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Goethe "Auf dem See" - Eine Interpretation

Das Verhältnis von Naturkonzeption und lyrischem Ich in Goethes Gedicht "Auf dem See"

Seminararbeit 2011 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Naturkonzeption in der Lyrik

3. Auf dem See - Interpretation nach Strophen
3.1 Die Einheit mit ‚Mutter Natur‘ - Strophe 1
3.2 Trennung und Selbstentfremdung - Strophe 2
3.3 Eine neue Verbindung - Strophe 3

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

Diese Arbeit befasst sich mit dem Gedicht Auf dem See von Johann Wolfgang von Goethe. Die erste Fassung entstand 1775 während einer Bootsfahrt mit Freunden nahe Zürich. Dieser Eintrag in Goethes Reisetagebuch mit der Überschrift Den 15 Junius 1775 Donnerstag morgen aufm Zürchersee unterscheidet sich formal und inhaltlich1 von der zweiten Fassung, die Goethe 1789 im achten Band seiner Schriften unter dem Titel Auf dem See veröffentlichte.2

Die Interpretation bezieht sich auf die folgende zweite Fassung des Gedichts:

Auf dem See3

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug‘ ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug‘, mein Aug‘, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so Gold du bist;
Hier auch Lieb‘ und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

Die Einteilung in drei Strophen unterstützt dabei sowohl formal als auch inhaltlich die Gliederung dieser Interpretation. Das Verhältnis des lyrischen Ichs zu der ihn umgebenden Natur steht im Zentrum der Analyse: Wie wird die Natur dargestellt? Welche Rolle spielt sie für die Position des Ichs? Welche Veränderung in der Darstellung geht mit der Entwicklung des lyrischen Ichs einher?

Einleitend soll der Aspekt von Natur innerhalb lyrischer Texte kurz allgemein erläutert werden. Die Entstehungszeit des Gedichts und das Naturbild jener Zeit werden dabei miteinbezogen.

Bei der anschließenden Gedichtinterpretation werden die Strophen aufgrund ihrer Heterogenität in Aufbau und Thematik zunächst einzeln analysiert. Im Fazit wird der Entwicklungsprozess des komplexer werdenden lyrischen Ichs Strophen übergreifend zusammengefasst.

2. DIE NATURKONZEPTION IN DER LYRIK

In seinem Werk Deutsche Naturlyrik fasst Kittstein unter dem Begriff der Naturlyrik Äalle […] Gedichte (zusammen), die die Beziehung des Menschen zur Natur zum Thema haben.“4 Naturlyrik soll dem Leser einen ganz besonderen Blick auf die Welt bieten, indem sie ihm vorführt, Änicht etwa, wie Natur wirklich ist […], sondern […], wie man sie sehen kann“5. Dieser Blick wird dem Leser im vorliegenden Gedicht durch ein lyrisches Ich vermittelt, das mit seiner Empfindung die Natur konstituiert. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Natur sich immer durch die subjektive Sicht des Menschen darbietet und damit verbunden auch dem kulturellen Einfluss einer Zeit unterliegt.

Seit der Renaissance wird der Natur die Kultur entgegengesetzt und der Mensch sieht sich (seinen Geist) tendenziell getrennt von der Natur und ihr übergeordnet. Er stellt sich Äals betrachtendes, reflektierendes und forschendes Ich-Subjekt der Natur gegenüber“.6 Wobei von der Natur (der äußeren wie der inneren) etwas Verlockendes und somit Bedrohendes ausgeht.7

Im vorliegenden Gedicht lassen sich zwei unterschiedliche Haltungen des Menschen zur Natur festmachen, welche in Verbindung zu den zwei Epochen stehen zwischen denen das Gedicht entstand: dem Sturm und Drang und der Klassik. Ganz den Ideen des Sturm und Drang entsprechend bilden Natur, Mensch und dessen Empfindung von Geborgenheit und Liebe zu Beginn des Gedichtes eine unlösbare Einheit. Die Natur, dargestellt als ‚Mutter Natur‘, steht für das Ursprüngliche und Elementare und wird konstituiert durch das subjektive Empfinden des Ichs.8 Grundgedanken der Klassik lassen sich hingegen in der dritten Strophe erkennen. Das Ich hat einen Entwicklungsprozess durchlaufen, der es hin zur Selbstreflexion geführt hat. Das Streben nach Harmonie, das Schöne, Gute und Wahre und vor allem der Glaube an die freie Selbstbestimmung des Menschen sind zentrale Motive der Klassik, die sich in der letzten Strophe erkennen lassen. Die Natur erscheint harmonische und bietet dem selbstbewussten Ich die Möglichkeit das Wahre9 zu erkennen.

[...]


1 Vers 13 leitet noch keine dritte Strophe ein und besonders die Eingangsverse weisen eine andere Metaphorik auf.

2 Vgl. REED, Terence James: ,Frische Nahrung‘: Zur dreistufigen Entstehung von Goethes Gedicht ,Auf dem See‘. In: Knobloch, Hans-Jörg; Koopmann, Helmut (Hg.): Goethe. Neue Ansichten - Neue Einsichten. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007. S.73-75.

3 GOETHE, Johann Wolfgang: Goethe´s Schriften. Achter Band. Leipzig: Göschen 1789. S.144-145.

4 KITTSTEIN, Ulrich: Deutsche Naturlyrik. Ihre Geschichte in Einzelanalysen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009. S.15 (Hervorhebung von Kittstein).

5 Ebd., S.18 (Hervorhebung von Kittstein).

6 Ebd., S.11.

Dieser Aspekt lässt sich in der 3.Strophe erkennen. Es sei verwiesen auf Kapitel 3.3.

7 Hierzu vgl. in Kapitel 3.2 den Einbruch der Träume.

8 Genaue Analyse folgt in Kapitel 3.1.

9 Vgl. Kapitel 3.3: Aspekt der sich bespiegelnden Frucht.

Details

Seiten
11
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640950720
ISBN (Buch)
9783640950027
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174402
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
goethe eine interpretation verhältnis naturkonzeption goethes gedicht Johann Wolfgang von Goethe Auf dem See Gedichtinterpretation

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