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(Auch) Nutzen oder (nur) Nachteil aus Brain-Drain?

Seminararbeit 2011 26 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in den Begriff und Entstehung des Phänomens
2.1 Der Begriff „Brain-Drain“
2.2 Ursachen des Brain-Drain
2.2.1 Push-Faktoren des Brain-Drain
2.2.2 Pull-Faktoren des Brain-Drain

3 Volkswirtschaftliche Verluste durch Brain Drain
3.1 Die nationalistische Perspektive
3.2 Akteure
3.2.1 Das Individuum
3.2.2 Das Heimatland
3.3 Mögliche Auswege

4 Brain Gain
4.1 Die Internationalistische Perspektive
4.2 „A brain drain with a brain gain“
4.2.1 Modellannahmen
4.2.2 Ergebnisse
4.2.3 Interpretation

5 Schlussbetrachtung

Anhang 1

Anhang 2

Anhang 3

Anhang 4

Anhang 5

Anhang 6

Anhang 7

Anhang 8

Anhang 9

Anhang 10

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In einer offenen Volkswirtschaft spielen Mobilität und Flexibilität eine entscheidende Rolle für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen: Nicht nur ein Großteil unserer Konsumgüter wird aus allen Teilen der Welt importiert und - v.a. in Deutschland - eigene Produktion in viele Länder exportiert, sondern es sind auch die Menschen selbst, die international mobil sind. Vor allem für qualifizierte Fachkräfte ist es von immer größerer Bedeutung, spontan den Standort wechseln zu können. Im Ausland zu studieren, zu arbeiten oder auch einfach zu leben, wird von global agierenden Unternehmen gefordert, von Stiftungen gefördert und von der Gesellschaft hochgradig respektiert. Mehrere Fremdsprachen zu sprechen und sich in anderen Kulturkreisen heimisch zu fühlen, ist nicht nur für die eigene Karriere förderlich, sondern erzeugt auch Prestige und Ansehen. Nicht selten führt ein Auslandsaufenthalt dazu, dass das vormals fremde Land zur neuen Heimat erklärt wird, weil bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen eine Rückkehr unattraktiv erscheinen lassen. Dieses Phänomen ist zwar für das Individuum und für internationale Unternehmen vorteilhaft, doch wie ist es um das Heimatland bestellt, das viel in ein gutes Bildungssystem investiert und diese internationale Mobilität finanziell begünstigt hat? Ist dieses Abwandern von Fachkräften für den Staat negativ zu bewerten und können dabei volkswirtschaftliche Entwicklungsprozesse gehemmt werden?

Vorherrschend ist die Auffassung, dass die Abwanderung von Humankapital mehr Kosten verursacht, als sie nützt. Dafür gibt es, wie nachfolgend gezeigt wird, auch gute Gründe. Allerdings setzt sich die vorliegende Arbeit kritisch mit einer solchen, vielleicht zu einseitigen Betrachtungsweise auseinander, indem sie prüft, ob und unter welchen Umständen Brain-Drain für eine Volkswirtschaft auch vorteilhaft sein kann. Zuallererst soll jedoch eine Einführung in die Begrifflichkeiten gegeben und auf die Ursachen des Phänomens näher eingegangen werden.

2 Einführung in den Begriff und Entstehung des Phänomens

2.1 Der Begriff „Brain-Drain“

Das Phänomen Brain-Drain bezeichnet die Übersiedelung von qualifizierten Bevölkerungsgruppen auf der Suche nach größerem Einkommen, besseren Forschungsbedingungen und einem höheren Lebensstandard (Business & Management Dictionary, 2007). Die Einführung des Begriffs geht auf einen Bericht der British Royal Society im Jahr 1962 zurück, in dem Brain-Drain per definitionem als die „Abwanderung von Wissenschaftlern und Ingenieuren von Großbritannien nach Nordamerika“ festgelegt wurde (Congressional Research Service 1974, S. 11). In den sechziger Jahren wurde der Ausdruck vor allem in den USA verwendet, um die Einwanderung von hochqualifizierten Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt zu umschreiben. Brain-Drain tritt damit nicht nur zwischen Industrienationen auf, sondern beschreibt auch ein Phänomen, das zwischen Entwicklungsländern und von Entwicklungs- zu Industrienationen besteht (vgl. Watanabe 1969, S. 401). Außerdem könnte man den Abwanderungsprozess von ländlichen zu urbanen Regionen innerhalb eines Landes oder von einem Bundesland zum anderen als Brain-Drain bezeichnen. Erstaunlich dabei ist, dass alle Kategorien miteinander verbunden werden können und sich gegenseitig verstärken: Eine höhere Zuwanderungsrate von britischen Fachkräften in die USA kann eine Bewegung von der ehemaligen Kolonie Indien in die Vereinigten Staaten auslösen, was wiederrum pakistanischen Absolventen den Anreiz gibt, offen gewordene, indische Stellen anzunehmen. Brain-Drain ist keinesfalls ein modernes Phänomen, sondern vielmehr ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Wanderungsverhaltens: historische Wurzeln lassen sich bereits im antiken Griechenland um 150 n. Chr. finden, als der „drain“ von griechischem „brain“ nach Alexandria beklagt wurde (vgl. Dedijer 1968, S. 16). Abwanderungsbewegungen von geistiger Elite hat es immer wieder in der Geschichte gegeben (vgl. Congressional Research Service 1974, S.18 ff), doch vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch veränderte politische Beziehungen und technische Fortschritte die internationale Mobilität von Fachkräften begünstigt.

2.2 Ursachen des Brain-Drain

Doch wie und warum entsteht Brain-Drain in der heutigen Zeit? Die Ursachen liegen nicht nur in den klassischen Differenzen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern wie etwa den unterschiedlichen Lebensstandards. Es fällt einem Individuum meist eher schwer, das Heimatland zu verlassen, da es eine gewisse Bindung durch soziale und kulturelle Hintergründe verspürt. Deshalb kommen oft mehrere Einflüsse zusammen, die einen maßgeblichen Abwanderungsprozess auslösen. Hierbei kann zwischen Push- und PullFaktoren, die gemeinsam Brain-Drain stimulieren, unterschieden werden: Push-Faktoren haben ihren Ursprung im Heimatland und Pull-Faktoren werden vom Zielland verursacht (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 89).

2.2.1 Push-Faktoren des Brain-Drain

Diese werden durch das Heimatland verursacht und sind meist wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ursprungs. Allein der Entwicklungsstatus eines Landes selbst, kann bereits Brain-Drain auslösen: Unterentwicklung geht gewöhnlich mit einer ungerechten Einkommensverteilung, einer stagnierenden wirtschaftlichen Situation, Inflation und Ressourcenknappheit einher. Diese Mangelzustände lassen den Wunsch nach einem besseren, moderneren Leben größer werden (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 89).

Die Bildungspolitik des Landes spielt dabei eine zentrale Rolle: Oftmals sind die Bildungssysteme nicht auf den tatsächlichen Bedarf an Fachkräften ausgerichtet und ausländische Investoren Entscheidungsträger bei bildungspolitischen Reformen (Godfrey 1970, S. 243). Dies hat zur Folge, dass zwar hochqualifizierte Absolventen eine Universität verlassen, aber letztendlich keine adäquate Anstellung in ihren Bereich finden - es existiert demnach eine Überangebot an Bildungselite.

Arbeitslosigkeit oder ein sehr niedriges Einkommen sind die Folgen daraus. Doch damit nicht genug: Schlechte Arbeitsbedingungen, limitierte Karriereaussichten, Frustration und auch die mangelnde Anerkennung innerhalb der Gesellschaft bewirken eine extreme Unzufriedenheit innerhalb der hochqualifizierten Bevölkerungsgruppe (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 91). Diese steht nun vor der Wahl, sich mit ihrer unglücklichen Situation abzufinden oder ein neues, erfolgreicheres Leben in einem anderen Land zu beginnen.

Vor allem Hochschulabsolventen, die nach einer wissenschaftlichen Karriere streben, sind mit stark begrenzter staatlicher Förderung und mangelnden Lern- und Forschungsbedingungen konfrontiert (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 92). Auch ein fehlender intellektueller Austausch mit anderen Forschern, die wissenschaftliche Isolation eines Entwicklungslandes und das limitierte Entwicklungspotential der eigenen Projekte erschweren es der geistigen Elite, ihrem Heimatland treu zu bleiben (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 94). Meist sind innovative Gedanken in Industrienationen deutlich willkommener und viele Wissenschaftler kämpfen in ihrer Heimat gegen konservative Kräfte, die den Status Quo verteidigen.

Aus der Not der Unterentwicklung heraus existiert in Entwicklungsländern oftmals eine Kultur der Familienzugehörigkeit. Sozialer Status und Beziehungen beeinflussen maßgeblich die Karriere. Talente und wahre Fähigkeiten spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 95). Vetternwirtschaft führt dazu, dass tatsächlich begabte Fachkräfte, die das Land wirtschaftlich voran bringen könnten, lieber eine faire Chance im Ausland suchen, als weiterhin durch ihren niedrigen sozialen Stand bestraft zu werden.

Damit einher geht ein Mangel an emotionaler Bindung mit der eigentlichen Heimat: Unzufriedenheit gegenüber der oftmals korrupten Regierung und die beschränkte politische Freiheit bis hin zur Verfolgung führten in der Geschichte häufig zu massiven Abwanderungsbewegungen der geistigen Elite. Die Unsicherheit über die Zukunft des Heimatlandes, politische Instabilität und die Sorge um die Möglichkeiten des eigenen Nachwuchses veranlassen die gebildete Bevölkerungsschicht zur Auswanderung (vgl. Godfrey 1970, S. 244).

2.2.2 Pull-Faktoren des Brain-Drain

Doch auch die Industrienationen haben durch ihre anziehende Wirkung auf qualifizierte Fachkräfte einen maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung von Brain-Drain. Zunächst sind diese nicht in der Lage, ihren Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften durch ihre eigenen Hochschulabsolventen zu decken (vgl. Watanabe 1969, S. 420). Das Medizinstudium in Deutschland macht dies besonders deutlich, denn Zulassungsbeschränkungen und ein hoher Schwierigkeitsgrad machen es unmöglich, die benötigte Anzahl an Ärzten für unser Gesundheitssystem bereitzustellen. Folglich wird die Zuwanderung von ausländischen Fachkräften gezielt gefördert, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Darüber hinaus ist meistens der „Import“ von Fachkräften deutlich günstiger, als der Ausbau der inländischen Universitäten (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 104).

Gibt es in den Entwicklungsländern einen Überschuss an geistiger Elite, ist in den Industrienationen meist ein Mangel zu verzeichnen, der wiederrum höhere Löhne und bessere Karriereaussichten bewirkt. Doch nicht nur ein höheres Einkommen, sondern auch bessere Forschungsbedingungen und ein stimulierenderes, wissenschaftliches Umfeld lassen einen Standortwechsel attraktiver erscheinen (vgl. Watanabe 1969, S. 421). Industrienationen fördern Forschung und Entwicklung deutlich intensiver als Entwicklungsländern, um den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt ihres Landes zu begünstigen (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 104). Ein Land - wie beispielsweise die USA -, das zu den führenden Wissensstandorten zählt, hat eine Sogwirkung auf Fachkräfte aus allen Teilen der Welt. Die Anerkennung für intellektuelle Arbeit - oft in Kombination mit internationalen Auszeichnungen - bewirkt vor allem die dauerhafte Auswanderung, da jede Errungenschaft in der Karriere es unmöglicher zu machen scheint, in die wissenschaftliche Isolation zurückzukehren (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 112f). Oftmals entwickelt sich auch ein ursprünglich temporärer Aufenthalt zur vollständigen Emigration, weil viele der erworbenen Fähigkeiten im Heimatland nicht benötigt werden (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 118). Darüber hinaus werden „wahre“ Talente in Industrienationen intensiver gefördert und gefordert und ein sozialer Aufstieg ist von den familiären Hintergründen nahezu unabhängig. Ein dynamischeres Umfeld und die Anerkennung der eigenen Leistung innerhalb der Gesellschaft sind überaus attraktiv für die geistige Elite (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 123).

Eine historische Verbindung zweier Ländern kann darüber hinaus Brain-Drain verstärken: Abwanderungsbewegungen treten besonders häufig von Asien und Afrika zu den ehemaligen Kolonialherrschern auf (vgl. Congressional Research Service 1974, S. 33). Z.B. stammten in Frankreich zwischen den Jahren 1962 und 1966 die meisten Einwanderer aus Tunesien, Marokko und Haiti (vgl. Godfrey 1970, S. 235). Der eher formal zu sehende Akt der Unabhängigkeit änderte wenig an der engen Bindung zu den Kolonien, was Fachkräften die Auswanderung erleichtert: Geringere politische und kulturelle Barrieren lassen sich durch die scheinbare Vertrautheit leichter überwinden (vgl. Watanabe, S. 425). Nicht zuletzt sind hochqualifiziertes Fachkräfte meist offener und damit international mobiler als die restliche Bevölkerung (vgl. Watanabe, S. 426). Die geistige Elite eines Landes weist gewöhnlich ein höheres kulturelles Kapital auf (im Sinne von der Fähigkeit mit Kulturgütern kompetent umgehen zu können), spricht mehrere Sprachen, besitzt Fähigkeiten, die international nachgefragt werden und wird vielleicht sogar von einer dritten Instanz finanziell gefördert - dies erleichtert den gesamten Auswanderungsprozess und erhöht demzufolge den Brain-Drain innerhalb dieser Bevölkerungsschicht. Eine Ausreise ist in unserer globalisierten Welt deutlich kostengünstiger geworden und durch die freie und schnelle Verfügbarkeit von Informationen lassen sich leichter Vergleiche ziehen und Kontakte ins Ausland knüpfen.

3 Volkswirtschaftliche Verluste durch Brain Drain

3.1 Die nationalistische Perspektive

Interessant ist nun die Frage, wie Brain-Drain volkswirtschaftlich zu bewerten ist. Intuitiv könnte davon ausgegangen werden, dass durch die Emigration von Fachkräften, das durchschnittliche Humankapital eines Landes sinkt. Damit gehen freilich Verluste einher, die vor allem für das langfristige Wachstum und den technischen und gesellschaftlichen Fortschritt von entscheidender Bedeutung sind. Das Wissenspotential eines Landes kann schlecht ausgeschöpft und vergrößert werden, wenn qualifiziertes Personal das Land verlässt (vgl. Mountford 1997, S. 302). Die geistige Elite macht zwar nicht den größten Teil der auswandernden Arbeitskräfte aus, aber es ist gerade sie, die das Entwicklungsland aus seiner schwierigen wirtschaftlichen Situation befreien könnte (vgl. Baldwin 1970, S. 362) - und je kleiner ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist, desto gravierender sind die Auswirkungen des Brain-Drain (vgl. Godfrey 1970, S. 235). Diese nationalistische Sichtweise kann vor allem anhand von medizinischen Berufsfeldern belegt werden, da beispielsweise der Verlust eines nigerianischen Arztes an die USA einen vergleichsweise enormen Einschnitt in das Gesundheitssystem von Nigeria darstellt. Diejenigen, die das Privileg einer umfangreichen Ausbildung genossen haben, sollten nach weitläufiger Meinung ihren Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat nachkommen, indem sie ihrem Heimatland und nicht einer nahezu überentwickelten Industrienation ihre wissenschaftlichen Dienste erweisen.

Streng genommen würde ein Entwicklungsland somit mehr von seinem eigenen Humankapital profitieren, wenn es sich nicht gegenüber der Weltwirtschaft öffnen würde (vgl. Kannappan 1968, S. 13). Umgekehrt ist es für ein Industrieland umso vorteilhafter, je mehr Menschen mit einem hohen Wissensstand einwandern, weil dadurch der wirtschaftliche Wachstumsprozess weiter angeregt wird. Schlussfolgernd entsteht der Eindruck, dass durch Brain-Drain Entwicklungsländer in einer Armutsfalle gefangen gehalten werden und gleichzeitig die Industriestaaten auf Kosten der Armen immer reicher werden (vgl. Mountford, 1997, S. 287).

3.2 Akteure

Prinzipiell sind drei Parteien durch den internationalen Humankapital-Austausch betroffen: das Individuum, das auswandert; das Heimatland (z.B. Taiwan), das meist im Entwicklungsstatus ist und das Zielland (z.B. USA), das vornehmlich zu den Industrienationen gehört (vgl. Kannappan 1968, S. 11), wobei letzteres kaum wesentliche Verluste zu verzeichnen hat, abgesehen von geringfügigen Integrationskosten.

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Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640943807
ISBN (Buch)
9783640943487
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174019
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Fakultät Wirtschaftswissenschaften insb. VWL
Note
1,0
Schlagworte
Humankapital Brain-Drain Braindrain Brain-Gain Mobilität

Autor

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