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Leitbilder der Wettbewerbspolitik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 17 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Methoden

3. Klärung der Grundbegriffe
3.1. Wettbewerb
3.2. Wettbewerbspolitik
3.3. Leitbilder der Wettbewerbspolitik

4. Leitbilder der Wettbewerbspolitik
4.1. Klassische Grundlagen
4.2. Vollkommene Konkurrenz
4.2.1. Konzept
4.2.2. Kritik und Probleme
4.3. Funktionsfähiger Wettbewerb
4.3.1. workability-competition
4.3.1.1. Konzept
4.3.1.2. Kritik und Probleme
4.3.2. Optimale Wettbewerbsintensität
4.3.2.1. Konzept
4.3.2.2. Kritik und Probleme
4.4. Neuklassisches Konzept der Wettbewerbsfreiheit
4.4.1. Konzept
4.4.2. Kritik und Probleme
4.5. Chicagoer Schule
4.5.1. Konzept
4.5.2. Kritik und Probleme

5. Einordnung der Leitbilder

6. Grundannahmen der heutigen Wettbewerbspolitik

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Welche Leitbilder stehen hinter der konkreten Wettbewerbspolitik eines Staates? Worin liegen die wesentlichen Unterschiede dieser Konzepte? Gibt es Teile eines Konzeptes oder Grundannahmen, welche sich in der Realität durchgesetzt haben?

Diese Fragen sollen im folgenden Aufsatz „Leitbilder der Wettbewerbspolitik“ behandelt werden. Dabei geht es weniger darum, dem Leser jedes Leitbild bis ins kleinste Detail zu erläutern, sondern vielmehr darum, einen groben Überblick über Inhalte, Probleme und Unterschiede der verschiedenen Richtungen wettbewerbspolitischer Leitbilder zu geben.

Wettbewerbspolitik ist als ordnungspolitischer Teil der Wirtschaftspolitik wichtiger Gegenstand in der täglichen politisch- ökonomischen Diskussion auf nationaler, europäischer sowie auf internationaler Ebene. Aktuell ist zum Beispiel die Diskussion um eine Ministererlaubnis für eine kartellrechtlich bedenkliche Fusion im Strommarkt, oder die Problematik unrechtmäßiger Preisabsprachen von Tankstellen oder Autohändlern zu erwähnen. Mit der Europäisierung bzw. Globalisierung der Wirtschaft kommt der Frage der Wettbewerbspolitik im Zeitalter von Weltkonzernen und Megafusionen immer größere Bedeutung zu. Den Diskussionen, die durch unterschiedliche Auffassungen von Wettbewerb und Wettbewerbspolitik entstehen, liegen Leitbilder und Konzeptionen zu Grunde.

Die folgende Auseinandersetzung, die einen Überblick über Inhalte und Unterschiede wettbewerbspolitischer Leitbilder gibt, soll helfen, die Hintergründe und Ursachen bestimmter wettbewerbspolitischer Standpunkte zu erläutern und verständlich zu machen.

2. Methoden

Der vorliegende Aufsatz beginnt damit, die Grundbegriffe, mit denen im folgenden gearbeitet wird, kurz abzugrenzen und zu definieren. Danach sollen die verschiedenen Leitbilder vorgestellt und erläutert sowie kurz Kritikpunkte skizziert werden. Dabei wird es nicht möglich sein, genauestens auf bestimmte Aspekte der einzelnen Leitbilder einzugehen - Ziel dieses Aufsatzes ist lediglich, Grundzüge zu vermitteln. Im anschließenden Teil sollen die erläuterten Leitbilder eingeordnet werden, abschließend wird dann aufgezeigt, welche Grundannahmen oder Leitmotive sich durchgesetzt haben.

3. Begrifflichkeiten

3.1. Wettbewerb

Wettbewerb als Begriff wird in der Wirtschaftslehre zwar sehr häufig verwendet, eine eindeutige und übereinstimmende Definition ist jedoch schwierig.

Unter Wettbewerb allgemein kann man das Streben von zwei oder mehreren Personen nach einem Ziel verstehen. Der höhere Zielerreichungsgrad des Einen hat dabei normalerweise einen geringeren Zielerreichungsgrad des Anderen zur Folge.1

In der Wirtschaft ist der Begriff des Wettbewerbs synonym mit dem Begriff der Konkurrenz zu verwenden und kennzeichnet den „Leistungskampf zwischen den verschiedenen Wirtschaftseinheiten, die versuchen, am Markt ihre Pläne durchzusetzen“2, also die Rivalität zwischen Wirtschaftssubjekten auf einem bestimmten Markt - meist zwischen Unternehmen auf dem Käufermarkt um Marktanteile.3

Demzufolge charakterisieren folgende Merkmale den wirtschaftlichen Wettbewerb: Die Existenz von Märkten mit mindestens zwei Anbietern oder Nachfragern, die sich gegensätzlich verhalten, d.h. ihren Zielerreichungsgrad zu Lasten anderer verbessern wollen.4

3.2. Wettbewerbspolitik

Als Wettbewerbspolitik kann man die ordnungspolitische Komponente der Wirtschaftspolitik eines Staates bezeichnen. Sie wird mit dem Ziel betrieben, den Wettbewerb zu schützen und zu fördern - also die Funktionsfähigkeit der Märkte zu garantieren.

Wettbewerb (vgl. 3.1.) kann nur stattfinden, wenn die dazu erforderlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Diese Voraussetzungen zu schaffen ist Aufgabe der Wettbewerbspolitik, die sie mit Hilfe des Wettbewerbsrecht umsetzt. Beispiele für das Wettbewerbsrecht, welches die Summe aller Rechtsvorschriften umschreibt, die den Wettbewerb garantieren sollen, sind das „Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb“, das „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“, das „Patentgesetz“, die „Gewerbeordnung“ sowie das „Rabattgesetz“.5

Wettbewerbspolitik ist demnach zielgerichtet auf den Schutz des Wettbewerbes. Um das Ziel jedoch genauer zu definieren und deutlich zu machen, „was gewollt wird, und wie das Gewollte erreicht werden soll“6 sowie mögliche Zielkonflikte aufzuzeigen, bedarf die Wettbewerbspolitik eines Leitbildes.

3.3. Leitbilder der Wettbewerbspolitik

Ein Leitbild ist ein „Ausdruck menschlichen Wollens, ein Maßstab für das menschliche Urteil und ein Motor menschlichen Handelns“7.

Man kann unter Wettbewerbsleitbildern einen geschlossenen und in sich widerspruchsfreien Zusammenhang von wettbewerbspolitischen Zielen sowie zielkonformen Instrumenten und Trägern der Wettbewerbspolitik verstehen.8

4. Leitbilder der Wettbewerbspolitik

4.1. Klassische Grundlagen

Die klassischen Ökonomen um Adam Smith entwickelten Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zum Merkantilismus die Konzeption des klassischen Liberalismus. Der Bevormundung des einzelnen Bürgers wurde ein „system of free competition“9, also ein freier Leistungswettbewerb, entgegengesetzt. Die Freiheit des Einzelnen im Wettbewerbsprozess steht also im Mittelpunkt des Konzeptes der Klassiker.

Der Staat soll ausschließlich Sicherheit und Ordnung schaffen, öffentliche Güter bereitstellen - welche aus Mangel an Gewinnaussichten nicht privat produziert werden können - sowie eine funktionsfähige Rechtsordnung herstellen und sichern. Der Markt regelt im Leitbild der Klassiker die Disposition von Gütern, Arbeitskraft und Produktionsmitteln selbst und ohne Hilfe seitens des Staates. Grundlegend hierfür ist die freie Preisbildung - aufgrund der Marktausgleichswirkung, der Lenkungsfunktion und der markleistungssteigernden Anreizwirkung der Preise. Markt und Wettbewerb befinden sich in einem ständigen Prozess und eröffnen Freiheitsspielräume für die Marktteilnehmer.

Die Wohlfahrt der Allgemeinheit wird durch egoistisches Handeln und somit die durch die Wohlfahrt des Einzelnen geschaffen und gesichert. Hier spricht Smith von der „invisible hand“, die das Selbstinteresse auf das Gesamtinteresse umlenkt, und somit dem Egoismus als Antriebsmotor des Einzelnen im Wettbewerb seine Legitimation erteilt.10

4.2. Das Leitbild der vollkommenen Konkurrenz

4.2.1. Konzept

Das Leitbild des vollkommenen Wettbewerbs geht von verschiedenen Grundannahmen aus, die zusammen zu einem Gleichgewicht im Markt führen. Eine wesentliche Grundannahme und Bedingung für vollkommene Konkurrenz ist die Existenz vieler kleiner Anbieter und Nachfrager, die alle eine vollständige Übersicht und Voraussicht (Markttransparenz) besitzen. Andere Bedingungen für das absolute Gleichgewicht am Markt, den man als „Zustand maximaler wirtschaftlicher Effizienz“11 oder „perfect competition“ bezeichnen kann, sind nichtvorhandene Marktzutritt- und Marktaustrittsschranken und unendliche Reaktionsgeschwindigkeit aller Anpassungsprozesse.

Dieses Marktgleichgewicht macht auch den Unterschied zu dem Konzept der Klassiker deutlich: Wettbewerb findet nicht mehr als dynamischer Prozess statt, sondern es besteht die Statik des allgemeinen Gleichgewichtes.12

4.2.2. Kritik und Probleme

Problematisch am Leitbild der vollständigen Konkurrenz ist die Vernachlässigung der Dynamik im Wettbewerb - Produkt- oder Prozessinnovationen (und die damit verbundenen Pioneergewinne) oder Werbung (eigentlich aufgrund der Markttransparenz gar nicht notwendig) würden das Gleichgewicht zerstören und letztendlich zu Oligopolen führen. Es gibt noch viele andere Aspekte, z.B. der Staat als wirtschaftlicher Akteur oder definitiv stattfindender Preiswettbewerb, die klar machen, dass es weder möglich noch sinnvoll ist, die im Leitbild der vollständigen Konkurrenz geforderten Bedingungen anzustreben oder herzustellen.1314

4.3. Das Leitbild des funktionsfähigen Wettbewerbs

4.3.1. „workable competition“

4.3.1.1. Konzept

Das statische Modell der vollkommenen Konkurrenz wurde mit dem Leitbild des funktionsfähigen Wettbewerbs durch ein dynamisches ersetzt. Ursprung und Grundlage aller Diskussionen um den funktionsfähigen Wettbewerb war eine 1939 vor der American Economic Association gehaltene Rede von John Maurice Clark „Toward a Concept of Workable Competition“, welche dann 1940 als Aufsatz veröffentlicht wurde.15 In der Diskussion um „workable competition“ ging es darum, einen allgemeinen Katalog spezifischer Normen zu erarbeiten. Diese Merkmale betrafen die Marktstruktur (Zahl, Größe der Wirtschaftseinheiten, Marktschranken, Transparenz...), das Marktverhalten (Preis- und Produktpolitik, Marketing, Innovationsaktivität...) und das Marktergebnis (Anpassungsflexibilität, Gewinnniveau, Produktionskosten).16

In den folgenden Jahren ist das Konzept des „workable competition“ und des funktionsfähigen Wettbewerbs immer weiter entwickelt worden. Clark selbst ergänzte seine Thesen, beeinflusst durch die Schumpeter-Thesen und die

[...]


1 Vgl. Schmidt, Ingo: Wettbewerbspolitik und Kartellrecht. Eine Einführung. 4. Auflage, New York 1993. S. 1.

2 Aus: Schmidt, Andre: Ordnungspolitische Perspektiven der europäischen Integration im Spannungsfeld von Wettbewerbs- und Industriepolitik. Hohenheimer Volkswirtschaftliche Schriften. Band 28. Frankfurt am Main 1998. S. 106.

3 Vgl. Meyers Großes Taschenlexikon. Band 25. 7. Auflage. Mannheim 1999. S. 35.

4 Vgl. Schmidt, Ingo: Wettbewerbspolitik und Kartellrecht. a.a.O.. S. 2.

5 Vgl. Goldmann Lexikon: Band 24. Gütersloh 1998. S. 10.689.

6 Aus: Berg, Hartmut: Wettbewerbspolitik. In: Vahlen Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Band 2. München 1999. S. 305.

7 Aus: Kloten, N.: Utopie und Leitbild im wirtschaftspolitischen Denken. 1967. S. 334.

8 Vgl. Schmidt, Ingo: Wettbewerbspolitik und Kartellrecht. a.a.O.. S. 2.

9 Aus: Bartling, Hartwig: Leitbilder der Wettbewerbspolitik. München 1980. S. 9.

10 Ebd. S. 9f.

11 Aus: Schmidt, Ingo: Wettbewerbspolitik und Kartellrecht. a.a.O.. S. 7.

12 Vgl. Berg, Hartmut: Wettbewerbspolitik. a.a.O.. S. 308.

13 Ebd.

14 „workable competition“ kann mit „arbeitsfähiger Wettbewerb“ übersetzt werden (vgl. Herdzina, Klaus: Wettbewerbspolitik. 3. Auflage. Stuttgart 1991. S. 37.).

15 vgl. Mantzavinos, Chrysostomos: Wettbewerbstheorie. Eine kritische Auseinandersetzung. Volkswirtschaftliche Schriften. Heft 434. Berlin 1994. S. 23.

16 Vgl. Berg, Hartmut: Wettbewerbspolitik. a.a.O.. S. 309.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638219792
ISBN (Buch)
9783638777834
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17392
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für ökonomische Bildung IöB
Note
2,0
Schlagworte
Leitbilder Wettbewerbspolitik

Autor

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Titel: Leitbilder der Wettbewerbspolitik