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Erklärungsansätze zum Spracherwerb

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprache
2.1 Sprache und Sprechen
2.2 Spracherwerb

3. Die Sozial-Pragmatische Theorie Tomasellos
3.1 Zusammenfassung

4. Die nativistische Theorie – Grundlegende Annahme
4.1 Noam Chomsky und die
Theorie der Universalgrammatik
4.2 Zusammenfassung

5. Kognitivistische Theorie – Grundlegende Annahmen
5.1 Kognitivistischer Ansatz nach Piaget - Intelligenzentwicklung
5.2. Die Sprachentwicklung
5.3 Zusammenfassung

6. Bewertung der Theorien
6.1 Kritik am Nativismus
6.2 Kritik am Kognitivismus
6.3 Kritik an Tomasello

7. Vergleich der Theorien

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Tagtäglich benutzen wir Sprache, um uns untereinander zu verständigen, uns mitzuteilen, ein Befinden auszudrücken usw. Mittels Sprache kann man seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Die Sprache als Besitz des Menschen allein unterscheidet ihn vom Tier. Angesichts dieser Erkenntnis und der Feststellung, dass weltweit in etwa 6500 Einzelsprachen existieren, lässt die berechtigte Frage zu, wie es überhaupt möglich ist, Sprache zu erlernen. Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wissenschaft bereits seit dem 19. Jh. Wie sich der Prozess der Sprachentwicklung genau vollzieht ist in der Wissenschaft bis heute umstritten. Es existieren unterschiedliche Erklärungsansätze zum Spracherwerb, welche aus der Soziologie, der Psychologie und der Linguistik stammen. In der vorliegenden Arbeit sollen die neusten Erkenntnisse des amerikanischen Entwicklungspsychologen Michael Tomasello vorgestellt werden. Demgegenüber werden zwei weitere bekannte Positionen vorgestellt, die sich seiner sozial-pragmatischen Theorie zum Spracherwerb entgegenstellen: der Kognitivismus mit Jean Piaget als wichtigster Vertreter und der Nativismus mit Chomskys Theorie der Universalgrammatik. Beide genannten Theorien gehören neben dem Behaviorismus und dem Interaktionismus zu den weltweit bekanntesten Spracherwerbstheorien. Um den Umfang dieser Arbeit einzugrenzen, habe ich mich auf diese zwei Gegenpositionen beschränkt. Zur Einführung werden kurz Begrifflichkeiten im Zusammenhang mit Sprache und Spracherwerb erläutert. In den darauffolgenden Kapiteln werden die drei unterschiedlichen Ansätze zum Spracherwerb vorgestellt, um in einem anschließenden Fazit diese kurz gegenüberzustellen und die Position in der Wissenschaft darzulegen.

2. Sprache

Laut dem Duden stellt die Sprache „ein (historisch entstandenes und sich entwickelndes) System von Zeichen und Regeln, das einer Sprachgemeinschaft als Verständigungsmittel dient“ dar. Zudem wird „das Sprechen als Anlage, als Möglichkeit des Menschen sich auszudrücken“ angesehen.[1] Der Kontakt zwischen Menschen entsteht dadurch, dass man sich verständigen will und Informationen austauschen möchte. All dies geschieht durch Sprache, Gestik und Mimik. Der Mensch ist im Stande, Laute zu bilden, welche dann zu Wörtern geformt werden können. Sinnvoll aneinandergereiht ergeben diese Wörter dann Sätze. Mit Sätzen lassen sich beispielsweise Geschichten erzählen. Zu beachten sei, dass Äußerungen immer zur jeweiligen Situation passen sollten um auch verstanden zu werden. Unterstützend kann dabei auch auf Gestik, z.B. Handbewegungen, und Mimik, z.B. einem Gesichtsausdruck, zurückgegriffen werden. Als dies sind Sachen, die in der Kindheit gelernt werden.

Sprache wird nach dem Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure als ein System von Regeln angesehen.[2]

2.1 Sprache und Sprechen

Das Sprechen wird gegenüber der Sprache als System als dessen Anwendung und Ausführung angesehen.[3] Es funktioniert durch ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Organe, die es dem Mensch ermöglicht, Laute zu produzieren. Alle an der Lautproduktion beteiligten Organe werden als Sprechwerkzeuge bezeichnet.[4]

2.2 Der Spracherwerb

Der Begriff des Spracherwerbs ist sehr vielseitig, da man unter ihm verschiedene Erwerbsarten verstehen kann. Zum einen wäre da das Erlernen der Muttersprache bei Kleinkindern. Dem gegenüber steht der Erwerb einer Fremdsprache, welcher oft in Beziehung gesetzt wird zum Fremdsprachenunterricht in der Schule oder Sprachkursen im In- und Ausland. Eine entscheidende Rolle für die Zuordnung eines Spracherwerbstypen sind die jeweiligen Voraussetzungen die beim Lernenden vorliegen. Da in der heutigen Gesellschaft immer mehr Kinder zweisprachig aufwachsen, unterscheidet man hier in den Erst- und Zweitspracherwerb. Man spricht von einem bilingualen bzw. doppeltem Erstspracherwerb, wenn beide Muttersprachen gleichzeitig und idealerweise gleich gut erworben werden. Wird allerdings die zweite Sprache etwas zeitversetzt erlernt, also etwa im Alter von drei bis fünf Jahren, spricht man vom frühen Zweitspracherwerb, der häufig bei Migrantenkindern zu beobachten ist. Je nach gegebenen Voraussetzungen verläuft der Spracherwerb unterschiedlich. Beeinträchtigt wird der Prozess vor allem dann, wenn es zu Defiziten im Spracherwerb kommt. Solch Defizite liegen bei hörgeschädigten Kindern vor, oder wenn eine spezifische Sprachentwicklungsstörung vorliegt, die dann das Erlernen einer Sprache erheblich beeinträchtigen.

Bei Jugendlichen und Erwachsenen spricht man vom Zweit- bzw. Fremdspracherwerb. Erfolgt dieser in der Schule oder in entsprechenden Sprachkursen, so erfolgt ein gesteuerter Spracherwerb. Bleibt jedoch diese direkte Unterstützung und Unterrichtung aus, eignet man sich eine Sprache ungesteuert an.[5] Im Rahmen dieser Arbeit bezieht sich alles auf den kindlichen Erstspracherwerb, da es in den vorliegenden Theorien darum gehen soll, wie wir überhaupt Sprache erlernen.

3. Die Sozial-Pragmatische Theorie Tomasellos

„Am Anfang war der Zeigefinger“[6]. So lautet die Überschrift in einem Online-Zeitungsartikel des Tagesspiegels zur Auszeichnung Michael Tomasellos mit dem Stuttgarter Hegel-Preis. Ausgezeichnet wurden seine Untersuchungen über „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“. Dies ist der gleichnamige Titel seines Werkes, welches er 2009 veröffentlichte. Tomasello ist seit 1998 am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig tätig. In Auseinandersetzung mit der Sprache von Affen im Vergleich zu menschlicher Sprache versucht Tomasello Rückschlüsse auf die Entwicklung von Sprache zu ziehen. Beobachtungsschwerpunkt ist vor allem das Kommunikationsverhalten. Seine zentrale Behauptung, die er in seinem Buch aufstellt lautet:

„[…] daß wir zuerst verstehen müssen, wie Menschen durch den Gebrauch natürlicher Gesten miteinander kommunizieren, bevor wir nachvollziehen können, wie Menschen durch den Gebrauch einer Sprache miteinander kommunizieren und wie diese Fertigkeit im Lauf der Evolution entstanden sein könnte.“[7]

Menschliche Kommunikation findet stets in Kooperation statt und funktioniert am problemlosesten, wenn es uns möglich ist, wechselseitig einen gemeinsamen Hintergrund und vorausgesetzte, kooperative Kommunikationsmotive zu schaffen. Dies zeichnet die Einzigartigkeit der menschlichen Kommunikation aus. Dieses besondere Merkmal wird in der Sprachwissenschaft auch als die „geteilte Intentionalität“ bzw. „Wir-Intentionalität“ bezeichnet, die Grundlage kooperativer Kommunikation.[8] Evolutionärer Ausgangspunkt der Kommunikationsentwicklung seien die Gesten des Zeigens und das Gebärdenspiel.[9] Daraus entwickelten sich im Laufe der Zeit drei Hauptmotive menschlicher Kommunikation:

- Auffordern – Bitte um Hilfe oder Informationen
- Informieren – Anbieten von Hilfe und Informationen
- Teilen – Gefühle und Einstellungen sollen geteilt werden

Eine Rolle im Zusammenhang mit diesen Motiven steht immer die Motivation des Helfens und Teilens.[10]

Diese nachgewiesenen Kommunikationsmotive ließen sich nicht nur bei Erwachsenen beobachten sondern auch bei Kleinkindern. Auch sie wollen auffordern, teilen und informieren und greifen dabei durch Verwendung von Zeigegesten auf einen gemeinsamen Hintergrund zurück.[11] Diese gemeinsame Intentionalität und der gemeinsame Hintergrund bilden die Voraussetzung für den Spracherwerb. Gemäß dieser Spracherwerbstheorie besteht ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen gestischer und sprachlicher Kommunikation, beides entsteht in etwa um den ersten Geburtstag herum.[12] Die Interaktion und der dadurch entstehende Aufbau des gemeinsamen Hintergrundes spielen eine zentrale Rolle im Spracherwerb. Im gemeinschaftlichen Interagieren und Handeln lernen Kinder so von Zeit zu Zeit immer mehr Wörter, da durch gemeinsame Aufmerksamkeit und Verwendung von Ausdrücken für bestimmte Sachen, die Menge von Bezugsgegenständen immer weiter eingegrenzt wird.[13] In der Benutzung von Ein-Wort-Äußerungen zum Beginn des Spracherwerbs in Kombination mit Zeigegesten zeigt sich dann auch die Entstehung einer frühen Syntax.

3.1 Zusammenfassung

Nach Tomasello hat Sprache ihren Ursprung in der Gestik. Noch bevor der Mensch sprechen kann, bedient er sich Zeigegesten und dem Gebärdenspiel. Gesten werden benutzt, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass er über etwas informiert wird, dass ihm etwas mitgeteilt wird oder er etwas Bestimmtes tun soll. Voraussetzung um diese Gesten zu verstehen und anzuwenden ist, dass mein Gegenüber weiß, was ich von ihm will und ich auch weiß das er es versteht. Diese geteilte Intentionalität ist der zentrale Punkt von dem aus sich alles entwickelt. Über den Aufbau eines gemeinsamen Hintergrundes ist es möglich, kooperativ zu kommunizieren. gemeinsames Handeln von Kleinkindern und Erwachsenen ist erst geprägt durch Zeigegesten. Um den ersten Geburtstag herum setzt dann der Spracherwerb ein und Kinder beginnen, dass gemeinsame Interagieren erst mit einzelnen Wörtern und später mit ganzen Sätzen zu bereichern.

Somit zeigte Tomasello, dass der Spracherwerb mit den Zeigegesten beginnt und Sprache als soziales Kommunikationsmittel benutzt wird. Er widerspricht somit klar beiden folgenden Theorien und vertritt somit durchaus einen völlig neuen Standpunkt in der Sprachwissenschaft.

4. Die nativistische Theorie – Grundlegende Annahme

Der Nativismus, der innerhalb der Sprachwissenschaft als die Position der generativen Grammatik zum Spracherwerb gilt, beschäftigt sich mit den Annahmen, dass sprachliche Fähigkeiten angeboren sind. Außerhalb aller kognitiven Fähigkeiten des Menschen funktioniert Sprache für sich allein[14]. Sprachliche Fähigkeiten brauchen daher nicht erlernt werden, da bestimmte Grundregeln von Sprache automatisch ausgebildet werden, sobald ein Kind mit Sprache in Kontakt kommt.[15] Bedeutendster Vertreter des Nativismus ist Noam Chomsky, der die Theorie zur Universalgrammatik aufgestellt hat.

4.1 Noam Chomsky und die Theorie der Universalgrammatik

Nach Chomsky besitzt jeder Mensch die Fähigkeit zur Sprache. Er bezeichnet diese angeborenen Strukturen als Universalgrammatik. Dieses grammatische Wissen gleicht dem der Erwachsenen. Jedoch kann es nicht von Geburt an voll genutzt werden, da es erst einer Reifung unterzogen werden muss. Sprache als ein Teil der biologischen Ausstattung unterliegt einem gewissen genetischen Bauplan. Dieser Plan kommt zur Ausführung, wenn ausreichend Einflüsse (Inputs) aus der Umwelt auf das Kind einwirken. Aufgrund dieser auswirkenden Faktoren aus der Umwelt, spielt das Lernen im Nativismus eine kaum beachtete Rolle. Laut Chomsky ist die in der Umwelt vorhandene Sprache unzureichend, um aus ihr Grammatik zu lernen. Daher muss, so argumentiert Chomsky, sprachliches Wissen angeboren sein, da Kinder über eine vollständige Grammatik verfügen.[16] Seine Annahmen über die angeborene Grammatik stellte Chomsky in seinem Language-Acquisition-Device-Modell (LAD) vor. Die Grundannahme dieses Modells ist die bereits erwähnte angeborene Grammatik. Aufgrund der Fähigkeit, dass Babys jede Sprache erlernen können bezieht sich dieses Wissen auf alle Sprachen. Charakteristisch für das LAD sind die folgenden drei Bestandteile:

- Formale Universalien – stellen die Eigenschaften grammatischer Regeln und deren mögliche Verbundenheit dar, sie repräsentieren linguistische Merkmale wie bspw. die Tiefen- und Oberflächenstruktur
- Substantielle Universalien – informieren über das Wesentliche von Sprache, bspw. die Unterscheidung von sprachlichen und nicht-sprachlichen Zeichen
- Hypothesenbildungsverfahren und Hypothesenbewertungsverfahren – Bewertungsmechanismus zur Auswahl der geeigneten Grammatik

Mit Hilfe dieses LAD ist jedes Kind im Stande, so Chomsky, die jeweils zutreffende Grammatik anzuwenden.[17] Aufgrund der Kritik zum LAD-Modell entwickelte Chomsky daraufhin das Prinzipien- und Parametermodell (P&P-Modell). Demnach unterliegen alle Sprachen den gleichen Prinzipien, welche wiederum uns Menschen angeboren sind. Diese Prinzipien enthalten zudem Parameter, sogenannte Varianten innerhalb eines Prinzips. Diese beiden begründen die Anzahl der möglichen Einzelsprachen. Beim Spracherwerb müssen daher nicht die Prinzipien erlernt werden, da diese ja laut Chomsky angeboren sind, sondern es müssen lediglich die der Sprache zugehörigen Parameter ausgewählt werden. Diese werden aus all den Inputs, die das Kind aufnimmt, der Sprache anpassend ausgewählt. Somit ist es unmöglich, falsche Grammatiken anzuwenden. Durch die Festlegung der benötigten Parameter wird die Kern-Grammatik in einem genetisch festgelegten Prozess erworben. Es müssen lediglich fehlende Struktureigenschaften von Sprachen erlernt werden.[18]

[...]


[1] Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Sprache, letzter Zugriff am 21.05.11

[2] Vgl. Bunse; Hoffschildt 2008, S. 13

[3] ebd., S. 13

[4] ebd., S. 14

[5] Vgl. Meibauer 2007, S.253f.

[6] http://www.tagesspiegel.de/kultur/am-anfang-war-der-zeigefinger/1648574.html

letzter Zugriff am 20.05.2011, 18:03 Uhr

[7] Vgl. Tomasello 2009, S. 13

[8] ebd., S. 17

[9] ebd., S. 22

[10] ebd., S.99

[11] Vgl. Tomasello 2009, S.136f.

[12] ebd., S. 168f.

[13] ebd., S. 172

[14] Vgl. Szagun 2006, S. 267

[15] Vgl. Crystal 1993, S. 234

[16] Vgl. Szagun 2006, S. 269ff.

[17] Vgl. Klann-Delius 1999, S.50f.

[18] Vgl. Ebenda, S. 52ff.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640955206
ISBN (Buch)
9783640954865
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174854
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
Schlagworte
erklärungsansätze spracherwerb

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Titel: Erklärungsansätze zum Spracherwerb