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Geschlechtsspezifische Medienrezeption

Rezeptionsverhalten von Mann und Frau

Seminararbeit 2010 25 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Historischer Überblick

2. Wirkungstheorien
2.1 Involvement als Rezeptionsprozess
2.1.1 Definition von Involvement
2.1.2. PSI - Parasoziale Interaktion und PSB - parasoziale Beziehung
2.2 Emotionen

3. Rezeptionshandeln und Lebenszusammenhang

4. Wirkung von Geschlechtsrollenstereotypen in den Medien

5. Wirkung von Gewaltdarstellung im TV
5.1 Warum existieren diese Unterschiede in der Rezeption von Gewalt bei
Frauen und Männer?
5.1.1 Inhaltsbezogene Faktoren
5.1.2 Rezipientenbezogene Faktoren
5.1.3 Weitere Erklärung für Geschlechtsunterschiede in der Wahrnehmung

6. Rezeptionsverhalten von Musikvideos

7. Schlussfazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Gender - Ein aktuelles soziales Problem in den Medien? Existieren wirklich geschlechts spezifische Unterschiede in der Rezeption von Medienangeboten? Sind es nicht viel mehr die Medien selbst, die solche Differenzen hervorrufen? Das Ziel dieser Seminararbeit besteht darin, bestehende Unterschiede von Frau und Mann in der Rezeption von Fernsehinhalten aufzuzeigen und sie im Hinblick auf soziale Probleme kritisch zu hinterfragen.

1. Historischer Überblick

„Gut Ding will Weile haben“. Lange dauerte es, bis die feministische Medienforschung begann, der geschlechtsspezifischen Rezeption Beachtung zu schenken. Verschiedenste Gründe führten dazu, dass die geschlechtstypische Rezeption verschlossen blieb, so ging man lange davon aus, dass die Unterschiede der Rezeption beider Geschlechter auf die Faktoren Bildung und politisches Interesse zurückzuführen sind (vgl. Klaus 2005: 271). Überzeugt von der Macht der Medien als negativer Sozialisationsagent war dies ein weiterer Grund, warum Frauen in der Medienrezeptionsforschung kaum Beachtung geschenkt wurde. Die Variable „Geschlecht“ wurde allerdings routinemässig in vielen angewandten Medienforschungsstudien ausgewiesen, spielte jedoch keine entscheidende Rolle. Interessant zu beobachten ist diese Forschungslücke im Bezug auf die Gewaltendarstellung im Fernsehen und deren Auswirkungen. Es wurden inzwischen eine Reihe von Untersuchungen veröffentlicht, die die Geschlechtsblindheit der theoretischen Modelle der

Gewaltenwirkungsforschung belegen (vgl. Dorer 2003: 557). Christina Holz-Bach (1990, 1992) war eine der Forscherinnen die dieses Forschungsdefizit bald als „fehlendes Mosaiksteinchen“ in der Genderforschung betrachtete. Ihr Fokus lag auf der Geschlechtsrollendifferenzierung. Sie stellte die Behauptung auf, dass sich Frauen nur aufgrund ihrer Geschlechterrollen sich für andere Themen als Männer in den Medien interessieren. Die Autorin befand sich mit dieser Hypothese jedoch immer noch in den älteren Ansätzen der Frauenforschung, in der das Wort Geschlecht noch mit Rolle übersetzt wurde. Gertrude Robinson 1992 hat die Einwände gegen die Gleichsetzung zusammengefasst. „Das Geschlecht ist nicht rollenspezifisch, sondern eine übergreifende Identität die alle Rollen durchdringt“ (Klaus 2005: 271). Mit dem Übergang vom Gleichheits- zum Differenzansatz begannen die ersten Forscher, sich mit der geschlechtsspezifischen Rezeption zu beschäftigen. Als erstes standen zwei konkrete Fragestellungen im Vordergrund: Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede im Rezeptionsverhalten von Mann und Frau existieren? Gibt es Hinweise die auf ein unterschiedliches Programminteresse hindeuten (vgl. Klaus 2005: 272)? Der alltägliche Medienkonsum stiess ebenfalls mehr und mehr auf das Interesse der Forschung und rückte von Zeit zu Zeit immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Eine Pionierfunktion kam dabei der Soap-Opera-Studie von Ang zu, die die Bedeutungsproduktion der Zuschauerinnen festhielt. Die Legitimierung der Soap Oper war geschafft und sogleich wurden die bevorzugten Genres der Frauen auch neu bewertet (vgl. Dorer 2003: 557).

2. Wirkungstheorien

In der Medienwirkungsforschung existieren eine Reihe von Theorien und Mechanismen, die versuchen das Verhalten der Rezipienten zu erklären. In diesem Abschnitt sollen Theorien vorgestellt werden, die für die Erklärung der in weiteren vorgestellten Studien der geschlechtsspezifischen Rezeptionsunterschiede und im Zusammenhang mit dieser Arbeit relevant sind. Folglich sollen die Anwendungen dieser Theorien in einzelnen Studien beschrieben werden.

2.1 Involvement als Rezeptionsprozess

Schon früh wurde das bis dahin vorherrschende Stimulus-Respons-Modell, wonach entscheidend war, wieweit die Sinneswahrnehmung der Rezipienten von medialen Reizen beansprucht wird, durch ein komplexeres Modell ersetzt. Dabei wird angenommen, dass das Präsenzerleben durch individuelle Motive und Konstruktionen von Rezipienten beeinflusst wird - also auch durch sein Geschlecht.

2.1.1 Definition von Involvement

„Involvement ist das Ausmass der individuellen, aktiven, mentalen (bewussten und gerichteten) Aufmerksamkeitsintensivierung und Auseinandersetzung mit einem Bezugsobjekt (Stimulus, Medium, Situation...)“ (Schramm 2009). Involvement kann als spezielle Handlungsform oder Aktivität verstanden werden. Die Auseinandersetzung mit dem Medium kann unterschiedlich intensiv sein. Nach Chaffee/Roser (1986) und Perse (1990) u. a. existieren 3 verschiedene Arten des Involvements als inneren Zustand: Kognitives-, Affektives- Konatives Involvement.

Das kognitive Involvement wird als Ausmass der kognitiven Interaktion mit dem Medium verstanden (thinking about), in welchem die Information dabei aktiv verarbeitet wird.

Als affektives Involvement sind die wahrgenommenen Risiken, die Betroffenheit und das emotionale Involvement gemeint. Die Idee der parasozialen Interaktion - PSI gehört ebenfalls dazu. Konatives Involvement ist das Ausmass der aktiven Informationssuche, Mimik und Gestik (vgl. Schramm 2009).

In den nachfolgenden Studien wird vor allem das emotionale Involvement bei der Erklärung der geschlechtsspezifischen Unterschiede eine zentrale Rolle einnehmen.

2.1.2. PSI - Parasoziale Interaktion und PSB - parasoziale Beziehung

Das Konzept der parasozialen Interaktion wurde bereits 1956 von Horton und Wohl zur Erklärung der Zuschaueraktivität beim Fernsehen herangezogen. Im Medium Fernsehen existiert die Möglichkeit eine „Face-to-Face-Interaktion“ zwischen Rezipient und Medienfigur aufzubauen. Bei dieser Art der Kommunikation handelt es sich nur um ein scheinbares Interagieren des Zuschauers mit der Person im Bildschirm, darum wird das „Phänomen parasoziale Interaktion“ - PSI genannt. Der Unterschied zu einer normalen sozialen Interaktion besteht darin, dass die Reaktion einseitig ist. Nur der Zuschauer gibt hinsichtlich der Medienfiguren Reaktionen ab, es kommen jedoch keinerlei Reaktionen zurück (vgl. Schramm 2009). PSI ist „ein vom Bewusstsein der medialen Vermitteltheit geprägtes, interpersonales Involvement von Rezipientinnen und Rezipienten mit einer Medienperson, welches sich in perzeptiv-kognitiven, affektiven und konativen Teilprozessen und Erlebensweisen manifestieren kann und dessen Intensität im Rezeptionsverlauf dynamischen Schwankungen unterliegen kann. Struktur und Intensität der PSI werden dabei sowohl von den Eigenschaften der Rezipienten als auch von den Medienpersonen bzw. deren Darstellungen beeinflusst“ (Hartmann/Schramm/Klimmt 2004: 37). Wenn sich diese Interaktion über einzelne Begegnungen hinaus ausbreitet und sich eine emotionale Bindung vom Zuschauer zur Medienperson aufbaut, nennt man dies parasoziale Beziehung - PSB. Die Rezeptionseigenschaft Geschlecht wurde von Schramm und Wirth in ihrer Studie zur parasozialen Interaktion in Quizshows untersucht. Sie fanden dabei einen signifikanten Effekt bezüglich des Geschlechts bei konativen und kognitiven PSI. (vgl. Schramm/Wirth 2010). Damit konnte belegt werden, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern existieren, wie die Zuschauer eine parasoziale Beziehung zu Medienfiguren aufbauen.

2.2 Emotionen

Als Vorurteil in der Gesellschaft schon lange verankert, werden Emotionen, hohes Involvement und Empathievermögen vor allem Frauen zugeschrieben. Dass dies nicht nur ein reines Klischee ist, wurde bereits in einigen Studien nachgewiesen, denn generell geben Frauen im Gegensatz zu Männern an, sowohl mehr positive als auch negative Emotionen zu erleben. Die Erklärung dieser Geschlechtsunterschiede kann in der „Social constructivist theories“ gesehen werden. Sie erklärt dabei den Unterschied zwischen Emotionen von Männern und Frauen mit einer Regulation durch soziale Normen und durch den Glauben an angemessene Verhaltensweisen im Bezug auf Emotionen. Des Weiteren geht die Theorie davon aus, dass Männer und Frauen in der Gesellschaft unterschiedliche soziale Rollen spielen, welche vor allem durch die Hierarchie der Gesellschaft und durch die geschlechtsspezifische Arbeitsverteilung entstehen. Im Folgenden soll vor allem die Entstehung von Unterschieden in den positiven Emotionen näher erläutert werden. In den meisten Gesellschaften dieser Welt haben die Frauen weniger Macht und weniger Einkommen als die Männer. Als untergeordnete Frau ist es also wichtig, positive Emotionen gegenüber höheren Persönlichkeiten zu zeigen um die Verbindung herzustellen und die Unterstützung auszudrücken. Diese Annahme wird auch dadurch unterstützt, dass von Frauen positive Emotionen, die nicht zur Förderung der Beziehung zu Vorgesetzten dienlich sind (z.B. Stolz auf die eigene Leistung), eher nicht ausgedrückt werden. Es wird davon ausgegangen, dass die soziale Belohnung für diese Gefühle bei den Geschlechtern ebenfalls unterschiedlich ausfällt, dies belegt eine Studie von Coats und Feldmann (1996) welche zeigt, dass Mitglieder einer Schwesternschaft beliebter sind, wenn sie durch nonverbale Gesichtsausdrücke Fröhlichkeit zeigen, hingegen die Anhänger einer Burschenschaft eher beliebt sind, wenn sie Ärger ausdrücken. In der Gesellschaft existieren soziale Stereotypen die bestimmte geschlechtsspezifische, emotionale Reaktionen voraussetzen. In den Köpfen der Menschen gibt es also gewisse Schemata, in denen gewisse Emotionen bereits Geschlechtern zugeordnet werden. Die vorgestellten Theorien sollen im Folgenden zur Erklärung der Geschlechtsunterschiede in der Medienrezeption herangezogen werden.

3. Rezeptionshandeln und Lebenszusammenhang

Warum wenden sich Frauen explizit gewissen Medienangeboten im Fernsehen zu? Diese Frage wurde als Gegenstand zweier qualitativer Studien mit begrenzter Reichweite 1981 von Joachim Kotelmann und Lothar Mikos untersucht. Diese Untersuchungen wiesen bereits darauf hin, dass die Interpretation und die Wirkung von Medienangeboten auf die jeweiligen Lebenserfahrungen und Designs von Frau und Mann zurückzuführen sind. In der Studie „Frühjahrsputz und Südseezauber“ untersuchten die Autoren die Reaktion auf Fernsehwerbung vier unterschiedlicher Gruppen von Frauen, die in verschiedenen Lebensumständen standen - Studentinnen, Hausfrauen in ländlichen Bereichen, Hausfrauen in städtischen Bereichen, junge berufstätige Frauen und eine gemischte Männergruppe. Das Resultat zeigte, dass die Lebenserfahrung der jeweiligen Frauengruppe die Themenwahl und die Bewertung der Fernsehwerbung determinierten. Die jungen Frauen aktualisierten die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Studentinnen zogen viel feministischere Argumente zur Beurteilung des Spots hinzu, wo hingegen junge berufstätige Frauen eher auf reale Erfahrungen von Unterdrückung zurückgriffen. Bei der Männergruppe sahen die Autoren einen eindeutigen Bezug zur männlichen Lebenswelt. Männer argumentierten viel weniger von der persönlichen Erfahrung her und spiegelten inhaltlich deutlich den Widerspruch zwischen alter und neuer Männerrolle wieder. Die Studie konnte belegen, dass tatsächlich ein spezifischer Zusammenhang zwischen geschlechtsspezifischen Lebenszusammenhang und Medienrezeption existiert (vgl. Klaus 2005: 293). Waltraut Cornelissen führte 1991 zu diesem Thema eine weiterführende Studie durch. Sie wollte die Frage klären, wie mediale Präsentation vom authentischen Publikum wahrgenommen wird. Als Untersuchungsgegenstand wählte sie, die zu damaliger Zeit sehr bekannten Serien „Pfarrerin Lenau“ und „ Peter Strohm“ aus, die regelmässig auf dem deutschen Fernsehsender ARD zu sehen waren. „Pfarrerin Lenau“ war ganz neu im Programm und galt als klassische Familienserie. Die Titelfigur verkörperte typisch weibliche Züge, wie zum Beispiel ihr Einfühlungsvermögen. „ Peter Strohm“ hingegen war ein Krimi der schon etwas länger erfolgreich ausgestrahlt wurde und mit seiner männlichen, draufgängerischen Art des Privatdetektivs auftrumpfte. Als theoretischen Ausgangspunkt wählte sie den Ansatz von Michael Charlton und Klaus Neumann (1988) der davon ausgeht, dass die individuelle Rezeption sich an szenisch verfassten Themen entlang lebensgeschichtlicher Erfahrungen orientiert. Sie definieren Rezeption als ein thematisch voreingenommenes Sinnesverständnis.

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Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640948468
ISBN (Buch)
9783640948314
DOI
10.3239/9783640948468
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174336
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
2
Schlagworte
Wirkungstheorien Involvement Emotionen Geschlechtsrollenstereotypen Gewalt Frau Mann Rezeptionsverhalten

Autor

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Titel: Geschlechtsspezifische Medienrezeption