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Damals in der DDR! - Ideologische Werte und ihre Transformation im Politikunterricht

Recherchiert seit den Anfängen der Deutschen Demokratischen Republik, der Wiedervereinigung bis hin zu den aktuellen curricularen Vorgaben der Kultusministerkonferenz der BRD

Examensarbeit 2010 123 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

A Fachwissenschaftliche Recherche:

2 Das Bildungswesen der DDR
2.1 Ideologische Voraussetzungen und Bedingungen
2.1.1 Grundlagen bei Marx und Engels
2.1.2 Grundlagen des Marxismus-Leninismus
2.2 Zur Entwicklung des Bildungswesens der DDR
2.2.1 Antifaschistisch-demokratische Schulreform
2.2.2 Aufbau der sozialistischen Schule
2.2.3 Das einheitlich sozialistische Bildungssystem von 1965

3 Politische Bildung im Schulsystem der DDR - Ideologische Erziehung und das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde
3.1 Ziele der politisch - ideologischen Erziehung in der DDR
3.1.1 Entwicklung zur allseitig entwickelten sozialistische Persönlichkeit
3.1.2 Ideologische Grundsätze der sozialistischen Erziehung
3.2 Entwicklung der schulischen staatsbürgerlichen Erziehung
3.2.1 Gegenwartskunde als Unterrichtsprinzip 1945-1956
3.2.2 Staatsbürgerkunde1957-1990
3.2.3 Ziele und Aufgaben des Staatsbürgerkundeunterrichts
3.3 Lehrplan und Lehrplanvorgaben der Staatsbürgerkunde
3.3.1 Bedeutung des Lehrplans in der DDR
3.3.2 Struktur des Lehrplans
3.3.3 Lehrplanvorgaben

4 Die Transformation der Staatsbürgerkunde als Herzstück der politischen Bildung der DDR im Rahmen der Deutschen Wiedervereinigung 1989/90
4.1 Die Situation der DDR Ende der 1980er Jahre
4.1.1 Reformversuche der Staatsbürgerkunde
4.2 Rahmeninformationen zum Transformationsprozess
4.2.1 Etablierung der politischen Bildung im Westen nach 1945
4.2.2 Einordnung und Definition des Transformationsprozess
4.3 Transformationsverlauf seit dem Mauerfall
4.3.1 Staatsrechtliche Bedingungen zur Wiedervereinigung (Phase 1)
4.3.2 Transformationsverlauf und Vorgaben der KMK (Phase 2-3)
4.3.3 Transformationsverlauf im Lande Thüringen (Phase 1-3)

5 Geglückte Transformation im wiedervereinten Deutschland?
5.1.1 Zur Situation der politischen Bildung im vereinten Deutschland
5.1.2 Zur Situation der Gesellschaft im wiedervereinten Deutschland

6 Zusammenfassung und Fazit

B Fachdidaktische Expertise:

7 Bedingungsanalyse
7.1 Analyse der Klassen- und Schülersituation
7.2 Analyse der Kompetenzen der Schüler
7.3 Analysen der Kompetenzen der Lehrkraft
7.4 Institutionelle Rahmenbedingungen

8 Richtlinienanalyse
8.1 Themeneinordnung in die Richtlinien

9 Didaktische Analyse
9.1 Sachstruktur (Fachstruktur)
9.2 Didaktische Struktur (Makrostruktur)
9.3 Auswahl- und Reduktionsentscheidungen
9.3.1 Auswahlentscheidung
9.3.2 Reduktionsentscheidung
9.4 Intention
9.4.1 Qualifikationen
9.4.2 Kompetenzen
9.4.3 Lernziele
9.5 Methodische Überlegungen

10 Geplante Unterrichtsstruktur (Mikrostruktur)

11 Anlagen
11.1 Anlage 1: Tafelaufteilung
11.2 Anlage 2: Tafelbild
11.3 Anlage 3: Arbeitsauftrag

Literaturverzeichnis
a Bücher (Monographien und Sammelbände)
b Zeitschriften
c Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Am 03. Oktober wird in diesem Jahr in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ein rundes Jubiläum gefeiert. Vor nunmehr zwanzig Jahren wurde ein Kapitel der Deutschen Geschichte geschlossen, indem sich die Deutsche Demokra- tische Republik (DDR) und die damalige BRD zu einer Deutschen Einheit verbanden. Unter dem Einfluss von Michael Gorbatschow kam in den 1980er Jahren eine demokratische Reformbewegung ins Rollen, die erst die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland und später den gesamten Eisernen Vorhang einriss.

In der rund vierzigjährigen deutschen Trennungsgeschichte hatten sich Ost- und Westdeutschland unter zwei grundsätzlich unterschiedlichen Vorzeichen entwickelt. Während 1949 in Westdeutschland nach dem Rückzug der west- lichen Besatzungsmächte ein demokratischer und sozialer Bundesstaat auf der Grundlage von westlich-demokratischen und marktwirtschaftlichen Prinzipien ausgerufen wurde, bildete sich in Ostdeutschland durch die Bemühungen der sowjetische Besatzungsmacht die „antifaschistisch-parlamentarisch-demokra- tische Republik“1 auf den Prinzipien des Marxismus-Leninismus bzw. des Sozialismus. Vierzig Jahre lang wurden die Menschen von dem System und den jeweiligen Werten geprägt in dem sie lebten. (vgl. Meulemann 1996: 270).

Heute scheint die Überleitung bzw. Transformation des Systems der DDR zur BRD auf Grund der seit dem Mauerfall vergangenen Zeit abgeschlossen zu sein, doch neben der systemischen Komponente eines Prozesses muss ebenso die gesellschaftliche betrachtet werden. Aus Umfragen der letzten Zeit geht hervor, dass die Menschen in Ost und West noch immer nicht zu einer Gesellschaft zusammen gewachsen sind (vgl. Bunke 2005: 9; siehe auch Förster 2003: 10). In der Wissenschaft wird dies bezüglich u. a. diskutiert, inwie- weit die Bildung und Erziehung der Menschen in den ehemaligen Teilstaaten an der Prägung der Werte beteiligt sind und ob in diesem Zusammenhang die Transformation hätte anders verlaufen müssen (vgl. Bunke 2005: 9, siehe Klier 1990: 13).

Die Veränderungen durch den Transformationsprozess haben vorwiegend im damaligen Bereich der DDR und heutigen ostdeutschen Bundesländern statt gefunden, deshalb soll die schulische Bildung in der DDR als Ausgangspunkt des ersten Teils dieser Arbeit, der fachwissenschaftlichen Recherche, behandelt werden. Aus ihrer Entwicklungsgeschichte, die maßgeblich durch den sich ausweitenden Machtbereich der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) seit 1948 beeinflusst wurde, ging das Fach Staatsbürger- kunde als markantestes Element der ideologischen Werteerziehung und schu- lischen politischen Bildung hervor. Das Fach steht im Zentrum der Recherche und soll durch die Beschreibung seiner Entstehung und Grundsätze, sowie der ihm zugrunde liegenden Lehrplaninhalte dargestellt werden. Anschließend wird die Staatsbürgerkunde im Hauptteil dieser Recherche zum exemplarischen Gegenstand des nach dem Mauerfall am 09. November 1989 beginnenden Transformationsprozesses. Anhand des Verlaufs und der Lehrplanentwicklung zur demokratischen politischen Bildung sowie der hierzu auftretenden Probleme in Ostdeutschland soll speziell der Charakter des Prozesses dargestellt werden, worin auch im Vorfeld die Etablierung der westdeutschen politischen Bildung nach 1945 Erwähnung finden soll, da sie eine Vorbildfunktion im Transfor- mationsprozess einnimmt.

Auch außerhalb der Schule und der Staatsbürgerkunde fand in der DDR eine ideologische Bildung und Erziehung statt, u. a. in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und anderen Schulfächern, die in dieser Arbeit allerdings nur am Rande Erwähnung finden kann, da eine tiefere Thematisierung den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Zudem soll der im Titel dieser Examensarbeit gewählte Begriff „Politikunterricht“ nicht als Fachbezeichnung aufgefasst, sondern als Sammelbegriff für den Fachunterricht in der schulischen politischen Bildung verstanden werden. Des Weiteren wird daher „politische Bildung“ synonym für den Fachunterricht verwendet, solang es sich um kein bestimmtes Bundesland handelt.

Neben der bereits angesprochenen fachwissenschaftlichen Recherche beschäf- tigt sich der zweite Teil dieser Arbeit mit einer fachdidaktische Expertise zum Thema: „Wie war´s eigentlich drüben? - Leben in der DDR bis 1989“. Der sozialistische Staat der DDR erhob gegenüber seinen Bürgern2 hohe Ansprüche, die sowohl im Bildungssystem als auch im alltäglichen Leben deutlich wurden. Deshalb werde ich den Alltag der DDR-Bürger mit all seinen spezifischen Merkmalen in der geplanten Unterrichtssequenz thematisieren. Insbesondere war das Leben in der DDR neben dem autoritären Bildungsstil und der Bevormundung durch die SED, auch durch die von ihr angestrebte ganzheitliche Überwachung der Bürger durch das Ministerium für Staats- sicherheit (MfS) bestimmt.

A Fachwissenschaftliche Recherche:

2 Das Bildungswesen der DDR

In den folgenden Abschnitten soll als Fundament für die anschließenden Kapitel ein Überblick zum Ursprung, den Grundsätzen und der strukturellen Entwicklung des Bildungswesens3 der DDR bis 1965 gegeben werden. Der Fokus soll primär auf der Entwicklung der Schule liegen.

2.1 Ideologische Voraussetzungen und Bedingungen

Um einen Überblick über die sich seit dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und mehr noch nach der Staatsgründung der Deutschen Demokratischen Republik entwickelnden ideologisch geprägten Bildungskultur zu bekommen, bedarf es der Beleuchtung mehrerer Einfluss- faktoren. Es handelt sich hierbei zum einen um die ideologischen Prämissen des Marxismus4, die in den Lehrsätzen von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) bezüglich einer modernisierten Rolle der Arbeiterklasse sowie der Schaffung eines wissenschaftlichen Sozialismus verankert sind. Zum anderen ist hieran angrenzend das pädagogische Verständnis der Sowjetunion von Bedeutung, welches primär durch die Vorstellungen Wladimir Iljitsch Uljanows „Lenin“ (1870-1924) und seiner Weiterentwicklungen der Lehren Marx und Engels verkörpert wird. In den Zeiten der bestehenden DDR zwischen 1949 und 1990 erhält die Synthese von Lenins Gedanken mit denen des Marxismus in Form des Marxismus-Leninismus einen besonderen Status als Leitlinie des Bildungssystems der DDR(vgl. Fischer 1992: 6 ff.).

2.1.1 Grundlagen bei Marx und Engels

Frühe Lehren des Sozialismus wie die von Saint-Simon (1760-1825) und Charles Fourier (1772-1837) bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhundert in Frankreich, wurden von Marx und Engels als „utopischer Sozialismus“ abgetan (vgl. Niermann 1972: 8 f.). Saint-Simon war der Auffassung, dass die voranschreitende Industrialisierung politische und gesellschaftliche Mächte hervorbringe, die bekämpft werden müssen, indem sich alle an der industriellen Produktion beteiligten Akteure solidarisch vereinen. Fourier sah hierzu ergänzend, dass der Grund für „[…]allen sozialen Übel[…]“ der „[…]Parasitismus des Handels[...]“ sei und nur durch eine „[…]Wiedervereinung von Erzeugung und Verbrauch[…]“ soziale Gerechtigkeit hergesellt werden könne (Hillmann 2007 (b): 820 f.). Der gesellschaftliche Veränderungswillen von Marx und Engels geht über diese Ansätze hinaus, da sie hierin keine Realisierungschance ihrer Ziele sahen. Daher bemühten sie sich gemeinsam seit den 1840er Jahren um eine neue Form des Sozialismus, dem so genannten „wissenschaftlichen Sozialismus“ (vgl. Niermann 1972: 8 f.). Die Zielsetzung des von ihnen geprägten wissenschaftlichen Sozialismus ist allgemein beschrieben eine umfangreiche Aufklärung über die in der Gesellschaft wirkenden Kräfte, deren Nutzen nach historischen Gesetzmäßigkeiten darin liegt, den Sozialismus als Vorstufe des Kommunismus hervorzubringen (vgl. Hillmann 2007 (b): 820 f.). Konkret soll der Sozialismus als „Richtschnur“ zur Entwicklung einer neuen kommunistischen Weltordnung mit dem von ihm geprägten Menschenbild5 die kapitalistische Gesellschaft ersetzten (vgl. Niermann 1972: 9), deren erste Phase dadurch gekennzeichnet ist, dass die aus dem Kapitalismus entstehende „Diktatur des Proletariats“ überwunden wird. Nach der Auffassung Marx und Engels birgt der voranschreitende Kapitalismus und der aus ihr resultierenden der Gesellschaft eine klare Konsequenz in sich, nämlich eine soziale Revolution von Seiten der Arbeiterklasse. Der Arbeiter sei ein Knecht der kapitalistischen industriellen Produktion, wenn er sich nicht gegen die aus ihr erwachsenen Verhältnisse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auflehnen und diese Lebensform überwinden würde (vgl. Marx 1966: 336, zit. nach Niermann 1972: 8). Aus der Situation der vom Kapitalismus ausgebeuteten Arbeiter heraus, würde der entsprechende Nährboden für den von Marx und Engels geprägten Sozialismus entstehen. Der Ablehnung des Kapitalismus soll als zu erreichendes Optimum, die klassenlose Gesellschaft und eine Vergesellschaftung des Kapitals folgen (vgl. Engels 1951: 65 f., zit. nach Niermann 1972: 9). Die Aufhebung aller Klassen, in der jeder nach seinen individuellen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen arbeitet, als Kennzeichen einer höheren kommunistischen Gesellschaft ist nach Marx erst dann erreicht, wenn folgende Zustände vorliegen: Es werden keine Unterschiede mehr zwischen geistiger und körperlichen Arbeit gemacht. Die Arbeit selbst wird zum Bedürfnis des Lebens. Der allseitigen Entwicklung des Individuums folgt eine hohe Produktivkraft die zum Wohlstand der gesamten Gesellschaft führt (vgl. Fischer 1992: 13 f.).

Die Erziehung des Menschen nach den Vorstellungen Marx und Engels findet hauptsächlich in den Werken „Manifest der Kommunistischen Partei“ von 1848 und in „Das Kapital“ von 1867 Erwähnung. Ersteres enthält Aussagen, die verdeutlichen sollen, wie bedeutend die Handhabe über Erziehung im politischen Kampf ist. Demnach will der Kommunismus nicht die ganze Erziehung verändern, sondern nur ihren Zustand, indem er sie aus dem Einflussbereich der machthabenden Klasse entfernt (vgl. Fischer 1992: 11 ff.). Im zweiten Werk stellt Marx die zukünftige Erziehung so dar, dass sie für alle Kinder verbindlich, eine Verknüpfung von „[…]produktiver Arbeit mit Unterricht und Gymnastik […]darstellen soll. Hierin sah Marx nicht nur die Möglichkeit die Produktivkraft einer Gesellschaft zu erhöhen, sondern „[…]die einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen“ (Marx/ Engels 23: 508, zit. nach Fischer 1992: 8). Dieser Ansatz wurde später in den sozialistischen Staaten, wie auch in der DDR in Form der Polytechnisierung der Schule realisiert (vgl. Fischer 1992: 8). Engels hatte bereits vor der gemeinsamen Arbeit mit Marx im Jahre 1847 in den „Grundlagen des Kommunismus“ bestimmte Verhaltensanstöße gegeben, die Erziehung bereits im frühkindlichen Alter in kostenfreien staatlichen Einrichtungen befürworteten und im Zusammenhang mit dem von ihm konstruierten, von der Familie losgelösten Frauenbild stehen. In Folge dessen wurde die Anzahl der in der Produktion beschäftigen Frauen erhöht. Ebenso sollte durch diesen Ansatz Bildung für das ganze Volk zugänglich sein. Als Kenngröße für eine fortschrittliche sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft wurde die Anzahl von Arbeiter- und Bauernkindern in höheren Bildungseinrichtungen gesehen (vgl. ebd., S. 9).

Die Zielsetzung von Marx und Engels, die freie Entwicklung des einzelnen Individuums bedeute die freie Entfaltung einer ganzen Gesellschaft, nämlich einer kommunistischen, trat nicht ein. Die „Diktatur des Proletariats“ entwickelte sich nicht weiter zur klassenlosen Gesellschaft und blieb historisch betrachtet seit der Mitte des 19. Jahrhundert im sowjetischen Einflussbereich auf der Vorstufe des Kommunismus, dem Sozialismus stehen (vgl. Niermann 1972: 10; siehe auch Fischer 1992: 14 f.).

Die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus wurden im Zuge der russischen Revolution 1917 unter Lenin und später Stalin primär verwendet, um sich gegen den „Klassenfeind“6 zu verteidigen. Der aus ihm abgeleitete revolutionäre Sozialismus bzw. real existierende Sozialismus7 wurde später ab 1945 im Osten Mitteleuropas und der DDR auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus zu einer dogmatischen Staatslehre (vgl. Fischer 1992: 15 f.).

2.1.2 Grundlagen des Marxismus-Leninismus

Im DDR Handbuch von 1985 ist der Ursprung des Marxismus-Leninismus in den Lehren von Marx und Engels und dessen Weiterentwicklung durch Lenin verortet. Der stärkere Bezug in der DDR auf Marx als auf Engels, obwohl er Marx über ein Jahrzehnt überlebte und die gemeinsamen Werke weiter entwickelte, ist durch die erst später eintretende Veröffentlichung der jungen Werke Marx´ begründet. Für sie empfand man eine tief greifende Faszination für diese Werke vor allem für die „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“. Es ist zu beachten, dass Marxismus und der Leninismus nur im Zusammenspiel in ihrer Gesamtheit eine Gültigkeit besitzen (Ludz/Ludz 1985: 858 f.), da Lenin die Lehren des Marxismus praktisch auf die sozialen und politischen Verhältnisse im pre- und postrevolutionären Russland Anfang des 20. Jahrhunderts angewendet hatte. Ebenso verhält es sich mit der dortigen schulischen Bildung (vgl. Hillmann 2007 (a): 495 f.). Lenin vertrat für den Bereich der Bildung und Erziehung die Meinung, dass diese als Einheit anzusehen wären und zudem mit der Schule als Instrument, der Kommunismus in allen Schichten der Gesellschaft ganzheitlich8 zu etablieren sei (vgl. Fischer 1992: 20 f.). Der Bezug auf den Marxismus-Leninismus als normative Ideologie der Sowjetunion, sowie auf seine Auslegung in der sowjetischen Pädagogik nach 1917, entwickelte sich in der SBZ beginnend und in der späteren DDR mit dem IV. Pädagogischen Kongress 1949 zu einer ganzheitlichen Lehre (vgl. Anweiler 1988: 43f., siehe auch Sander 2004: 93).

Der Marxismus-Leninismus, so heißt es weiter im DDR Handbuch, sei ein „Dogma“, deren spezifische Definition und Umfang durch die kommunistischen Parteien und somit auch durch die Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) der DDR vorgegeben werden. Er ist „[…] die ’Weltanschauung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch - leninistischen Partei’ “ und begreift sich im Sozialismus als herrschende und überlegene Ideologie (Ludz/Ludz 1985: 858). Er beinhaltet überdies hinaus seinem Ursprung nach vier Teilaspekte, den weltanschaulichen, philosophischen, wissenschaftlichen und politischen Marxismus-Leninismus. Hiermit werden die jeweiligen Ausprägungen ihrer Begründer akzentuiert. In der DDR spricht man allerdings nur vom philosophischen, ökonomischen und politischen Marxismus-Leninismus. Der philosophische Marxismus - Leninismus setzt sich wiederum aus dem historischen und dialektischen Materialismus zusammen, die von Zeit zu Zeit synonym für den erst genannten Teilaspekt erwähnt werden (vgl. ebd. S. 858 f.).

Seit der Gründung der DDR bis zum Rückzug der SED aus der Führungsposition der DDR am 1. Dezember 1989 war sie mit ihren zentralen Eigenschaften und ihrer Basis im Artikel 1 der DDR-Verfassung als marxistisch

- leninistisch deklariert (vgl. Fischer 1992: 6 ff.). Im Bildungssystem der DDR findet der Marxismus - Leninismus schlussendlich die absolute Legitimation zur Durchsetzung der sozialistischen Erziehung auf dem IV. Parteitag der SED im Jahre 1963 (vgl. Haase 1977: 207).

2.2 Zur Entwicklung des Bildungswesens der DDR

Die Entwicklung des Bildungssystems lässt sich in drei Phasen darstellen. Die erste Phase von 1945-1949 umfasst die „antifaschistisch-demokratische Schulreform, die zweite Phase von 1949 bis 1961 bezeichnet den „Aufbau der sozialistischen Schule“ und die dritte Phase seit 1961 die “Gestaltung des einheitlich sozialistischen Bildungssystems“ mit der weitläufigen Festigung der „sozialistischen Schule“ (Anweiler 1988: 20; 40 ff.).

Im Folgenden wird dieser Weg nachgezeichnet, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Anspruch begann ein ganzes Volk mit dem höchsten Maß an Bildung zu versorgen und diese zugleich als Instrument für eine ideologische Formung ihrer Menschen zu nutzen. Bis in die 1960er Jahre hinein war dies das Leitmotiv der vorherrschenden Bildungspolitik. Im Zuge der wachsenden Ansprüche der ansässigen Wirtschaft veränderte es sich schließlich hin zu einer stärkeren wirtschaftlichen Leistungsorientierung. (vgl. Waterkamp 1987: 55).

2.2.1 Antifaschistisch-demokratische Schulreform

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges bzw. nach der Kapitulation Deutschlands wurde es in die Hände der vier alliierten Besatzungsmächte übergeben, um ein Aufkeimen des soeben besiegten Nationalsozialismus nachhaltig zu verhindern (vgl. Anweiler 1988: 21 f.).

Der Osten Deutschlands sowie der östliche Teil Berlins wurden als „Sowjetische Besatzungszone (SBZ)“ am 8. Mai 1945 von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) als Regierungsgewalt übernommen. Von diesem Moment an war die SMAD mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems betraut und bot mit ihren Handlungsanweisungen die direkte Grundlage für die deutschen Behörden. Es wurden Bildungsoffiziere, überwiegend Professoren, Dozenten und Lehrer, direkt vor Ort eingesetzt, die unter dem Befehl der SMAD die Aufgabe hatten als Exekutivgewalt bei der Neugestaltung des Bildungssystems an wichtigen Entscheidungen mitzuwirken, sowie den sich entwickelnden universitären und schulischen Unterricht zu leiten und zu kontrollieren (vgl. ebd.).

In Zusammenarbeit mit den aus dem Exil zurückkehrenden deutschen Kom- munisten9, die selbst genaue Vorstellungen vom Neuaufbau des Bildungssystems hatten10, trieb die SMAD das offizielle Ziel voran, das in der SBZ lebende Volk nach demokratischen Prinzipien zu erziehen. Dies war ganz im Sinne der Westmächte, wenngleich das Demokratieverständnis der Besatzungsmächte bei einer genaueren Betrachtung nicht einheitlich war. Gleichzeitig bemühte sich die SMAD - eher unbemerkt von der Öffentlichkeit - elementare Positionen im Bildungssektor in den Einflussbereich der Exil- Kommunisten und KPD-Anhänger zu übergeben (vgl. ebd.). An der Spitze der durch die SMAD im August 1945 gründeten Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung, die später unter der Namen Deutsche Verwaltung für Volksbildung11 (DVfV) agierte, stand nun ebenso ein von ihnen ausgewählter Kommunist (vgl. Sander 2004: 95). Überdies schlossen sich im Vorfeld am 14. Juli 1945 die vier in der SBZ erlaubten Parteien12 zur einer „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“ zusammen. Ihr Prinzip der Einstimmigkeit und Verbindlichkeit machte eine demokratische Auseinander- setzung zwischen den Parteien bereits zu diesem Zeitpunkt fast unmöglich, woraus sich bald ein Vorteil zugunsten der KPD wie SPD und späteren SED entwickelte, der sich gerade in Entscheidungsfragen hinsichtlich der Schule und Erziehung zeigte (vgl. Anweiler 1988: 23).

Zu den administrativen Aufgaben der SMAD gehörte ebenfalls die Entnazi- fizierung der Schule, womit sie schon wenige Wochen nach Beginn ihrer Regentschaft begannen. Jeder Lehrer13, der in Zusammenhang mit der NSDAP gebracht werden konnte, wurde entlassen (vgl. ebd., S. 24). Es konnten lediglich 3 Prozent aller bisher im Staatsdienst gestandenen Lehrer als unbelastet eingestuft werden. Obwohl man die durch den Nationalsozialismus früh pensionierten oder verfolgten Lehrer zurückholte, fehlten dennoch 40.000 Lehrkräfte. Man versuchte durch eine schnelle Rekrutierung so genannter Neulehrer und deren kurzfristigen Ausbildung, dem Mangel gerecht zu werden, wodurch noch lange kein qualifizierter Unterricht garantiert werden konnte. Im Schuljahr 1945/46 konnten daraufhin 15.000 Lehrkräfte in den Schuldienst eingestellt werden. Dies reichte allerdings nicht aus um den existierenden Bedarf zu decken. So wurden, um diese Defizit zu decken, mit der NSDAPkooperative Lehrkräfte, d.h. „einfache, aber keine aktiven NSDAP -Mitglieder wieder eingestellt (vgl. Deja-Lölhffel 1988: 11).

Im Oktober 1945 rief die SMAD gemeinsam mit der SPD und KPD zur „demokratischen Schulreform“ auf und begann mit dessen Vorbereitung (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 13). In dem hierzu veröffentlichten Programm waren allerdings noch keine parteilichen Bindungen enthalten, da die Lebenssituation der Deutschen noch immer so prekär war, dass primär die Ermöglichung eines normalen Schulbetriebs im Vordergrund stand (vgl. Anweiler 1988: 25). Einige Monate später am 22. April 1946 vereinigten sich die KPD und die SPD der SBZ zur SED. Hiermit wurde ein neuer Abschnitt der deutschen Nachkriegsgeschichte und Bildungsgeschichte der SBZ bzw. späteren DDR eingeleitet, da die Partei das Bildungssystem in den weiteren Jahren immer mehr für ihre ideologisch ausgelegten Zwecke entdeckte, die daneben auch durch den beginnenden Kalten Krieg zwischen den Ost- und Westmächten Sowjetunion und USA beeinflusst wurde. Die Inhalte, die sich hinsichtlich einer zukünftigen Bildungspolitik zu dieser Zeit in der frühen SED formierten, waren vorerst kaum von denen der bürgerlich antifaschistisch-demokratischen Positionen der Westmächte zu unterscheiden (vgl. Fischer 1992: 32). Allerdings verheimlichte die SED daneben nicht ihr oberstes Ziel: „[…] die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse als grundlegende Voraussetzung zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung […]“ (Berthold/ Diehl 1964: 204; 206, zit. nach Fischer 1992: 32). Das gezielte Werben von SED- Mitgliedschaften in den Reihen der Neulehrer, die zunehmende Zentralisierung des Staates und die beginnende Umformung der Lehrerschaft ermöglichten ihnen schon früh die Kontrolle über das Schulwesen (vgl. Anweiler 1988: 25).

Nach einer fast einjährigen Vorbereitungszeit wurde im Juni 1946 das „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“ erlassen, dessen Planung sich seit Oktober 1945 in einem kleinen Kreis von Lehrern, Schulfunktionären und Professoren unter der Beihilfe der SMAD vollzog. Die Umsetzung des ebenso als „Einheitsschulgesetz“ bezeichneten Reformprogramms bedeute eine grund- sätzliche Neustrukturierung der bis dahin existierenden Schulen. Erstmalig in Deutschland wurde eine für alle Kinder verbindliche achtjährige Schule geschaffen (vgl. Anweiler 1988: 26 ff.) und die klassische dreigliedrige Schule durch ein vierstufiges Konzept ersetzt. Das neue Konzept bezog sich auf die gesamte Bildungslaufbahn (vgl. Sander 2004: 94 f.) und gestaltete sich wie folgt: „1. Vorstufe (Kindergarten), 2. [achtjährige] Grundstufe (Grundschule), 3. [vierjährige] Oberstufe (Oberschule, Berufsschule oder Fachschule), 4. Hochschule […]“ (Anweiler 1988: S. 27).

Der Wortlaut „Demokratisierung“ sollte zudem zweierlei Grundsätze deutlich machen. Erstens, dass Schule in Zukunft frei von „[…] allen Elementen des Militarismus, des Imperialismus, der Volksverhetzung und des Rassenhasses […]“ sein sollte und zweitens, dass es für ausnahmslos alle Kinder, unabhängig von Geschlecht oder elterlicher Herkunft „[…] das gleiche Recht auf Bildung und seine Verwirklichung entsprechend ihren Anlagen und Fähigkeiten garantiert“ (Anweiler 1988: 26 f.). So sollte es ebenfalls Arbeiter- und Bauernkindern ermöglicht werden die Oberschule und die Hochschule zu besuchen, deren Anzahl bis zum Ende der DDR als Indikator für den sozialistischen Charakter ihrer Gesellschaft galt (vgl. ebd., S. 29).

Direkt nach der Beendigung des Krieges bis hin zur Staatsgründung der DDR wurde von keinem der auf die SBZ Einfluss habenden Akteure, wie der Besatzungsmacht oder den wieder ansässigen deutschen Vertreter des Kommunismus, eine Ausrichtung der Pädagogik oder der Schuladministration auf Marxismus-Leninismus explizit gefordert. Die Beförderung des sowjetischen Bildungsmodells mit der Etablierung des Marxismus-Leninismus avancierte erst nach dem Rückzug der sowjetischen Bildungsoffiziere und der Ausdehnung des Machtanspruches der SED zu einem nachahmungswürdigen Bildungsmodell: einerseits von der SMAD im Vorfeld vorbereitet und andererseits durch die seit dem Beginn des Kalten Krieges vorherrschenden Umstände (vgl. Anweiler 1988: 43 f.; siehe auch Sander 2004: 93 ff.).

2.2.2 Aufbau der sozialistischen Schule

In den Jahren zwischen 1948 und 1958 erfuhr das Schulsystem der DDR weitere tief greifende Veränderungen (vgl. Anweiler 1988: 40). Diese zweite Phase der Entwicklung wurde durch die innerparteiliche Neuausrichtung der SED eingeleitet, die sich von diesem Zeitpunkt an als „eine Partei neuen Typus, die unerschütterlich und kompromisslos auf dem Boden des Marxismus- Leninismus steht“ bezeichnete und hiermit einen neuen politischen Kurs einschlug (Entschließungen des Zentralsekretariats der SED vom 3.7.1949, 1951: 82, zit. nach Anweiler 1988: 40). Für die Schule und ihre Lehrer galt bis zu diesem Zeitpunkt die Prämisse der „antifaschistischen-demokratischen Umwälzung“. Damit wich sie zunehmend einer neuen, nämlich dem „Aufbau des Sozialismus“, die im Juli 1952 rechtsgültig wurde (Deja-Lölhöffel 1988: 24).

In der veränderten Strategie der SED hinsichtlich ihrer Schulungs- und Bildungsarbeit seit 1948 zeigte sich der neue Kurs, der ihre Ideologie in die Köpfe der Gesellschaft tragen sollte. In einer so genannten „Aktivisten- bewegung“, die zu diesem Ziel von der SED ins Leben gerufen wurde, sollten die Menschen in Betrieben, auf dem Land und in den Bildungsinstitutionen durch intensive Schulungsarbeit erreicht werden (vgl. Anweiler 1988: 40 f.).

Am 7. Oktober 1949 kam es zur Staatsgründung der DDR. Sie wird in ihrer Verfassung vom selben Tage an als „antifaschistisch-parlamentarische- demokratische Republik“14 bezeichnet (vgl. Roggemann 1980: 13). Mit der Gründung der DDR kam es ebenfalls zur Errichtung ihrer Ministerien15, unter anderem auch dem Ministerium für Volksbildung (MfV)16. Ein paar Wochen zuvor hatte die SED auf dem IV. Pädagogischen Kongress am 24. August 1949 in Leipzig ihre „Schulpolitischen Richtlinien“ in einer Erklärung des SED- Politbüros verfasst (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 22). Dieser Kongress stellt einen Wendepunkt in der Bildungsgeschichte der SBZ/DDR dar, da die Umgestaltung des Bildungswesens im antifaschistischen-demokratischen Sinne abgeschlossen wurde und mit den neu verfassten Richtlinien die Geburtsstunde einer sozialistischen Entwicklung des Bildungswesens darstellt wird (vgl. Anweiler 1988: 41). Bereits seit dem Jahre 1948 spielte die „Rezeption der sowjetischen Pädagogik“ eine vordergründige Rolle, die sich dadurch bemerkbar machte, dass ein starker Austausch zwischen sowjetischen Pädagogen und DDR-Pädagogen initiiert wurde. Nebenbei füllte eine Reihe von sowjetischer pädagogischer Literatur den Markt (vgl. ebd., S. 44). Diese schlug sich in den Richtlinien der SED nieder. Die hier genannten Erziehungs- und Bildungsziele waren u. a. die „Herausbildung eines neuen demokratischen Staatsbewusstseins […], eines freundschaftlichen Verhältnisses zur Sowjetunion, [und die] Befähigung, die Volkswirtschaft aufzubauen und deren Überlegenheit gegenüber der kapitalistischen Wirtschaft zu beweisen […]“ (Monumenta Paedagogica 1974: 16) Bd. XVI).

Die neue schulpolitische Orientierung von Seiten der SED brachte eine Vielzahl von Aufgaben mit sich, die es zu lösen galt. Aus der Sicht der DDR-Historiker dauerte diese Phase der Umsetzung ab 1949 fast zehn Jahre und wird als „Prozess der Klärung politisch-ideologischer und pädagogisch-methodischer Grundfragen“ bezeichnet, der sich in der Auseinandersetzung der SED mit Lehrern und Schulfunktionären abspielte (Anweiler 1988: 42 ff.). Hierin handelte es sich im Wesentlichen darum, der in den 1930er Jahren aufkommenden Reformpädagogik im Westen zu trotzen und die theoretischen Grundlagen der DDR-Pädagogik auf den Marxismus-Leninismus und die Sowjetpädagogik einzuschwören. Dies bezog sich ebenfalls auf die zu verwendende Didaktik und Methodik im Schulunterricht und des schulischen Umfelds. Zudem suchte man einen Lösungsansatz zur strukturellen Veränderung der allgemein bildenden Schule, da von Seiten der Wirtschaft eine stärkere Produktivität der Arbeiter gefordert wurde (vgl. Anweiler 1988: 42 ff.). Die Abwendung der Reformpädagogik und die verstärkte Hinwendung zum Marxismus-Leninismus unterstrich das Zentralkomitee (ZK) der SED am 19. Januar 1951, in dem sie verlauten ließ, dass in allen Bildungseinrichtungen der DDR und „[…] in allen Bereichen des Marxismus-Leninismus und die Sowjetpädagogik als Grundlage der Bildung und Erziehung konsequent anzuwenden [sei]“ (Anweiler 1988:45). Für alle Personen, die in erzieherischen Berufen tätig waren bedeute dies, dass sie bis zum Ende des Jahres 1952 an Schulungen zu den Grundlagen der Sowjetpädagogik teilnehmen mussten (vgl. Fischer 1992: 37). Die sowjetischen Vorlagen im Bereich der Bildung und Erziehung, wurde somit in der ersten Zeit stark imitiert, auch die im September 1950 erscheinenden Lehrpläne hatten einen starken sowjetischen Charakter und wurden fast wortgenau aus dem Russischem kopiert. Daneben kam es erstmalig zur Einführung eines Faches, das als Grundlagenfach für die patriotische Erziehung der Schüler17 sorgen sollte. Zu Beginn wurde es „Gegenwartskunde“ genannt und später in „Staatsbürgerkunde“ umbenannt (vgl. Anweiler 1988: 45 ff.).

Erst am 29. Juli 1952 gab es einen offiziellen Beschluss der SED zum planmäßigen Aufbau des Sozialismus (vgl. Zur gegenwärtigen Lage und zu den Aufgaben im Kampf für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus 9.-12. Juli 1952, 1954: 73 ff., zit. nach Fischer 1992: 36). Die Untermalung des neuen Kurses der SED wurde den Schulen durch das Politbüro der SED mitgeteilt und gab ihnen die Anweisung „[…] die Jugend zu allseitig entwickelten Persönlichkeiten zu erziehen, die fähig und bereit sind, den Sozialismus aufzubauen und die Errungenschaften der Werktätigen bis zum Äußersten zu verteidigen“ (Zur Erhöhung des wissenschaftlichen Niveaus des Unterrichts und zwar zur Verbesserung der Parteiarbeit an den allgemeinbildenden Schulen 29. Juli 1952: 116, zit. nach Fischer 1992: 37).

In der Übergangsphase zum Sozialismus sollte die Schule zur maßgeblichen Einrichtung ideologischer Umformung der Kinder und Jugendlichen werden. Auf diesem Wege wurde die Implementierung des neuen sozialistischen Wertesystems in allen Schichten der Bevölkerung angestrebt. Demnach sah die SED in dem Ausbau des Sozialismus vorwiegend eine erzieherische Funktion und bemühte sich nun in den folgenden Jahren ihren Führungsanspruch im Bereich der Bildung und Erziehung zu befriedigen (vgl. Grieße/Marburger 1995: 13).

Allgemeinbildung und Polytechnisierung im Schulsystem

Zu Beginn der Neugestaltung des Bildungssystems im Jahre 1946 war diese Schulform noch nicht vorgesehen. Doch in den darauf folgenden Jahren stieg der Druck der Wirtschaft auf das Bildungssystem, da ihr Ausbau mit einem gesteigerten Bedarf an Arbeitern und Ingenieuren verbunden war. Die mehrjährig angelegten Wirtschaftspläne der „Deutschen Wirtschaftskommission“18 nahmen einen großen Einfluss auf den Bildungssektor, der sich dahingehend veränderte, dass der nunmehr ideologische Auftrag der Schule mit einem wirtschaftlichen verknüpft wurde. Hinsichtlich der existierenden Einheitsschule gab es ferner einige Probleme, die in Augen der SED noch nicht befriedigend gelöst waren, wie beispielsweise die zu geringe Anzahl an Arbeiter- und Bauernkindern in den Oberschulen (vgl. Anweiler 1988: 41f.; 51). Nach dem Einheitsschulgesetz von 1946 gab es die Möglichkeit, nach der Absolvierung der Grundstufe die vierjährig angelegte Oberstufe schon nach zwei Jahren zu verlassen. Allerdings reichte die Qualifizierung dieser Schüler nicht aus, um dem Anspruch der wachsenden Industrie gerecht zu werden (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 26 ff.).

Im Jahre 1950 wurde auf dem III. Parteitag der SED die Einführung der Zehnklassenschule anstelle der bisherigen Grundstufe in industriellen Ballungsorten beschlossen. Sie sollte primär auf ein Ingenieursstudium vorbereiten und Führungskräfte für den Verwaltungsapparat der DDR hervorbringen. Die Option zum Besuch der Oberschule sollte weiterhin bestehen bleiben. Dazu war die Etablierung der Zehnklassenschule eng mit der Forderung nach Einführung eines polytechnischen Unterrichts nach sowjetischer Tradition verknüpft (vgl. ebd.). Der Aufbau der Zehnklassenschule gestaltete sich allerdings schwieriger als angenommen. Die Entwicklung eines allgemein gültigen Konzepts der Schule dauerte bis zum Jahre 1959 an, was durch die verschiedensten Erwartungen der Interessengruppen wie z.B. der Wirtschaft und den ideologischen Vorstellungen der SED begründet war. Zu mehr Klarheit kam es im Jahre 1955, als das neue Konzept nun als „zehnklassige allgemeinbildende Mittelschule“ des MfV erstmals Anerkennung bekam und der Forderung der SED nach einer verpflichtenden Teilnahme für alle Schüler stattgegeben wurde (vgl. Anweiler 1988: 51; 62).

Im folgenden Jahr wurde auf dem V. Pädagogischen Kongress beschlossen, dass die Mittelschule zugleich den bereits erwähnten Forderungen19 nach polytechnischer Bildung gerecht werden solle und überdies als Chance zum „Aufbau des Sozialismus“ dienen genutzt werden sollte. Zu einer rigorosen bildungspolitischen Entscheidung über die Polytechnisierung des allgemeinbildenden Schulwesens kam es zu Beginn des Jahres 1958 während der Schulkonferenz der SED (vgl. ebd. S. 51,62 f.). Die endgültige Durchsetzung der Mittelschule lässt sich dadurch erklären, dass Walter Ulbricht die Debatte zum „Prozess der Klärung politisch-ideologischer und pädagogisch- methodischer Grundfragen“ in der Führungsetage der SED für sich entscheiden konnte und jegliche Kritik hinsichtlich der neuen Schulpolitik relativierte (vgl. Fischer 1992: 40).

Die Polytechnisierung ist der zentrale Ansatz der von Karl Marx benannten Bildungsmethode,20 die durch die Kombination von Unterricht und Produktion gekennzeichnet ist (vgl. ebd., S. 59). Sie wurde bereits in der Sowjetunion nach 1930 erprobt und sollte bei den Schülern auf diese Art eine handwerkliche Grundlage im Bereich Landwirtschaft und Industrie vermitteln. Nach einem langen Vorlauf wurde das neue Konzept schließlich am 2. Dezember 1959 mit dem von der SED erlassenen „ Gesetz ü ber die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik “ fest in den Habitus der sozialistischen Schule aufgenommen. Die wichtigsten Inhalte für die zukünftig angelegte Struktur des DDR-Schulwesens waren:

1. „Die zehnklassige polytechnische Oberschule [POS] als einzige Schulform für alle Kinder;
2. Verbindung von theoretischer Bildung und produktiver Arbeit, polytechnische Bildung und Erziehung in allen Klassenstufen;
Das Bildungswesen der DDR
3. Gliederung der Schule in Unterstufen (eins bis vier) und Oberstufe (fünf bis zehn) “ (Deja- Lölhöffel 1988: 30 f.)
4. Obligatorische polytechnische Bildung in der erweiterten Oberstufe (EOS)

Da zu Beginn der Polytechnisierung die Lehrpläne zur inhaltlichen Konzeption noch nicht geschrieben waren, wurde zunächst der wöchentliche „Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion“ (UTP) für das Schuljahr 1958/59 in der 7. bis 12. Klasse eingeführt. Zur Vervollständigung der Polytechnisierung kam es im Schuljahr 1959/60 durch die Unterrichtsfächer „Einführung in die sozialistische Produktion in Industrie und Landwirtschaft“ (ESP), „Technisches Zeichnen“ und einer Reihe integrierter Praktika und Exkursionen (vgl. Anweiler 1988: 63; 66). In der folgenden Zeit wurde die inhaltliche Gestaltung der Lehrpläne dahingehend verändert, dass nun die polytechnische und die gesteigerte politisch - weltanschauliche Bildung und Erziehung an vorderster Stelle standen (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 30 f).

Die zehnklassige polytechnische Oberschule (POS) sollte nun als Pflichtschule eine hohe Allgemeinbildung vermitteln, der kommunistischen Formung ihrer Schüler dienen und sie durch vielfältige auch über die Schule hinaus gehende Tätigkeiten auf die Arbeit im späteren Leben vorbereiten (vgl. Anweiler 1988: 63 f.). Zum Erwerb der Hochschulreife folgte nach der POS die auch schon vor 1958 existierende Erweiterte Oberstufe (EOS)21. Der Übergang von der POS zur EOS war bereits ab der 8. Klasse möglich, wenngleich dies neben den schulischen Leistungen ebenso von der politisch - ideologischen Bewertung eines Schülers abhing (vgl. Fischer 1992: 41).

Seit dem Schuljahr 1960/61 bis zum Schuljahr 1964/65 lässt sich eine anwachsende „Professionalisierung“ in der Entwicklung des polytechnischen Unterrichts an der POS und an der EOS verzeichnen. Bereits im September 1960 wurde an der EOS eine „berufliche Grundausbildung“ eingeführt, die in den Klassen 9 bis 12 vermittelt wurde und den Schülern nach dem Abitur ermöglichte die Qualifikation eines Facharbeiters bereits nach einer einjährigen Ausbildung zu erlangen (vgl. Anweiler 1988: 67 f.).

Die in der Organisation der Schule von den 1950er Jahren bis 1965 vorherrschenden Verhältnisse können als eine Experimentierphase bezeichnet werden, die erst mit dem „Gesetz über das einheitlich sozialistische Bildungssystem“ 1965 definitiv beendet wurde (vgl. ebd., S. 50).

2.2.3 Das einheitlich sozialistische Bildungssystem von 1965

Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 grenzte sich die DDR nun ausnahmslos vom kapitalistischen Einfluss des Westens ab. Der so genannte „antiimperialistische Schutzwall“ (vgl. Bunke 2005: 18) hatte daneben den Effekt die andauernde Abwanderung von Arbeitskräften und Lehrkräften zu unterbinden (vgl. Fischer 1988: 42 f.). Die Schüler wurden direkt nach dem Mauerbau für drei Monate auf der Grundlage einer Direktive des MfV unterrichtet, die die „Erziehung zur Vaterlandsliebe als Erziehung zur Liebe zur Arbeiter-und-Bauern-Macht in der DDR und zur Arbeiterklasse“ (Günther/ Uhlig 1974: 185, zit. nach Bunke 2005: 18) noch stärker auszubauen versucht. Die nachfolgenden Jahre gestalteten sich im Vergleich zu den vorangegangen Entwicklungen im DDR-Schulsystem zwischen 1946 und 1959 als eine eher unspektakuläre Phase (vgl. Fischer 1988: 42 f.).

Auf dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 wurde aus den bisherigen Schwankungen des Bildungssystem heraus in dem Parteiprogramm verabschiedet, das die Schaffung eines einheitlichen Bildungssystems verlangte und „[…]dessen einzelne Stufen vom Kindergarten und der Schule, der Berufsausbildung und Erwachsenenbildung bis zu den Universitäten, Hoch- und Fachschulen aufeinander abgestimmt […]“ sein sollten (Baske 1979: 50, zit. nach Waterkamp 1987: 15). Das oberste Ziel, den Aufbau des Sozialismus unter marxistisch-leninistischen Prinzipien voranzutreiben, liegt dieser Forderung zugrunde. Walter Ulbricht spricht hier den später oft zitierten Satz: „Die Erziehung des Menschen und die Lösung der ökonomischen Aufgaben sind eine Einheit.“ (Baske 1976: 45, zit. nach Anweiler 1988: 80).

Zwei Jahre später tritt im Februar 1965 das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ in Kraft, das bis zum Ende der DDR bestand hatte. Hierin schlagen sich die bereits im Januar 1963 zentral gefassten Forderungen nieder. In der Präambel zum Gesetz heißt es, dass aus der wirtschaftlichen Entwicklung (die wiederum Einfluss auf die Gesellschaft habe) heraus Bedingungen geschaffen wurden, die nur dann zu bewältigen wären, wenn das Bildungssystem in den Aufbau des Sozialismus integriert werde. Des Weiteren werden die Zielsetzungen des einheitlichen Bildungssystems beschrieben, indem das Leitbild der allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit genannt wird. Die sozialistische Persönlichkeit sollte in ihren Eigenschaften vor allem hoch qualifiziert und gesund die unter anderem wirtschaftlich begründeten Anforderungen an die Gesellschaft erfüllen (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 32).

Die Verbindung von Schule mit Wirtschaft und Technik zur Erzeugung eines „hohen Fachwissens“ und „unmittelbarer Produktivkraft“ wird zwar im Gesetz stark betont, steht aber nicht in Verbindung mit einer eventuellen Abschwäch- ung der bis dahin stark befolgten ideologischen Linie. Denn durch eine ergänzende Erziehung sollten die sozialistischen Charakterzüge ganzheitlich ausgebildet werden. In diesem Kontext brachte das MfV im darauf folgenden Jahr die „Aufgabenstellungen zur staatsbürgerlichen Erziehung“ heraus, um einen eventuellen Mangel an ideologischer Erziehung zu beseitigen (vgl. Anweiler 1988: 82; siehe auch Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen 1965: 5). Im Zentrum des neuen Gesetzes ist die polytechnische Bildung fest verankert und verbindet die schulisch-ideologische Ausbildung mit der Erziehung zur Arbeit (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 32). Das Bildungsgesetz von 1965 ist überdies im Vergleich zu den Gesetzen von 1946 und 1959 kein reines Schulgesetz mehr, sondern umfasst „[…] alle staatlichen und gesellschaftlichen Bildungseinrichtungen und -bestrebungen in ihrer Einheit und Kontinuität unter der Sicht auf die Herausbildung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten […]“. (APW 1979: 12). Dazu gehören im Einzelnen: „die Einrichtungen der Vorschulerziehung, die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule, die Einrichtungen der Berufsausbildung, die zur Hochschulreife führenden Bildungseinrichtungen, die Ingenieur- und Fachschulen, die Universitäten und Hochschulen, die Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung der Werkstätigen“ ( § 2, Abs. 2, zit. nach Anweiler 1988: 85).

Bis zur Auflösung der DDR bildete das Bildungsgesetz von 1965, das bis dahin nur minimal gerändert wurde, die gesetzliche Grundlage für das gesamte Bildungswesen. Diese kontinuierlich bestehende Form, die unbeeinflusst vom gesellschaftlichen Wandel als Zeichen der verlässlichen politischen Führung unverändert blieb, machte die Schule vor allem in den Augen der SED zu einer ideologischen Instanz (vgl. Anweiler 1988: 81).

3 Politische Bildung im Schulsystem der DDR - Ideologische Erziehung und das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde

In diesem Kapitel soll nach einer einleitenden Passage die Darstellung des in der DDR propagierten Menschenbildes erfolgen. In seiner Gesamtheit ist dies nur durch die Schilderung der zur Entwicklung beitragenden Einflussfaktoren und ihres Ursprunge erreichbar. Es soll ganzheitlich ergründet werden, mit welchen idealistisch - sozialistischen Zielsetzungen und Ansprüche die Kinder und Jugendlichen seit Beginn ihrer Bildungslaufbahn an konfrontiert waren. Anschließend wird die historische Entwicklung des Schulfaches Staats- bürgerkunde22 erörtert, die eine zentrale Stellung in der ideologischen Erziehung im real existierenden Sozialismus der DDR einnimmt. Hierauf aufbauend werden die Ziele des Unterrichts sowie die Inhalte der Lehrpläne erwähnt.

3.1 Ziele der politisch - ideologischen Erziehung in der DDR

Die ganzheitlich pädagogische Zuwendung als Möglichkeit der frühen Prägung zu einer sozialistischen Persönlichkeit war in der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und der politischen Handhabe der SED ausgelegt. Diese begann, wesentlich verschärft durch das auf alle Bildungseinrichtungen bezogene 1965 erlassene Bildungsgesetz, bereits spielerisch in der Kinderkrippe und im Kindergarten. Später wurde sie in der Schule und anschließend an der Universität fortgesetzt (vgl. Sander 2004: 99).

Neben der Instrumentalisierung der Schule hinsichtlich einer sozialistisch - ideologischen Bildung und Erziehung am Vormittag spielten die am Nachmittag stattfindenden Treffen der Jugendorganisationen wie der Jungpioniere, Thälmannpioniere und Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit ihrem politisch begründeten Erziehungsauftrag eine maßgebliche Rolle in der staatsbürgerlichen Erziehung der DDR.23 Darüber hinaus mussten die Studierenden aller Fachbereiche obligatorisch ein Studium des Marxismus - Leninismus belegen (vgl. Anweiler et. al. 1992: 388 f.; 398 f., in ebd.; siehe auch Biskupek 2002: 11). Eine Unterscheidung zwischen der staatsbürgerlichen und politisch-ideologischen Erziehung der Jugend im Allgemeinen ist seit 196624 nicht mehr vorgesehen, da sie als kongruent angesehen werden. Für die Jugend der DDR sollte das Parteiprogramm der SED als Grundlage obligatorisch sein. Sie sollte als primäre Eigenschaft die eigene Identifikation mit der Arbeiterklasse herausbilden. Die sozialistische Ideologie und der Klassenstandpunkt der Jugendlichen werden innerhalb und außerhalb des Unterrichts vermittelt (vgl. Vogt 1969: 183). Angrenzend hierzu wird die Struktur der DDR-Pädagogik als Zielsystem betrachtet, welches eine dreidimensionale Gestalt aufweist und sich auf alle Schulfächer bezieht. Die abschließende zu vollendende Zielebene ist die Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins, die darunter liegende Ebene beinhaltet die Aneignung von Fähigkeiten und Können und die Grundebene bildet die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen (vgl. Bunke 2005: 34).

Hinsichtlich der staatsbürgerlichen Bildung im schulischen Bereich, die in allen Unterrichtsfächern und zentral ab der 7. Klasse im Staatsbürgerkundeunterricht stattfand, vertrat die SED den Grundsatz, dass in „Wahrheit“ und „Parteilichkeit“ kein Widerspruch stecke. Dies ist so zu verstehen, dass die Aufgabe der politischen Bildung die enge Verknüpfung von „[…]wissenschaftlichem Wissen der ‚richtigen’, ‚Weltanschauung’, der Parteinahme für die Unterdrückten und dem Fortschritt in der Geschichte sowie der Legitimation der politischen Herrschaft der ‚Partei der Arbeiterklasse’[…]“ ist (vgl. Sander 2004: 98). Aus heutiger Sicht widersprach diese Auffassung in jeglicher Form einer wissenschaftlichen und aufgeklärten politischen Bildung (vgl. Detjen 2007: 206).

3.1.1 Entwicklung zur allseitig entwickelten sozialistische Persönlichkeit

Erstmalig erfolgte in dem 1965 in Kraft getretenen Bildungsgesetz eine Akzen- tuierung der „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“. Hierin war nun nachzulesen, wie sich die politische Führungselite das Ideal eines DDR- Bürgers vorstellte. Kurz umrissen war der Tenor, dass der Mensch basierend auf einer ganzheitlichen Allgemeinbildung und der Vernetzung dieser mit fachspezifischem Wissen befähigt werden sollte, den sich vollziehenden Wandel in der Gesellschaft zu bewältigen (vgl. Bunke 2005: 29).

Tatsächlich war dieses neue Ideal die Konsequenz aus einem sich seit Gründung der DDR im Jahre 1949 vollziehendem Prozess, da zur Zeit der Staatsgründung noch keine definierten Anhaltspunkte zu den Eigenschaften einer sozialistischen Persönlichkeit existierten. Dies änderte sich allerdings in den Jahren nach der Verstaatlichung der Wirtschaft und des Handels, der Kollektivierung der Landwirtschaft, sowie der beginnenden Neustrukturierung des Bildungswesens (vgl. ebd., S. 26).

Besonders sind es zwei Faktoren, an denen der Beginn einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Bild einer sozialistischen Persönlichkeit festgemacht werden kann. Zum einen ist es die sich am 17. Juni 1953 aus der Notsituation der Bürger heraus entwickelnde zwangsläufige Entladung von Regierungskritik in Form eines Massenaufstandes, der militärisch von Seiten der Regierung niedergestreckt wurde (vgl. Steiner 2007: 80), zum anderen die Abwendung und Abgrenzung der Regierung von Stalin 1956/57.,da der Regierung bewusst wurde, dass das Volk sich zwar entwickelt hatte, nicht in die für sie richtige Richtung (vgl. Bunke 2005: 26).

Im Jahre 1958 nahmen die Vorstellungen weitere Formen an, indem der damalige Staats- und Parteichef Walter Ulbricht grundlegende Aussagen zur Vorstellung von Moral und Ethik in der sozialistischen Gesellschaft machte. Heute sind diese als die „10 Gebote Ulbrichts“ bekannt, da sie von Ulbricht als „Grundsätze sozialistischer Moral und Ethik“ bezeichnet wurden und bezüglich Inhalt und Form als Pendant der Zehn Gebote des Alten Testaments betrachtet werden können. Jeder dieser Grundsätze beginnt mit „Du sollst…“ Der DDR- Bürger soll diese Grundsätze als Norm für sein moralisches und sozialistisches Verhalten annehmen. Hierin finden sich die sozialistischen Grundwerte wie der „[…] proletarische Internationalismus, der sozialistische Patriotismus, die Leistungsbereitschaft im Kollektiv und die Verteidigungsbereitschaft für den Staat […] für das moralische Gesicht des neuen sozialistischen Menschen“ (Protokoll der Verhandlung des V. Parteitages der SED 1959: 160 f., zit. nach Bunke 2005: 27). Ulbricht hebt besonders die sozialistische Arbeitsmoral als Basis der moralischen Erziehung hervor, da vermutetet wurde, dass durch ihre Steigerung eine stärkere Wirtschaftskraft erzielt werden könne. Dies sollte ein Weg aus den wirtschaftlichen Problemen sein und hin zum Sieg des Sozialismus führen. In Zuge dessen kam es im gleichen Jahr zur Einführung des polytechnischen Unterrichts (vgl. Kaderschafka/Kaderschafka 1960: 473- 482; in ebd.).

Die 10 Gebote der sozialistischen Moral verloren als oberste Zielsetzung allerdings in den folgenden Jahren an Bedeutung, da sich zu Beginn der sechziger Jahre die wirtschaftliche Situation weiterhin nicht besserte. Das Bild des sozialistischen Menschen musste aus Sicht der SED dahingehend weiter entwickelt werden, dass sie den Ansprüchen der viel beschworenen wissenschaftlich-technischen Revolution gerecht werden könne (vgl. ebd.). Somit kam es im Jahre 1965 erstmals zur Umschreibung der „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“. Wie bereits erwähnt war sie Inhalt des Bildungsgesetzes und wurde anschließend in den Folgejahren weiter ausformuliert im Jugendgesetz, den Lehrplänen und der pädagogischen Literatur verankert (vgl. ebd.).

Die Persönlichkeitstheorie als Grundlage der sozialistischen Persönlichkeit

Die Persönlichkeitstheorie der DDR stammt vom philosophisch-wissenschaft- lichen Marxismus-Leninismus ab und beschäftigt sich mit der subjektiven Seite gesellschaftlicher Umformung, aus der als ideale Zielvorgabe der gelungenen Umformung die „allseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeit“ hervor gehen sollte. Sie ist politisch-ideologisch begründet und dabei in sich selbst reflektierend mit der Entwicklung der Gesellschaft auf dem Weg zur eben genannten Zielsetzung verbunden (vgl. DDR Handbuch 1965: 982). Der Begriff „Persönlichkeit“ ist gesellschaftlich gedacht. Er beschreibt die jeweilige Rolle eines Menschen, die ihn mit allen seinen politischen, kulturell-geistigen und moralischen Fähigkeiten und Eigenschaften in einer Gesellschaft ausmacht. Die Persönlichkeitstheorie geht nach Auslegung der DDR davon aus, dass der Mensch erst zur Persönlichkeit wird, wenn er durch sein Umfeld und seinen Lebensablauf eine entsprechende Prägung erfahren hat. Zu welchem Persönlichkeitstyp und dem für ihn spezifischen gesellschaftlichen Bewusstsein und Handeln sich eine Persönlichkeit entwickelt hängt davon ab, auf welchem Entwicklungsstand sich die Gesellschaft um ihn herum befindet. Als Maßstab werden hier der Entwicklungstand der Produktionsverhältnisse sowie der Arbeitskräfte selbst angelegt25 (vgl. ebd.).

Die sozialistische Gesellschaft sollte allseitig entwickelte und zudem bewusst handelnde Persönlichkeiten hervorbringen, was aus ihrer Sicht nur gelingen konnte, wenn die Produktionsmittel kein Privateigentum mehr sind und sich die Form der Arbeitsumstände verändert hat. Die „Allseitigkeit“ wird als zu erreichendes „Ideal“ hervorgehoben, das im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten die existenten und abstrakten Kontakte in Arbeit, Freizeit und sozialem Umfeld einschließt. Die Arbeit ist dabei aus Sicht der sozialistischen Persönlichkeitstheorie der ausschlaggebende Faktor hinsichtlich einer sich entwickelnden Persönlichkeit ist (vgl. ebd.).

[...]


1 Bezeichnung der DDR in der Verfassung vom 07.10.1949, die allerdings in den folgenden Jahren immer überarbeitet wurde und auch der DDR neue Bezeichnungen zuwies (vgl. Roggenmann 1980:13).

2 Der Einfachheit halber bezeichnet die männliche Form im Folgenden immer beide Geschlechter.

3 Für eine umfangreiche Studie des DDR-Bildungssystem eignet sich das Werk von Dietmar Waterkamp 1987: Handbuch zum Bildungswesen der DDR. Berlin Verlag. Berlin.

4 Als kleinster gemeinsamer Nenner wird der affirmative Bezug auf die Lehre von Marx und Engels als Marxismus bezeichnet (vgl. Esser 2006 (a): 311 f.).

5 Im Marxismus wird der Mensch nicht als „Geisteswesen“; sondern als „menschliches Naturwesen“ verstanden, dass in Zusammenarbeit mit anderen Menschen durch Arbeit die Natur umgestaltet, bzw. allgemeinnützliche Arbeit verrichtet um die fürs Leben benötigten Güter zu erzeugen (vgl. Hillmann 2007 (d): 533).

6 Hiermit ist die herrschende Klasse gemeint, die laut des Marxismus der Arbeiterklasse im sich zuspitzenden Kapitalismus gegenüber steht (vgl. Hillmann 2007 (d): 534).

7 Sie hat ihren Ursprung zwar im wissenschaftlichen Sozialismus wurde aber durch den Bolschewismus, Leninismus und Stalinismus beeinflusst und gestaltete sich als eine Synthese totalitärer Herrschaft und rigider Zentralverwaltungswirtschaft (vgl. Hillmann 2007 (b): 822).

8 „[…]ideologisch, organisatorisch und erzieherisch[…]“ (DokSED IV, zit. nach Fischer 1992: 21).

9 Hauptsächlich Anhänger der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU)

10 Für den Bereich der außerschulischen Jugendbildung haben sie ebenso maßgebende Akzente gesetzt, indem sie die Gründung der „Freien Deutschen Jugend (FDJ)“ als Ersatz eines kommunistischen Jugendverbandes im Februar 1946 vorantrieben (vgl. Anweiler 1988: 21 f.).

11 Vorgänger des späteren Ministerium für Volksbildung (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 22).

12 KPD, SPD, LDPD und CDU

13 Der Einfachheit halber bezeichnet die männliche Form im Folgenden immer beide Ge-schlechter, soweit nicht von einer konkreten Person die Rede ist.

14 In den folgenden Jahren veränderte sich die in der Verfassung der DDR festgelegte Bezeichnung im Sinne von „auf dem Weg zum Sozialismus“ noch zweimal. 1968 wurde die DDR als „sozialistischer Staat deutscher Nationen“ und 1974 als „sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern“ bezeichnet (vgl. Roggenmann 1980: 13).

15 „Allen Fachministerien und Staatssekretariaten übergeordnet ist der Ministerrat der DDR. Formal ist [er] das höchste Leitungs- und Planungsorgan [des Bildungswesens]. Aber die Ministerien sind an die Weisungen des Zentralkomitees [ZK] der SED und des Politbüros des ZK der SED gebunden“ (Deja- Lölhöffel 1988: 40) Im 8. Februar 1950 kam das Ministerium für Staatssicherheit hinzu, dass bereits in der SBZ durch die SMAD und KPD vorbereitet worden war (vgl. Giesek 2000: 9).

16 Der Vorgänger, noch aus der Zeit der SBZ hieß „Deutsche Verwaltung für Volksbildung“, die damals wiederum aus der „Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung“ entstand (vgl. Deja-Lölhöffel 1988: 22).

17 Der Einfachheit halber wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit die Bezeichnung „Schüler“ synonym für die weibliche und männliche Form verwendet.

18 Diese wurde gegründet, um die Wirtschaft der Nachkriegszeit in der SBZ besser zur koordinieren und wurde später über die Weisungen der SED für den Aufbau der Planwirtschaft verantwortlich (vgl. Steiner 2007: 52 f.).

19 s.S. 16

20 Siehe hierzu Kapitel 2.2

21 Der namentliche Nachfolger der ehemaligen Oberschule

22 Die Staatsbürgerkunde entwickelt sich aus der Gegenwartskunde der DDR heraus.

23 §29 der POS- Schulordnung: Hier steht geschrieben, dass die eben genannten Massenorganisationen „[…]als Organisator und Initiator des Lebens im Schülerkollektiv einen wichtigen Beitrag zur kommunistischen Erziehung aller Schüler und zur Sicherung von Ordnung und Disziplin an der Schule[…] vor allem durch die politisch-ideologische Erziehung […]“leisten (Sander 2004: 107).

24 Dies geht aus der „Aufgabenstellung zur weiteren Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung der Schuljugend“ von 1966 hervor.

25 Dies ist im Kontext mit Marx zu sehen und seinem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft. Der Übergang von Kapitalismus zum Kommunismus besteht nach Marx aus mindestens zwei aufeinander aufbauenden Phasen.

Details

Seiten
123
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640949823
ISBN (Buch)
9783640949939
Dateigröße
979 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174489
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
DDR. Staatsbürgerkunde. Politische Bildung. Politikunterricht. Ostdeutschland Mauerfall Fachdidaktik Politikunterricht

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Titel: Damals in der DDR! - Ideologische Werte und ihre Transformation im Politikunterricht