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Indien: Postkoloniale Demokratie

Entstehung, Theorie, Stabilität

Seminararbeit 2011 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Definition und Abgrenzung von Demokratien und autoritären Regimen
2.Die ökonomischen Theorien der Demokratisierung
2.1 Die klassische Modernisierungstheorie
2.2 Przeworskis „Survival Story“
2.3 Das Demokratisierungsmodell nach Boix

3.Die innenpolitische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Indiens
3.1 Die innenpolitische Entwicklung Indiens
3.2 Die gesellschaftliche Entwicklung Indiens
3.3 Die wirtschaftliche Entwicklung seit

4.Anwendung der Theorien auf die indische Demokratie
4.1 Die Anwendung der klassischen Modernisierungstheorie und der Survival Story
4.2 Die Anwendung der modifizierten Modernisierungstheorie von Carles Boix

5.Fazit

Anhänge

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Klassische Modernisierungstheorie

Abbildung 2: Verhältnis der Demokratie an verschiedenen Ebenen der Wohlfahrt von 1950-

Abbildung 3: Vermutete Möglichkeit eines Regimewechsels mit steigendem Wohlstand

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Implikationen der Modernisierungstheorie und Survival Story

Tabelle 2: GDP in Indien von 1950 bis 2005

Einleitung

Mit der Erlangung der Unabhängigkeit am 15. August 1947 endete nach knapp 200 Jahren die Kolonialherrschaft über Indien, wobei Indien nicht nur die größte, sondern auch die wichtigste Kolonie des britischen Empire war. In Folge eines gewaltfreien Widerstandes gegen die Kolonialherrschaft, angeführt durch Mahatma Gandhi, wurde die Kolonie Indien in das heutige Indien, West-Pakistan (heutiges Pakistan) und Ost-Pakistan (heutiges Bangladesch) geteilt. Im gleichen Atemzug begann das Experiment Demokratie in diesem neuen Indien – in einer agrarischen Gesellschaft –, das nicht nur wegen der Größe, sondern auch wegen der Dauerhaftigkeit und Stabilität als weltweite Ausnahme anzusehen ist.

In der vorliegenden Arbeit soll, mit Hilfe einer Einzelfallstudie, die Entwicklung Indiens zur größten Demokratie der Welt betrachtet werden. Es soll untersucht werden, warum in einem Land wie Indien, das ein multi-ethnischer Staat ist und in der Zeit des Kalten Krieges als Entwicklungsland oder auch Dritte Welt Land bezeichnet wurde, eine Demokratie entstand und diese hohe Stabilität erlangte. Hierzu sollen die klassische Modernisierungstheorie, die Survival Story, aber auch eine Weiterentwicklung der Modernisierungstheorie nach Carles Boix aus dem Jahr 2006, auf das Fallbeispiel Indien angewendet werden. Einhergehend stellen sich die Fragen, ob und welche wirtschaftlichen Indikatoren eine Demokratisierung einer Gesellschaft begünstigen oder ob solche Indizes lediglich eine stabilisierende Funktion besitzen.

Im folgenden Kapitel sollen die Systemtypen der Demokratie und autoritärer Regime zunächst definiert und voneinander abgegrenzt werden. Anschließend werden die einzelnen Theorien näher erläutert, sowie auf ihre Stärken und Schwächen eingegangen. Im daran anschließenden Kapitel wird das Land Indien betrachtet, wobei das Augenmerk nicht nur auf die Entstehung und innenpolitische Entwicklung gelegt werden soll, sondern auch auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung hin zum BRIC-Staat. Daran anknüpfend erfolgt die Anwendung der Theorien auf das Fallbeispiel Indien, indem die wirtschaftlichen Indizes angewendet werden, um so zu klären, ob die Entwicklung und Stabilisierung der Demokratie in Indien anhand ökonomischer Faktoren nachvollziehbar ist. Anschließend soll im Fazit eine kurze Zusammenfassung sowie eine Synthese und Analyse der Beobachtungen erfolgen, die mit einer Bewertung des Fallbeispiels einhergehen.

1. Definition und Abgrenzung von Demokratien und autoritären Regimen

Der Begriff Demokratie leitet sich von den griechischen Wörtern demos (Volk) sowie kratein (herrschen) ab und bildet im Gegensatz zu anderen Herrschaftsformen eine Herrschaft der Mehrheit. Die demokratische Herrschaft gründet sich auf dem Prinzip der Volkssouveränität sowie der politischen Gleichheit aller (Vgl. Schultze 2007: 64). Hierbei sind das Geschlecht, die Rasse und die Konfession unerheblich.

Die demokratische Herrschaft ist an bürgerliche Grundrechte und an rechtsstaatlichen Schutz des einzelnen vor staatlicher Willkür gekoppelt (Vgl. Schultze 2007: 64). Die Demokratie muss also die Grundrechte auf Vereinigungs-, Informations- und Kommunikationsfreiheit bezüglich der freien Formulierung politischer Präferenzen erlauben (Vgl. Linz 2009: 12). Weiterhin müssen in einem demokratischen System freie Wettbewerbe in regelmäßigen Abständen stattfinden, in denen die politische Elite bemüht ist, ohne Anwendung von Gewalt den Anspruch zu regieren bestätigt zu lassen. Dabei ist kein politisches Amt vom Wettbewerb ausgeschlossen „und die Mitglieder der politischen Gemeinschaft werden nicht gewaltsam an der Äußerung ihrer Präferenzen gehindert“ (Vgl. Linz 2009: 12).

Die Bedingung des regelmäßigen Wettbewerbs schließt per definitionem bereits alle anderen Systeme aus, in denen die Regierenden zwar auf Grundlage freier Wahlen die Macht erlangten, diese jedoch nicht mehr abgeben. Weiterhin schließt die Bedingung, dass jedes politische Amt direkt oder indirekt von Wahlen abhängig ist, nach Linz alle Systeme aus, in denen traditionelle Herrscher ihre Macht alleine durch Vererbung erlangen (Vgl. Linz 2009: 12-13).

Grundlegend [...] ist ein breites Spektrum politischer Freiheiten, die auch die Rechte von Minderheiten gewährleisten, sowie das Recht, sich zu organisieren und auf friedliche Art und Weise um die Unterstützung des Volkes zu kämpfen (Linz 2009: S. 13).

Das politische System autoritärer Regime grenzt sich von Demokratien und totalitären Systemen ab. Es handelt sich hierbei um ein politisches System, dass „einen begrenzten, nicht verantwortlichen politischen Pluralismus“ (Linz 2009: 129) aufweist, keine leitende Ideologie, sondern eine ausgeprägte Mentalität besitzt und in denen keine politische Mobilität stattfindet (Vgl. Linz 2009: 129). Hierbei wird die Macht meist durch einen Führer oder eine kleine Gruppe ausgeübt. Dabei ist die Macht formal kaum, aber in recht vorhersagbaren Grenzen definiert (Vgl. Linz 2009: 129).

[Autoritäre Regime] [...] verhindern – auch mit Gewalt – die politische Artikulation bestimmter Gruppeninteressen (Linz 2009: 130).

Das herausragende Moment bei autoritären Regimen ist der begrenzte Pluralismus. Im Gegensatz dazu findet man in Demokratien nahezu unbegrenzten Pluralismus vor (Vgl. Linz 2009: 131). Hierbei kann die Begrenzung des Pluralismus de jure oder de facto sein und mehr oder weniger effektiv durchgesetzt worden sein. Betroffen sind dabei ganze politische Gruppen oder die Begrenzung kann auf Interessengruppen ausgeweitet werden. Die politischen Eliten bzw. Herrscher legen dabei fest unter welchen Bedingungen Gruppen erlaubt sind (Vgl. Linz 2009: 131). Dies führt wiederum zu einer Semi- oder Pseudoopposition innerhalb des Regimes, wobei nicht das Regime in Frage gestellt, sondern nur teilweise Kritik geübt wird. Sie sind auch grundsätzlich bereit an der Macht teilzuhaben. Gleichsam kann diese Semiopposition jedoch schnell zu einer illegalen Opposition[1] werden.

Autoritäre Regime entstehen, laut Linz, aus der Krise und dem Zusammenbruch von demokratischen Systemen und sind somit ein eigenständiger Systemtypus zwischen Demokratien und totalitären Systemen. Gleichzeitig unterscheidet sich ein autoritäres System deutlich von einer Diktatur, weshalb in dieser Arbeit anstelle des Begriffs „Diktatur“ von autoritären Regimen gesprochen wird.

2. Die ökonomischen Theorien der Demokratisierung

2.1 Die klassische Modernisierungstheorie

Die meisten Versuche Demokratie durch ökonomische Faktoren zu erklären, fallen unter den Begriff der Modernisierungstheorie. Die klassische Modernisierungstheorie argumentiert damit, dass jede Gesellschaft die gleichen ökonomischen Entwicklungen durchmacht (Vgl. Clark et al. 2009: 170). Hierbei steht die Idee im Vordergrund, dass sich Länder aus traditionellen in moderne Gesellschaften entwickeln und dabei eine autoritäre Regierungsform[2] in eine demokratische wandelt. Die traditionelle Gesellschaft ist durch eine große Landwirtschaft, gering ausgeprägte Industrie sowie geringe Dienstleistungen geprägt[3]. Diese Gesellschaften wachsen und werden mit der Zeit modern. Dabei findet die Charakterisierung durch einen kleinen landwirtschaftlichen Sektor, einem großen Industriesektor sowie hohem Grad an Dienstleistungen statt (Vgl. Clark et al. 2009: 170). Einhergehend steigt die Urbanisierung, höhere Bildung und eine komplexere Sozialisierung (Vgl. Clark et al. 2009: 170).

Dieser überwiegend ökonomischen Idee nahmen sich viele Politikwissenschaftler, u. a. Seymour Martin Lipset, an. Sie behaupteten, dass die Transformation einer Gesellschaft von traditionell zu modern eine adäquate Regierungsform mit sich bringen muss (Vgl. Clark et al. 2009: 170). Hierbei wird davon ausgegangen, dass autoritäre Regierungsformen in unterentwickelten Staaten aufrechtzuerhalten sind, in entwickelten hingegen nicht (Vgl. Clark et al. 2009: 170). Prezworski et al. haben die Modernisierungstheorie wie folgt zusammengefasst:

As a country develops, its social structure becomes complex, new groups emerge and organize, labor processes require the active cooperation of employees, and, as a result, the system can no longer be effectively run by command: The society is too complex, technological change endows the direct producers with autonomy and private information, civil society emerges, and dictorial forms of control lose their effetivness. Various groups, whether the bourgeoisie, workers, or just the amorphous „civil society“, rise against the dictatorial regime, and it falls.

Somit ist die Demokratie eine „Absonderung“ von autoritären Regimen durch ökonomische Entwicklung (Vgl. Clark et al. 2009: 171). Lipset argumentiert weiter, dass die Modernisierungstheorie ebenso besagt, dass Demokratie in entwickelten Staaten eher überlebt, als in unterentwickelten Staaten (Vgl. Clark et al. 2009: 171). Insgesamt würde die Modernisierungstheorie somit nicht nur das Entstehen von Demokratien erklären, sondern auch das Überleben bzw. die Stabilisierung dieses Systemtyps.

Die klassische Modernisierungstheorie war jedoch nicht unproblematisch. Sie besagt schließlich, dass wenn ein Land als modern gilt und sich entwickelt hat, letztendlich so aussehen müsste wie die USA oder West-Europa (Vgl. Clark et al. 2009: 171). Es müsste lediglich eine ökonomische Entwicklung stattfinden.

Die zentrale Aussage der klassischen Modernisierungstheorie ist somit, dass eine Verbindung, zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und dem Vorhandensein einer Demokratie, besteht. In der Forschung wird diese wirtschaftliche Entwicklung mit dem Wohlstand eines Landes gemessen, wobei hierfür der GDP per capita bzw. BIP pro Kopf[4] genutzt wird. Clark et al. entnahmen ihren Messergebnissen, dass ein Land tatsächlich eher zu einer Demokratie neigt, wenn der Wohlstand hoch ist, als wenn er niedrig wäre[5]. So sind nach Clark et al. alle Länder mit einem GDP per capita über $8000 Demokratien, während lediglich 12% der Länder mit einem GDP per capita unter $1500 demokratisch sind, was bedeutet, dass 88% autoritäre Staaten wären.

Dies zeigt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Wohlstand und Demokratie gibt, nicht jedoch, dass durch Wohlstand die Entstehung von Demokratien wirklich begünstigt wird. So kann Abbildung 2 im Anhang auch ein anderes Modell erklären, nämlich die Survival Story.

2.2 Przeworskis „Survival Story“

Przeworskis Survival Story nach unterstützt steigender Wohlstand das Überleben von Demokratien, hat jedoch keinen Einfluss darauf ob ein Land eine Demokratie wird (Clark et al. 2009: 173 – 174). Er argumentiert, dass die Entscheidung ob Demokratie oder autoritäres Regime, einzig darauf basiert welche Ergebnisse man als Akteur erwartet. Hierbei beschreibt er eine Demokratie als ein System mit moderatem Konsum, während man in einem autoritären Regime alles gewinnen oder alles verlieren kann (Clark et al. 2009: 174). Es wird dabei von einem Standpunkt ausgegangen, dass die Akteure sich bereits in einer Demokratie befinden. Somit wird der Prozess, wie eine Demokratie entsteht, vernachlässigt, da man davon ausgehen muss es nicht zu wissen. Wenn sich der Akteur allerdings in einer bereits bestehenden Demokratie befindet, neigt er dazu, mit steigendem Wohlstand, auch in einer zu bleiben.

Boix und Strokes haben 2003 die Ergebnisse der klassischen Modernisierungstheorie und der Survival Story zusammengefasst. Sie erstellten ein Diagramm, das die Wechsel zu Demokratien und autoritären Regimen mit steigendem Wohlstand verdeutlicht[6]. Diesen Ergebnissen nach zu urteilen, sinkt nach der Modernisierungstheorie die Wahrscheinlichkeit eines Wechsels zu autoritären Regimen mit steigendem Wohlstand, während der Wechsel hin zu einer Demokratie zunimmt. Bei der Survival Story hingegen bleibt die Wahrscheinlichkeit eines Wechsels zur Demokratie gleich, sie wird eher stabilisiert. Die Wahrscheinlichkeit eines Wechsels zu einem autoritären Regime nimmt hingegen ab.[7]

Die Möglichkeit eines Regimewechsels lässt sich für bestimmte Werte des Wohlstandes folgendermaßen berechnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gleichung besagt, dass die Möglichkeit eines Regimewechsels zu einem bestimmten Level des Wohlstandes, gleich der Anzahl der Wechsel zu diesem Wohlstandslevel geteilt durch die Anzahl der Länderjahre des Wohlstandlevels ist.

Das dritte Modell stellt eine Erweiterung der klassischen Modernisierungstheorie dar, die Carles Boix 2006 veröffentlichte.

2.3 Das Demokratisierungsmodell nach Boix

Boix verfolgt einen etwas anderen Weg, um die Entstehung von Demokratie zu erklären, nähert sich dabei allerdings der klassischen Modernisierungstheorie an. Er entwickelt ein Kausalmodell, nach dem es zwei Bedingungen gibt, nach denen das demokratische Spiel gespielt werden kann. Dies sind Gleichheit, also eine Gleichverteilung des Wohlstandes und mobiles Kapital.

Boix argumentiert, dass Demokratie nur möglich ist, wenn Wähler und ihre Repräsentanten unter relativ gleichen Verhältnissen leben (Vgl. Boix 2006: 3). Sollte hingegen soziale oder ökonomische Ungleichheit herrschen – was der Fall wäre, wenn einige wenige den meisten Wohlstand haben – werden diese ein autoritäres Regime bevorzugen um die Mehrheit davon abzuhalten, hohe Steuern zu erheben.

[...]


[1] Eine illegale Opposition hat nach Linz die Hoffnung auf Transformation des Regimes von innen heraus aufgegeben und entspringt der Semiopposition.

[2] Clark et al. nutzen das Wort „dictatorship“. Da eine Diktatur jedoch per Definition eine zeitlich begrenzte Amtsübernahme des Militärs ist, verwendet der Autor den Begriff „autoritäres Regime“.

[3] Siehe auch Abbildung 1 im Anhang.

[4] Das Bruttoinlandsprodukt bzw. Gross Domestic Product (GDP) kann, aufgrund nominaler Wechselkurse, problematisch sein. Alternativ kann man auch den PPP bzw. Big-Mac-Index zur Berechnung der Kaufkraftparietät nutzen. Der Autor nutzt der Einfachheit halber jedoch den GDP per capita.

[5] Siehe Abbildung 2 im Anhang.

[6] Siehe Abbildung 3 im Anhang.

[7] Siehe auch Tabelle 1 im Anhang.

[8] Nach Clark et al. Übersetzt von Mehran Zolfagharieh.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640951253
ISBN (Buch)
9783640951468
DOI
10.3239/9783640951253
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174580
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Indien Demokratie Postkolonial Zolfagharieh Theorie Entstehung Survival Story Carles Boix Lipset Przeworski Vergleichende Politikwissenschaft Demokratieforschung

Autor

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Titel: Indien: Postkoloniale Demokratie