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Eine computergestützte Erzähltextanalyse zu Franz Kafkas "Verwandlung"

Interaktionspsychologische Dynamiken innerhalb eines fiktiven familiären Systems

Seminararbeit 2009 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Erzählung und Hypothese

3. Arbeit am Text mit DEXTER

4. Die Figuren und ihre Entwicklungen
4.1. Vater
4.2. Mutter
4.3. Grete
4.4. Gregor

5. Zusammenfassung der Analyseergebnisse

6. Interpretation

7. Schlussbemerkung

8. Literatur

1. Einleitung

Die auf den ersten Blick mitunter an Tierfabeln oder phantastische Literatur erinnernden Texte Kafkas bieten stets eine Vielzahl von Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten an. Niemals sind sie einsinnig oder parabolisch auf eine einzige Lesart reduzierbar. In Bezug auf diese in ihrer vielfachen Wertigkeit nicht festlegbaren, daher letztlich wieder hermetischen Texte, scheint es in besonderem Maße aussichtsreich, sehr unterschiedliche, auch nicht-literaturwissenschaftliche, Konzepte zu ihrer Deutung heranzuziehen. Eine solche quasi ausschnitthafte Annäherung an ihr Bedeutungspotential bedeutet zwar im Einzelfall immer Verlust bzw. Ausgrenzung anderer Ebenen, gleichzeitig ist eine derartige Herangehensweise aus den genannten Gründen hilfreich, um die Texte in ihrer Vielschichtigkeit zu erschließen.

Lange nachdem Kafkas „Verwandlung“ entstand, entwickelte sich im Kontext der Allgemeinen Systemtheorie das psychotherapeutische Konzept der Systemischen Familientherapie.1 Interpersonelle Dynamiken, Konflikte und psychische Erkrankungen innerhalb einer Gruppe bzw. Familie werden im Rahmen dieses therapeutischen Ansatzes mit Blick auf Diagnose und Therapie untersucht.2 Dieses systemische Denkmodell kann, auf Kafkas Text bezogen, einen Blick über rein linear-kausale Zusammenhänge innerhalb der erzählten familiären Anordnung hinaus auf ein komplexeres Beziehungsfeld, mit darin enthaltenen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen sowie Delegierungen und Rollenzuschreibungen, die alle Figuren - in teilweise paradoxer Weise - determinieren ermöglichen. Betrachtet man Kafkas Erzählung aus dieser Perspektive, so beschreibt sie an der Oberfläche einen radikalen Umbruch, mit späterer Neugewichtung bzw. gar: Gesundung eines zunächst hochgradig dysfunktionalen familiären Systems. Selbstverständlich ist hierbei zu beachten, dass es sich um einen fiktiven Text handelt, der zudem überwiegend subjektiv aus Sicht des Protagonisten erzählt.

Die Aufmerksamkeit im Rahmen dieser Analyse gilt also der Verwandlung sämtlicher Familienmitglieder. Das bedeutet, neben dem Protagonisten Gregor Samsa, stehen gleichermaßen Vater, Mutter und Schwester im Zentrum. Die ebenfalls auftretenden Nebenfiguren - der Prokurist, die Hausangestellten sowie die drei Zimmerherren - sind nicht Teil des familiären Systems und werden daher keiner eigenständigen computerphilologischen Untersuchung unterzogen. Sie spiegeln die in Wandlung befindlichen Machtverhältnisse der Familie von außerhalb und finden aufgrund dieser wichtigen Funktion selbstverständlich dennoch Erwähnung.

Das Bedeutungspotential, das der Text unter diesem spezifischen Aspekt entfaltet, soll in dieser Arbeit - unter anderem - mithilfe des computerphilologischen Tools DEXTER sichtbar gemacht werden. Das rechnergestützte Verfahren bildet dabei wohlgemerkt einen Teil der Analyse. Angestrebt wird also eine sowohl folgerichtige als auch dem Text und der konkreten Fragestellung gerecht werdende Synthese aus herkömmlichem, analogen Textanalyseverfahren und einer entsprechenden rechnergestützten Bearbeitung des Textes bzw. seiner digitalen Repräsentation in Form von Textdaten. Das erwähnte Tool wird, ebenso wie das konkrete Vorgehen, in Kapitel drei näher erläutert.

2. Erzählung und Hypothese

Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Gregor Samsas physische Verwandlung bereits praktisch abgeschlossen ist. Nüchtern-sachlich, beobachtend und kühl werden dann alternierend sowohl seine physisch-psychischen Befindlichkeiten als auch die Reaktionen der übrigen Familienmitglieder auf seine buchstäbliche Verwandlung in ein „ ungeheures Ungeziefer “ 3 geschildert. Dabei lassen sich am Text markante Veränderungen der gesamten familiären Struktur feststellen. Mit Gregors Verwandlung gibt gewissermaßen eine tragende Säule des komplexen Systems gegenseitiger Abhängigkeiten und eng limitierter Verhaltensspielräume unvermutet nach. Die darauf notwendig folgende innerfamiliäre Krise bringt eine allmähliche Neuordnung des Kräftesystems mit sich, die, wie bereits angedeutet, schließlich in eine vonseiten der verbleibenden Familienmitglieder subjektiv empfundene Gesundung bzw. Genesung mündet. Auffällig ist, dass sich für alle Figuren innerhalb dieses von Kafka konstruierten Familiensystems die anfänglich paradoxalen Strukturen, in Bezug auf ihre jeweils zu erfüllenden Funktionen im Verlauf des Textes sukzessive auflösen, bis hin zum beinahe ins Klischeehafte zugespitzten, harmonischen Schluss. In den jeweiligen Figurenanalysen wird dies eingehender untersucht werden.

In Bezug auf Gregor selbst, kann von einer so genannten Double-bind-Situation gesprochen werden, die ursächlich in Verbindung mit pathogenen Entwicklungen stehen kann.4 In seinen Beziehungsmustern allen drei Familienmitgliedern gegenüber, befinden sich je zwei, einander praktisch ausschließende Rollen im Widerstreit miteinander.5 So ist er in der Beziehung zu den Eltern zugleich Sohn und Ernährer. Ihm werden also sowohl ein selbständiges, eigenverantwortliches Handeln als auch gleichzeitig Unterwerfung und Anpassung abverlangt. In Bezug auf Grete ist er Bruder und, wie sich gegen Ende der Erzählung herauskristallisiert, dem verdrängten Wunsch nach auch Mann.

Diese Beobachtungen legen zum einen nahe, dass Gregors Verwandlung ihm selbst einen Ausweg aus ihn unterdrückenden und ausbeutenden Verhältnissen bedeutet, einen ersehnten Umschlag in eine Existenz also, die Verdrängtes nicht länger leugnen, sondern leben will.6 Dies aber muss mit dem Preis der eigenen Vernichtung zwangsläufig bezahlt werden, was sich für den Helden erst im Verlauf der Erzählung mit zunehmender Deutlichkeit zeigt. Zum anderen und darüberhinaus existiert offensichtlich von Beginn an, aufgrund einer in Kafkas Werken so häufig unterschwellig präsenten, nicht explizit benannten Ordnung einer unbekannten höheren Instanz, eine geradezu prädestinierte Notwendigkeit für Gregor, sich selbst aus diesem System zu entfernen. Ein System, das ihn zwar duldete, solange dies den ihm eingeschriebenen Regeln gemäß dem Vorteil aller Beteiligten dienlich war, das letztlich aber ohne ihn in seiner Mitte doch naturgemäß erheblich besser funktionieren kann.7

Mit Hilfe des computerphilologischen Tools sollen, unter anderem durch Keyword in Context Untersuchungen, die DEXTER als „Search results TEXT“ ausgibt, sowie durch ausgewählte und nach den beschriebenen Gesichtspunkten zuvor codierte - bzw. hier synonym verwendet: getaggte - Textstellen, diese interaktionspsychologischen Wandlungen der Figuren nachvollzogen werden, um die beschriebene Folgerichtigkeit bzw. Zwangsläufigkeit der Verwandlung Gregor Samsas in der tieferen Struktur des Textes anschaulich zu machen.

3. Arbeit am Text mit DEXTER

Nachdem der zu bearbeitende Text in digitalisierter Form vorliegt, in diesem Fall konnte eine so aufbereitete Textversion aus dem Project Gutenberg8 übernommen werden, müssen zunächst sämtliche Umlaute sowie das „ß“ durch programmkompatible Typen, also durch die entsprechenden Diphthonge bzw. durch „ss“ ersetzt werden. Auch das Entfernen der nicht zum eigentlichen Text gehörenden paratextuellen Zusätze ist erforderlich, da diese die späteren Ergebnisse aus Anfragen an den Gesamttext stark verfälschen würden. Der Text muss für die Bearbeitung mit DEXTER daraufhin in ein XML-Format konvertiert werden. DEXTER besteht aus zwei getrennt voneinander zu installierenden Programmen: Dem ”Converter” und dem ”Coder.” Wie es die Namen andeuten, werden mithilfe des Converter die Texte in das benötigte Format konvertiert, danach können sie in den Coder geladen, dort codiert und weiter bearbeitet werden. In dieser Untersuchung setzt sich die Textcodierung aus den abgebildeten, insgesamt acht Codes bzw. Tags zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Dexter-Coder Fenster

DEXTER zeichnet sich demnach, ähnlich dem älteren - und komplexeren - Textanalyseprogramm TACT, durch die besagte Option den Text zu taggen, gegenüber manch anderem Tool aus. Textpassagen und -elemente werden gemäß einer - der computerphilologischen Analyse unweigerlich vorausgegangen - Interpretation und einer konkret formulierten Fragestellung codiert, um diese dann gezielt weitergehend zu untersuchen. Im vorliegenden Fall wurde der Text zunächst gemäß seiner Bezüge zu den jeweiligen Figuren, danach zusätzlich im Hinblick auf konkretere, interaktionspsychologische sowie auch individuelle Aspekte codiert. Die Codes können überlappend und miteinander verschachtelt angelegt werden. DEXTER bietet es zudem an, sie hierarchisch in Form von Code-Types und diesen subordinierten Code-Tokens in der Code-List zu klassifizieren. Dies spiegelt das Verhältnis der Tags untereinander und zu den in ihnen gegebenenfalls enthaltenen spezifischeren, für die Fragestellung relevanten Teilmengen, was eine übersichtliche und logische Textarbeit erleichtert.

Öffnet man nach beendeter Codierung das DEXTER-Search Fenster, stehen die Search-, sprich Textanalyseverfahren, die DEXTER anbietet zur Verfügung. Es ist möglich nach Codes, Textelementen oder zuvor definierten Wortgruppen zu suchen. Die Ergebnisse können daraufhin gegebenenfalls mit Boole’schen AND oder OR kombiniert und so, falls erforderlich, noch komplexer bearbeitet werden. Eine Suche nach Textelementen lässt sich ferner mithilfe der „regular expressions“ unter Umständen erheblich effizienter gestalten. In dieser Arbeit führten bereits die sogenannten „simple wildcards,“ das heißt, die Folgenden, häufiger verwendeten Platzhalter zum Ziel: | steht für “oder,“ bildet also Wortgruppen. * bedeutet: kein oder mehrere Zeichen an dieser Stelle. + verlangt ein oder mehrere Zeichen. Diese “Joker“ können beispielsweise hilfreich sein, um flektierte Formen eines Begriffs in eine Suche miteinzubeziehen, z.B. <<arbeit*>>. Natürlich in Abhängigkeit von der jeweiligen Suche und der Flexion. So wäre beispielsweise ebenfalls eine Suche nach (ist|sein) denkbar oder nach (geh|ging)*. Die “advanced regular expressions“ bieten eine noch erheblich größere Variantionsbreite hinsichtlich zu suchender Zeichenketten an, deren Gebrauch allerdings in dieser Arbeit nicht naheliegend war. Im Zusammenhang mit DEXTER müssen sie der Vollständigkeit halber aber dennoch unbedingt erwähnt werden.

Zuvor definierte themen- oder fragestellungsbezogene Wortgruppen lassen sich also sowohl in Kombination mit weiteren Textelementen als auch kombiniert mit Codes untersuchen. Die in Kapitel 4.3. untersuchte Wortgruppe, die in ihrer Gesamtheit über Gretes Wandlung in Bezug auf ihre zunehmende Feindseligkeit gegenüber Gregor, bei gleichzeitig wachsendem Selbstbewusstsein gegenüber den Eltern, Aufschluss gibt, wird, um ein der Fragestellung gemäß eingegrenztes Ergebnis zu erhalten, mithilfe des Boole’schen AND mit dem Code <<schwester>> kombiniert. Das „search result CODE und TEXT“ kann daraufhin den Verlauf ihrer diesbezüglichen Entwicklung lückenlos und relativ punktgenau, hinsichtlich fragestellungsbezogener Kontexte, darstellen.

Wie erwähnt, kann es sowohl unter arbeitsökonomischen als auch ergebnisorientierten Gesichtspunkten sinnvoll sein, relevante Textstellen in Form von Code-tokens zuvor exakt zu codieren, um so ein entsprechendes, zudem von nicht relevanten Kontexten der jeweils gesuchten Zeichenketten freies Ergebnis zu erhalten. Aus diesem Grund, und damit nicht zuletzt aufgrund der einfachen und übersichtlichen Codierungsarbeit im DEXTER-Coder, wird dies im Folgenden das Vorgehen, bezüglich der Tags <<gregor-rebellion>> und <<vater-verwandlung>> sein.

Für exakte Textanfragen genügt es üblicherweise nicht, das Programm schlicht nach Namen oder Figuren-Bezeichnungen - wie z.B. Vater, Mutter - suchen zu lassen, da auf diese Weise die Personal- und Possessivpronomen nicht berücksichtigt würden.

[...]


1 Scheidinger, Hans: Systemorientierte Entwicklungstheorie - Eine Annäherung. In: Toni Reinelt/ Gertrude Bogyi/ Bibiana Schuch (Hrsg.): Lehrbuch der Kinderpsychotherapie. München 1997, S. 76.

2 Scheidinger, S. 74 f. sowie: Stierlin, Helm: Individuation und Familie; Studien zur Theorie und therapeutischen Praxis. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994. S. 22 ff.

3 Kafka, Franz: Die Verwandlung. In: Roger Hermes (Hrsg.). Die Erzählungen. 9. Aufl. Frankfurt/M.: 2006, S. 96.

4 Fischer, Gottfried/ Peter Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. 2. Aufl. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 1999, S. 342.

5 Vgl. Abraham, Ulf: Franz Kafka, Die Verwandlung. 2. Aufl. Frankfurt/M: Diesterweg, 1998, S. 58.

6 Dieses Sehnen als grundlegendes Lebensgefühl wird, unter Einbeziehung biographischer Daten und vor historischem Hintergrund, von Thomas Anz detailliert geschildert: Anz, Thomas: Franz Kafka. 2. Aufl. München: Beck, 1992. S. 77 ff.

7 Ein vergleichbares Prinzip ist in der unerklärlichen Bestimmung Georg Bendemanns aus Kafkas „Das Urteil“ wirksam: Die Versöhnung mit der Familie durch den Tod. Vgl.: Kafka, S. 60.

8 Project Gutenberg: http://www.gutenberg.org/etext/22367.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640950621
ISBN (Buch)
9783640951529
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174383
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik II
Note
1,0
Schlagworte
Computerphilologie; Franz Kafka; Kafka; Verwandlung; Interaktionspsychologie; Systemische Therapie

Autor

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Titel: Eine computergestützte Erzähltextanalyse zu Franz Kafkas "Verwandlung"