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Machttheorie. Vergleich der machttheoretischen Perspektiven von Norbert Elias, Michel Foucault und Heinrich Popitz

Seminararbeit 2009 13 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellung ausgewählter Texte
2.1 Popitz: Phänomene der Macht
2.2 Foucault: Der Wille zum Wissen
2.3 Elias: Was ist Soziologie?

3. Vergleich der machttheoretischen Perspektiven
3.1 Wodurch kommt man an Macht?
3.2 Weshalb bleibt eine Machtstruktur erhalten?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wissen ist Macht.“

Dieser Ausspruch ist vom englischen Philosophen Francis Bacon und stammt aus seinem Werk „Religiöse Betrachtungen“. Wissen, Macht, Religion - passt das zusammen? Ja!

Warum dies der Fall ist, zeigt die vorliegende Arbeit unter anderem. Sie befasst sich mit einem Vergleich der machttheoretischen Perspektiven von Heinrich Popitz, Michel Foucault und Norbert Elias. Die Arbeit beginnt mit einer Betrachtung von Textausschnitten der drei Autoren und beantwortet anschliessend die Fragen, wodurch man an Macht kommt und wodurch diese erhalten bleibt.

2. Vorstellung ausgewählter Texte

2.1 Popitz: Phänomene der Macht

In Heinrich Popitz’ Werk „Phänomene der Macht“ werden anhand von drei Beispielen verschiedene Prozesse der Machtbildung untersucht und anschliessend in einen Zusammenhang gebracht. Das besondere an diesen Beispielen ist, dass sich nicht, wie gewöhnlich, viele Individuen gegen wenige durchsetzen, sondern genau andersherum: Minderheiten können ihre eigenen Interessen gegen die der Mehrheit behaupten. Ferner liegt allen Beispielen zugrunde, dass die Beteiligten ihren Aufenthaltsort nicht verlassen können und alle unter den gleichen Voraussetzungen anfangen (Popitz, 2004, S. 187).

Erstes Beispiel

Im ersten Beispiel wird der Prozess der Entstehung von Verfügungsgewalten und als dessen Folge, die Ausbildung einer Drei-Klassengesellschaft untersucht: Auf einem Kreuzfahrtschiff gibt es nur ein Drittel so viele Liegestühle wie Passagiere. Weil Belegungssymbole verboten wurden und jeder Passagier seine Liege nur für eine begrenzte Zeit benutzt, reicht die Anzahl der Liegestühle aus. Doch dann kommt eine kleine Anzahl neuer Gäste an Bord des Schiffes und erhebt einen dauerhaften Besitzanspruch auf die Liegen, den sie schliesslich auch durchsetzen kann. Dadurch haben die „Neuen“, die Privilegierten, nun die exklusive Verfügungsgewalt über die Liegestühle (Popitz, 2004, S. 187f.).

Im nächsten Schritt folgt die zeitweilige Vermietung der Liegen an die anderen, die durch einige Wächter kontrolliert wird, die als Ausgleich ihrer Dienstleistung für die Liegestuhlbesitzer ein zeitweiliges Benutzungsrecht erhalten. Somit ist eine dreiteilige Gesellschaft entstanden: die Besitzer, die Wächter und die Nur-Besitzlosen (Popitz, 2004, S. 189f.).

Dass hier eine Minderheit ihren Willen gegen die Mehrheit durchsetzen und behaupten kann, liegt daran, dass die Wenigen viel organisationsfähiger sind und ihr individuelles und gemeinsames Interesse (Besitz und Verteidigung der Liegen) besser übereinstimmen (Popitz, 2004, S. 191f.). Aus dem Gegenseitigkeitsprinzip, nämlich die Liegestühle in Absprache abwechselnd zu besetzen, resultiert eine gewisse Legitimation (Popitz, 2004, S. 197). Diese herrscht zwar zunächst nur unter den Privilegierten (horizontale Ebene), doch indem die Abhängigkeit der Nicht-Privilegierten hergestellt wurde (vertikale Ebene), konnte die Legitimierung der gesamten Ordnung auf Grundlage der exklusiven Verfügungsgewalt über einen begrenzt vorhandenen Gebrauchsgegenstand herbeigeführt werden (Popitz, 2004, S. 198f.). Wieso diese Machtordnung erhalten blieb, ist Thema des Kapitels 3.3.

Zweites Beispiel

Im zweiten Beispiel gelingt es einer kleinen Gruppe unter vielen Gefangen wegen einer ungewöhnlichen Solidarität zu einander, eine sehr produktive Kooperation aufzubauen. Sie helfen sich gegenseitig und nutzen ihre jeweiligen Spezialisierungen, um einen Herd in ihrem Gefangenenlager zu bauen (Popitz, 2004, S. 201.). Da diese Kochstelle die einzige im Lager war, hatte die kleine Gruppe das Monopol und konnte dadurch Macht durch die Abhängigkeit der übrigen Gefangenen von ihnen aufbauen (Popitz, 2004, S. 202f.). In diesem Beispiel beruht also der Produktivitätsvorsprung, der später in Macht resultiert, auf einer ungewöhnlichen Solidarität.

Popitz (2004) behandelt im Anschluss die Frage, wie ein „Abhängigkeitsgefälle im Lager zustande kommt“ (S. 209). Die Antwort ist eine Staffelung der Macht (Popitz, 2004, S. 211-215): So ähnlich wie im ersten Beispiel gelingt es der Minderheit, die Mehrheit in verschiedene Gruppen aufzuspalten und somit handlungsunfähiger zu machen, da diese nun ein „Vergesellschaftungsdefizit“ (Popitz, 2004, S. 215) haben.

Drittes Beispiel

Anhand des dritten Beispiels werden die Prozesse nach der Entstehung von Machtstrukturen untersucht. In einer Erziehungsanstalt hat der Prozess der Machtstaffelung bereits stattgefunden: Vier Jugendliche bilden in einer Gruppe von 13 Jungen das Machtzentrum, drei weitere fungieren als Hilfstruppe und die restlichen Kinder werden ausgebeutet, indem sie einen Teil ihrer Nahrungsration an das Machtzentrum abliefern müssen. Um die Eintreibung der Nahrung kümmern sich die Helfer, die als Ausgleich dafür selbst einen Teil der Ration der Ausgebeuteten bekommen (Popitz, 2004, S. 216).

Ein Missachten der vom Machtzentrum initiierten Ordnung wird bestraft (Popitz, 2004, S. 217). In diesem Beispiel wird die Legitimation der Machtordnung durch den Ordnungswert, den das System für die Ausgebeuteten und Helfer bedeutet, gebildet (Popitz, 2004, S. 221-224). Sie werden zwar unterdrückt, aber die klaren Regeln sind Orientierungspunkte, aus denen sich die Folgen ihrer Handlungen ableiten lassen, was ihnen dadurch eine gewisse Sicherheit für die Zukunft gibt.

2.2 Foucault: Der Wille zum Wissen

Foucaults Werk gehört in seinem Kern im Wesentlichen zur historischen Erkenntnistheorie (Detel, 1998, S. 18). In „Der Wille zum Wissen“ geht es um den Zusammenhang zwischen Macht und Wissen, der im Kapitel „Scientia sexualis“ anhand der Geschichte der Sexualität erörtert wird (Fink- Eitel, 1990, S.79). Laut Foucault (2008) haben die Herrschenden des Abendlandes einen Willen zum Wissen, um dadurch mehr Macht zu erlangen und versuchen die Wahrheitsdiskurse unter anderem dadurch weiter voranzubringen, indem sie Wahrheit und Lust verbinden, um diese zu erforschen (S. 93).

Daraus hat sich die scientia sexualis, die Wissenschaft des Sexes, entwickelt, die ihre Erkenntnisse aus Religion, Medizin und Psychologie gewinnt (Foucault, 2008, S. 71). Das Hauptverfahren zur Produktion von Wahrheit, welche von „Machtbeziehungen durchzogen ist“ (Foucault, 2008, S. 78) ist das Geständnis, welches freiwillig gegeben oder eben von den Mächtigen, z.B. mittels Folter, erzwungen wird (Foucault, 2008, S. 76). Foucault (2008) stellt fest: „ Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden“ (S. 77), da die Verpflichtung zum Geständnis quasi zur Selbstverständlichkeit geworden ist, sodass sie gar nicht mehr als „Wirkung der Macht erscheint“ (S. 77).

Der Kern dieser Verpflichtung ist das christliche Ritual der Beichte, was den Gläubigen vorschreibt, ihre Fehler einem Priester zu beichten. Da der Sex etwas war, was im Rahmen der Repressionshypothese verborgen und tabuisiert wurde, wurde diese Pflicht zum Verbergen umso mehr eine Pflicht zum Geständnis bzw. zur Beichte, denn verborgene, sprich dunkle bzw. böse, Dinge bedürfen der Beichte (Foucault, 2008, S. 78f.).

Später löste sich dann dieser Ritus vom Beichtsakrament ab und fand mittels „Seelenführung und Gewissenslenkung“ (Foucault, 2008, S. 87) Einzug in die Pädagogik, Medizin und Psychiatrie. Diesen Praktiken der Wahrheitsoffenbarung wohnt ganz klar ein Machtverhältnis inne, welches die Instanz fördert, die das Geständnis einfordert - sie hat die Macht über den Gestehenden (Foucault, 2008, S. 80). Laut Foucault gabt es fünf Methoden/Gründe, wie das Verfahren des Gestehens letztlich zu einem wissenschaftlichen Diskurs konstituiert wurde (Foucault, 2008, S. 84-87):

1. Die Kodifizierung: z.B. mittels speziell ausgearbeiteter Fragebögen
2. Das Postulat der sexuellen Kausalität: Der Sex ist Ursache von allem, deswegen ist es wichtig, alles darüber zu wissen.
3. Das Prinzip der Latenz: Weil die Kausalitäten zum Teil im Verborgen arbeiten und sich einer Untersuchung entziehen, müssen sie unter Umständen gewaltsam offenbart werden.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640951789
ISBN (Buch)
9783640951550
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174651
Institution / Hochschule
Universität St. Gallen
Note
1,0
Schlagworte
machttheorie vergleich perspektiven norbert elias michel foucault heinrich popitz

Autor

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