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Mit Musik zu aufmerksamer Gelassenheit

Beschreibung einer musikgeragogischen Einzelbegleitung

Projektarbeit 2009 15 Seiten

Gerontologie / Alterswissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeine Überlegungen zum Einsatz von Musik
2.1 Begriffsklärung Musik – Geragogik - Musikgeragogik – Musiktherapie – Musikmedizin
2.2 Didaktisch-methodische Aspekte musikalischer Bildung & Betreuung im Alter

3 Die Bedeutung von Musik für die Alltagsbewältigung des älteren Menschen
3.1 Alltagsverständnis nach einem Lebens-Balance-Modell
3.2 Bedeutung von Musik für die Lebens-Balance des älteren Menschen
3.3 Musik im Kopf: Zusammenspiel von sensorischem System und Gedächtnis
3.4 Musik führt zu „aufmerksamer Gelassenheit“
3.5 Musik im Umgang mit chronischen Schmerzen

4 Ambulante Einzelbegleitung
4.1 Bedingungsanalyse
4.2 Ziele
4.3 Methoden
4.4 Darstellung des ersten Zusammenspiels
4.5 Gesamtverlauf der Einzelbegleitung
4.6 Schlussphase
4.7 Biografische Ergänzungen
4.8 Auswertung und Reflexion

5 Zusammenfassung

6 Literatur

1 Einleitung

Jeder Mensch ist von Geburt an musikalisch, da wir alle im Rhythmus unseres Atems und des Herzschlags leben (Jaeger, Oertli, 2004). Die Musikgeragogik bietet älter werdenden Menschen eine Vielzahl von Möglichkeiten, musikalisch aktiv zu sein, sei es in musikalischer Gruppenarbeit, in Seniorenchören, im Instrumentalspiel oder im Seniorentanz. Es geht um „selbstbestimmte musikalische Bildung im Alter“ (Hartogh, Wickel 2008, Seite 24) und darf nicht mit Musiktherapie oder dem therapeutischen Nutzen von Musik verwechselt werden.

Musik kann eine Vielzahl von Bedeutungen für den älteren Menschen haben: Musik kann beruhigen oder aktivieren, kann Angst lösen oder das Schmerzempfinden beeinflussen, kann die Lebensqualität verbessern. Musik kann soziale Kontakte schaffen oder zurück zur inneren Mitte führen, Musik kann eine religiöse Erfahrung verstärken oder Erinnerungen aufleben lassen. Gefühle lassen sich über Musik ausdrücken. Musik kann zu „aufmerksamer Gelassenheit“ führen und zum Erleben erfüllter Zeiten beitragen. Musik kann einen Beitrag zur erfolgreichen Alltagsbewältigung leisten. Unangenehme Wirkungen von Musik sollten im Vorfeld erkannt und vermieden werden.

Diese Projektarbeit handelt von Beobachtungen, wie Musik über einen längeren Zeitraum bei einer älteren Person wirkt. Die Bedeutung von Musik für die Alltagsbewältigung älterer Menschen wird an Hand eines Lebens-Balance-Modells herausgearbeitet. Es werden Vorschläge entwickelt, wie die Musikgeragogik in der individuellen Berufspraxis umgesetzt werden kann.

2 Allgemeine Überlegungen zum Einsatz von Musik

2.1 Begriffsklärung

Musik

Musik bedeutet ursprünglich „Tonkunst“ und wird von dem griechischen mousike und dem lateinischen musica hergeleitet. Die Tonkunst beruht auf Tonbeziehungen, das heißt auf einer Aufeinanderfolge oder dem Zusammenklang einzelner oder mehrerer Töne (Brockhaus 2005). Töne müssen nicht unbedingt einem Tonleitersystem entstammen, sondern auch Klänge oder Geräusche können Ausgangsmaterial für Musik sein, zum Beispiel Alltagsgeräusche eines Handwerkers oder Küchengeräusche. Musik kann als ein im weitesten Sinne akustisches und zeitstrukturierendes Geschehen verstanden werden, das von Menschen gestaltet ist. Spitzer (2002, S. 115) betont die Funktion des Gedächtnisses: Musik ist eine Struktur der Zeit, ein Ton ist nur dann als Ton hörbar und erlebbar, wenn der Hörende einzelne Augenblicke zusammenfassend begreift.

Musik vermittelt emotionale Informationen (Spintge, Droh 1992, S. 3). Einerseits können mit Musik individuelle biografische Erinnerungen geweckt werden, andererseits kann in einer ganzen Gruppe der Gefühlszustand angeglichen werden, zum Beispiel im Seniorenchor oder beim Gruppenmusizieren. Weitere Beispiele sind die Rolle der Militärmusik oder Musik in Konzentrationslagern zur Zeit des Nationalsozialismus (Spitzer 2002, S. 380).

Musikalität ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich von Musik beeindrucken zu lassen und Musik erleben zu können.

Geragogik

Nach aktuellem Verständnis bezeichnet die Geragogik die Wissenschaft von der Bildung, Betreuung und Förderung alter Menschen, wobei in diesem Zusammenhang die nachberufliche Bildung gemeint ist. Im Griechischen ist geron der Greis und agoge die Führung. Zur Geragogik zählt die Herzsportgruppe ebenso wie der Seniorenchor, es handelt sich also um Freizeitgestaltung mit altersspezifischen Themen. Wichtig ist der selbstbestimmte Erwerb und Erhalt von Handlungsmustern. Zu den Aufgabenfeldern der Geragogik zählen Altenbildung, Altenberatung und Altenhilfe, Forschung sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung von Geragogen (nach Hartogh, Seminar Musikgeragogik, 2009).

Musikgeragogik

Bei vielen Menschen entsteht in der nachberuflichen Phase Freiraum für ästhetische, künstlerische und kreative Interessen. Die Musikgeragogik beschäftigt sich „mit der Unterstützung und Aneignung musikalischer Kompetenzen im Alter“ (Hartogh, Wickel 2008, S. 22). Es handelt sich folglich um ein musikalisches Bildungsangebot im Alter mit den Zielen, die Lebenszufriedenheit zu steigern, Lebenskrisen besser zu meistern oder durch das musikalische Gemeinschaftserleben neue soziale Erfahrungen zu sammeln.

Als Musikgeragoge benötigt man musikalisches Fachwissen, Methodenkenntnisse und personale Kompetenzen, um zum musikalischen Lernen und Handeln zu motivieren. Der Musikgeragoge moderiert und betreut Bildungsprozesse und inszeniert ästhetische Erfahrungsräume. Die wesentlichen musikalischen Aktivitäten sind Singen, Instrumentalspiel, Musikhören, Bewegen und Musik erfinden. Diese können sowohl in einer Einzelbegleitung als auch in einem Gruppenangebot stattfinden (nach Hartogh & Wickel, Seminare Musikgeragogik, 2009).

Musiktherapie

In der Musiktherapie wird Musik als Kommunikationsmittel eingesetzt. Es geht also nicht um die Behandlung von Störungen im Bereich der Musik, wie man dem Wortsinn entnehmen könnte. Musikalische Vorkenntnisse sind für eine erfolgreiche Musiktherapie nicht erforderlich. Musiktherapie kann vielmehr als ein Bereich der Psychotherapie verstanden werden. Es handelt sich um einen „systematischen Prozess der Intervention, in dessen Rahmen der Therapeut dem Klienten hilft, seine Gesundheit durch den Einsatz musikbezogener Erfahrungen und der sich daraus entwickelnden Beziehungen zu fördern“ (Spitzer 2002, S. 427). Mit Hilfe der Musik werden Gefühle zum Ausdruck gebracht, die in der Beziehung des Klienten zum Therapeuten entstehen.

Insofern sollte der Musiktherapeut sowohl über eine fundierte musikalische als auch psychotherapeutische Ausbildung verfügen. Musiktherapie im engeren Sinn setzt eine Indikationsstellung und einen Behandlungsauftrag voraus und formuliert ein Therapieziel. Der Musikbegriff beinhaltet drei Modelle: Musik wirkt, Musik ist Ausdruck von Beziehungen, der verstanden werden kann und Musik ist Gestaltung von Beziehungen.

Der Musiktherapeut hinterfragt seine Gefühle im Sinne einer Selbsterfahrung. Was passiert mit ihm, was mit dem Klienten, welche Gefühle werden bei ihm und beim Klienten in der Szene ausgelöst? Die Abgrenzung zur Musikgeragogik liegt im Stellenwert des Selbsterlebens. Der Musikgeragoge fragt: Wie erlebe ich mich in meinem Verhältnis zum musikalischen Tun? Es handelt sich nicht in erster Linie um Selbsterfahrung und nicht um Therapie.

Die musikalischen Aktivitäten sind zum Teil ähnlich wie in der Musikgeragogik, zum Beispiel Singen und Improvisation. Methodisch gibt es vor allem dann Überschneidungen, wenn der Musikgeragoge eine Einzelbegleitung übernimmt oder der Musiktherapeut eine Gruppe leitet. Wichtig ist der gegenseitige Respekt und die Anerkennung der persönlichen Kompetenzen und Grenzen. Die Musikgeragogen versuchen eher, den alten Menschen zu aktivieren, während Musiktherapeuten besser geschult sind, Rückzug zuzulassen und den Gründen für einen Rückzug nachzugehen (nach Tüpker, Kühn, Seminar Musikgeragogik, 2009).

Musikmedizin

Die ältesten Zeugnisse über den therapeutischen Einsatz von Musik stammen aus dem 4. Jahrtausend vor Christus. Ägyptische Papyri, griechische Tradition, die Bibel oder Stammesriten einfach lebender Völker schildern dies. Besonders eindrucksvoll wird im Alten Testament erzählt, wie etwa 1000 vor Christus David dem König Saul auf der Leier vorspielte, um dessen Schwermut zu lindern (1 Sam 16: 14-23). Bei allen Völkern der Welt spielt Musik eine lebenswichtige, wenn nicht überlebenswichtige Rolle (Kästner, 2005).

Die Musikmedizin ist eine verhältnismäßig junge Disziplin und befasst sich mit den therapeutisch nutzbaren Wirkungen des Hörens von Musik. Praktisch bedeutet es, dass die angstlösende und schmerzlindernde, anxioalgolytische Wirkung von Musik in verschiedenen medizinischen Fachbereichen eingesetzt wird. Dies bezieht sich beispielsweise auf die Anästhesie, Schmerztherapie oder Intensivmedizin. Besonders intensiv wird seit etwa 30 Jahren die Wirkung von Musik am Sportkrankenhaus Hellersen, Lüdenscheid, untersucht (Spintge, Droh 1992). Ohne auf die Einzelheiten der Studien eingehen zu können, lässt sich feststellen, dass in Anästhesie und Schmerztherapie durch den gezielten Einsatz von Musik unter bestimmten Bedingungen Medikamente niedriger dosiert werden können. In einem operativen Eingriff unter Lokalanästhesie fühlen sich Patienten weniger hilflos, wenn sie durch Auswahl der Musik am Geschehen beteiligt werden können.

2.2 Didaktisch-methodische Aspekte musikalischer Bildung & Betreuung im Alter

Zunächst stellt sich die Frage, ob ein Gruppenangebot oder eine Einzelbetreuung vorgesehen ist, ob das Angebot im häuslichen Bereich oder in der stationären Pflege durchgeführt werden soll. Eine genaue Beschreibung der Zielgruppe ist notwendig, zum Beispiel ob es sich um eine gemischte Gruppe von jüngeren Angehörigen und alten Menschen handelt, wie viele Teilnehmer eine Hörbeeinträchtigung haben oder an einer Demenz leiden. Bei einer Einzelbegleitung können sprachliche und motorische Fähigkeiten der Musizierenden individuell berücksichtigt werden.

Wie bereits erwähnt, können die musikalischen Aktivitäten vielfältig sein. Es ist sinnvoll, mit Bekanntem zu beginnen, zum Beispiel gemeinsam zu singen oder ein bekanntes Instrumentalstück auszuwählen. Das Liedgut kann vielfältig sein vom Volkslied und Schlager über Operettenmusik bis hin zum Kirchenlied, je nach biografischen Vorlieben. Musik weckt Emotionen: ein Lied kann an gemeinsame frohe Stunden mit den Enkeln erinnern aber auch an den kürzlich verstorbenen Ehepartner. Genaue Beobachtung ist deshalb ebenso wichtig wie die Fähigkeit, sich spontan auf eine neue Situation einzustellen.

Mit jedem Angebot sollte eine Zielsetzung verfolgt werden: welche musikalische Aktivität ist vorgesehen, wie wird sie durchgeführt und was kann damit erreicht werden? Was bewirkt das musikalische Tun des Musikgeragogen? Ziele leiten sich von der emotionalen und körperlichen Wirkung der Musik ab sowie von deren Bedeutung für den älteren Menschen. Das Gehirn in einen Zustand „aufmerksamer Gelassenheit“ zu versetzen, sollte ein Ziel jeder musikalischen Begegnung sein (nach Speckmann, 2008, S. 190). Dieser Aspekt wird in Kapitel 3.4 genauer ausgeführt.

3 Die Bedeutung von Musik für die Alltagsbewältigung des älteren Menschen

3.1 Alltagsverständnis nach einem Lebens-Balance-Modell

Nach Seiwert und Peseschkian (2005) bewegt sich jeder Mensch unabhängig vom Lebensalter immer in vier Lebensbereichen, die zueinander im Bezug stehen: Körper, Arbeit, Kontakt und Sinn.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lebens-Balance-Modell nach Seiwert (2005, S. 70)

Für den älteren Menschen bedeutet zum Beispiel

Körper Ernährung, Schlaf, körperliche Veränderungen durch normale Alterungsprozesse, Umgang mit Krankheit

Arbeit Hauswirtschaft und finanzielles Auskommen

Kontakt zu Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden, aber auch ehrenamtliches Engagement

Sinn religiöse Erfahrungen, Naturerlebnisse, kulturelle Werte, Umgang mit Abschied und Tod

Wenn die vier Lebensbereiche in einer Balance sind, hat der Mensch die Entwicklungsaufgaben seiner jeweiligen Lebensphase gemeistert, und es geht ihm den Umständen entsprechend gut: er ist gesund.

3.2 Bedeutung von Musik für die Lebens-Balance des älteren Menschen

Das Schlaflied steht beispielhaft für die körperliche Wirkung von Musik auf den Schlaf. Musik hilft bei der Alltagsbewältigung in lebensgeschichtlichen Krisen, also auch im Umgang mit Krankheit und Tod oder, und das betrifft den Lebensbereich Arbeit, beim Übergang von der Berufstätigkeit in den Ruhestand (Tüpker, Wickel 2009). Musik schafft Kontakt und Beziehungen, kann also beispielsweise im ehrenamtlichen Engagement im Kirchenchor oder Seniorenchor erlebbar werden. Musizieren bedeutet für viele Menschen das Erleben erfüllter Zeiten, Musik wird als sinn gebend erfahren, besonders intensiv spürbar im sakralen Raum, zum Beispiel als Kirchenlied mit Orgelbegleitung. Ebenso können Naturgeräusche, wie das Singen eines Vogels oder das Rauschen eines Baches, als entspannende musikalische Sinnerfahrung verarbeitet werden.

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Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656091530
ISBN (Buch)
9783656091370
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174801
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Fachbereich Soziales
Note
sehr gut
Schlagworte
Musikgeragogik chronische Schmerzen Einzelbegleitung aufmerksame Gelassenheit Lebens-Balance-Modell Musikbiografie

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