesamtgesellschaft mit in die Begriffsdefinition ein. Nach Noelle-Neumann definiert sich Öffentlichkeit wie folgt: „Sozialpsychologisch gesehen ist Öffentlichkeit jener Zustand, wo der einzelne von allen gesehen und beurteilt wird, wo sein Ruf und seine Beliebtheit auf dem Spiel stehen, Öffentlichkeit als Tribunal“12. Öffentlichkeit ist also Richter und Henker zugleich. Wer nicht an das Muster angepasst ist und gegen die öffentliche Meinung verstößt, wird von der Öffentlichkeit mit Sanktionen bestraft. Die Konstruktion der öffentlichen Meinung und die damit verbundenen Normen und Moralen können beispielsweise durch die Wirkung der Massenmedien beeinflusst werden. Die Unterdrückung der eigenen Meinung, um sich der Masse anzupassen, formuliert Noelle-Neumann als Schweigespirale. Massenmedien besitzen die Macht, durch einseitige Berichterstattung die eigentliche Mehrheitsmeinung zu verdrängen und durch das mediale Agenda Setting eine Minderheitsmeinung populär und zur Norm mutieren zu lassen. Der nun bestehenden Mehrheitsmeinung schließt sich die Öffentlichkeit ad hoc an und verbreitet diese weiter, während sie parallel die nun entstandene Minderheitsmeinung sanktioniert. Der Mensch manövriert sich selbst durch den medial gegebenen Kurs in die Unmündigkeit. Als Voraussetzung für die sich nun weiter drehende Schweigespirale nennt Noelle-Neumann:

a) Moralische Ladung, bzw. emotionales Potential

Ein Thema muss mit moralischen Urteilen aufgeladen sein. „Ohne Wertgeladenheit entsteht kein Druck der öffentlichen Meinung, also auch keine Schweigespirale“13.

b) Kontroverse und Aktualität

„Der Prozess der Schweigespirale beruht auf öffentlicher Sichtbarkeit und Meinungsäußerung“14. Das Thema muss den Menschen also geläufig sein und als wichtig empfunden werden. Erst dann können auch zwei unterschiedliche Lager, angeregt durch das polarisierende Thema, um die Mehrheitsmeinung kämpfen.

c) Dynamik Erst durch die Veränderung von Meinungslagern, also durch die dynamische Wechselwir-kung zwischen den Lagern und die Veränderung derer Größe und Redebereitschaft, entsteht der Diskurs, welcher somit eine Grundlage für die Schweigespirale darstellt.15

d) Wirkung der Massenmedien In Luhmanns Systemtheorie ist das System der Massenkommunikation seinem binären Code Information und Nicht-Information untergeordnet und ist demnach die funktionale Voraussetzung des Diskurses. Das Mediensystem ist also „[…] die zentrale Quelle für die Themen der Kommunikation“16. Nach den Agenda-Setting-Studien von Funkhouser 1973 liefern die Medien allerdings ein verzerrtes Bild sozialer Probleme und hindern die Bevölkerung „[…] in ihrer eigenen Einschätzung der Wichtigkeit dieser Probleme der Medienrealität […]“17. Die Massenmedien können durch die Gewichtung ihrer Berichterstattung ein Thema entweder öffentlich machen, popularisieren oder den Diskurs beinahe ganz unterdrücken.18 Die Medien stehen in ihrer Funktion auf einer Ebene mit den Beobachtungen des einzelnen und haben so großen Einfluss auf die öffentliche Mehrheitsmeinung.

Zwei Quellen hat diese Umweltbeobachtung, aus zwei Quellen nährt sich öffentliche Meinung: aus der unmittelbaren, originalen Beobachtung, die der einzelne in seiner Umwelt anstellt, und aus der Beobachtung der Umwelt, wie sie dem einzelnen durch die Massenmedien vermittelt wird. 19

Die öffentliche Meinung generiert quasi eine geistige Haltung der Mittelmäßigkeit. Der Mensch besitzt den Drang, sich seiner Umgebung und dem sozialen Umfeld anzupassen, wodurch auch Bewertungsmaßstäbe sich der Durchschnittlichkeit unterwerfen. Lamp bewertet diese Unterdrückung des Extraordinären wie folgt: „Die vom Durchschnitt regierte soziale Masse lasse nur die Gewöhnlichkeit gelten und vernichte alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist“20.

2.3 Soziologische Aspekte

Um im späteren Verlauf der Arbeit die Informationsverbreitung geheimer Quellen und die damit verbundenen Konsequenzen zu analysieren, muss klar gestellt werden, dass WikiLeaks seine Daten auch aus geheimen und teilöffentlichen Räumen bezieht. Es muss also zwischen öffentlichen und privaten Räumen unterschieden werden. Die Theorien Noelle-Neumanns, Habermas‘ und Peters‘ lassen sich aus soziologischer Perspektive auf zwei gemeinsame Nenner bringen: Öffentlichkeit konstituiert sich durch allgemeine Zugänglichkeit und einen gemeinsamen Kommunikationsraum.21 Dabei beschreibt Peters die „soziale Handlungssphäre“22 als konträr zum Privaten und Geheimen – öffentlich ist demnach all das, was sich von jedem rezipieren lässt, wozu jeder theoretisch einen Zu-gang hat. Dabei ist zu beachten, dass Dinge öffentlich werden, sobald ein Diskurs über sie stattfindet und so wird auch das Individuum öffentlich, sobald es sich am Diskurs beteiligt. Angewandt auf die Politik, deren Akteure und Institutionen (eingeschlossen die prozedurale, die formale und die inhaltliche Dimension der Politik23) ist jegliche Teilnahme am politischen Prozess öffentlich. In diesem, nach seiner Definition, öffentlichsten aller Räume – in einer Demokratie an der jeder Bürger teilhaben darf und Mitspracherecht als das höchste aller Mandate und Freiheiten geschätzt wird – ist die öffentliche Diskussion Grundbedingung. Wer teilnimmt macht zwar nicht sich und seine gesamte Privatsphäre öffentlich, jedoch alles, was in den politischen Prozess involviert ist. Laut WikiLeaks‘ Grundsatz ist, jedes Staatsgeheimnis aufzudecken und öffentlich zu machen – frei nach Rousseaus Ideal der vollkommenen Transparenz und den Ethiken der Gegenöffentlichkeit.

3. Figuration der Gegenöffentlichkeit

Die postmoderne Informationsgesellschaft beschreibt den Status quo der aufgeklärten Industriestaaten der progressiven Welt. Es steht jedem offen, sich über die medialen In-formationskanäle präzise und aktuell zu informieren. Die unerschöpfliche Vielfalt an Möglichkeiten zur Nachrichtenrezeption lässt vermuten, dass der Mensch das Zeitalter der vollkommenen Aufklärung nicht nur bereits erreicht und adaptiert hat, sondern auch tatsächlich nach Kant‘schem Vorbild aus seiner Unmündigkeit ausgetreten ist. Weitet man jedoch seine Sicht und blickt forschender in diese scheinbar unendliche Welt der Informationen, so gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass der Horizont durch den Einfluss mannigfacher Institutionen geschmälert und begrenzt wird.

In Kapitel 2 wurde bereits auf die meinungslenkenden Faktoren der Öffentlichkeit eingegangen. Die Gegenöffentlichkeit richtet sich klar gegen diese durch Politik und Medien manipulierte Öffentlichkeit. Stamm beschreibt die Neue Soziale Bewegung, oder auch Alternativbewegung der Studenten und Schüler, entstanden aus den Zügen der 68.-Bewegung24, als aufkeimende Gegenöffentlichkeit im 20. Jahrhundert wie folgt:

[…] das ist vorerst nurmehr ein Gegenbegriff gegenüber einer von Massenmedien und politischen Autoritäten manipulierten Öffentlichkeit. Gerichtet gegen die „Manipulationszentren“ und die täglichen „Produktions- und Reproduktionsorgane“, die Öffentlichkeit dem Scheine nach herstellen. Insofern ist Gegenöffentlichkeit auch ein Kampfbegriff, der sich gegen das, den Herrschaftszusammenhang legitimierende Mediensystem wendet, gegen dessen Struktur und Arbeitsweise […] 25

Das Ziel der sich formierenden Gegenöffentlichkeit ist unter anderem der Versuch abseits der massenmedialen Öffentlichkeit auf das Weltgeschehen aufmerksam zu machen und so die Öffentlichkeit für die von der regulären Berichterstattung wegrationalisierten Themen zu sensibilisieren. Deswegen wird sie auch als alternative Öffentlichkeit bezeichnet. Die Vermittlung der Botschaften findet dabei häufig auf radikaler Ebene statt. So sind beispielsweise Protestbewegungen, das Verteilen von Flugblättern, Besetzungen und Streiks oder ähnlich aufmerksamkeitserregende Kommunikationsmethoden Mittel, um alternative Meinungen zu propagieren.

Diese Phase von Gegenöffentlichkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß [sic] hier der Versuch unternommen wird, andere Organisationsformen der Produktion von Öffentlichkeit ansatzweise zu realisieren und dem Status quo repräsentativer Öffentlichkeit entgegenzusetzen.26

Gegenöffentlichkeit ist dabei eng verzahnt mit dem Begriff der Öffentlichkeit und stellt nach Wimmer einen Zusammenschluss „multipler (Teil-)Öffentlichkeiten“27 dar. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass eine Gegenöffentlichkeit komplett außerhalb des öffentlichen Systems nicht existieren kann, sondern durch dieses bedingt wird. Um eine genauere Definition des Begriffs zu erhalten wird dieser in vier Teilaspekte unterteilt.

3.1 Kritische Teilöffentlichkeiten

Gegenöffentlichkeit ist zwar in der Lage die Grenzen öffentlicher Wahrnehmung zu verschieben und zu erweitern, allerdings ist eine völlige Nivellierung oder das Entfernen dieser Grenzen nicht möglich.28 Damit ist Gegenöffentlichkeit zwar Teil der Öffentlichkeit, betont aber deutlich eine Widersetzung gegen hegemoniale Strukturen und deren Einflussnahme auf Meinungsbildungsprozesse. Das Ideal einer Gegenöffentlichkeit ist allerdings eine vollkommene Autonomisierung dieser.

3.2 Autonome Öffentlichkeiten

Eine völlige Loslösung von der bürgerlichen Öffentlichkeit würde eine proletarische Öffentlichkeit schaffen, die nach Negt und Kluge „kein konkretes Interesse ausgrenzt und unaufgelöst bleibt“29. Allerdings ist dieses Ideal bisher nicht zu erreichen gewesen und bis es sich tatsächlich durchsetzen kann, muss sich Gegenöffentlichkeit als Vorstufe der proletarischen Öffentlichkeit, die von der bürgerlichen Öffentlichkeit ausgegrenzten Lebensbereiche annehmen und Diskursfähig machen. Gegenöffentlichkeit besitzt somit die Funktion der Vermittlung relevanter Themen und Interessen, die nicht von der konventionellen Gesellschaft aufgegriffen werden. Dabei ist die Vermittlung alternativer Informationen gestützt auf die Möglichkeiten der Kommunikation in den neuen Medien. Die Forderung der Gegenöffentlichkeit an die Medien lassen sich in vier Punkte gliedern:

a) Anstatt einer einseitigen Vermittlung von Information sollten die Medien die „Zusam-menhänge [zwischen] bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit aufzeigen und politisch unterdrückte Nachrichten verbreiten“30.
b) Horkheimer und Adorno beschreiben bereits 1988 die Produkte der Massenmedien als Teil der Kulturindustrie und den Rezipienten als schlichten Konsumenten von massenmedialen Gütern (Güter hier: Informationen, die nicht für den nachhaltigen Konsum produziert werden).31 Die Informationen sind der Quote untergeordnet. Die Forderung der Ge-genöffentlichkeit ist eine Vermittlung von Informationen abseits des kapitalistischen Pro-duktionsinteresses der Medien. Eine Berichterstattung also, die nicht nur auf die Bedürf-nisbefriedigung der Rezipienten eingeht und dahingehend einseitig berichtet, sondern eine umfangreiche Darstellung aller authentischen Lebensweisen.
c) Marx betont in seinem Manifest der kommunistischen Partei die revolutionäre Rolle des Proletariats. Die Inhalte seines Manifests lassen sich auch auf die Rolle der Gegenöf-fentlichkeit in der Moderne beziehen. So soll ebendiese die gesellschaftlich Benachteiligten vereinen und den Klassenkampf aufleben lassen. Die Waffen für diesen Kampf sind die durch die kritisierte Obrigkeit selbst erzeugten Mittel/Medien.

Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst. […] Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen ge-schmiedet, die ihr den Tod bringen: sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen – die modernen Arbeiter, die Proletarier. 32

Treffend zeigt dies auch die Tatsache, dass die Anfänge des Internets durch das amerika-nische Militär selbst geprägt wurden. Aus der Forschungsarbeit der Advanced Research rojects Agency (ARPA), als Organisation des US-Verteidigungsministeriums, entstand 1969 der Vorgänger des heutigen Internets: das sog. ARPANET.33

d) Die vierte Anforderung an die gegenöffentliche Kommunikationspraxis ist der freie Zugang zur Medienproduktion für breite Bevölkerungsschichten. Nach Enzensberger sollte bestmöglich jeder Medienrezipient selbst zum Medienschaffenden werden – der Autor hat als Agent der Massen zu agieren und zu handeln.34 Eine Kontrolle der Informationen durch politische oder andere Einflüsse wäre somit unmöglich, da kein Kontrollorgan die schiere Masse an produzierten Informationen bewältigen könnte. Enzensberger hat seine Theorie zwar auf den Gebrauch von Rundfunkanlagen aufgebaut, die Aussage ist auf die Onlinekommunikation bezogen jedoch mindestens ebenso zutreffend.

Repressiver Mediengebrauch Emanzipatorischer Mediengebrauch

Zentral gesteuertes Programm Dezentralisierte Programme

Ein Sender, viele Empfänger Jeder Empfänger ein potentieller Sender

Immobilisierung isolierter Individuen Mobilisierung der Massen

Passive Konsumentenhaltung Interaktion der Teilnehmer, Feedback

Entpolitisierungsprozess Politischer Lernprozess

Produktion durch Spezialisten Kollektive Produktion

Kontrolle durch Eigentümer und Gesellschaftliche Kontrolle durch Selbstor-

Bürokraten ganisation

Tabelle 1 35

Aus der Tabelle 1 ist zu entnehmen, dass Enzensberger konkrete Vorstellungen zu einer partizipativen Medienpraxis liefert und die gravierenden Unterschiede einer freien Kom-munikationsproduktion zu einem repressiven Mediengebrauch beschreibt. Besonderer Fokus liegt hierbei auf dem Entpolitisierungsprozess, der bei einem zentral gesteuerten Informationsfluss auftritt. Durch die aktive Teilnahme am Medienprozess und durch die individuelle Produktion von Nachrichten, Informationen etc. wird der politische Lernprozess durch die kognitive Reflexion der Inhalte gefördert. Enzensberger betont also eine freie Medienlandschaft mit öffentlichem Zugang zur Rezeption und Produktion. Das Internet bietet ebendiese Fähigkeit der Massenkommunikation an der jeder Bürger teilnehmen kann. Doch auch im Cyberspace versuchen Regierungen, Politik und Interessengemeinschaften freie Kommunikation zu unterdrücken bzw. die Freiräume des Netzes einzuschränken. Regierungsprogramme zur Kontrolle der Onlinekommunikation wie AC-TA36, INDECT37, oder die Etablierung einer Zensurinfrastruktur im Internet durch das Zugangserschwerungsgesetz („Das Gesetz verlangt den Aufbau einer technischen Infrastruktur, die es grundsätzlich ermöglicht beliebige „unerwünschte“ Inhalte zu blockieren. Damit wird die Gefahr einer zensurähnlichen Wirkung geschaffen“38) stehen konträr zur Ausübung der Meinungsfreiheit im Cyberspace und werden von der Netzgemeinschaft heftig kritisiert.

3.3 Anti-institutionelle Diskursöffentlichkeiten

Träger, beziehungsweise die soziale Basis der Gegenöffentlichkeit sind nach Stamm:

[…] die neuen, alternativen Mittelschichten […], die sich im Prozeß (sic) der Entkoppelung von System und Lebenswelt ausgebildet haben, sind wir doch […] Zeuge einer historischen Neuformierung und Neuradikalisierung der Mittelschichten, deren Wertvorstellung sich von Fortschrittsideologien, von der Fetischisierung entfremdeter Arbeit, der Hierarchie und dem Statusdenken freigemacht haben. 39

abei liegt die Stärke und Anziehungskraft dieser „kommunikativen Klasse“40 insbesondere in ihrer freien Organisation. Die Partizipation ist ungezwungen und anti-institutionell, was eine autonome Verständigung der Mitglieder ermöglicht und dem freien Diskurs zuträglich ist. Im modernen Zeitalter würde man das Phänomen einer solchen Gruppe als Network oder als Community bezeichnen. Die Modernisierung der Technik und vor allem die Etablierung neuer telemedialer Informationskanäle zur Kommunikation via Internet lassen eben solche Teilöffentlichkeiten mit den bezeichneten freien Strukturmerkmalen entstehen. Bezogen auf eine politische Interessengruppe hätte diese die Aufgabe bzw. das Bedürfnis des Öffentlichmachens von Interessen, von Problemen und von Erfahrungen im politischen Sektor. Dabei stoßen diese Gruppen allerdings schnell an die Grenzen der anti-institutionellen Gemeinschaftsstruktur. Da sich eine politische Gegenöffentlichkeit mit den Kontroversen und Diskursen im öffentlichen Prozess der Politik beschäftigt und versucht diese zu beeinflussen, muss sie sich den Anforderungen anpassen und auf formalisierte Strukturen zurückgreifen. Dabei werden allerdings keine hierarchischen Formen, wie die der Öffentlichkeit eingenommen, jedoch muss sich die Gruppe stets in einer Selbstkonstitutionsphase professionalisieren. Dabei darf nie der Bezug zur unmittelbaren, freien Partizipation und den Ethiken der Gegenöffentlichkeit verloren gehen, sonst würde sich die Teilöffentlichkeit bald als Teil der kritisierten Öffentlichkeit wiederfinden.

3.4 Abgrenzungen zum Begriff der Öffentlichkeit

Die Gegenöffentlichkeit als solche definiert sich durch die beschriebenen Organisations- und Kommunikationsformen die entgegen der hegemonialen Öffentlichkeit gerichtet sind bzw. sich dadurch nicht in die Öffentlichkeit eingliedern lassen. Wimmer beschreibt „Gegenöffentlichkeit als eine bestimmte medial- und/oder kulturell vermittelte Praxisform“41. Zwar sind die Aktionen der Gegenöffentlichkeit ebenfalls durch eine soziale Komponente geprägt – die Einordnung der Mitglieder in eine Gruppe und das Gefühl der Zugehörigkeit – allerdings ist der Terminus hier erweitert aufzufassen. Benachteiligte, Randgruppen oder sozial Unterdrückte Menschen aller Schichten, Akademiker, Arbeiter etc. formieren sich in den Reihen der Gegenöffentlichkeit und nutzen das gesamtgesellschaftliche Potential, bzw. profitieren durch Einflüsse unterschiedlichster Herkunft. Die praktizierte Gegenöffentlichkeit beachtet keine Unterschiede zwischen ihren Akteuren.

Im Vergleich zu den Ausschlussmechanismen der Öffentlichkeit wird nicht differenziert und gewertet, aus welchem Bildungskreis man stammt oder welcher Schicht man angehört. Wichtig sind die Mission, die verfolgt wird und das Engagement, das die Mitglieder dafür aufbringen. Nach dem beschriebenen Vorbild Enzensbergers kann jeder Rezipient auch Produzent sein und sich konträr zur von Habermas beschriebenen „massenmedial vermachteten Öffentlichkeit“42 mit eigener Meinung in die Diskussion einbringen und dadurch Missstände thematisieren. Beispielsweise kann die Ausgrenzung bestimmter Teilöffentlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Diskurs thematisiert und dadurch eine Emanzipation ebendieser erreicht werden. Durch praktische Aktionen kann sowohl Auf-merksamkeit auf die ausführende Gruppe gelenkt sowie die leicht zu manipulierende öffentliche Meinung revitalisiert und zu neuen Perspektiven des Denkens angeregt werden.

4. Die digitale Gegenöffentlichkeit

Alternative Medien waren bis zu den Achtzigerjahren noch auf die herkömmlichen Ver-breitungsmethoden ihrer Aussagen angewiesen. So wurden beispielsweise Flugblätter verteilt, alternative Zeitungen gedruckt oder andere Möglichkeiten des Printjournalismus genutzt. Mit der Deregulierung und der Liberalisierung der Medien in Europa ab den Achtzigerjahren, konnte auch der Rundfunk von der linken und liberalen, alternativen Öffentlichkeit genutzt werden.43 Die Hindernisse für die freien Medienschaffenden waren und sind jedoch noch immer, dass die öffentliche Presse ihre Berichte zwar aufgreift, aber nicht mit der gewünschten Botschaft an die Gesellschaft weitervermittelt. Nach Wimmer greifen die „[…] etablierten Medien […] die Themen und die Stilelemente der subjektivistischen Berichterstattung der alternativen Presse auf und professionalisieren sie“44. Die Problematik ist demnach, dass die etablierten Medien ein viel größeres Publikum erreichen können, als die alternativen und deswegen freie Texte und Berichterstattung im Diskurs der großen Medien untergehen oder verfälscht werden. Die Lösung für dieses gravierende Problem der begrenzten Rezipientenzahl wurde der alternativen Medienpraxis quasi in den Schoß gelegt. Die fortschreitende Entwicklung des Internets als hypermediales, globales Informations- und Austauschnetzwerk sowie insbesondere die telemedialen, interaktiven Möglichkeiten die durch das Web 2.0 eingeführt wurden, haben der Gegenöffentlichkeit nicht nur ermöglicht prinzipiell jeden User zu erreichen, sondern nach dem Prinzip des User Generated Content aus dem Publikum selbst Autoren zu rekrutieren.

Mit dem Aufkommen von Mailboxsystemen und darauf aufbauend des Internets hat sich die Idee eines dezentralen Computernetzwerks, das von Akteuren sozialer Bewegungen getragen und als Medium ihrer Selbstorganisation verstanden wurde, verwirklicht. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien sowie ihre globale politische Regulation sind heutzutage zentral für die Entwicklung und Aufrechterhaltung transnationaler politischer Öffentlichkeit geworden. 45

Die alternative Medienpraxis ist durch das Internet in der Lage ihre Protestaktionen gegen Wirtschaft, Politik oder Militär auf globaler Ebene zu führen. Aktionen können auf Diskus-sionsplattformen vorbereitet und/oder gleichzeitig durchgeführt werden. Informationen gelangen durch interaktive Foren und Netzwerke an ein Millionenpublikum. Durch Mailinglisten oder Feeds kann sich jeder auf dem neuesten Stand halten. Blogger wie Stefan Niggemeier oder Christian Jakubetz konstituieren sich als Mediawatchdogs und befassen sich mit manipulierten und freien Medien. Die spielerisch leichte Einbindung von Web 2.0 Applikationen und interaktiven Plattformen wie YouTube, Flickr, Twitter, Feeds, Blogs etc. gestaltet den Austausch untereinander sehr viel einfacher, als nur durch Printmedien oder Rundfunk. Genau dies ist das bereits beschriebene Prinzip der partizipativen Gegenöffentlichkeit und kommt einer autonomen, anti-institutionellen, diskursorientierten Organisation am nahesten. Die Struktur der digitalen Gegenöffentlichkeit ist kaum überschaubar, da ihre Mitglieder auf dem ganzen Globus verteilt sind und trotzdem miteinan-der interagieren können. Davon profitiert die liberale Meinungsbildung ungemein und erschwert den Einfluss öffentlicher Institutionen, den die digitale Gegenöffentlichkeit vermeiden will. Als Reaktion auf die Zensur durch den Telecommunication Reform Act der US-Regierung unter Bill Clinton, veröffentlicht John Perry Barlow, einer der Gründer der Electronic Frontier Foundation 1996 die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace:

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt (sic) uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr. 46

Die Gruppen grenzen sich zwar stark von äußeren Einflüssen ab, sind aber gleichzeitig in sich so offen, dass sie beinahe jede Teilnahme und Äußerung dulden. Gerade dadurch, dass sie eine ungebrochene Kommunikation akzeptieren und jedem User Anonymität bei seiner Meinungsäußerung gewährt wird, kann nach dem Prinzip einer kollektiven Intelligenz über Geschehnisse geurteilt werden und ein Leitgedanke entsteht aus sich selbst:

Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft. Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen. 47

Um die Beschaffenheit der digitalen Gegenöffentlichkeit, ihre Moralvorstellungen und Ziele zu verstehen, muss klar sein, dass diese sich inzwischen zu einer dynamischen und unüberschaubar großen, globalen Kultur entwickelt hat, die aus Menschen mannigfacher Herkunft und Schichten besteht. Sie besitzt ihre eigene Logik, Ethik, Sprache/Kommunikationsform, ihre eigenen Regeln, Richtlinien und Normen – zusammengefasst: eine eigene Weltanschauung, konträr zu jener der regulären Öffentlichkeit.

4.1 Hackerethik

Die Ursprünge der digitalen Gegenkultur finden sich bereits in den fünfziger und sechziger Jahren, als sich am Bostoner Massachussets Institute for Technology (MIT) die ersten Hackergruppen um den am MIT entwickelten transitorientierten Computer TX-0 konstituierten.48 Im Zuge der zunehmenden Auseinandersetzung mit den technischen Möglichkeiten in Verbindung mit den zu dieser Zeit immer stärker werdenden Tendenzen zur politischen und sozialen Neustrukturierung, entwickelte sich eine eigene Ethik unter den Hackern. Steven Levy beschreibt die sog. Hackerethik in sechs Punkten:

1. Access to computers – and anything which might teach you something about the way the world works – should be unlimited and total. Always yield to the Hands-On Imperative!
2. All information should be free.
3. Mistrust Authority – Promote Decentralization
4. Hackers should be juged by their hacking, not bogus criteria such as degrees, age, race or position.
5. You can create art and beauty on a computer.
6. Computers can change your life for the better.49

Als die Hackerszene stetig wuchs, wurden diese Grundmoralen vom deutschen Hacker, Journalisten und Chaos Computer Club Mitgründer Herwart Holland-Moritz (auch Wau Holland gennant50) um zwei Punkte erweitert:

7. Mülle nicht in den Daten anderer Leute

8. Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen51

Diese Grundethiken werden immer noch vom Großteil der Hackerkultur geschätzt und verfolgt. Allerdings ist zu vermerken, dass es sowohl rein anarchische und destruktiv orientierte sowie konstruktive, politisch-demokratisch motivierte Zellen dieser Kultur gibt. Die Untergliederung der einzelnen Teilkulturen ist nur schwer nachzuvollziehen. Im Folgenden werden wichtige Gruppierungen der digitalen Gegenöffentlichkeit aufgegriffen und beschrieben, um eine Beurteilung ihrer Struktur zu ermöglichen. Durch die Analyse der gegenöffentlichen Systeme wird vor allem die globale Vernetzung einzelner Zellen mit anderen Gruppierungen gleicher Ethik deutlich.

4.2 4chan

4chan ist eine freie, beinahe anarchische Brutstätte für Internettrends (Memes). Humoristische, politische und kritische Bilder, Videos und Animationen erobern von hier aus die Welt und breiten sich wie ein Lauffeuer in der Cybercommunity aus. Abänderungen, Remakes und Kopien tauchen in rasender Geschwindigkeit auf vielen anderen Plattformen auf und erlangen so schnell globalen Trendstatus. Minimale Regulierung und Kontrolle der Beiträge sowie komplette Anonymität der User (es ist keine Anmeldung erforderlich) lassen zwar der Kreativität freien Lauf, bringen aber auch die dunkelsten Seiten der menschlichen Seele zum Vorschein. Auf 4chan wird auch über strangulierte Babys52 und Sodomie53 gelacht oder nach Kinderpornographie54 gesucht. Auf die sogenannten Memes wird im Folgenden nicht weiter eingegangen. Wichtig ist jedoch, wie diese Kultur so populär werden konnte, welche Normen und Moralen die Mitglieder verfolgen, wie sie sich als Teil der digitalen Gegenöffentlichkeit konstituiert und inwiefern das Forum mit WikiLeaks in Verbindung steht.

[...]

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Titel: Sapere aude! WikiLeaks als Fahnenträger der digitalen Gegenöffentlichkeit