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Polnische Lyrik zwischen Antike und Moderne

Der "postkoloniale" Gedanke in Zbigniew Herberts Gedichten über die Antike

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der postkoloniale Gedanke in Zbigniew Herberts Schaffen
2.1 Postkolonialismus im Sinne der Postcolonial Studies
2.2 Herbert der [Neo]Klassiker

3. Analyse ausgewählter Gedichte
3.1 Dlaczego klasycy
3.2 Do Marka Aurelego
3.3 Przemiany Liwiusza

4. Schlusswort

5. Bibliographie

1. Einleitung

„Ein ziemlich vereinfachendes Gedankenschema ist bei uns gängig, wonach Menschen, die über Vergangenes schreiben, vor der Gegenwart flüchten. Das ist selbstverständlich unwahr, denn die Kultur [...] ist kein Erbgut, wie Omas Häuschen [...], sondern etwas, was wir in uns reproduzieren, aufs neue erobern [...]“.[1]

Die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg waren für die polnische Literatur und ihre Erschaffer zweifelsfrei eine Zeit großer Entbehrungen und Repressionen. In Polen hatte der Stalinismus Einzug gehalten und war tragischerweise auf fruchtbaren Boden gestoßen. In einer seiner Reden gegen den Kommunismus des Ostens traf Konrad Adenauer den Nagel auf den Kopf: „Der beste Boden für die Saat des Kommunismus ist Not und Hoffnungslosigkeit“ - und er sollte Recht behalten. Nach den furchtbaren Kriegsjahren voller Leid sehnten sich die Polen unter einer nun russischen Regierung nach Ruhe, Geborgenheit und vor allem nach wirtschaftlicher und politischer Stabilität. Die ideologische Konzeption des Stalinismus schien ihnen genau das geben zu können – ein Trugschluss. Während die Schriftsteller unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg das drängende Bedürfnis hatten, die traumatischen Erlebnisse des Kriegs zu verarbeiten, entwickelte sich in den Jahren bis 1956 ein Regime des Terrors, ein Terror, der auch vor der Kunst und Literatur kein Halt machte. Vor allem im durch drei Teilungen und zwei Weltkriege gebeutelten Polen war die Literatur immer eine Art Hoffnung gewesen, ein Medium mit dessen Hilfe eine Nation versucht hat sich in einer Zeit der Staatenlosigkeit aufrechtzuerhalten. Dies war der Nährboden auf dem das stalinistische Regime aufbaute. Im Zuge der vollständigen Etablierung der marxistisch-leninistischen Ideologie wurden Kunst und Literatur verstaatlicht und ein Zensurapparat eingerichtet. Es entstand eine neue Kunstdoktrin – der Sozrealismus, dem alle Schriftsteller und Künstler, sofern sie keine Sanktionen fürchten wollten, verpflichtet waren. Im Mittelpunkt stand dabei die Verherrlichung des Stalinismus beziehungsweise des Kommunismus im Allgemeinen. Ein eigenständiges Denken und mögliche opportunistische Gedanken wurden im Keim erstickt. Sowohl den Autoren als auch den Lesern blieb so nur ein einziger Zugang zu einer einzigen Wirklichkeit offen.

Doch es gab auch Künstler, die sich, um die Reinheit der Kunst zu wahren, dem totalitären Regime nicht hingeben wollten. Zu diesen außergewöhnlichen Schriftstellern zählt auch der polnische Dichter Zbigniew Herbert. Seine Gedichte über die Antike sind sowohl Kritik am Machtmissbrauch der damaligen Politik, als auch Wegweiser in eine bessere Zukunft. Er ist beides, Opportunist und Ratgeber zugleich.

Diese geschichtlichen Hintergründe sind von großer Bedeutung für die Interpretation von Zbigniew Herberts Gedichten. Auf eine über diesen historischen Überblick hinausgehende Darstellung der politisch-gesellschaftlichen Zustände dieser Zeit wird in dieser Arbeit verzichtet, da eine ausführliche Erörterung den gegebenen Rahmen sprengen würde.

Ziel dieser Arbeit ist es, den Zusammenhang zwischen der maßgeblich von der Antike und den damaligen Denkmustern beeinflussten Lyrik Herberts und der Moderne, sprich den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Zeit, herzustellen. Einige Ansätze der postkolonialen Wissenschaftstheorie, sofern sie auf die komplexen Werke Herbert anwendbar sind, sollen hier als Bindeglieder fungieren, um das Zusammenspiel dieser beiden, doch recht weit auseinander liegenden Zeiten, zu veranschaulichen. Der Gedanke des Imperialismus spielt hierbei selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Dabei soll verdeutlicht werden, wie der Mittelmeerraum Herberts Schaffen beeinflusste, welche Rollen dieser Raum und die Antike in seinen Gedichten einnehmen, welchen Zweck sie erfüllen und wie Herberts Haltung dieser Antike gegenüber im Laufe seines Lebens gereift war und sich verändert hat.

Der Fokus der Arbeit liegt somit auf der inhaltlichen Analyse dreier Gedichte von Herbert. Die formale Analyse spielt hierbei lediglich eine untergeordnete Rolle. Wichtige formale Aspekte, die den Inhalt der Gedichte unterstreichen oder diesen beeinflussen, werden entsprechend berücksichtigt. Die Werke „Dlaczego klasycy“, „Do Marka Aurelego“ und „Przemiany Liwiusza“ eignen sich besonders gut für diese Analyse, da sie zum einen aus unterschiedlichen Schaffensphasen des Poeten stammen und zum anderen Herberts Haltung dem Gedankengut der Antike gegenüber fundiert darstellen.[2]

Bevor die Arbeit auf die Kerninhalte der Gedichte eingeht, muss der Begriff „Postkolonialismus“ auf einer wissenschaftlichen Ebene geklärt werden. Des weiteren klärt die Arbeit die Frage, welche Rolle der „postkoloniale Gedanke“ in Zbigniew Herberts Leben spielt, da dies von großer Bedeutung für die Analyse und das Verständnis seiner Werke ist.

Die Fülle an Sekundärliteratur zum Wissenschaftsgebiet der Postcolonial Studies macht es einem nicht leicht, sich auf wesentliche Werke zu konzentrieren. Besonders hilfreich und verständlich ist in diesem Zusammenhang die Fachliteratur von Do Mar Castro Varela und McEwan. Fachliteratur über Zbigniew Herbert gibt es selbstverständlich ebenfalls zur Genüge. Leider erweist sich die Suche nach Fachliteratur zu diesem Thema als schwierig, da nur recht wenig thememspezifische Sekundärliteratur verfügbar ist. Aus diesem Grund basiert die Ausarbeitung des Kapitels 3 (Analyse ausgewählter Gedichte) zu einem großen Teil auf eigenen Überlegungen, die auf der entsprechenden Fachliteratur gestützt sind.

2. Der postkoloniale Gedanke in Zbigniew Herberts Schaffen

Die Antike ist ein wesentlicher Bestandteil in Zbigniew Herberts Gedichten. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Reproduktion antiker Lebensweisen oder die reine Erzählung antiker Mythen. Es geht viel mehr darum, einen Code aus dieser Hochkultur herauszufiltern, um einen unmittelbaren Bezug zu universellen Themen des zeitgeschichtlichen Geschehens herzustellen. Offensichtlich bieten Herberts Gedichte über die römische und griechische Antike eine gute Grundlage, um sie unter einigen Aspekten der Postcolonial Studies zu untersuchen. Im Folgenden wird zum vollständigen Verständnis der Thematik, zunächst der Begriff des „Postkolonialismus“ im Kontext der Wissenschaftstheorie der Postcolonial Studies erklärt. Der Fokus dieses Kapitels liegt dann auf der Anwendbarkeit dieser Aspekte auf Herberts Lyrik. Dazu wird Herberts persönlicher Bezug zum Mittelmeerraum und der damit verbundenen Geschichte beziehungsweise Kultur genauer erläutert.

2.1 Postkolonialismus im Sinne der Postcolonial Studies

Die Disziplin der postkolonialen Wissenschaftstheorie könnte man vor allem als einen „Versuch der Analyse“ bezeichnen. Die Postcolonial Studies untersuchen die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen des Imperialismus in der Kolonialzeit. Die Frage welche wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen die Kolonialzeit mit sich brachte steht dabei im Mittelpunkt. Die postkolonialen Ansätze beschäftigen sich mit beiden Seiten eines Kolonialstaates: dem Kolonisator wie auch den Kolonisierten. Hierbei spielen Erfahrungen von Unterdrückung, Macht- und Identitätsverlust, Opportunismus und Migration eine wesentliche Rolle. Die postkoloniale Wissenschaft setzt sich somit zum einen mit der Identitätssuche auseinander und ist zum anderen eine wissenschaftliche Art der Identitätsfindung. Sie wandelt auf den Spuren des Kolonialismus der großen Weltmächte, um aufzuzeigen, welche Auswirkungen dieser im Nachhinein auf das Eigenbild und Selbstverständnis der Bevölkerung hatte. Im weitesten Sinne gilt der Übergang zwischen Kolonialismus zum Postkolonialismus als eine Phase tief greifender Veränderungen. Im oftmals gewaltvollen Kontakt zweier Kulturen verformt die „überlegene“ die „unterlegene“ nach eigenem Ermessen und nach eigenem Wunsch, verändert und zerstört eine verankerte Kultur, um Territorialansprüche geltend zu machen, kurz: um zu herrschen (McEwan 17-23). An dieser Stelle sollte der Begriff der „positional superiority“ (Castro Varela / Dhawan, 32) angeführt werden. Er bezeichnet die latente Überzeugung der Kolonialherren, dass ihre Kultur selbstverständlich die überlegene ist und dass sie somit jedes Recht besitzen andere, womöglich kleinere oder archaische Kulturen, auszulöschen und das Andere durch das Eigene zu ersetzen. Die Idee des Imperialismus steht hier zweifelsfrei im Zentrum der Forschung. Doch Veränderungen erfolgen nicht ausschließlich durch Gewalt. Sprache erfüllte zur Zeit des Kolonialismus eine wichtige Funktion, da sie unmittelbar mit dem Kulturgut verknüpft ist. Die Literatur ist somit der wichtigste Zeitzeuge für die Wissenschaftler, da sie sowohl ein Manifest der Sprache als auch der Kultur darstellt. Das Ziel der Postcolonial Studies im Bezug auf die Literatur ist nicht das Erfassen eines Textes in seiner ganzen Fülle, sondern viel mehr das Lesen eines literarischen gegen seine eigene Intention, das so genannte „contrapunctual reading“, um so eine „[...] Sichtweise, die zwischen der imperialen Erzählung und der postkolonialen Perspektive verortet ist [...]“ zu ermöglichen (Castro Varela/ Dhawan, 52). Im Zuge der Zeit haben sich die Postcolonial Studies immer mehr zu einer Disziplin der destruktiven Diskursanalyse entwickelt, die sich mit der Frage des Postkolonialismus und dem was als Kultur gilt kritisch auseinandersetzt. Kritiker prangen an, dass die postkoloniale Theorie „[...] lediglich auf die konzeptuellen und kulturellen Bedürfnisse des globalen Kapitalismus und die Begehren westlicher Akademien reagiere [...]“ (Castro Varela/ Dhawan, 112), und dass sie zu eurozentrisch argumentiere.

2.2 Herbert der [Neo]Klassiker

Im Bezug auf Zbigniew Herberts Lyrik ist der Begriff des Postkolonialismus wie er in Kapitel 2.1 beschrieben wurde, nur eingeschränkt verwendbar. Wie bereits Eingangs erwähnt, findet sich in Herberts Gedichten häufig das Motiv der Antike wieder. Die Verwendung von Mythen und Philosophen, und dem damit verbundenen Rückbezug auf die Geschichte, weichen von den Intentionen der postkolonialen Theorie stellenweise ab. Herbert nutzt die Geschichte nicht zu einer wissenschaftlichen Analyse der wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen des antiken Imperialismus, viel mehr basieren seine Beobachtungen auf einer sozialkritischen, womöglich sogar emotional geleiteten Betrachtungsweise der Historie. Wenn man Herberts veröffentlichte Werke genauer untersucht stellt man fest, dass sich seine Ansichten bezüglich der Antike im Laufe seines Lebens sehr wohl verändert haben, was maßgeblich auf die politisch-gesellschaftlichen Ereignisse in Polen zurückzuführen ist[3]. Der Imperialismus und die darin enthaltene Machtverteilung zwischen dem „Eignen“ und dem „Anderen“ ist dennoch ein wichtiger Bestandteil von Herberts Lyrik. Doch wenn die Antike keine wissenschaftliche Basis für Herberts Schaffen ist, was ist sie dann? Welche Stellenwert hat der Mittelmeerraum und dessen frühe Hochkultur in seinem Leben eingenommen?

Um der bitteren Realität des in Polen vorherrschenden Sozialismus zu entkommen wird Herbert zu einem Vagabunden, er bereist die ganze Welt. Der mediterrane Raum spielt in Herberts Leben immer eine besondere Rolle. Inspiriert von seinem Professoren, Henryk Elzenberg, interessiert sich Herbert besonders für die Philosophie der Stoiker der römischen und griechischen Antike. Das Resultat seiner unzähligen, mitunter längeren Mittelmeerreisen sind seine bekanntesten Essays, Dramen und Gedichte. Für den Poeten sind die Ruinen Griechenlands „[...] Ruinen einer Wiege, Ruinen eines Kinderzimmers“ (Herbert 2001, 229). Die Akropolis, „[...] auf das Skelett reduziert, des Körpers beraubt, war für [ihn] ein Werk des Willens, der Ordnung und auch des Chaos [...] (Herbert 2001, 110) – kurzum: der Mittelmeerraum ist in Herberts Augen die „Wiege“ der europäischen Kultur. Der mediterrane Raum ist ein Gegenraum oder ein Puffer zum sowjetisch besetzten Polen, der in seinen Werken, wie in Kapitel 3 erörtert wird, eine gewisse Vorbildfunktion einnimmt.

Für Karl Dedecius, dem wohl bekanntesten Übersetzer von Herberts Werken, ist „Herberts Griechenland keine antiquierte Antike. [...] [Seine] Dichtung [...] stellt der üblichen Mythologisierung ein eigenes Verfahren entgegen: den Versuch einer Auflösung der Mythologie, damit den Menschen geholfen werde „den Mechanismus zu erkennen, der sie verstümmelt“ (Adorno)“ (Herbert 2001, 233). In seinem Essay Zbigniew Herbert nennt Andrzej Kaliszewski diesen Vorgang „demitologizacja“ - „Entmythologisierung“. Doch was meint diese Entmythologisierung genau? In seinen Gedichten über die Philosophen, Herrscher und Gottheiten der Antike versucht Herbert die Gegenwart anhand historischer Ereignisse in einem universal-geschichtlichen Kontext darzustellen. Im Zusammenspiel von Geschichte und Gegenwart soll aber auch ein Zugang zur Antike geschaffen werden, um ihre Verstaubtheit abzulegen. „Die Welt der modernen Konflikte scheint [Herbert] vor dem Hintergrund der Vergangenheit am überzeugendsten, weil mit der nötigen Distanz, erkennbar und darstellbar“ (Dedecius 1989, 259). Herbert selbst stellt seinen Rückbezug auf die Mythologie wie folgt dar: „Wenn ich in meiner Arbeit oft zu antiken Themen und Mythen zurückkehre, so nicht aus Koketterie - [...] ich möchte vielmehr die alten Ideen der Menschheit abklopfen, um festzustellen, ob und wo sie hohl tönen“ (Dedecius 1989, 256). In Herberts Lyrik ist die Antike also keine Reproduktion, sonder viel mehr eine Reinterpretation oder eine Modernisierung im Angesicht der Gegenwart. Sie ist ein Beispielraum an dem die Gegenwart aufgearbeitet wird. Zbigniew Herbert ist ein Klassiker, der den Einfluss der Moderne nicht von sich weist. Im Gedicht „Dlaczego klasycy“ rechtfertigt und erklärt der Poet die Intention seiner Klassizität.

3. Analyse ausgewählter Gedichte

Um Herberts Gedichte verstehen zu können muss man einige Dinge stets im Hinterkopf behalten, nämlich die Termini “Ironie“, “Treue“, “Rechtschaffenheit“ und “Leid“. Grundsätzlich versucht der Dichter in seiner Lyrik die Tradition der Antike als ein axiologisches Fundament eines Individuums zu manifestieren.[4] Man kann an dieser Stelle also durchaus von einem ethischen Kodex sprechen. Die Ironie fungiert hier keineswegs nur als Stilmittel. Sie ist viel mehr eine Haltung dem Sein gegenüber zu betrachten. Sie ist notwendig, um die nötige Distanz zur Antike zu wahren, damit diese überhaupt objektiv und in allen Facetten thematisiert werden kann.

Im Folgenden werden ausgewählte Gedichte analysiert. Dabei wird die Frage inwiefern man bei Herberts Gedichten von einem postkolonialen Hintergrund sprechen kann stets miteinbezogen.

3.1 Dlaczego klasycy

In dem Gedicht „Dlaczego klasycy“ tritt die Ironie weitgehend in den Hintergrund. Es stellt vielmehr die Aspekte der Loyalität und Rechtschaffenheit der Kunst gegenüber in den Mittelpunkt.[5]

Das Gedicht ist in drei Teile unterteilt, die ganz klar in drei zeitgeschichtliche Epochen kategorisiert werden können. Der erste Teil handelt von der Antike, während der zweite Teil sich auf die Geschehnisse der beiden Weltkriege bezieht. Der letzte Teil scheint sich auf die Gegenwart, sprich der an diesem Punkt aktuellen Lebenszeit des Autors, zu beziehen. Des Weiteren sind alle Teile in sich nochmals in einzelne Strophen unterteilt. Die mit zwei Zeilen sehr minimalistisch gehaltene Einführung ins Thema des Peloponnesischen Krieges ist auch gleichzeitig die Einleitung in das gesamte Gedicht. Trotz der Kürze ist das Thema sofort erkennbar. Zudem wird von Anfang an klargestellt, dass sich alles darauf Folgende auf eine schriftliche Quelle, nämlich die Chronik des Thukydides, beruft.[6] Der Wahrheitsgehalt der Erzählungen ist somit unerschütterlich, was für Herberts Schaffen von enormer Wichtigkeit ist. Das erste „Kapitel“ des Gedichtes – denn so könnte man es sehr wohl nennen – bezieht sich erstaunlicherweise nur zu einem sehr geringen, und allgemein gehaltenen, Teil auf den Peloponnesichen Krieg als geschichtliches Ereignis. Die zweite Strophe, beziehungsweise die erste Strophe nach der Einleitung, spricht gleich ein grundlegendes Problem an: „pośród długich mów wodzów / bitew oblężeń zarazy / gęstej sieci intryg“ (Herbert 2008, 359)[7] - Unehrlichkeit scheint hier zu einem wesentlichen Bestandteil des Gedichtes zu werden, warum sollte der gewichtige Vorwurf der Intrige sonst gleich zu Beginn thematisiert werden? Diese Strophe ist mit sechs Versen die längste im ersten Kapitel, was die Wichtigkeit des darin enthaltenen Themas zusätzlich hervorhebt. Direkt im Anschluss wird angemerkt, dass das Ereignis, welches im weiteren Verlauf geschildert wird, nur eine „szpilka w lesie“, eine Nadel im Heuhaufen, ist. Es wird angedeutet, dass Ereignisse die von Unehrlichkeit geprägt waren nicht selten vorkamen, und dass das im ersten Teil des Gedichtes geschilderte Geschehen womöglich nur eines von vielen ist.

Die dritte Strophe geht dann genauer auf das eigentliche Ereignis ein. Wie bereits angemerkt ist die Erläuterung recht schwammig, ungenau und knapp gehalten: „kolonia ateńska Amfipolis / wpadła w ręce Brazydasa / ponieważ Tukidydes spóźnił się z odsieczą“ (Herbert 2008, 359). Der Leser erfährt nichts über den genauen Verlauf der Okkupation von Amphipolis und er kennt auch nicht die Gründe für Thukydides Verspätung. Und dennoch kann man mit Recht behaupten, dass der Leser alle nötigen Informationen erhält. Er kennt den Ort des Geschehens, die daran beteiligten Personen und den Ausgang des Konflikts. Offensichtlich ist dem Dichter nichts weiter wichtig, was die Vermutung stützt, dass der Fokus auf der Thematik der Unehrlichkeit liegt. Die beiden letzten Strophen, beide jeweils auf zwei Verse gestützt, schildern die Konsequenzen, die Thukydides für den Verlust von Amphipolis zu tragen hatte, nämlich die Verbannung ins Exil, was zugleich als schlimmst mögliche Strafe dargestellt wird: „ egzulowie wszystkich czasów / wiedzą jaka to cena“ (359). Thukydides wird so ins Zentrum der Wahrhaftigkeit gerückt. In den letzten drei Strophen demonstriert der Autor die Glaubhaftigkeit der Fakten, die Thukydides in seiner Chronik über den Peloponnesischen Krieg zusammengefasst hat, indem er sich einzig und allein auf die Überlieferung dieser Fakten beschränkt, und zwar in ihrer minimalistischsten Form. Thukydides ist somit die personifizierte Glaubhaftigkeit, die als eine Gegenrealität zur Unehrlichkeit fungiert.

[...]


[1] Herbert, Zbigniew. Im Vaterland der Mythen. Hrsg. Karl Dedecius. Frankfurt a.M.: Insel Verlag, 2001: 235.

[2] Herbert, Zbigniew. Wiersze zebrane. Hrsg. Ryszard Krynicki. Poznań: Wydawnictwo a5, 2008.

[3] In Kapitel 3 wird genauer auf diesen Aspekt eingegangen.

[4] Axiologie meint die Lehre von Werten (Baumgärtner, 42)

[5] Dlaczego klasycy: erschienen 1969 im Gedichtband Napis

[6] Thukydides, geboren 454 v. Chr., gestorben um 396 v. Chr., war ein Athener Kriegsstratege und Historiker. Seine Dokumentation Geschichte des Peloponnesischen Kriegs gilt heute als Schlüsselwerk der Antiken Geschichte. Im Jahr 424 v. Chr. wurde Thukydides zu einem von zehn Strategen im Archidamischen Krieg (einem von drei Teilkriegen des Peloponnesischen Kriegs) gewählt. Stationiert war Thukydides in Thasos. Als der spartanische Feldherr 431 v. Chr. die Okkupation der Stadt Amphipolis anstrebte, reiste Thukydides nach Amphipolis, um der Bevölkerung zu helfen. Doch er kam aufgrund der langen Reise zu spät. Die Athener verschmerzten den Verlust der Stadt nicht und verbannten den Strategen ins Exil (Classen, 3 – 21).

[7] Alle nachfolgenden Zitate des Primärwerkes sind diesem Werk entnommen: Herbert, Zbigniew. Wiersze zebrane. Hrsg. Ryszard Krynicki. Poznań: Wydawnictwo a5, 2008.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640956210
ISBN (Buch)
9783640955954
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174762
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
polnische lyrik antike moderne gedanke zbigniew herberts gedichten

Autor

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