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Der Begriff 'Kultur' bei Norbert Elias - Die Soziogenese der Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 11 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zur Soziogenese von ‚Kultur’ und ‚Zivilisation’ in Deutschland

Das Gegensatzpaar Zivilisation und Kultur in Deutschland

Das Verständnis von ‚Zivilisation’ und ‚Kultur’ bei Elias

Literatur

Französische und deutsche Kulturauffassung: Zur Entstehung des Gegensatzes von Zivilisation und Kultur

Einleitung

Norbert Elias[1] untersucht in diesem Band Verhaltensweisen, die man als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht. Dabei interessieren ihn folgende, zentrale Fragen: „Wie ging eigentlich diese Veränderung, diese ‚Zivilisation’ im Abendlande vor sich, worin bestand sie und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen oder Motoren?“[2]

Das erste Kapitel geht den verschiedenen Bedeutungen und Bewertungen nach, mit denen man den Zivilisationsbegriff in Deutschland und Frankreich gebraucht. Dazu nimmt er eine Gegenüberstellung der Begriffe Zivilisation und Kultur mit jeweiligem Bezug auf Deutschland oder Frankreich vor. Dies soll der Verdeutlichung bestimmter typischer Figuren des Zivilisationsprozesses dienen.

Im zweiten Kapitel findet sich eine große Anzahl von historischen Beispielreihen typischer französischer oder deutscher Verhaltensweisen der absolutistischen Zeit, die als eine Art Zeitraffer der Geschichte dienen sollen. Elias will damit verdeutlichen, dass die Entwicklung der Zivilisation allmählich voranging. Dies begründet er damit, dass auch in der sogenannten zivilisierten Gesellschaft kein Menschenwesen zivilisiert auf die Welt kommt. Der individuelle Zivilisationsprozess, dem der Mensch zwangsläufig unterliegt, ist eine Funktion des gesellschaftlichen Zivilisationsprozess. Elias glaubt hier die Antwort auf die Frage, warum sich im Laufe ihrer Geschichte der Aufbau der abendländischen Gesellschaft kontinuierlich ändert, zu finden, was er besonders als These im zweiten Band thematisiert.

Des Weiteren fragt Elias auch nach der Soziogenese des ‚Staates’. Die soziogenetische und psychogenetische Untersuchung von Elias will die Ordnung der geschichtlichen Veränderungen, ihre „Mechanik und ihre konkreten Mechanismen“ aufdecken. Die Entwicklung hin zur Zivilisation, wie wir sie heute verstehen, hängt zu einem großen Teil von der Transformation der Ständegesellschaft zu einer differenzierten Leistungsgesellschaft ab. Das Bindeglied dieser Entwicklung bildet dabei der Absolutismus, als einer Art „Frühform des Staates“, in dem Elias eine spezifisch deutsche Ausprägung von Zivilisation und Kultur lokalisiert. Im Folgenden soll im Besonderen untersucht werden, wie und warum diese spezifisch deutsche Kulturauffassung vor sich ging. Die Untersuchung orientiert sich dabei zunächst nahe am Originaltext um Elias Argumentationskette aufzudecken, welche in einem zweiten Schritt (soweit möglich) verdeutlicht und interpretiert werden soll. Es soll also geklärt werden wie es zur antithetischen Ausprägung der französischen Zivilisation und der deutschen Kultur kommt. Oder anders formuliert: „Wie kommt es dazu, dass der französische Zivilisations- und der deutsche Kulturbegriff zum nationalen Gegensatzpaar wird?“

Festzuhalten bleibt zunächst, dass Elias’ Entwurf einer Theorie der Zivilisation die Zusammenhänge zwischen den Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft (Staatsform) und den Wandlungen im Aufbau des Verhaltens und des psychischen Habitus unterstreicht.

Zur Soziogenese der Begriffe ‚Zivilisation’ und ‚Kultur’ - Die Soziogenese des Gegensatzes von ‚Kultur’ und ‚Zivilisation’ in Deutschland

Zunächst kommt Elias auf das Nationalbewusstsein als einer allgemeinen Funktion der Zivilisation zu sprechen: „Dieser Begriff bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck. Man könnte auch sagen: das Nationalbewusstsein.“ Durch den Begriff ‚Zivilisation’ „sucht die abendländische Gesellschaft [also] zu charakterisieren, was ihre Eigenart ausmacht, und worauf sie stolz ist: den Stand ihrer Technik, die Art ihrer Manieren, die Entwicklung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis oder ihrer Weltanschauung und vieles andere mehr.“[3] Aber doch hat der Zivilisationsbegriff in den verschiedenen abendländischen Nationen auch eine andere, sich deutlich voneinander unterscheidende Bedeutung:

„Der französische und der englische Begriff ‚Zivilisation’ kann sich auf politische oder wirtschaftliche, auf religiöse oder technische, auf moralische oder gesellschaftliche Fakten beziehen. Der deutsche Begriff ‚Kultur’ bezieht sich im Kern auf geistige, künstlerische, religiöse Fakten, und er hat eine starke Tendenz, zwischen Fakten dieser Art auf der einen Seite, und den politischen, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fakten auf der anderen, eine starke Scheidewand zu ziehen.“[4]

Es gibt also einen großen Unterschied im Gebrauch dieses Wortes zwischen dem englischen und französischen auf der einen Seite und dem deutschen auf der anderen Seite. M. a. W. ist die Bedeutung von Zivilisation in Frankreich und Deutschland unterschiedlich verstanden worden. Beiden Ländern gemein ist der Stolz und die Bedeutung der eigenen Nation, sowie der Stolz auf den Fortschritt des Abendlandes gegenüber den anderen, ihrer Meinung nach unterentwickelten Ländern.

Aber der Begriff Zivilisation drückt den deutschen Habitus nicht vollständig aus, weswegen Elias in Bezug auf Deutschland den Begriff ‚Kultur’ und dessen Bedeutungsgehalt betont. ‚Kultur’ bezieht sich v. a. auf Produkte des Menschen, als ein Resultat von Arbeit und den Stolz der eigenen Leistung. Der Begriff Zivilisation hingegen bleibt auf das Selbstbewusstsein von Völkern beschränkt. Der spezifisch deutsche Sinn des Begriffs ‚Kultur’ kommt in dem Eigenschaftswort ‚kulturell’ am besten zum Ausdruck, welches den Wert und den Charakter bestimmter menschlicher Produkte bezeichnet. ‚Kultiviert’ hingegen steht dem französischen Zivilisationsbegriff nahe und drückt die „höchste Form des Zivilisiertseins“ aus.

Der deutsche Kulturbegriff bezieht sich also auf Produkte des Menschen, die aus individueller Leistung resultieren, wie zum Beispiel Kunstwerke, Bücher; aber auch Religion oder Philosophie. Und in diesen Produkten kommt die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck. Damit grenzt der deutsche Begriff ‚Kultur’ das deutsche Volk von anderen (dem französischen) ab, weil er die nationalen Unterschiede, die Eigenart des deutschen Volkes besonders hervorhebt. Den Ursprung hierfür sieht Elias darin begründet, dass das deutsche Volk im Vergleich mit anderen westlichen Völkern erst relativ spät zu einer politischen Festigung bzw. Einigung kam. Es hatte einen Mangel an nationaler Identität und musste sich öfters fragen: „Was ist eigentlich unsere Eigenart, was ist typisch deutsch?“

Der Aufbau des nationalen Selbstbewusstseins wird eben gerade durch die Begriffe Zivilisation und Kultur deutlich, ist aber gleichzeitig etwas jedem Staate Individuelles, weshalb sich auch die Bedeutung von Zivilisation und Kultur unterscheiden, ja sie sich sogar antithetisch gegenüberstehen können.

[...]


[1] Elias, Norbert, deutscher Soziologe, geb. 22.06.1897 in Breslau, gest. 01.08.1990 in Amsterdam, beschäftigte sich v. a. mit der Strukturgeschichte der Länder Europas, deren Zivilisations- und Staatsbildungsprozessen sowie mit soziologischer Theorie. Seine beiden Hauptwerke „Über den Prozess der Zivilisation“ 2 Bände 1939 und „Die höfische Gesellschaft“, erlangten erst 30 Jahre nach ihrem Abschluss wissenschaftliche Anerkennung. Eine Auseinandersetzung mit seinen Schriften gilt heute in der Soziologie als nötig, aber auch wertvoll.

[2] Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation – Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen; Erster Band: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Bern und München 1969, Seite LXXII (Einleitung).

[3] Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation – Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen; Erster Band: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Bern und München 1969, Seite 2.

[4] Ebd. Seite 2f.

Details

Seiten
11
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638220224
ISBN (Buch)
9783638771528
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17443
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Begriff Kultur Norbert Elias Soziogenese Begriffe Zivilisation Hauptseminar Kultursoziologie

Autor

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