Lade Inhalt...

Zur Erklärung des gewalttätigen Verhaltens türkischstämmiger männlicher Jugendlicher in Deutschland

Eine Darstellung allgemeiner Theorien, empirischer Befunde und kurzen Folgerungen für die Präventionsarbeit

Diplomarbeit 2008 80 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Gewalt -und Aggressionsbegriff

3 Theorien zur Erklärung von Gewalt und Aggression
3.1 Psychologische Erklärungstheorien
3.1.1 Psychoanalytischer Ansatz
3.1.2 Frustration-Aggression-Theorie
3.1.3 Theorie der Neutralisationstechniken
3.2 Lerntheoretische Ansätze
3.2.1 Das operante Konditionieren
3.2.2 Lernen am Modell
3.2.3 Theorie der differenziellen Assoziation bzw. Kontakte
3.3 Soziologische Erklärungstheorien
3.3.1 Subkulturtheorien
3.3.2 Anomietheoretische Ü berlegungen
3.3.3 Kulturkonflikttheorie
3.3.4 Der Etikettierungsansatz (Labeling Approach

4 Ursachen und Erklärungsansätze
4.1 Erziehung und Familienstruktur
4.1.1 Erziehungsstile
4.1.2 Innerfamiliäre Gewalterfahrungen

5 Schule und Bildungssystem
5.1 Bildungssituation
5.1.1 Bildungsaspiration
5.1.2 Bildungssituation bzw. -beteiligung
5.1.3 Gründe
5.2 Gewaltfördernde Faktoren im Schulbereich
5.2.1 Schulleistungen
5.2.2 Schulabstinenz bzw. -schwänzen
5.3 Hauptschule

6 Lebenslage und andere Sozialisationsfaktoren
6.1 Sozioökonomische Bedingungen
6.2 Freizeit
6.2.1 Medienkonsum
6.2.1 Einflüsse der Peergroup
6.3 Religiöse Einflüsse

7 Zusammenfassung

8 Präventions- und Lösungsstrategien
8.1 Familienbezogene Prävention
8.2 Außerfamiliäre Institutionen
8.2.1 Kindertagesstätten
8.2.2 Schulen
8.2.3 Freizeit

9 Resümee und Ausblick

10 Verzeichnisse

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als im Dezember 2007 zwei Jugendliche mit Migrationswurzeln einen Rentner in der Münchner U-Bahn überfallen und brutal zusammenschlagen, entbrennt in Deutschland eine Diskussion, wie man mit Jugendlichen Gewalttätern umgehen sollte. In Folge dessen berichteten die Medien fast jeden Tag über neue Vorfälle, speziell von denen, wo Jugendliche mit Migrationshintergrund beteiligt waren. Die Penetration von Berichten über neue Gewaltvorfälle musste den Eindruck erwecken, man stünde kurz vor einem Krieg. Ungünstiger weise fiel dieses Phänomen in die Zeit eines Wahlkampfes, Politiker nutzten die aufgeheizte Stimmung um sich mit Maßnahmenkatalogen zur Bewältigung des Problems zu überbieten. Auffällig an der ganzen Situation war, dass sämtliche Experten aus Wissenschaft und Präventionsarbeit zwar zu Wort kamen, sie aber im Prinzip ungehört blieben. Auch der von ihnen vorgetragene Hinweis, dass die Lage bei weitem nicht so dramatisch ist wie bisweilen berichtet wurden ist, wurde geflissentlich ignoriert. Natürlich sind Dramatisierungen in Hinblick auf Auflage, Einschaltquoten oder Verkaufszahlen interessant, aber darf man deshalb den Sinn für Realismus ausblenden?

Die Tendenz, jugendliche Migranten als schlagende Horden darzustellen, spielt nicht nur Rechtsextremen in die Hände, sondern tut denen Unrecht, die für gelungene Integration und friedliches Zusammenleben stehen.

Gewalt und gewalttätige Verhaltensmuster sind fast ausschließlich durch sozialisatorische Faktoren bedingt, den geborenen Gewalttäter gibt es so gut wie gar nicht. Deshalb sollte jede Gesellschaft darum bemüht sein, die wahren Gründe für gewalttätiges und aggressives Verhalten aufzudecken und zu eliminieren. Denn Gewalttaten sind immer ein sicheres Indiz dafür, dass in einer Gesellschaft etwas nicht stimmt. Aufgeregte Debatten und verzerrte Darstellungen sind da nur kontraproduktiv und lösen keine Probleme.

Aus dieser Sichtweise entstand der Entschluss, eine Arbeit zu verfassen, die aufzeigen soll, welchen Mehrfachbelastungen jugendliche Migranten ausgesetzt sind, die letztendlich dazu führen, dass sie in Relation zu deutschen Jugendlichen häufiger gewalttätig in Erscheinung treten.

Auf Basis dieser Überlegungen, soll die Arbeit speziell die erschwerten Sozialisationsbedingungen von männlichen türkischen Jungen darstellen. Die Beschränkung auf diese Populationsgruppe ist der Tatsache geschuldet, dass die Ethnie der Türken den größten Anteil der in Deutschland lebenden Migranten ausmacht, und weil der türkische Jugendliche exemplarisch für den gewalttätigen „Machoschläger“ steht, dessen Bild in den Köpfen der Bevölkerung auftaucht. Diese Arbeit soll ihren Beitrag zu einer unaufgeregten Debatte leisten und sieht sich deshalb in diesem Verständnis.

Besonders hilfreich waren bei den Vorbereitungen dieser Arbeit die Gespräche mit türkischen Jugendlichen. So erhielt man aus erster Hand Einblicke in die türkische Familienstruktur, in das Wesen von türkischen Jugendgangs und zur Definition der „Ehre“. Die gewonnenen Informationen sind dann auch in hohem Maße in diese Arbeit integriert worden. An dieser Stelle einen herzlichen Dank dafür. Aber auch Unterhaltungen mit Sozialarbeitern und Polizisten gaben wichtige Hilfestellungen, vor allem in Hinblick auf die Präventionsmaßnahmen war dies ein enormer Vorteil.

Diese Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte.

Im ersten Teil werden allgemeine Theorien zur Entstehung von Devianz, Delinquenz und Gewalt betrachtet. Es wird der Versuch hergestellt, sie in Hinblick auf die Erklärung von Gewalt türkischer Jugendlicher als brauchbar einzustufen.

Im zweiten Teil wird dann ein Überblick von empirischen Befunden der Dunkelfeldforschung näher aufzeigen, welche Risikofaktoren dafür verantwortlich sind, dass türkische Jungen häufiger gewalttätig werden.

Diese Erkenntnisse sollen dann genutzt werden, um im dritten Teil eine eigene, kurze Darstellung von möglichen Präventionsmaßnahmen aufzuzeigen.

2 Zum Gewalt- und Aggressionsbegriff

Dieser Abschnitt soll versuchen, die Begriffe „Gewalt“ und „Aggression“ zu erläutern, da diese im Kontext der Arbeit einen hohen Stellenwert haben. Da es viele Arten von Gewalt gibt, beschränkt sich dieser Teil auf die allgemeinen Begrifflichkeiten. Es wird die Gewalthandlung in den Vordergrund gerückt, die meistens mit einer Kraftanwendung verbunden ist, denn Gewalt kann auch als Manifestierung und Durchsetzung von Macht und Herrschaft gelten.

Zu Beginn ist es hilfreich, alle illegalen Gewalthandlungen im Sinne des Strafgesetzbuches aufzuzählen:

- Körperverletzungsdelikte gemäß §223 StGB, die gefährliche Körperverletzung gemäß §224 StGB, die schwere Körperverletzung gemäß §225 StGB, die Körperverletzung mit Todesfolge gemäß §226 StGB
- Straftaten gegen das Leben (§211 StGB Mord, §212 StGB Totschlag, §213 StGB minderschwerer Fall des Totschlags)
- Raubdelikte (§250 StGB schwerer Raub, §251 StGB Raub mit Todesfolge)

Gewalthandlungen, die sich gegen andere Personen richten, werden als personale Gewalt bezeichnet. Personale Gewalt kann man mit Aggression gleichsetzen, wobei dies nicht immer ganz stimmig ist, denn Gewalt ist eine Art von Aggression. Demnach ist personale Gewalt:

„ die beabsichtigte physische und psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person “ (Kunczik 1994, S.11).

Unterschieden wird personale von struktureller Gewalt, indirekter Gewalt. Unter diesem Begriff versteht man Gewalt, die in ein soziales System eingebaut ist. Hierbei kann Gewalt als Ungerechtigkeit gedeutet werden, es ist aber kein einzelnes Individuum als Täter identifizierbar, die betroffenen Personen sind sich außerdem meist nicht der Opferrolle bewusst. Von struktureller Gewalt ist vor allem dann die Rede, wenn in einer Gesellschaft Ungerechtigkeit vorherrscht (Kunczik 1994, S.13).

3 Theorien zur Erklärung von Gewalt und Aggression

Im folgenden Abschnitt werden wichtige allgemeine Theorien zur Herausbildung von gewalttätigem und aggressivem Verhalten vorgestellt. Dabei handelt es sich aber meist um Ansätze, die allgemein deviantes bzw. kriminelles Verhalten erklären wollen. Da Gewalt aber eine der auffälligsten Ausdrucksformen von abweichendem Verhalten ist, ist es durchaus angebracht sie näher zu erläutern.

Im Hinblick auf den Kontext der Arbeit, wird dabei jeweils auf die spezielle Situation der türkischen Jugendlichen eingegangen, und aufgezeigt, inwieweit diese Konstrukte den theoretischen Rahmen für den zweiten Teil bilden können, in dem dann empirische Ergebnisse vorgestellt werden.

3.1 Psychologische Erklärungstheorien

3.1.1 Psychoanalytischer Ansatz

Psychoanalytische Ansätze gehen davon aus, dass das menschliche Handeln im hohen Maße durch das Unterbewusstsein bestimmt wird. Deviantes Verhalten wird hier als Störung der Persönlichkeit gesehen, welche in frühzeitigen Entwicklungsbeeinträchtigungen liegen. Allgemein gesehen gilt der Mensch hier als asoziales We]sen, das erst durch Erziehung und Sozialisation lernen muss, seine Triebe und Wünsche kontrollieren zu können (vgl. Schwind 2004).

Dabei wird von zwei Erklärungsmustern für deviantes Verhalten ausgegangen. Das eine wird durch Neurosen, das andere durch Verwahrlosung bedingt.

Um dies näher zu erläutern, eignet sich das Modell von Freund, welches von einer Dreiteilung der menschlichen Psyche ausgeht

1. Das Es (beschreibt die Triebhaftigkeit, und speichert Triebe und Verdrängtes)
2. Das Ich (sorgt für den Ausgleich der beiden anderen Ebenen)
3. Über-Ich (ist das Gewissen und die moralische Instanz)

Folgt man der Theorie, kann Devianz aus einem zu starken Über-Ich entstehen. Dann ist es neurotisch bedingt. Bei einem zu schwachen Über-Ich ist deviantes Verhalten der Verwahrlosung geschuldet.

Da davon auszugehen ist, dass die meisten türkischen Jugendlichen eher der zweiten Erklärungsstruktur zuzurechnen sind, kann man mutmaßen, dass ihr gewalttätiges Verhalten mit einem zu schwachem Über-Ich korreliert. Verantwortlich für eine schwache oder fehlerhafte Ausprägung des Über-Ichs kann ein an Mangel an ehrlichen und gefühlsbetonten Beziehungen im frühesten Kindesalter sein. Dieser führt zu einer Ich-Schwäche und einer existenziellen Unsicherheit, die alle späteren positiven Identifikationen und den Erwerb von Liebesfähigkeit belasten. Diese seien indessen wesentliche Voraussetzungen dafür, kindliche ungesteuerte Triebhaftigkeit zu bewältigen und Ablehnungen sowie Versagen auszuhalten. Deshalb können aufgrund fehlender Konfliktbewältigungstechniken sozialschädliche (deviante) Triebe nicht sozialadäquat kanalisiert werden. Vor allem die fehlerhafte Identifikation mit den Eltern stellt ein Erklärungsparameter dar, welches deviantes Verhalten verursachen kann (Schwind 2004, S.108).

„ Zu den Sozialisationsvorraussetzungen, die die Erfüllung dieser Bedingungen erschweren (...), gehören nach Moser: „ brutale oder zwischen Härte und Verwöhnung pendelnde Erziehung, Ablehnung, Vernachlässigung, Inkonsistenz der Einstellung, schwere Beziehungsstörungen zwischen den Eltern, Mangel an Aufsicht und Zuwendung “ usw. “ (Schwind 2004, S.108/109).

Hier lassen sich erste Erklärungen ablesen, die auf die Gründe von gewalttätigem bzw. deviantem Verhalten türkischstämmiger Jugendlicher schließen. So ist es exemplarisch für türkische Familien, dass die Erziehung mit Härte geführt wird (bisweilen mit Gewalt), aber auf der anderen Seite auch eine gewisse Verwöhnung zu erkennen ist. Vor allem Jungen sind von der widersprüchlichen Erziehungssituation betroffen. Ihr Stellenwert in der Familie liegt über dem der Mädchen, er ist aber dennoch in höherem Maße von Härte betroffen, da gewisse Erwartungen an ihn gestellt werden, die er nicht immer erfüllen kann.

Da die Psychoanalyse aber kaum empirisch überprüfbar ist, handelt es sich lediglich um ein theoretisches Konstrukt das (trotz aller Nachteile) einen wichtigen Erkenntnisgewinn darstellt, und deren Ansätze auch in der praktischen Prävention ihre Anwendung finden und durchaus hilfreich sind.

3.1.2 Frustration-Aggression-Theorie

Diese Theorie knüpft unmittelbar an die Überlegungen des psychoanalytischen Ansatzes an. Auch hier handelt es sich um ein persönlichkeitsbezogenes Erklärungskonzept, aus welchem zwei Grundsätze formuliert werden können (siehe hierzu auch Schwind 2004, S.123):

- Aggressives Verhalten bzw. Aggression ist stets eine Folge von Frustration.
- Frustration führt immer zu einer Form von Aggression.

Definiert wird Frustration durch den Zustand, der dann eintritt, wenn eine zielgerichtete Handlung behindert oder gehemmt wird. Hier gilt auch der Begriff Hindernisfrustration. Der Begriff Aggression bedeutet in dieser Theorie die Verhaltensfolge, die auf eine Verletzung des Organismus oder eines Organismusersatzes abzielt. Die Aggression ist in diesem Zusammenhang als reaktionär zu sehen.

Auf diesen Zusammenhang (Frustrations-Aggressions-Mechanismus) hat Freud in seinem psychoanalytischen Ansatz bereits hingewiesen, „ nach dem jedesmal, wenn lustsuchendes oder schmerzminderndes Verhalten gehemmt wird, Fr ustration entsteht, die zur Aggression gegen jene für die diese Versagung als verantwortlich angesehene Personen oder Gegenstände führt.“ (Schwind 2004, S.124).

Besonders die in der Kindheit und Jugend gemachten Frustrationserfahrungen, werden für ein späteres deviantes und aggressives Verhalten verantwortlich gemacht. Dabei erhöht die Häufigkeit der Frustrationserlebnisse die Aggressionen in späterer Zeit.

In Hinblick auf die Erklärung aggressiven Verhaltens von einigen türkischen Jungen muss, zieht man die Erkenntnisse dieser Theorie zu Rate, die Kindheit also von Frustrationserlebnissen geprägt sein. Um einige Ergebnisse vorwegzunehmen, geschieht dies im Zusammenhang mit Schulversagen. Die anfänglich hohe Bildungsmotivation wird durch bestimmte Faktoren gehemmt und vermindert, was zu Frustrationen führen kann.

3.1.3 Theorie der Neutralisationstechniken

Diese theoretische Richtung soll unter anderem erklären, warum Jugendliche oder andere deviant auftretende Personen ein mangelndes Unrechtsbewusstsein haben, und ihr deviantes Verhalten versuchen zu legitimieren. Die Vertreter und Begründer dieser Theorierichtung sind Sykes und Matza.

Ihre Intention bestand darin zu erklären, warum sich viele Jugendliche deviant bzw. kriminell verhalten, obwohl davon ausgegangen werden muss, dass sie ein Mindestmaß von Normen und Werten der Gesamtgesellschaft internalisiert haben. Diese Theorie richtet sich somit in gewissem Maße gegen die Subkulturtheorien der Unterschicht. Die beiden postulieren, dass der deviante Jugendliche spezielle Techniken und Rationalisierungen erlernt, die es ihm erlauben, die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Normen und seinem devianten Verhalten zu rechtfertigen.

Diese Rechtfertigungsgründe werden dementsprechend vom abweichend Handelnden als gültig angenommen, und sehen eine Einschränkung dieser Gründe durch die sozialen Kontrollinstanzen.

Zusammengefasst können fünf dieser Techniken benannt werden

- Ablehnung der Verantwortung (z.B. falsche Freunde, schlimme Kindheit etc.)
- Verneinung des Unrechts (z.B. wird die Tat mit dem Hinweis, dass doch alles nicht so schlimm sei, bagatellisiert)
- Ablehnung des Opfers (z.B. wird dem Opfer die Schuld gegeben, der Täter sieht sich in der Rolle des Vergeltenden)
- Verdammung der Verdammenden (den Kontrollinstanzen wird die Schuld gegeben, der Deviante sieht sich in der Rolle des Opfers persönlicher Abneigung von moralischen Institutionen z.B. der Polizei)
- Berufung auf höhere Instanzen (z.B. bei religiös motivierten Taten) (vgl. Sykes, Matza 1957)

Mit Blick auf die türkischen Jugendlichen kann nun beispielsweise erklärt werden, warum bestimmte Taten legitimiert werden. Besonders die Ablehnung des Opfers ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

Ursachen dafür sind unter anderem die in hohem Maße festgestellte Internalisierung von Männlichkeitsnormen, sowie der übergeordneten „Kultur der Ehre“ und deren Gewalt legitimierenden Mustern. So könnte eine Gewalttat „neutralisiert“ werden, wenn der Hinweis auf eine Ehrverletzung folgt. Das Opfer ist damit selbst schuld, dass jemand zugeschlagen hat, denn dies ist ja nur die Reaktion auf eine vorangegangene Verletzung des Ehrgefühls.

An diesem Punkt könnte aber z.B. auch die Legitimation von „Ehrenmorden“ erklärt werden. Diese Theorie ist aber eher geeignet, um die fehlende Einsicht bei Gewalttaten zu erklären. Einen wichtigen kausalen Ansatz zur Entstehung von gewalttätigen und aggressiven Verhaltensweisen liefert sie jedoch nicht.

3.2 Lerntheoretische Ansätze

Grundaussagen von lerntheoretischen Ansätzen ist die Annahme, dass aggressives und gewalttätiges Verhalten vor allem erlernt bzw. durch Lernen verstärkt wird.

3.2.1 Das operante Konditionieren

Wichtiger Vertreter dieser Richtung ist B.F. Skinner. Er vertritt u.a. die Meinung, nach der bestimmtes Verhalten durch Erfolgserlebnisse erlernt wird. So ist z.B. aggressives Verhalten dadurch erklärbar, dass mit einer aggressiven Handlung auch eine Belohnung einhergehen muss oder in früheren Entwicklungsstufen eine Belohnung für dieses Verhalten stattfand. Das heißt, wenn aggressives Verhalten in irgendeiner Form belohnt wird (die Belohnung definiert der Aggressor für sich selbst), wird es immer wieder angewandt. Belohnungen für gewalttätige Handlungen können unter anderem Angst, Weinen und Formen der Demut des Opfers sein. Weitere Beispiele sind Lob und Anerkennung seitens Anderer (vgl. Lefrancois 2006).

In Bezug auf die türkischen Jugendlichen ist hier anzumerken, dass damit vor allem aggressives Verhalten in der Schule erklärt werden kann. Werden aggressive Verhaltensweisen nicht negativ sanktioniert, kann dies Verstärkereffekte haben. Da an vielen Schulen eine Kultur des Wegschauens herrscht, kann davon ausgegangen werden, dass man u.a. deshalb die Schulgewalt nicht in den Griff bekommet.

Diese Theorie erklärt aber im Wesentlichen Verstärkungseffekte, beschreibt aber nicht zufrieden stellend, warum man überhaupt aggressiv wird.

3.2.2 Lernen am Modell

Beim Modell des sozialen Lernens wird die Frage behandelt, wie spezifische Formen aggressiven Verhaltens erlernt werden können, und unter welchen Bedingungen sie alternativen, also nicht-aggressiven Verhaltensmöglichkeiten, vorgezogen werden.

Bandura (1963) geht davon aus, dass auch auf Basis von Beobachtung einer Handlung, und deren Konsequenz, die Aneignung von Verhalten möglich ist. Die Grundannahme ist also, dass aggressives Verhalten auch dann nachgeahmt wird, wenn man nicht selbst dafür belohnt wird, sondern nur das beobachtete Modell. Dabei spielt es keine Rolle, wenn es sich um eine reale Person oder um fiktive Personen, z.B. Personen in Filmen (vgl. Bandura 1963). Deshalb ist es eine Erkenntnis aus Experimenten, im Zuge dieser Theorie, dass Kinder auch dann (Modell)Personen imitieren, wenn sie nicht selbst belohnt werden. Unter diesen Umständen ist es nicht ausgeschlossen, dass Kinder später unter ähnlichen erfolgsversprechenden Bedingungen entsprechende Verhaltensweisen wie die Modellperson zeigen.

Jugendliche prägen sich insbesondere das Verhalten von Personen ein, die positive Eigenschaften besitzen. Zu diesen Eigenschaften gehören häufig eine sympathische Ausstrahlung, eine hohe Stellung, Macht oder gutes Aussehen. Dies kann erklären, warum Kinder, die Gewalt in der Familie beobachten auch später gewalttätig bzw. aggressiv werden (vgl. Bandura 1963).

Für türkische Jungen kann dies bedeuten, dass die erlebte Partnergewalt der Eltern (z. B. der Vater - als positiv empfundene Person (Machtstellung) - wird dadurch belohnt, dass die Mutter auf ihn hört bzw. seinen Anweisungen folgt), später dazu führt, ebenfalls gewalttätig zu werden. Entsprechend dem Beispielfall dadurch, dass auch ihm Folgschaft erwiesen wird.

Dass beobachtete Partnergewalt in türkischen Familien tatsächlich einen Einfluss auf die eigene Einstellung zur Gewalt hat, zeigt sich später in dieser Arbeit. Genauso gut kann damit auch der mögliche Einfluss von Gewaltdarstellungen in Medien erklärt werden.

3.2.3 Theorie der differenziellen Assoziation bzw. Kontakte

Entwickelt und konzipiert von Sutherland, versteht sich auch diese Theorie als Ansatz, der abweichendes Verhalten durch Lerneffekte erklärt.

Da sich die Ausführungen auf kriminelles Verhalten beziehen, muss hier kurz angemerkt werden, dass die Theorie sich trotzdem auch auf allgemein abweichende Verhaltensweisen übertragen lässt. Denn was kriminell ist oder nicht definiert das Gesetz, aber nicht jede Normabweichung gilt als kriminell.

Im Folgenden wird an Stelle des Begriffes „kriminell“ deshalb der Begriff des „devianten Verhaltens“ verwendet. Wie bei den anderen Lerntheorien, steht auch hier das Postulat, dass sowohl konformes wie abweichendes Verhalten erlernt wird.

„ Aus dieser grundsätzlichen Möglichkeit der Verhaltensorientierung als gelernte Ü bernahme von Verhaltensweisen auf der Basis von differentiellen Kontakten entwickelt Sutherland seine These, wonach eine Person dann delinquent wird, wenn die, die Gesetzesverletzungen begünstigenden Einstellungen gegenüber jenen Einstellungenüberwiegen, die Gesetzesverletzungen negativ bewerten" (Lamnek 1994, S.21) .

Dabei umfasst das Erlernen devianter Verhaltensmuster sowohl das Lernen der Techniken zur Normverletzung oder Verbrechensausführung des Abweichenden, als auch die Motive und Einstellungen, die dem kriminellen Verhalten zugrunde liegen. Damit hängt die Entscheidung darüber, ob konforme oder abweichende Verhaltensweisen erlernt werden von den differenziellen Kontakten, deren Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität ab (vgl. Lamnek 1994).

Bezogen auf die Jugendkriminalität gilt dann, dass abweichendes Verhalten umso stärker zunimmt, je stärker Kontakt zu sich abweichend verhaltenen Gleichaltrigengruppen besteht, bzw. je häufiger der Aufenthalt an entsprechenden Orten ist.

Dieses Erklärungsmodell eignet sich, um die Verstärker- und Lerneffekte aufzuzeigen, die in den delinquenten Peergroups türkischer Jugendlicher zu beobachten sind. So könnten „Neulinge“, die sich solchen Gruppen anschließen, dazu verleitet werden selbst abweichend zu werden und deviante Verhaltensweisen aufnehmen, internalisieren und anwenden. Insbesondere Gewalt legitimierende Einstellungen werden so verfestigt und weiter ausgebaut.

Keine Erklärungskraft besitzt diese Theorie in Hinsicht auf Motive sich solchen Gruppierungen anzuschließen. Eine Modifikation dieser Theorie von Glaser (Theorie der differenziellen Identifikation) geht davon aus, dass es nicht die generellen Kontakte zu devianten Gruppen und Personen sind, sondern dass vor allem einzelne Personen in diesen Gruppierungen einen starken Einfluss auf die Ausprägung eigenen devianten Verhaltens haben (Schwind 2004, S.115/116).

„ Ein Mensch zeigt kriminelles Verhalten in dem Ma ß e, in dem er sich selbst mit wirklichen oder imaginären Personen, aus deren Perspektive sein kriminelles Verhalten annehmbar erscheint, identifiziert “ (Schwind 2004, S.116).

Da türkische Jugendbanden durch eine Hierarchie geprägt sind (analog zur Familie), ist mit dieser Annahme ersichtlich, dass scheinbar die Anführer einen hohen Einfluss auf den Rest der Gruppe haben können. Geht von ihnen Gewalt aus, besteht die Gefahr, dass vor allem die Mitläufer mit gewalttätigen Verhaltensweisen „infiziert“ werden.

3.3 Soziologische Erklärungstheorien

3.3.1 Subkulturtheorien

Subkulturelle Ansätze zur Erklärung abweichendes Verhalten gehen auf Studien zur Delinquenz von Jugendbanden zurück. Die wichtigsten Vertreter dieser Richtung sind Whyte und Cohen, Mitglieder der Chicagoer Schule.

Ihr Ansatz beruht auf der Annahme, dass in komplexen sozialen Gebilden Normen, Werte und Symbole nicht für alle Mitglieder gleichbedeutend sind. So sind größere Gesellschaften durch verschiedene Subsysteme strukturiert, die sich hinsichtlich der Normen und Werte unterscheiden können. So können die Werte und Normen dieser Subsysteme kollidieren, weil bestimmte Dinge in einem Subsystem als konform gilt, es in einem anderen aber als abweichend (vgl. Lamnek 2001).

Dementsprechend können gewisse Werte und Normen in bestimmten Subsystemen nicht den entsprechen Vorgaben der Mehrheitsgesellschaft entsprechen, und von diesen als kriminell definiert werden. Diese intragesellschaftlichen Normenkonflikte können dann zu devianten Verhalten, und im Extremfall zu Delinquenz führen (vgl. Lamnek 2001).

Für Cohen ist die Bildung einer Subkultur die kollektive Reaktion auf Anpassungsprobleme. Subkulturen sind also eine Möglichkeit der kollektiven Lösung eines gemeinsamen Problems (vgl. Cohen 1968).

Devianz entsteht dann, wenn die bestehende Gesellschaft keine Lösungsmöglichkeiten für ungleiche soziale Lagen bereitstellen kann. Hier ist anzumerken, dass die Mittelschicht die von allen angestrebten Ziele definiert, und diese von der Unterschicht übernommen werden (vgl. Lamnek 2001).

Nun reichen die strukturellen Mittel der Subkultur nicht aus, um diese Ziele zu erreichen. Aus diesem Spannungsverhältnis heraus ergibt sich eine Unzufriedenheit, die nach einer kollektivistischen Lösung verlangt. Diese gemeinsame Problemlage führt dazu, dass ein eigenes Wertesystem mit eigenen Statuskriterien geschaffen wird, mit dem jeder in der Subkultur leben kann. Dieser Vollzug geschieht unter kollektiver Ablehnung, und damit völliger Umkehr der Mittelschichtwerte.

So entstehen eigene Lösungsmöglichkeiten, die im Kontext der jeweiligen Subkultur legitim sind (vgl. Lamnek 2001).

In Anlehnung an Cohen (vgl. Cohen 1968) entfalten sich somit diese Reaktionsmöglichkeiten:

- Resignation
- Der Versuch, die definierten Ziele der Mittelschicht zu erreichen (trotz der ungünstigen Lage)
- Die Ablehnung der Mittelschichtziele, mit gleichzeitiger Herausbildung eines eigene Werte- und Normensystems

Weiterhin wird betont, dass die Wahrscheinlichkeit devianten Verhaltens umso wahrscheinlicher ist, je geringer eine emotionale Bindung von Unterschicht- Jugendlichen an Personen ist, die das Wertesystem der Mittelschicht akzeptieren. Dadurch sinkt das Kontrollrisiko von nonkonformen Verhalten (vgl. Cohen 1968). Eine spezielle Theorie der Subkulturen stammt von Wolfgang und Ferracuti. Ihre, speziell auf das Thema Gewalt, entwickelte Konzeption nennt sich auch „Subkultur der Gewalt“. In ihr findet eine Verknüpfung der durch Lerntheorien erklärten individuellen Gewalt und dem speziellen Werte- und Normensystem der Subkulturen statt.

Grundannahme ist, dass der physischen Gewalt in diesen Werte- und Normensystemen eine gewichtige Rolle eingeräumt wird. Das heißt, Gewalt wird als selbstverständlich angesehen und gewaltfreie Handlungen werden in diesem Kontext negativ sanktioniert (vgl Wolfgang, Ferracuti 1967).

Folgende Aspekte lassen sich ableiten (vgl. Wolfgang, Ferracuti 1967):

- In allen Subkulturen kann Gewalt auftreten, in Gewaltsubkulturen ist sie fester Bestandteil (normativ)
- Für bestimmte Situationen wird die Anwendung von Gewalt verlangt (Situationen sind definiert)
- Gewalttätiges Verhalten wird belohnt (Ansehen)
- Gewalttätiges Verhalten gilt als legitimes Problemlösungsmittel ist allgemeiner Teil des Lebensstils

Vor allem die Theorie der Gewalt legitimierenden Subkultur scheint die Problematik türkischer Jugendgangs zu erfassen. Gewalt gehört zum guten Ton, und deeskalierend wirkende Problemlösungsstrategien werden als Verweichlichung angesehen. Jugendliche, die Gewalt nicht akzeptieren, werden ausgeschlossen oder können selbst Opfer dieser Gangs werden. Die in vielen Großstädten zu beobachtende Jugendgruppengewalt findet hier ihre Erklärung, denn selten sind es einzelne Täter, die Gewalt aus Gruppen heraus ausüben.

In Verbindung mit der starken Betonung von Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen, entsteht hier eine besonders brisante Mischung die erklärt, warum viele türkische Jugendliche unter dem Einfluss solcher Gruppen gewalttätiges Verhalten lernen und internalisieren, bzw. wenn ihre Persönlichkeit bereits von aggressiven Verhaltensmustern geprägt ist, weiter verstärken.

[...]

Details

Seiten
80
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640942121
ISBN (Buch)
9783640941872
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173905
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Soziologie
Note
1,5
Schlagworte
Jugendgewalt Migration abweichendes Verhalten Kriminalität

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur Erklärung des gewalttätigen Verhaltens türkischstämmiger männlicher Jugendlicher in Deutschland