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Redewendungen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache

Probleme der Auswahl und Vermittlung. Literaturüberblick und praktische Hinweise

Fachbuch 2011 106 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I.Theoretischer Teil
1.Zum Begriff „Sprache“
1.1 Die Entstehung der Sprache
1.2 Zur Definition von „Sprache“
1.3 Sprache und Gesellschaft
1.4 Das Wort als lexikalische Einheit
2.Redewendungen als Bestandteil der Sprache
2.1.Definition fester Wortverbindungen
2.2.Einteilung von Redewendungen
2.3.Lernziele bei der Vermittlung landeskundlicher Themen in Verbindung mit Phraseologismen
2.4.Probleme bei der Arbeit mit Phraseologismen
2.5.Methodisch-didaktische Umsetzungsmöglichkeiten von Redewendungen im FSU
3.Zum Begriff „Landeskunde“
3.1 Definition der Landeskunde und der Kulturkunde
3.1.1 Landeskunde im kommunikativen und interkulturellen Ansatz
3.2 Landeskunde im FSU
3.3 Landeskundliche Kompetenz im FSU
4.Zum Begriff „lexikalische Kompetenz“
4.1.Definition der Sprachkompetenz
4.2.Lexikalische Kompetenz
4.3.Die Rolle der lexikalischen Kompetenz beim Fremdsprachen-lernen
4.4 Wortschatzarbeit und Bedeutungsvermittlung im FSU

II.Praktischer Teil
1.Die erste Unterrichtsstunde
2.1.Didaktisch-methodische Vorüberlegungen
2.2 Ablaufskizze zur ersten Stunde
3.Die zweite Unterrichtsstunde
4.Die dritte Unterrichtsstunde

Verwendete Abkürzungen

Bibliographie

Einleitung

Sprache und Kultur, sprachliche und kulturelle Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Eine globalisierte Welt erfordert kommunikative, interkulturelle Kompetenz. Um in der Fremdsprache erfolgreich kommunizieren zu können, ist es nötig, eine zunächst fremde Kultur in ihren vielen, auch nichtsprachlichen Facetten zu kennen. Der in der Schule organisierte Fremdsprachenunterricht kann einen guten Teil hierzu beitragen, wenn er versucht, mit Hilfe der sprachlichen wie außersprachlichen Gemeinsamkeiten, Parallelen wie aus den Besonderheiten, den Verschiedenheiten von Sprache und Kultur für das „Fremde” zu sensibilisieren und es so auf längere Sicht weniger „fremd” aussehen zu lassen. Dies gilt in gewissem Sinn auch für den Bereich „Deutsch als Zweitsprache“, also den Deutschunterricht für Menschen mit „Migrationshintergrund“ auf jeder Altersstufe.

Im ersten Kapitel wird ein Bogen geschlagen von Platon über Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt bis zu neuesten Annahmen über die Entstehung und die Rolle der Sprache in der menschlichen Entwicklung. Die moderne Sprachforschung beginnt in Deutschland mit Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt, dessen Einfluss bis zu den neueren (Noam Chomsky) und neuesten Theorien fortdauert. Dabei wird ausgegangen von der Frage nach der Entstehung von Sprache und ihrer gesellschaftlichen Funktion. Dass eine „Ursprache” rekonstruiert werden kann, wird dabei von den heutigen Sprachforsch ern größtenteils verneint.

Menschliche Sprache, auch dies ist festzuhalten, unterscheidet sich von tierischer Kommunikation unter anderem durch ihr kulturelles, kreatives Potential. Das wird an verschiedenen Beispielen von Versuchen zur Definition von „Sprache” gezeigt.

Im 2. Kapitel geht es um Redewendungen und in geringerem Umfang um Sprichwörter. Zunächst wird die Schwierigkeit, die „Redewendung” genau zu definieren, gezeigt. Es wird dargelegt, nach welchen Kriterien Redewendungen beschrieben und eingeteilt werden können und versuch t, Lernziele bei der Behandlung von Phraseologismen zu bestimmen. Dabei stellt sich heraus, dass Redewendungen zu behandeln nicht nur zur Vermittlung der traditionellen vier Fertigkeiten (im Fremdsprachenunterricht), also Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben geeignet sind, sondern auch in einem weiteren Sinn zur Förderung (inter-) kultureller Lernziele dienen können.

Dies wird im 3. und 4. Kapitel genauer darzustellen versucht .

Das 3. Kapitel ist dem Thema Landeskunde gewidmet. Nach einem kurzen Überblick über bestimmte historische Entwicklungen und Überlegungen, was Landeskunde eigentlich ist und wozu sie im Fremdsprachenunterricht nützlich sein kann, werden dargestellt neue und neueste Überlegungen zur kommunikativen und interkulturellen Kompetenz und aufgezeigt , wie in diesen Konzepten die Rolle der Landeskunde im Fremdsprachenunterricht gesehen wird. Fremdsprachliche Kompetenz bedeutet dabei immer auch kulturelle Kompetenz in Bezug auf eine adäquate Kommunikation in der Fremdsprache.

Das 4. Kapitel geht näher auf diesen Punkt ein und fasst die wesentlichen Überlegungen des Vorangegangenen teilweise zusammen und versucht, im Bereich der Wortschatzarbeit neuere methodisch-didaktische Vorstellungen darzustellen. Dabei scheint sich herauszustellen, dass z.B. neue neurowissenschaftliche Erkenntnisse noch zu keinen systematischen Überlegungen im Bereich Methodik-Didaktik der Wortschatzarbeit geführt haben. Alle bisherigen methodisch-didaktischen Reflexionen bieten jedoch durchaus Möglichkeiten an, Wortschatzarbeit mit der Vermittlung

(inter-) kultureller Kompetenzen zu verbinden.

Am Ende der Arbeit werden drei Unterrichtsskizzen mit Lernzielen für die drei dargestellten Stunden vorgelegt. Die benötigten Materialien sind mit Hilfe des ausführlichen Literaturverzeichnisses leicht aufzufinden.

I. Theoretischer Teil

1. Zum Begriff „Sprache“

1.1 Die Entstehung der Sprache

„Über die Entstehung der Sprache wissen wir - streng genommen - nichts” (G. F. Meier, B. Meier, 1979: 17).

Im Jahre 2009 scheint das Problem zwar nicht gelöst, aber verschoben.

Florian Hildebrand (2009: 5) sagt: „Die Sprachwissenschaft: abgehängt. Die geisteswissenschaftliche Sprachwissenschaft hat sich aus der Suche nach dem Ursprung der Sprache heute dezent zurückgezogen. Was die Naturwissenschaften inzwischen - bei aller Vorläufigkeit - leisten, übersteigt alles, was die literarische Sprachforschung dazu beitragen könnte. Mehr als theoretische Ansätze, wie Sprache entstanden sein könnte, haben die Linguisten nicht. Beweise bleiben sie schuldig”.

Dabei gibt es eine solche Forschung seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden. Die Frage nach der „Ursprache” wurde nach Herodot schon von einem ägyptischen König gestellt und experimentell erforscht (vgl. Herodot, 1911: 2). Den wahrscheinlich ersten europäischen Beleg für eine wissenschaftliche Behandlung dessen, was Sprache ist oder bewerkstelligen soll – und in gewisser Weise auch wie sie entstanden ist – findet sich in dem „Kratylos“-Dialog Platons. Er trägt sozusagen als Inhaltsangabe den Untertitel: ‚oder: Von der Richtigkeit der Benennungen‘. Die Gesprächspartner Kratylos und Hermogenes entwickeln unterschiedliche Auffassungen über „Benennungen“: Gibt es Benennungen von Natur aus oder gibt es sie durch Übereinkunft? Sokrates wird als eine Art philosophischer Schiedsrichter hinzugezogen. Hermogenes stellt die Ausgangsfrage: „Kratylos hier, o Sokrates, behauptet, jegliches Ding habe seine von Natur ihm zukommende richtige Benennung (Wort, Name), und nicht das sei ein Name (Benennung, Wort), wie einige unter sich ausgemacht haben etwas zu nennen, indem sie es mit einem Teil ihrer besonderen Sprache anrufen; sondern es gebe eine natürliche Richtigkeit der Wörter (Worte), für Hellenen (Griechen, v. K.) und Barbaren (Ausländer) insgesamt die nämliche.“ Platon, Phaidon, Das Gastmahl, Kratylos, (griechisch-deutsch, Übersetzung Friedrich Schleiermacher), Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, (‚Kratylos‘ S. 395 – 440, hier S. 397). Kratylos behauptet also, dass jedes Ding von Natur aus seinen richtigen Namen hat. Hermogenes dagegen meint, die Bezeichnung eines Begriffs komme durch gesellschaftliche Übereinkunft zustande und sei dadurch richtig: Hermogenes: „Ich … kann mich nicht überzeugen, daß es eine andere Richtigkeit der Worte gibt, als die sich auf Vertrag und Übereinkunft gründet. … Denn kein Name eines Dinges gehört ihm von Natur, sondern durch Anordnung und Gewohnheit derer, welche die Wörter zur Gewohnheit machen und gebrauchen.“ (399, 401) Kratylos, der erst spät zu Worte kommt, argumentiert, Wörter oder ganze Sätze könnten wahr oder falsch sein, ihre richtige Bedeutung erkenne man an der Wahrheit einer Formulierung, einer Aussage. Sokrates entwickelt gegenüber seinen beiden Gesprächsteilnehmern folgenden Standpunkt: Man muss die Wirklichkeit bereits kennen, bevor man die Richtigkeit einer Aussage in Bezug auf sie behaupten kann. Begriffe können nur bezeichnen, was bekannt ist. Sprachliche Erscheinungen (Töne, Buchstaben, Laute) sind ohne diese Bedingung sinnlos. Aber auch gesellschaftliche Konventionen – die „vertraglichen Übereinkünfte“ des Hermogenes sind nicht zufällig zustande gekommen. Auch sie können eine zeichenhafte Entsprechung haben, die die „Namensgebung“ für sie beeinflusst haben könnte. Allerdings zeigt Sokrates (Platon) einen Ausweg aus diesem „Dilemma“: Nicht der Name, sondern das Wesen der Dinge (aletheia, eidos) ist Grundlage der richtigen Erkenntnis. (Schleiermacher übersetzt „Wesen der Dinge“ – eidos - , im Original steht „aletheia“ – „Wirklichkeit, Wahrheit“).

Die hier aufgezeigte Problemstellung hat im 20. Jahrhundert die Sprachwissenschaft erneut beschäftigt. . Ferdinand de Saussure vertritt, wenn man so will, die These des Hermogenes: Sprachliche Zeichen beruhen auf Konventionen der - einer – Gesellschaft, sie sind arbiträr. Dabei kann das Bezeichnende („signifiant“, de Saussure) durchaus Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten („signifie“) haben („Cours de linguistique générale“ 1916). Aber auch in unterschiedlichen Sprachen kann das Gemeinsame erscheinen: Der bulgarische Hund sagt „bao, bao“, der deutsche „wau, wau“, und die Kühe „muuuhen“ auch in beiden Sprachen. Auch „ikonographische“ Ähnlichkeiten finden sich im Bereich der Morphologie (Wort- und Satzstrukturen). Auch die Metapher kann als „ikonographisch“ bezeichnet werden, die Ikonizität (der Metapher) zeigt, nach Roland Barthes (Mythen des Alltags, Suhrkamp Frankfurt am Main 1963) hinter ihrem Oberflächen-Sinn ihre eigentliche, natürliche Herkunft. Das tatsächliche Verhalten oder Ereignis, das der Metapher irgendwann einmal zugrunde gelegen haben mag, verwandelt sich in das „Bild“, in dem es verändert, aber erkennbar, erscheint. Diese Mutation des natürlichen in das metaphorische gibt aber nicht „die Wahrheit“ wieder, sondern eine solche, die auf gesellschaftlicher Übereinkunft, eben der Arbitrizität beruht.

Der heutigen Situation und Fragestellung ist – nach Herder und Goethe - näher ge kommen Wilhelm v. Humboldt, auf den sich neuere Sprachforscher wie z.B. Noam Chomsky beziehen.

Johann Gottfried Herder beantwortet die Frage nach dem Ursprung der Sprache doppelt im Sinne der Aufklärung: Woher hat der Mensch als Gattung die Sprache? Wie erwirbt der Einzelne (seine) Sprache?

Im Gegensatz zur damaligen christlichen Auffassung (‘die Sprache kommt von Gott') behauptet Johann Gottfried Herder (1985: 736) ihre menschliche Herkunft: „(...) der Mensch erfand sich selbst Sprache! - aus Tönen lebender Natur! - zu Merkmalen seines herrschenden Verstandes! – (...) Bau, und Grundriß, ja selbst der erste Grundstein dieses Pallasts verrät Menschheit!” Herder formuliert metaphorisch: Die Sprache als Bau, als Palast. „Sprache“ wird als Gebäude gesehen. Ein Gebäude ist allmählich entstanden, wird im Lauf der Zeit verändert. Mancher sah im 19. Jahrhundert die Sprache als lebendigen Organismus, der entsteht, wächst und wieder abstirbt. Herder ist es wichtiger, den Unterschied von menschlicher zu tierischer „Sprache“ herauszuarbeiten. Denn vordergründig haben diese etwas gemeinsam: die Stimme und das Geräusch, das mit Hilfe bestimmter Organe (Sprechwerkzeuge) produziert wird. Es ist aber nicht das „Sprechen“, das den Unterschied von Mensch und Tier bestimmt; hinter menschlicher Sprache liegt der „Geist“, das Bewusstsein, das die Dinge auf den Begriff bringt, sie benennt, begreift und somit Kategorien, übergeordnete Begriffe schafft. Darin ist der Unterschied des Menschen zum Tier zu sehen. Allerdings ist der Mensch auch noch ein Tier: „Schon als Thier, hat der Mensch Sprache.“ (Herder, 697). Tiere kommunizieren über Töne, aber diese Naturtöne sind nicht dasselbe wie die Sprache der Menschen. „Sie sind nicht die eigentlichen Wurzeln, aber die Säfte, die die Wurzeln der Sprache beleben“ (701). Was den Menschen in Wirklichkeit vom Tier unterscheidet, ist eine besondere Eigenschaft, die nur der Mensch, nicht das Tier, kennt. Herder nennt diese Eigenschaft „Besonnenheit“, die Fähigkeit zur Reflexion, zur Kategorienbildung, die Möglichkeit verschiedener Perspektiven auf denselben Gegenstand. Er schreibt:

„Der Mensch in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei würkend, hat Sprache erfunden. Denn was ist Reflexion? Was ist Sprache?

Diese Besonnenheit ist ihm charakteristisch eigen, und seiner Gattung wesentlich: so auch Sprache und eigne Erfindung der Sprache.

Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich, als er ein Mensch ist!

Der Mensch beweiset Reflexion (…), wenn er nicht bloß alle Eigenschaften, lebhaft oder klar erkennen; sondern eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaften bei sich anerkennen kann: der erste Aktus dieser Anerkenntnis giebt deutlichen Begriff; es ist das Erste Urteil der Seele – und –

Wodurch geschahe die Anerkennung? Durch ein Merkmal, was er absondern mußte, und was, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. (…) Dies Erste Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden.“ ( Herder, Johann Gottfried, Abhandlung über den Ursprung der Sprache, 1772, in: Frühe Schriften 1764 – 1772, Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1985: 722 773)

Herder zeigt an verschiedenen Beispielen, wie der Mensch aus der Betrachtung der Tierwelt lernt zu kategorisieren, mit Hilfe der Reflexion Begriffe bildet. Aus vielen Schafen wird so das Schaf, indem der Mensch die gemeinsamen Merkmale aller Schafe (Herder wählt als Beispiel das „Blöcken“ des Schafes, genauer den Schall) herausstellt. „Er erkannte das Schaf am Blöcken; es war gefaßtes Zeichen, bei welchem sich die Seele an eine Idee deutlich besann – Was ist das anders als Wort? Und was ist die ganze menschliche Sprache, als eine Sammlung solcher Worte?“ ( Herder, 724) In Herders Beispiel vom blökenden Schaf wird dies sichtbar: des Menschen „Seele hat gleichsam in ihrem Inwendigen geblöckt, da sie diesen Schall zum Erinnerungszeichen wählte, und wiedergeblöckt, da sie ihn daran erkannte – die Sprache ist erfunden! eben so natürlich und dem Menschen notwendig erfunden, als der Mensch ein Mensch war.“ (724) Und weiter: „Ich kann nicht den ersten menschlichen Gedanken denken, nicht das erste besonnene Urteil reihen, ohne daß ich in meiner Seele dialogiere, oder zu dialogieren strebe; der erste menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit anderen dialogieren zu können! Das erste Merkmal, was ich erfasse, ist Merkwort für mich, und Mitteilungswort für andre!"

Herder sieht den wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier darin, dass der Mensch nicht mehr wie das Tier instinktgebunden ist. Primat hat für den Menschen die „denkende Kraft“. Diese unterscheidet er von „Sinnlichkeit und Trieben“ (718). Er verwendet den neuen Begriff der „Besonnenheit das ist die Mäßigung aller seiner Kräfte auf diese Hauptrichtung“ (720). „Es ist ‚die Einzige positive Kraft des Denkens, die mit einer gewissen Organisation des Körpers verbunden bei den Menschen so Vernunft heißt, wie sie bei den Tieren Kunstfähigkeit wird: die bei ihm Freiheit heißt, und bei den Tieren Instinkt wird.‘“ (717). Der Mensch ist – anders als die Tiere – von der Natur eben nicht mit einer instinktgebundenen „Sprache“ ausgestattet. Dem Menschen fehlt es geradezu an Instinkt, - zumindest ist das Instinktive im Menschen fast ganz zurückgedrängt, und hier ist der Mensch dem Tier unterlegen. Dagegen aber hat der Mensch an „Vernunft“ gewonnen. Herder verwendet außerdem die Begriffe Verstand, Besinnung, und kommt im Fortgang seiner Überlegungen schließlich wie gesagt zum Begriff der „Besonnenheit“ (719). „Wenn der Mensch kein instinktmäßiges Tier sein sollte, er vermöge der freierwürkenden positiven Kraft seiner Seele ein besonnenes Geschöpf sein mußte. - - - (…) Ist nemlich die Vernunft keine abgeteilte, einzelnwürkende Kraft, sondern seiner Gattung eigne Richtung aller Kräfte: so muß der Mensch sie im ersten Zustande haben, da er Mensch ist. Im ersten Gedanken des Kindes muß sich diese Besonnenheit zeigen, wie bei dem Insekt, daß es Insekt war.“ (719) Der Mensch kann also gar nicht partiell vernünftig oder unvernünftig sein: die Vernunft ist die zugrunde liegende Eigenschaft des Menschen, sie ist - weitgehend - an die Stelle der Instinkte getreten, das aber bedeutet die (Möglichkeit zur) Freiheit und zugleich die Notwendigkeit, Sprache zu entwickeln.

Johann Wolfgang Goethe, intellektuell unterforderter Jurastudent in Straßburg, lernt Herder im Herbst 1770 kennen, als der sich einer Augenoperation bei einem berühmten Anatomen der Universität von Straßburg unterziehen will. Obwohl erst 26 Jahre alt (Goethe war 21), war der Theologe Herder auf Grund verschiedener Publikationen bereits ein berühmter Mann. Während seines Aufenthaltes, nach der schließlich missglückten Operation, war Herder gezwungen, sich in verdunkelten Räumen aufzuhalten, man konnte ihn besuchen, er diese Besuche aber nicht erwidern. Goethe besuchte ihn beinah tagtäglich und diskutierte mit ihm unter anderem seine „Abhandlung über die Sprache“, die Herder während seiner Kur niederschrieb. Goethe sagt in „Dichtung und Wahrheit“ dass er sich mit den dort abgehandelten Problemen noch nie beschäftigt hatte und höchstens ganz allgemein die üblichen herrschenden Meinungen kannte. Goethe schreibt: „Ich hatte über solche Gegenstände (den Ursprung der Sprache, v. K.) niemals nachgedacht… Auch schien mir die Frage einigermaßen müßig: denn wenn Gott den Menschen als Menschen erschaffen hatte, so war ihm ja so gut die Sprache als der aufrechte Gang anerschaffen; … war der Mensch göttlichen Ursprungs, so war es ja auch die Sprache selbst, und war der Mensch, in dem Umkreis der Natur betrachtet, ein natürliches Wesen, so war die Sprache gleichfalls natürlich. Diese beiden Dinge konnte ich wie Seel‘ und Leib niemals auseinander bringen….Herders Abhandlung ging darauf hinaus, zu zeigen, wie der Mensch als Mensch wohl aus eignen Kräften zu einer Sprache gelangen könne und müsse.“ (Goethe, Dichtung und Wahrheit, Zweiter Teil, 10. Buch, Hamburger Ausgabe Band 9, dtv München 1994: 406)

Hier – und bei W. v. Humboldt - wird im zwanzigsten Jahrhundert die amerikanische Sprachforschung wieder anknüpfen: Was ist dem Menschen angeboren; die Sprachfähigkeit generell, nicht die einzelne Sprache, die Überlegungen zu „Kompetenz versus Performanz“; Sprache als Tätigkeit – Sprechakt - ; sogar die Frage nach der Ursprache entsteht neu, nachdem doch zuvor weitgehende Einigung darüber zu herrschen schien, dass diese Frage unsinnig sei, da wissenschaftlich nicht zu beantworten. (vgl. Trabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken C. H. Beck München 2006, besonders S. 230 ff und 284 ff).

Die Suche nach der Ursprache im Allgemeinen war für Herder zugleich die Möglichkeit zu einer Rekonstruktion der deutschen „Ursprache“ zu dem Zweck der Förderung der deutschen Nationalliteratur, ein Projekt, das von vielen Literaten und Philosophen in dieser Zeit verfolgt wurde. Da Deutschland politisch zerrissen und an eine (politische) Einigung nicht zu denken war, galt es, eine Nationalkultur zu etablieren und deren Ursprünge unter anderem in den frühesten Zeugnissen der deutschen Sprache/Literatur, den Volksmärchen, also der ältesten Oralliteratur, aufzuspüren.

Für Herder liegt es in der Natur der Sprache (jeder Sprache), sich zu ändern und weiterzuentwickeln. Jede Sprache repräsentiert ihre eigene Tradition, nämlich die aller derjenigen, die diese Sprache über die Jahrhunderte gesprochen und fortentwickelt haben und im Weiteren ist sie die Basis für alle, die sie heute und morgen sprechen und sie ihrerseits weiterentwickeln werden (hierzu später in dieser Arbeit, Stichwort Jugendsprache oder Metapher, Slogan).

Goethe sucht nach der persönlichen Anregung von Herder, in der Umgebung von Straßburg Märchen, die als ein Ausdruck der Volkssprache, also der einfachen Ursprache des Deutschen, angesehen werden, die Herder dann zum Teil in seine entsprechenden Sammlungen übernimmt. Goethe, fasziniert von Herders Ansatz, entwickelt in seiner weiteren Entwicklung innerhalb der Literatur und seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten das Konzept der "Urphänomene", den „Urformen“ und darin seine Gedanken zu den "Urworten" in Analogie zu seinen Überlegungen zur "Urpflanze", Gedanken, die er dann auch bewusst in seinen naturwissenschaftlichen Schriften zur Morphologie der Pflanzen einordnet (vgl. Goethe, HA - I, „Urworte-Orphisch“, 359-403 und X, „Glückliches Ereignis“ 538-542) Wobei die „Urworte“ nicht als die „ersten Worte“ einer Sprache zu denken sind, sondern als grundsätzliche menschliche Gedankengebäude, die „immer schon“, wenigstens aber historisch betrachtet bereits im antiken griechischen Denken aufzufinden waren. „Urworte, Orphisch“, zuerst abgedruckt in Goethes Zeitschrift „Über Kunst und Altertum“ (1820), aber nicht als „Gedichte“ angesehen, sondern in den Bereich Morphologie der Sprache eingeordnet. Gemeint ist die dichterische, „verdichtete“ „Beschreibung“ solcher Begriffe wie „Dämon“, „das Zufällige“, „Liebe“, „Nötigung“, „Hoffnung“, die er aus den orphischen Traditionen des antiken Griechenlands herleitet. Während seiner Italienischen Reise, also sehr viel früher als die Beschäftigung mit diesen Urworten, beschäftigt sich Goethe mit seiner Idee der Urpflanze. Dass solche Gedanken noch aus den früheren Begegnungen mit Herder herrühren, zeigt ein Brief, den Goethe am 17.5. 1787 von Neapel aus an Herder richtet:

„Ferner muß ich Dir vertrauen, daß ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und –organisation ganz nahe bin…Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt…Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen.“ (Goethe, Johann Wolfgang, Italienische Reise, HA 11, C. H. Beck, dtv, 2000: 323 f.) Der Begriff der „Urform“ wurde schon länger in der Biologie verwendet. „Form“ ist z. B. von Linné verstanden als Struktur, als Organisation. Goethe geht darüber hinaus, indem er „Pflanzen ins Unendliche erfinden“ zu können glaubt mit „diesem Schlüssel“. Mehr als bloße Struktur, sieht er in der Urform das schöpferische Prinzip eingebettet, ein „generatives Prinzip“, wie Chomsky formuliert (vgl. Chomsky, Noam, Cartesianische Linguistik, Max Niemeyer Verlag Tübingen 1971: 33). Es geht Goethe um ein allgemeines Prinzip, das nicht von Umweltbedingungen abhängig ist, sondern ein unveränderlicher Faktor in jedem Organismus. In seinem ersten intensiven Gespräch mit Schiller wird Goethe dann etwas pikiert auf dessen Kritik reagieren: Schiller hatte über die Urpflanze geäußert, dass es sich hier um eine reine (philosophische) Idee handele, worauf Goethe sinngemäß erwiderte, dass er es seltsam finde, eine Idee so konkret-natürlich vor sich sehen zu können. In seinem Bericht „Glückliches Ereignis“ (HA X, 538 ff) hat er diese Unterredung festgehalten. Glücklich ist vor allem der Umstand, dass Goethe dabei in Schiller seinen einzigen kongenialen Gesprächspartner in Weimar erkannt hat, mit den bekannten Folgen.

Wilhelm v. Humboldt formuliert in "Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus" (VI: 46): "Die Sprache ist gleichsam die äußere Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und der Geist ihre Sprache, man kann sich beide nicht identisch genug denken“. In seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten verfolgt Humboldt stets zwei Ziele gleichzeitig. Es geht ihm einerseits um empirisches: den Sprachvergleich; andererseits um die philosophische, erkenntnistheoretische Frage nach dem „Wesen“ der Sprache. Den Ursprungsgedanken verfolgt er dabei nur auf dieser Ebene. Die empirisch abgesicherten Versuche zur Rekonstruktion „der“, einer oder „den“ Ursprungssprachen lehnt er ab. Er hält diese Konstruktionsversuche für schlechte Wissenschaft, denn die unterstellten Sprachentstehungsprozesse sind nicht empirisch zu belegen, also nicht wissenschaftlich. Aber selbst wenn irgendwo bei primitiven Volksgruppen so etwas aufgefunden werden könnte, ist dies unerheblich. Die zu seiner Zeit aktuellen Sprachursprungstheorien unterstellen einen allmählichen Aufbau der Sprachen (in Grammatik, Lexik usw.). Dagegen meint Humboldt, dass es gar kein allmähliches Ausbauen der Sprache – und auch kein universelles Gesetz für einen solchen Prozess - geben kann:

„Es ist eine bemerkenswerthe Erscheinung, dass man wohl noch keine Sprache jenseits der Gränzlinie vollständigerer grammatischer Gestaltung gefunden, keine in dem flutenden Werden ihrer Formen überrascht hat. … Es kann auch die Sprache nicht anders, als auf einmal entstehen, oder um es genauer auszudrücken, sie muss in jedem Augenblick ihres Daseyns dasjenige besitzen, was sie zu einem Ganzen macht.“ (IV,3) (Daran knüpft dann Chomsky an mit seinen Universalien).

Und an anderer Stelle heißt es: „Die Sprache muss zwar, meiner vollesten Ueberzeugung nach, als unmittelbar in den Menschen gelegt angesehen werden; denn als Werk seines Verstandes in der Klarheit des Bewusstseyns ist sie durchaus unerklärbar. Es hilft nicht, zu ihrer Erfindung Jahrtausende und abermals Jahrtausende einzuräumen. Die Sprache liesse sich nicht erfinden, wenn nicht ihr Typus schon in dem menschlichen Verstande vorhanden wäre. … So natürlich die Annahme allmähliger Ausbildung der Sprachen ist, so konnte die Erfindung nur mit Einem Schlage geschehen. Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache; um aber die Sprache zu erfinden, müsste er schon Mensch seyn.“ (IV, 14ff ).

Humboldt geht in verschiedenen Punkten über Herder hinaus. Bei Herder „dialogisiert“ die einzelne (einsame) Seele zunächst und vor allem mit sich selbst, das kommunikative Problem, das „Mitteilungswort“ für andere, wird nicht sehr viel weiter verfolgt. Humboldt dagegen betont den kommunikativen Aspekt der Sprache. In seinem Aufsatz über den Dualis formuliert er:

„Schon das Denken ist wesentlich von Neigung zu gesellschaftlichem Daseyn begleitet, und der Mensch sehnt sich, abgesehen von allen körperlichen und Empfindungs-Beziehungen, auch zum Behuf seines blossen Denkens nach einem dem Ich entsprechenden Du, der Begriff scheint ihm erst seine Bestimmtheit und Gewissheit durch das Zurückstrahlen aus einer fremden Denkkraft zu erreichen.“ (VI, 26 f) Von hier kommt es zu zwei mit einander verknüpften Folgerungen, die bis heute weiter diskutiert werden. Zum einen leitet Humboldt aus dem Gesagten die Determiniertheit unseres Weltbildes aus der Sprache ab, zum zweiten sieht er dies nicht als Grenze unseres Denkens, sondern im Gegenteil als die Chance zu vermehrter Weltkenntnis durch das Studium der (Fremd-)Sprachen. Beide Gedanken führen letztlich im 20. Jahrhundert zu der Entwicklung der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese, wie zu Chomskys Generativismus und weiter zu dem, was in der aktuellen Fremdsprachenmethodik und –didaktik als Konzept des Interkulturellen Lernens erscheint. So heißt es bei Humboldt: „Durch denselben Act, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer andren hinübertritt. Die Erlernung einer fremden Sprache sollte daher die Gewinnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltansicht seyn und ist es in der That bis auf einen gewissen Grad, da jede Sprache das ganze Gewebe der Begriffe und die Vorstellungsweise eines Theils der Menschheit enthält. Nur weil man in eine fremde Sprache immer, mehr oder weniger, seine eigne Welt-, ja seine eigne Sprachansicht hinüberträgt, so wird dieser Erfolg nicht rein und vollständig empfunden.“ (VII 60).

Was liegt hier anderes vor als eine Begründung des Fremdsprachenlernens nicht nur zu einem äußerlich nützlichen Zweck (Fremdsprachenkenntnisse braucht man für den Beruf ), sondern viel weiter gedacht zur Erweiterung des eigenen Horizonts – wiederum nicht solipsistisch – sondern als eigentliche menschliche Aufgabe gesehen, den Anderen in sich selbst zu entdecken und das Andere in seiner Einzigartigkeit zu erkennen und anzuerkennen, also das, was im Interkulturellen Lernen gefordert wird: Ambiguitätstoleranz, Empathie, sich selber in Frage stellen können usw. Aber auch der Generativismus der „Chomsky-Schule“ findet hier eine ihrer Wurzeln:

Humboldt: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken.“(VII 53). Und an anderer Stelle: „Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. … Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energeia). … Sie ist nemlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen.“ (VII 46) Und etwas später: „Das in dieser Arbeit des Geistes, den articulierten Laut zum Gedankenausdruck zu erheben, liegende Beständige und Gleichförmige, so vollständig, als möglich, in seinem Zusammenhange aufgefasst und systematisch dargestellt, macht die Form der Sprache aus.“ (VII 46 f) Noam Chomsky sagt dazu: „Die Form der Sprache ist eine synthetische Struktur. …Die festgelegten Mechanismen, die in ihrer systematischen und vereinheitlichten Repräsentation die Form der Sprache konstituieren, müssen sie fähig machen, eine unbestimmte Fülle von Sprachereignissen zu produzieren, entsprechend den Bedingungen, die durch die Denkprozesse gestellt werden. Der Bereich der Sprache ist unendlich und unbegrenzt, ist ‚Inbegriff alles Denkbaren‘ (Humboldt). Noam Chomsky, Cartesianische Linguistik, 1971, 27,28)). Hier trifft sich Humboldt auch mit Goethe (siehe weiter vorn in dieser Arbeit.) Goethes Urform, von ihm selbst auf die Pflanze („Urpflanze“) angewendet, auf einen biologischen Organismus, der immer wieder Neues kreieren kann, wird übertragen auf die Sprache. Sie ist selbst ein solcher Organismus. Folglich muss die grundlegende Eigenschaft einer Sprache ihre Fähigkeit sein, ihre endlich spezifizierbaren Mechanismen für eine unbegrenzte und unvoraussagbare Fülle von Möglichkeiten zu nutzen. Chomsky zitiert wieder Humboldt: “Sie (die Sprache) muß daher von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch machen, und vermag dies durch die Identität der Gedanken und Sprache erzeugenden Kraft“ (Chomsky, Noam, 1971: 27 f)

Hier aber erscheinen auch die Grenzen der Möglichkeiten dieser Geistes- Arbeit, zugleich geht Humboldt hier weit über Herder hinaus: „Das Denken ist aber nicht bloss abhängig von der Sprache überhaupt, sondern, bis auf einen gewissen Grad, auch von jeder einzelnen bestimmten.“ (IV 21) Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des vergleichenden Sprachstudiums: „Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens, und des Wortes von einander leuchtet es klar ein, dass die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst. Hierin ist der Grund, und der letzte Zweck aller Sprachuntersuchung enthalten.“ (IV 27 f)

Der Gedanke, dass die Sprache Inhalt und Art des Denkens determiniert, wird wieder aufgenommen von dem Linguisten und Anthropologen Edward Sapir (1844 – 1939) und seinem Schüler Benjamin Lee Whorf (1897 – 1941). Sie stehen nach der heute herrschenden Meinung in der humboldtschen Tradition. Allerdings verschärfen oder vereinseitigen sie die oben zitierte Auffassung Humboldts von der Abhängigkeit des Denkens von der Sprache und ihrer Grammatik und ihren Wortschatz. Whorf schreibt (1963: 12): „Man fand, daß das linguistische System (mit anderen Worten, die Grammatik) jeder Sprache nicht nur ein reproduktives Instrument zum Ausdruck von Gedanken ist, sondern vielmehr selbst die Gedanken formt, Schema und Anleitung für die geistige Aktivität des Individuums ist, für die Analyse seiner Eindrücke und für die Synthese dessen, was ihm an Vorstellungen zur Verfügung steht. Die Formulierung von Gedanken ist kein unabhängiger Vorgang, der im alten Sinne dieses Wortes rational ist, sondern er ist beeinflußt von der jeweiligen Grammatik. Er ist daher für verschiedene Grammatiken mehr oder weniger verschieden”. Benjamin Lee Whorf sagt „weitgehend beeinflusst” und „obligatorisch” geformt. Die Ungenauigkeit der Aussage zeigt, dass die neuere Sprachwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert in Bezug auf die Frage der Entstehung der Sprache nicht viel weitergekommen ist. Diese Ungenauigkeiten führten dann zu der sogenannten „Sapir – Whorf – Hypothese“, die in ihrer strengen Formulierung von den beiden Forschern so wohl nicht selbst formuliert worden wäre. Der Linguist John Lyons stellt diese Hypothese so dar: ( # = Originalzitat Sapir ): „Wir sind, in allem unseren Denken und für immer #der bestimmten Sprache ausgeliefert, die Ausdrucksmedium für (unsere) Gesellschaft geworden ist# , weil wir nur #sehen und hören und auf andere Weise wahrnehmen können# in Form der Kategorien und Unterscheidungen, die in der Sprache kodiert sind; die in einem Sprachsystem enkodierten Unterscheidungen sind allein diesem System eigen und mit denen anderer Systeme nicht vereinbar.“ (Lyons, John, Die Sprache, C. H. Beck, München 1983: 270) Nach Lyons bevorzugt die heutige Sprachwissenschaft eher eine „weiche“ Form der Sapir-Whorf-Hypothese. Danach ist der Mensch nicht mehr völlig abhängig von Strukturen im Gehirn, die ihn sozusagen in einem sprachlich vermittelten Weltbild einmauern. Allerdings, so zeigen es verschiedene Experimente, dass die Struktur der Sprache das Wahrnehmungsvermögen und die Fähigkeiten zur Erinnerung ihrer Sprecher beeinflusst. Dass Sprache aber auch Kategorien und Muster des Denkens determiniere, wird heute eher kritisch gesehen. Als allgemeine Erkenntnis aus dieser Diskussion kann wohl formuliert werden (ganz im Sinne der älteren Auffassungen), dass Sprecher verschiedener Sprachen doch dieselbe Wahrnehmung ihrer Umgebung teilen und auch das konzeptionelle Denken (in den Konzepten von z. B. Raum und Zeit) ihnen gemeinsam ist. Unterhalb dieser allgemeinen Ebene ist aber dennoch nicht zu übersehen, dass viele Begriffe und „Weltanschauungen“ (Konzepte) kulturell determiniert sind und in verschiedenen Gesellschaften daher auch eine unterschiedliche Interpretation erhalten. Der Stellenwert von „Familie“ etwa oder auch, wer in einem bestimmten Kulturkreis zur „Familie“ gerechnet wird, kann erheblich differieren. Ähnlich verhält es sich mit Tabus, mit dem Begriff der „Ehre“ (erinnert sei an die „Ehrenmorde“, die in gewissen Kulturen für nötig gehalten und eben nicht als „ehrenrührig“ gelten.) Varianten in der Auffassung von „Pünktlichkeit“, aber auch allgemeinere Verhaltensweisen, die schon in benachbarten Gesellschaften wie denen von Frankreich und Deutschland auftreten, sind gesellschaftlich, kulturell determinierend, ohne dass diese Unterschiede sprachlich, durch Grammatik oder Lexik vorgegeben wären. Sprachen sind modifizierbar, sie sind erweiterungsfähig. Neue Begriffe gelten zunächst als fremde Worte, sie können sich aber „einbürgern“, siehe das Beispiel von der deutschen „Rechenmaschine“, die eines Tages zum „Computer“ mutierte, oder den Ausdruck von der „wilden Ehe“, der sich „ausgebürgert“ hat, weitgehend verschwunden ist aus dem Sprachgebrauch, der sich eben genau hier als von den gesellschaftlichen Vorgaben beeinflusst sieht. Nicht umsonst gibt es neben den „neuen“ Wörtern, die irgendwann durch Aufnahme in den „Duden“ für gesellschaftsfähig gehalten werden, auch die „Rote Liste der aussterbenden Wörter“.

Es ist bisher nicht gelungen, von der Kommunikation der Primaten eine gerade Linie zu der Sprache des Menschen zu ziehen, vielmehr gilt dieser Ansatz als überholt. Es ist auch nicht möglich, heutige Sprachen bis zum ersten gesprochenen Wort auf eine wie ferne Vergangenheit auch immer zurückzuführen. Solche Versuche enden immer bei der Analyse schon "fertiger", "vollständiger" Sprachen wie z.B. bei der Analyse althebräischer Stammwurzeln (vgl. Guy Deutscher, 2008: 197 ff.) oder dem Bemühen von Jacob und Wilhelm Grimm, in ihrem "Wörterbuch" "deutsche" Worte zum Teil aus ihrer Abstammung aus dem Sanskrit herzuleiten. Hinter solche schon "fertige" Sprachen scheint es nicht zurückzugehen.

Auch der kindliche Spracherwerb bildet kein Muster für den Ursprung der Sprache. Der Münchner Linguist Wulf Oesterreicher sagt (2009: 6) : "Man muss davon ausgehen, dass der kindliche Spracherwerb nicht den Sprachursprung repetieren kann, denn schon im Mutterleib nimmt das Kind Teil an kommunikativen Erfahrungen, die noch nicht sprachlich sind natürlich, aber es ist so, dass diese Kinder, sobald sie geboren sind und mit der Mutter unterwegs sind, sind sie ja in einem sprachlichen Bereich drin, die Mutter spricht die ganze Zeit, die erfinden ja die Sprache nicht noch mal. Insofern müsste man sagen, dass der kindliche Spracherwerb für die Ursprungssprache keine Hinweise geben kann im strengen Sinn." (Manuskript bayern2radio)

Es besteht aber weitgehende Übereinstimmung bei Sprach- und Kulturwissenschaften darin, dass die Evolution der Sprache und die Evolution des Menschen sich gegenseitig bedingen. Mit dieser Problematik hat sich u.a. Franciszek Grucza intensiv auseinandergesetzt. Er schreibt (2000: 22): „(…) Kultur ist etwas, was in der menschlichen Natur verwurzelt ist, oder noch besser: aus der menschlichen Natur resultiert“. Die Sprache also macht den Menschen zum Kulturwesen.

Der französische Altertumsforscher und Sprachwissenschaftler Jacques Hublin (2009: 2) sieht es ähnlich: „Wenn Sprache Information kommunizieren soll, bietet sie evolutionsbiologisch keinen Vorteil, denn die Information geht ja an andere Individuen, die Konkurrenten sein können. Deswegen dürfte die Sprache eher der sozialen Entwicklung gedient haben. Gruppen mit einer präzisen Sprache haben einen Vorteil gegenüber Gruppen, die eine nicht so komplexe Sprache benutzen. In dieser Hinsicht entwickelte sich die Sprache mit zur sozialen Organisation”.

Daraus kann gefolgert werden, dass Sprache dem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich seine Position im Gruppenverband zu sichern. Er kann in einem gegebenen sozialen Zusammenhang ein Netz von Beziehungen knüpfen. Dies gilt auch in Bezug auf die Umwelt. Die Herstellung von kompliziertem Werkzeug, die Organisation der Gruppe bei der Jagd erfordern sprachliche Kommunikation (wie auch bei Dunkelheit: Gebärdensprache ist dann sinnlos). So können zum Beispiel der Speerbau, das Anfertigen von Kleidung, Taktiken bei der Jagd nicht durch Gebärden vermittelt werden. Es bedarf lautlichen Wissenstransfers. Sprache erlaubt, Erfahrungen mit der Umwelt, der Natur, zu kommunizieren, zu ordnen und auch vorherzusagen (Wetter, gute Jagdgebiete). Primaten kann man zwar dressieren, bestimmte Tätigkeiten zu verrichten, sie sind aber nicht in der Lage, einen Oberbegriff - Metasprache - für ihre Tätigkeit zu bilden.

1.2 Zur Definition von „Sprache“

Ähnlich wie bei der Frage nach dem Ursprung der Sprache gibt es auch für den Begriff „Sprache“ keine allgemeingültige Definition. Zunächst kann man grob unterscheiden zwischen Sprache im engeren und im weiteren Sinn. Als Sprache im engeren Sinn gilt die natürliche Sprache des Menschen, im weiteren Sinn sind gemeint Sprachsysteme (Kommunikationssysteme) verschiedener Art: Zunächst die sogenannten „Welthilfssprachen“ wie z.B. das Esperanto, eine Erfindung des polnischen Arztes Ludwig L. Zamenhof.

Dann werden als Sprache im weiteren Sinn auch Programmiersprachen, formal logische Sprachen und - aber umstritten - die „Sprache“ der Tiere angesehen, wie auch Sprache, die mit Symbolen und Zeichen arbeitet (z.B. Gebärdensprache oder das Morsealphabet usw.).

Eigenschaften beider Sprachtypen (der engeren und der weiteren) sind, dass Inhalte mit Hilfe von symbolischen Zeichen kommuniziert werden. Damit diese Zeichen als „Kommunikation“ funktionieren, müssen sie auf Übereinkünften, einer Konvention basieren, sie sind also „arbiträr“, sie beruhen auf „Entscheidungen“.

Hans Otto Spillmann (2004: 39) schreibt: „Die Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant ist gesetzt aufgrund von Konvention, von geschichtlichem Zufall, sie ist, um uns an de Saussure anzuschließen, a r b i t r ä r oder willkürlich, nicht kausal.“

Mit Hilfe der Sprache kann über Sprache kommuniziert werden (z.B. im Fremdsprachenunterricht). Es können metasprachliche Urteile formuliert werden (als einfaches Beispiel die mündliche oder schriftliche Beurteilung einer Schülerleistung durch den Lehrer im FSU).

Sprache ist menschliche Kommunikation. Kommunikation kann beschrieben werden im „Sender – Empfänger“ - Bild oder als Übertragung einer Idee von einem menschlichen Gehirn auf ein anderes (vgl. H. O. Spillmann, 2004: 29).

Die neuere Sprachforschung beginnt, wie oben gesagt, unter anderem, mit Wilhelm von Humboldt. Für ihn ist Sprache kein Werk oder eine Gestalt, sondern eine Tätigkeit: die sich immer wieder wiederholende Arbeit des menschlichen Geistes, artikulierte Laute zum Ausdrücken von Gedanken zu verwenden. Wilhelm von Humboldt nennt dies „energeia”, griechisch für „Tätigkeit”, „Bereitschaft zum Handeln” (vgl. W. v. Humboldt, 1968: 46). An dieses Denken knüpfen amerikanische Linguisten und Sprachphilosophen im 20. Jahrhundert wieder an. Edward Sapir (1972: 17) formuliert: „Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen“.

Noam Chomsky beschreibt die strukturellen (systemischen) Eigenschaften von Sprache auf folgende Weise: „Von jetzt ab werde ich unter einer Sprache eine (endliche oder unendliche) Menge von Sätzen verstehen, jeder endlich in seiner Länge und konstruiert aus einer endlichen Menge von Elementen” (N. Chomsky, in Lyons 1983: 16f.).

Schließlich liefert Hadumod Bußmann (2008: 699), das bisher Gesagte weitgehend zusammenfassend, eine umfangreiche Definition: „Sprache ist ein auf kognitiven (geistigen) Prozessen basierendes, gesellschaftlich bedingtes, historischer Entwicklung unterworfenes Mittel zum Ausdruck und Austausch von Gedanken, Vorstellungen, Erkenntnissen und Informationen sowie (in der Schrift) ein Mittel zur Aufzeichnung und Überlieferung (Tradierung) von Erfahrung und Wissen. In diesem Sinne bezeichnet Sprache eine artspezifische, nur dem Menschen eigene Ausdrucksform, die sich von allen anderen möglichen Sprachen, künstlichen und Tiersprachen, unterscheidet durch - Kreativität; die Fähigkeit zur begrifflichen Abstraktion; und die Möglichkeit zu metasprachlicher Reflexion”.

Ein besonderer Aspekt ist also die Funktion der Sprache, die ihre gesellschaftsbildende, damit soziale Funktion zeigt. Menschliche Sprache ist so gesehen kollektiv. Jede Gesellschaft oder im kleineren Maßstab Gemeinschaft braucht die gemeinsame Sprache, um sich nicht aufzulösen. Sie stiftet Identität unter den Mitgliedern der „Sprachgemeinschaft“ und drückt gleichzeitig die Grenzen einer sozialen Gruppe aus, z.B. Fachsprachen oder die Jugendsprache. Rudolf E. Keller (1995:10) ist der Meinung: “ Bedeutungen gehören zur Welt der Sprache oder besser, zu einer bestimmten Sprache, nicht zur Welt der Realität. Bedeutungen beziehen sich auf die Welt der Realität. Jede Sprachgemeinschaft schafft ihre eigene Welt an Bedeutungen. Es ist oft gesagt worden, daß die Art, wie Sprecher einer bestimmten Einzelsprache die Welt der Realität ansehen, durch ihre Sprache determiniert ist. Und umgekehrt, daß die Art, wie sie in ihrer Sprache eine Welt von Bedeutung schaffen, diejenige Art ist, in der sie die Welt der Realität betrachten (Weltbild).“

Sapir, und später sein Schüler Benjamin Lee Whorf hatten, wie oben schon angemerkt, die These aufgestellt, dass in unserem Gehirn eine Grammatik existiert, die uns zwingt, die Welt in einer bestimmten Weise zu „sehen“, zu begreifen. Whorf hat Indianersprachen von Indianern, die in den USA leben, untersucht. Bei der Sprache der Hopi fand er keine Strukturen, um „Zeit“ auszudrücken, deshalb stellte er die These auf, dass die Hopis ohne Begriff von „Zeit“ leben würden, also keine „Vergangenheit“ und keine „Zukunft“ kennen und also nicht aussprechen können. Dies ist inzwischen gründlich widerlegt worden. (Tatsächlich haben die Hopis dafür sowohl grammatische Strukturen wie auch Wörter. Whorf hat die Hopi-Sprache nicht genau genug untersucht. Aber, nachdem Whorf insofern widerlegt worden ist, blieb als Untersuchungsfrage, ob alle Menschen zum Beispiel bei der Farbe „ROT“ wirklich dasselbe (die selbe optische Wellenlänge) sehen, ( - sie tun es , allerdings mit kleinen Ausnahmen).

1.3 Sprache und Gesellschaft

In einem wilden Monolog erklärt der kriminell gewordene Prometheus seine Unabhängigkeit und Emanzipation von Gott (und der Natur):

„Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn!

Mußt mir meine Erde

Doch lassen stehn,

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.“

(Goethe, Prometheus, HA I: 44f.)

Während die gesamte Tierwelt, ob Hund, Wal oder Affe, Gattungen innerhalb des Systems Natur sind, diesem angepasst und unterworfen, hat der Mensch sich insoweit von der Natur emanzipiert, als er ihr eben nicht unterworfen ist, vielmehr sie sich den eigenen Zwecken „untertan” gemacht hat. Der Mensch greift in die natürliche Umgebung ein, er domestiziert das Feuer, macht sich dadurch unabhängig von der Witterung, domestiziert Pflanzen und Tiere, schafft sich also durch Ackerbau und Viehzucht einen Freiraum gegenüber dem zufälligen Nahrungsangebot der Natur. Die Gattung Mensch hat sich von der Natur „emanzipiert“, aus dem abhängigen Naturwesen wird der Mensch zum Herrscher über die Natur.

Wie aber konnte das geschehen? Betrachtet man unter dieser Fragestellung die Ergebnisse aus der Paläoanthropologie und der neueren Sprach- und Kulturwissenschaften, wie sie u.a. von Jacques Hublin (2009: 2) und anderen dargestellt werden, so muss man wohl zwei ‘Eigenschaften‘ des Menschen heranziehen: Der Mensch als 'zoon politikon' (griechisch Gemeinschaftswesen) und seine besondere Form der Kommunikationsfähigkeit.

Wilhelm Schmidt (2008: 22) ist der Meinung, dass: „Die Sprache ihrer Entstehung und ihrer Funktion nach gesellschaftlich bestimmt ist. Sie ist nicht als Mittel des Ausdrucks und der Darstellung der Individualität des Einzelwesens und als individuelle geistige Schöpfung entstanden, sondern aus den Bedürfnissen eines gemeinsam handelnden Gesellschaftskörpers. Die ersten Formen menschlicher Gesellschaft entwickelten sich, als sich die werdenden Menschen im Kampf mit der Natur zusammenschlossen; denn die Anstrengungen, die notwendig waren, um das Leben zu fristen und vor vielerlei Gefahren zu schützen, wurde erfolgreicher im gemeinsamen Handeln.“

Zwar leben auch Tiere in „Rudeln“ (Wölfe) oder in „Staaten“ (Ameisen oder Bienen) und auch diese verfügen über eine Art „Kommunikation“. Diese aber ist starr und an den Instinkt gebunden. Genauso deren Vorratshaltung, die lediglich dem Überleben der Art dient. Auch der Mensch lebt in Gruppen, kommuniziert, betreibt Vorratswirtschaft. Zugleich aber hat er die Vorgaben der Natur überwunden: Der Mensch verfertigt Höhlenzeichnungen, er kennt so etwas wie Religion, Rituale: er betreibt Deutungsversuche über sich und die Welt. Rituale aber, Kunst bedürfen der Kommunikation, also auch einer Gruppe, innerhalb derer sie sinnvoll werden können.

Nach Hans Otto Spillmann (2004: 13) muss die Sprache als ein soziales Phänomen angesehen werden: „Sprache und Gesellschaft bedingen einander gegenseitig: So wie ohne Sprache soziale Gemeinschaft nicht denkbar ist, setzt die Entwicklung der Sprache andererseits eben diese soziale Gemeinschaft voraus. Eine Sprache bezieht sich auf die sozialen und historischen Bedingungen einer ganz bestimmten Gesellschaft und ist der Veränderung dieser Bedingungen unterworfen: Deshalb ist Sprache v e r ä n d e r b a r und v e r ä n d e r l i c h, ist Sprache produktiv. Demgegenüber ist die Kommunikation im Tierreich biologisch bedingt, ist definitiv

f i x i e r t und u n v e r ä n d e r l i c h.“

Auch um physisch in einer feindlichen Umwelt zu überleben, braucht es die Gruppe und eine Kommunikation innerhalb dieses Kollektivs, ohne sinnvolle Kommunikation ist sie nicht denkbar, weil nicht überlebensfähig. Wilhelm Schmidt (2008: 22): „(…) Die Sprache ihrer Entstehung und ihrer Funktion nach ist gesellschaftlich bestimmt. Sie ist nicht als Mittel des Ausdrucks und der Darstellung der Individualität des Einzelwesens und als individuelle geistige Schöpfung entstanden, sondern aus den Bedürfnissen einer gemeinsam handelnden Gesellschaft entwickelten sie sich, als sich die werdenden Menschen im Kampf mit der Natur zusammenschlossen; denn die Anstrengungen, die notwendig waren, um das Leben zu fristen und vor vielerlei Gefahren zu schützen, wurden erfolgreicher im gemeinsamen Handeln .“ prüfen Wortlaut

Kollektivfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit gehören also zusammen. Allerdings muss zumindest die Kommunikationsfähigkeit auch zu Standardisierungen innerhalb der kommunikativen Akte führen. Zwar sind tierische Laute (z.B. Warnschreie) auch „standardisiert”, sonst würden sie ihre Funktion nicht erfüllen können. Weit entfernt von solcher „natürlicher” Kommunikation sind aber Sätze wie: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer” oder „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“, den der DaF-Lehrer an einen Schüler richtet, der zufällig etwas richtig gemacht hat. Ein solcher Satz kann in Polen oder in jedem anderen „Ausland“ nur innerhalb einer Unterrichtsstunde Deutsch als Fremdsprache fallen, - außerhalb der Klasse versteht ihn wohl niemand. Diese Art der Kommunikation ist nicht „natürlich” in dem Sinn, dass sie dem Überleben dieses Schülers notwendig ist (wie aber der tierische Warnlaut für die anderen Tiere), sie ist ein Produkt eines Kollektivs, eben des der Deutschlehrer und -lerner.

„Sprache ist ein kollektives Produkt. Nicht die Natur ließ es entstehen, sondern es geht zurück auf spontane Impulse, die, einmal angestoßen, eine Art organisches Wachstum entfalteten. Stünde die Natur Pate, wäre es eine Sprache für die gesamte Gattung Mensch; eine solche Sprache aber gibt es nicht. Die Sprachen, die wir kennen, sind Kollektiv-Sprachen. Sie entstanden in den verschiedenen Urhorden des homo sapiens, die in räumlicher Trennung an verschiedenen Punkten der Erde vegetierten” (K. P. Hansen, 2008: 17).

Manfred Bierwisch vertritt die These der genetischen Verankerung der Sprachfähigkeit des Menschen als zentrales Moment, das ihn von den anderen Lebewesen unterscheidet. Er nennt mehrere Faktoren (2008: 324 ff.) „für diese genetisch fixierte Disposition”, die phylogenetisch (stammesgeschichtlich) entstanden sind. Er nennt sie - diese These -”provisorisch”:

„(A) Verhaltenssteuerung durch ein internes Modell der Umwelt. Das meint die interne Repräsentation von Umweltaspekten, auf denen die Verhaltensregulation beruht (...). Mit ihnen entsteht die Möglichkeit intentionalen (bewusst-absichtsvollen) Verhaltens im Kontrast zu fixierten Reiz-Reaktions-Abläufen (...)
(B) Erzeugen und Erkennen strukturierter Signale
(C) Erwerb etikettierter Konzepte, d. h. klassifizierender Namen
(D) Leben in sozialen Gruppen mit entsprechenden Kommunikationsstrukturen.

(...) als notwendige Momente der menschlichen Sprachfähigkeit (lassen sich) die folgenden Komponenten identifizieren:

(a) Signalerkennung und Signalerzeugung
(b) Interne Repräsentation von (Aspekten der) Umwelt
(c) Erwerb und Gebrauch von Symbolen
(d) Bildung und Kontrolle komplexer Strukturen”.

[...]

Details

Seiten
106
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640950966
ISBN (Buch)
9783640950256
Dateigröße
988 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174596
Note
Schlagworte
Interkulturelles Lernen Sprachbezogene Landeskunde Redewendungen und Sprichwörter im Fremdsprachenunterricht Deutsch

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Titel: Redewendungen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache