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Regionale Identität im Fußball am Beispiel des FC Liverpool

Hausarbeit 2009 29 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Regionale Identität im Fußball

3 Stadt Liverpool

4 Einfluss der Beatles auf Fußball und Kultur

5 FC Liverpool an der Anfield Road
5.1 Eroberung Europas
5.2 The Kop

6 Friendly Derby - Toffees versus Reds

7 Helden und Mythen

8 Charakter des englischen Fußballs

9 Fangesänge

10 Fußballkatastrophen
10.1 Heysel
10.2 Hillsborough

11 Boykott der Sun

12 Fazit

1 Einleitung

„When you walk through a storm, hold your head up high and don't be afraid of the dark. At the end of a storm, there 's a golden sky ... And you 'll never walk alone. "[1]

Vor jedem Heimspiel des FC Liverpool brüllen sich die Fans ihre Seele aus dem Leib, wenn die Hymne des Clubs aus dem Nordwesten Englands ertönt. In diesem einzigartigen Moment vereinen sich Geschichte und Zugehörigkeit zum Verein und lassen jeden einzelnen vor Ehrfurcht erstarren. Während die Stimmen weiterhin an Kraft und Volumen gewinnen, ist die Anfield Road in Liverpool voller greifbarer Emo­tionen. Ein alter Schlager wird mit einer Intensität intoniert, die voller Leidenschaft und Glaube ist. Dieses Szenario ist mehr als ein Fußballspiel, ist mehr als einfache Fankultur; dies ist kulturelle Identität und Tradition.

Bill Shankly, der Erfolgstrainer der 70er Jahre, pflegt eine eigene Philosophie, wenn es um Fußball geht. Das belegt sein berühmtestes Zitat:

„Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod - es geht um mehr. '[2]

Shankly sieht im Fußball nicht nur eine sportliche, sondern auch eine kulturelle Ange­legenheit. „Ich bin ein Mann des Volkes - nur das Volk zählt." Demzufolge waren für ihn die Anhänger so wichtig wie die Spieler. Die Mannschaft steht im Zentrum, des­halb legt Shankly Wert auf die Einheit in der Mannschaft und das Spiel mit Herz. Zu Ehren Shanklys wird vor der legendären Tribüne an der Anfield Road eine lebens­große Bronzestatue von ihm errichtet. Sie trägt die Inschrift: He made the people happy - Er machte die Menschen glücklich. Scouser, die Einwohner Liverpools, sind berühmt für ihre Sentimentalität und für die Art und Weise jeden Aspekt des Fußballs zu romantisieren. Der Club bewahrt dabei eine klar umrissene Identität, deren Cha­rakter von den Anhängern immer wieder bestärkt wird. Liverpool ist auf der ganzen Welt als Wiege der berühmten Beatles und des FC Liverpool bekannt. Wie kaum ein anderer Sport ist Fußball geeignet, das Verhältnis des Sports zu ande­ren gesellschaftlichen Feldern wie Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien zu analysie­ren. Im Folgenden wird herausgearbeitet, welche Einflüsse für die starke Bindung zwischen den Einwohnern Liverpools und des dort ansässigen Fußballclubs verant­wortlich sind.

2 Regionale Identität im Fußball

Da eine Region oder ein Raum durch die verschiedensten Akteure mit sehr hetero­genen Interessen und Zielkonflikten geprägt ist, bedarf es für ein erfolgreiches Zu­sammenspiel einer Basis: die regionale Identität. Noch allgemeiner lässt sich die Notwendigkeit von regionaler Identität auf eine Grundvoraussetzung sozialer Kom­munikation zurückführen: Menschen leben nach wie vor in einer Symbol- und Zei­chenwelt, der sie sich bedienen und der sie Sinn zuschreiben und entnehmen. Um sich in diesem Raum zu orientieren, müssen sie die Zeichen richtig entschlüsseln. Ganz besonders gilt dieser Prozess in modernen Gesellschaften. Identität ist vor die­sem Hintergrund die Umschreibung jedes Einzelnen auf Wiedererkennbarkeit. Gera­de weil konkrete Konturen moderner Gesellschaften im Rahmen der Globalisierung unscharf werden, erhöht sich die Notwendigkeit eindeutiger Signale an jeden Einzel- nen.[3] Die Schaffung eines „Wir" in Abgrenzung eines „Ihr" ist in diesem Zusammen­hang besonders wichtig.

„Die Identität des Einen bedeutet häufig die Ausgrenzung des Anderen."[4]

Jede Organisation, jeder Verein, jede Region benötigt daher zweierlei: eine Identität und ein ihr entsprechendes symbolisches Inventar zur Verständigung in der Öffent­lichkeit. Identität ist ein dynamischer Prozess. Man kann sie ebenso erlangen wie verlieren, während man sich den regionalen Gepflogenheiten anpasst. Die Übereins­timmung des Individuums mit dem Charakter der Region wird als Identifikation be­zeichnet. Der Dialekt ist einer der stärksten Pfeiler der regionalen Identifikation. Er spiegelt die Geschichte der Region über die Jahrhunderte hinweg wider und ist oft­mals in seiner Ausprägung einzigartig.

In sozialen Systemen lässt sich beobachten, wie eine bestimmte Ordnung aus dem System selbst heraus entsteht. Dieser Prozess wird als Selbstorganisation bezeich­net. In der Soziologie werden Prozesse der Selbstorganisation in Sozialen Systemen als Bottom-up bzw. Top-down bezeichnet.

Als Top-down („von oben nach unten") und Bottom-up („von unten nach oben") wer­den zwei entgegengesetzte Vorgehensweisen dargestellt, die in verschiedenen Sinnzusammenhängen verwendet werden.

Das konkrete Beispiel der regionalen Identität anhand des FC Liverpool kann als Bot­tom-up-Ansatz identifiziert werden. Die folgenden Kapitel der Hausarbeit beschreiben die Entstehung der Fankultur mitsamt deren Zeichen und Identifikationsmerkmalen, die sich aus der Masse heraus entwickelt haben. Selbstverständlich müssen beide Ansätze betrachtet werden, da weder der Top-down-Ansatz noch der Bottom-up- Ansatz isoliert betrachtet werden können. Die Verantwortlichen nutzen das Image des Vereins und seiner Anhänger, um sich von ihrer Umwelt abzugrenzen und eine Art Alleinstellungsmerkmal zu erlangen. Wenn beide Parteien (Vereinsführung und Fanbasis) die gleichen Vorstellungen von Identität in ihrer Region haben, können sie sich ohne Einschränkungen ergänzen. Auf diese Weise können sich Bottom-up und Top-down annähern, ohne sich zu widersprechen.

3 Stadt Liverpool

Beatles, Fußball, Niedergang. Das ist das Bild, das Liverpool seit Jahrzenten in die Welt transportiert. Liverpool liegt im Nordwesten Englands in der Grafschaft Mersey- side, die ihre Namensgebung vom Fluß Mersey erhält. Die Bevölkerung beträgt nach aktuellen Angaben ca. 450.000 Einwohner. Die Menschen sind bekannt für ihre Freundlichkeit und ihren Humor.[5] Im Volksmund werden die Bewohner als auch Li- verpudlians oder Scouser bezeichnet. Scouse ist eine Art Resteeintopf und der Na­mensgeber des örtlichen Dialekts, der durch die zahlreichen Einwanderer der Hafen­region geprägt wird. Einen großen Anteil an der Ausbildung des schwer verständli­chen Slangs sind die Einflüsse der irisch stämmigen und walisischen Arbeiter.[6] Im frühen 19. Jahrhundert verkörpert Liverpool den Beginn der Industrie und sticht mit seinem Hafen als Logistikzentrale der regionalen Textilfabriken hervor. 40 Pro­zent des Welthandels werden in dieser Periode in Liverpool abgewickelt.[7] Später trumpft es mit seinen Fußballmannschaften (Liverpool und Everton), der Musikszene und verschiedenen kulturellen Institutionen auf. Mit dem Zerfall der Textilbranche erleidet Liverpool nach 1950 einen ungeheuren Niedergang. Um 1930 hat die Kom­mune rund 850.000 Einwohner; heute leben in Liverpool nur etwa halb so viele Men­schen. Extreme Deindustrialisierung geht mit wachsender Armut der Arbeiterschaft und steigendem Verlust der Bevölkerung einher. Seither hat sich die Lage deutlich sichtbar gewandelt. Während der Ära Margaret Thatchers, als die britische Kommu­nalpolitik privatisiert wird, schlägt Liverpool den Pfad der Opposition ein. Mit dem Re­sultat, dass Liverpool weiter an den Rand gedrängt wird. Die eiserne Lady sagt den Gewerkschaften den Kampf an und drängt Liverpool weiter in die Mittellosigkeit. Die Zeichen der Schrumpfung, der Armut, der zerstörten Gegenden und des täglichen Verbrechens sind allgegenwärtig.

Zu Zeiten des British Empire bietet die Großstadt am Mersey aufgrund des Hafens einen einzigartig sicheren Arbeitsort. Für viele Tätigkeiten in den Docks werden billi­ge Hand- und Hilfsarbeiter gebraucht, die keine fachspezifische Ausbildung benöti­gen. Diese Monostruktur wird Liverpool nach dem Zweiten Weltkrieg zum Verhäng­nis. Mit dem Ende der Kolonien verliert der Hafen an Bedeutung und die Ansiedlung neuer Betriebe misslingt. Fast die Hälfte aller Haushalte ist auf kommunale Sozial­programme angewiesen. Ende der 1970er kollabiert die Wirtschaft endgültig; Liver­pool ist nahezu bankrott und zählt zu den ärmsten Städten Europas. In ärmeren Stadtteilen wie Everton liegt die Arbeitslosigkeit Mitte der 90er Jahre bei nahezu 50 Prozent. Zur Jahrtausendwende versucht die Kommune, neue kulturelle Einrichtun­gen als ökonomische Inkubatoren in das städtische Gewebe zu pflanzen. Liverpool beginnt, aus den alten Speicheranlagen Museen und Kulturzentren zu errichten. Das Gesicht der Stadt bekommt einen neuen Anstrich, in dem sich moderne und traditio­nelle Architekturen abwechseln. Die restaurierten Albert Docks sind von der Tate Ga­lerie (Museum) und der Beatles Story (interaktives Museum der umfassenden Beat­les-Geschichte) eingerahmt. Mittlerweile ist Liverpool nach London die Stadt mit der höchsten Museumsdichte. 2008 erhält die Stadt den Titel "Europäische Kulturhaupt­stadt".[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 1: Sehenswürdigkeiten im neuen Kulturzentrum der Albert Docks[9]

Liverpool hat die Kultur als Wirtschaftszweig entdeckt, der als Schlüssel für den mo­mentanen Aufschwung gilt. Das vielfältige Angebot lockt hunderttausende Touristen in die Mersey-Metropole und lässt die Stadt weiter aufblühen.[10] Bei gleichbleibenden Wachstumsraten wird Liverpool in naher Zukunft mit Sicherheit mit anderen Attribu­ten in Verbindung gebracht werden: Beatles, Fußball und Kultur.

4 Einfluss der Beatles auf Fußball und Kultur

Liverpool ist aber vor allem seit den 1960ern als lebendige Musikstadt bekannt ge­worden, wofür natürlich insbesondere die erfolg- und einflussreichste Musikgruppe des 20. Jahrhunderts steht. Die Beatles haben im Laufe ihrer aktiven Zeiten etwa 1,3 Milliarden Platten verkaufen können. Erste Auftritte in Liverpool haben sie 1961 im berühmten Cavern Club in der Mathew Street. Dort absolvieren sie im Verlauf ihrer Karriere unzählige Auftritte und beginnen eine Weltkarriere.[11] Nach dem wohl be­rühmtesten Beatle John Lennon wird 2001 auch der Flughafen von Liverpool be­nannt. Dessen Logo setzt sich aus einer von John Lennon eigenhändig gezeichneten Skizze und der Zeile "Above us only sky" aus dem Titel "Imagine" zusammen. Mit ihrer Musik haben die Pilzköpfe auch die Fankultur des FC Liverpool maßgeblich be­einflusst. Viele Fangesänge basieren auf den Melodien bekannter Songs. „We all live in a red and white kop" wird beispielsweise zu der Melodie von „Yellow Submarine" angestimmt. Berichten zufolge wird Liverpool als Wiege des Stadiongesangs ange­sehen. Von den Menschen aus den umliegenden Orten werden die Liverpudlians auch gerne als Pilze bezeichnet. Die aufkeimende Popularität der Beatles schiebt Liverpool in den 60er Jahren wieder in den Fokus des internationalen Interesses und lässt das Selbstbewusstsein der Anwohner steigen.[12]

[...]


[1] Irwin, C. (2006), S. 174.

[2] Beckmann, R. & Böttcher, S. (2005), S. 46.

[3] Vgl. Ipsen, D. (1993), S. 11 f.

[4] Ipsen, D. (1993), S. 9.

[5] Vgl. Allt, N. (2007), S. 326.

[6] Vgl. Coslett, P. (2009)

[7] Vgl. Roth, A. (2008)

[8] Roth, A. (2008)

[9] Quelle: Eigene

[10] Vgl. Klüsener, E. (2004)

[11] Vgl. Roth, A. (2008)

[12] 12 Allt, N. (2007), S. 57.

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640945887
ISBN (Buch)
9783640946174
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174228
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Sportwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
regionale identität fußball beispiel liverpool

Autor

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