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Die Gesellschaftsmodelle von Emile Durkheim

Seminararbeit 2005 19 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Vita Durkheims

3 Die Vorgänger
3.1 Vernunftrechtlich orientierte Gesellschaftstheorien
3.2 Gesellschaftsmodelle der klassischen Ökonomischen Theorie

4 Die Gesellschaftsmodelle nach Emile Durkheim
4.1 Begriffe
4.1.1 Arbeit
4.1.2 Arbeitsteilung
4.1.3 Anomie
4.2 Die Gesellschaftsmodelle
4.2.1 Segmentierte Gesellschaft
4.2.2 Nicht-segmentierte oder arbeitsteilige Gesellschaft

5 Eigene Überlegungen, ob dieses Gesellschaftsmodell für die heutige Zeit bestand hat

6 Zusammenfassung

Literaturangaben

1 Einleitung

Die Soziologie als eigenständige Wissenschaft ist noch recht jung, erste Lehrstühle gab es in den USA 1892 (Albion W. Small), in Frankreich 1896 (Emile Durkheim) und in Deutschland schließlich seit 1914 (Georg Simmel). Korte und Schäfers bezeichnen die

Soziologie als Wissenschaft von der sozialen Wirklichkeit. Soziale Wirklichkeit meint dabei jenen Teil der erfahrbaren Wirklichkeit, der sich im Zusammenleben der Menschen ausdrückt oder durch dieses Zusammenleben und Zusammenhandeln hervorgebracht wird.[1]

Die Bezeichnung »Soziologie« wurde vom Franzosen Auguste Comte (1798-1857) zu Beginn des 19. Jahrhunderts etabliert und ist ein Kompositum aus einem lateinischen (»socius«[2] ) und einem griechischen (»logoV«[3] ) Wortteil. Seine Forschung hatte zwei Ursachen: Einerseits erlebte er die nachrevolutionäre und napoleonische Zeit und die damit einhergehenden tiefgreifenden Veränderungen der (franz.) Gesellschaft, in der alte Ordnungen aufgelöst wurden und die zukünftige Entwicklung noch offen stand. Anderseits wurde er von den Naturwissenschaften beflügelt, die aus Beobachtungen der Natur (Wirklichkeit) allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten ableiteten. Wie jedoch bereits erwähnt war es nicht Comte, der – zumindest in Europa – durch die Begründung eines eigenen Lehrstuhls für Soziologie diese als eigenständige Wissenschaft anerkennen ließ, sondern Emile Durkheim. Mit diesem ersten “Fachwissenschaftler in der Geschichte der Soziologie[4] will sich diese Arbeit im Hinblick auf seine Gesellschaftsmodelle befassen.

Neben einer Skizzierung der Vita Durkheims und einer Einführung in die Modelle der vernunftrechtlichen Gesellschaftstheorie und derjenigen der Politischen Theorie/Physiokratie soll nach der Vorstellung der Durkheimschen Idee eines Stufenmodells der Frage nachgegangen werden, ob seine Schlussfolgerungen allgemeingültig sind.

2 Die Vita Durkheims

Durkheim wurde am 15. April 1858 im lothringischen Epinal geboren. Da er aus jüdischem Elternhaus stammte, sollte er – gemäß der Familientradition wie Vater, Großvater und Urgroßvater auch – Rabbiner werden. Durch den Bruch mit der orthodoxen Lebensweise seiner Familie ging er eigene Wege, jedoch prägte die strenge Erziehung seine Arbeitshaltung nachhaltig, indem er stets mit Fleiß und Konzentration seiner wissenschaftlichen Arbeit nachging.

Nach Abschluss des Gymnasiums studierte er von 1879 bis 1882 erfolgreich an der Ecole Normale Supèrieure. Dadurch, dass man in Frankreich nur über den Weg des Gymnasiallehrers eine Universitätskarriere einschlagen konnte und kann, ging auch Durkheim diesen Weg. Aufgrund positiven Auffallens während seines Studiums wurde er durch das Unterrichtsministerium mit einem Stipendium in Deutschland in den Jahren 1885 und 1886 belohnt mit dem Auftrag

die Ursachen für die Niederlage Frankreichs gegen Deutschland (im Krieg 1870/71) herauszufinden, und dazu gehörte auch, sich einen Überblick über die wissenschaftlichen Grundlagen des Deutschen Reiches zu machen.[5]

Diese Studienreise und die Begegnungen mit Ferdinand Tönnies und dem Völkerpsychologen Wilhelm Wundt lassen in ihm den Wunsch reifen, eine Morallehre zu entwickeln, um damit die Gesellschaft besser beeinflussen zu können. In Frankreich sollte diese auf der Soziologie begründete Morallehre in das Erziehungssystem integriert werden. Einerseits sollten die Lehrer eine entsprechende Ausbildung erhalten, andererseits in entsprechenden Fächern Schüler unterwiesen werden.[6]

Durkheim lag daran, „ die Ziele der dritten Republik zu unterstützen und im öffentlichen Bewusstsein nach und nach zu verankern.[7] Durch den Zuspruch der verantwortlichen Stellen wurde Durkheim 1887 schließlich vom Gymnasium an den Lehrstuhl für Pädagogik an die Universität von Bordeaux berufen. Dort erhielt er 1896 den Lehrstuhl für Pädagogik und Soziologie.[8]

1902 war er als Lehrstuhlvertreter im gleichen Fächerkanon an die Sorbonne gerufen worden, 1906 dann zum Ordinarius für Pädagogik und Soziologie erklärt worden.

Am 15.11.1918, also kurz nach Kapitulation des Deutschen Reiches, die den Ersten Weltkrieg beendete, verstarb Durkheim in Paris an den Folgen eines Schlaganfalls.

Seine wichtigsten Werke verfasste er innerhalb von drei Jahren zu der Zeit als er noch in Bordeaux lehrte. Diese lauten im Original: De la Division du travail social. Étude sur l´organisation des sociétés supérieures[9], Les rêgles de la mèthode sociologique[10] und Le Suicide: Etude de sociologie[11].

3 Die Vorgänger

Das Befassen der Menschen mit soziologischen »Dingen« geht weit zurück: Im antiken Hellas beispielsweise fragte Aristoteles schon nach dem guten und glücklichen Leben in der Polis, also dem (Stadt-)Staat, woraufhin Herrschaftsbeziehungen abgeleitet wurden. Letzten Endes war aber alles von göttlicher Ordnung.

Es gibt fünf Kernbereiche, mit der sich die Wissenschaft der Soziologie befasst: Zum einen geht es um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und welche Menschenbilder sich ableiten lassen, dann geht es darum, wie sich die soziale Integration gestaltet (Wesen, Form, Intensität zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen). Ein weiterer Punkt ist die soziale Differenzierung, bei der bspw. der Prozess der Aufspaltung in Untergruppierungen mit seinen positiven wie negativen Folgen betrachtet wird. Darüber hinaus spielt auch der soziale Wandel eine Rolle, bei dem nach Ursachen und Gesetzen (z.B. Veränderungen der Strukturen und Wertesysteme) gefragt wird. Schließlich möchte die Soziologie auch in Abhängigkeit zu sozialen Bedingungen eine Handlungsorientierung liefern, bei der es gilt, Relationen zwischen Bedürfnissen und Werten wie auch zwischen subjektiven Motiven und objektiven Handlungsmustern aufzuzeigen.[12] Durkheim selbst stieß sich daran, dass seine Vorgänger, die sich mit sozialen Sachverhalten auseinandersetzen, mit Gesetzmäßigkeiten anderer Wissenschaften gesellschaftliche Phänomene ausreichend erklären wollten. Im weiteren Verlauf sollen zwei vorgestellt werden, einerseits die vernunftrechtlich orientierten Gesellschaftstheorien, andererseits die Gesellschaftsmodelle der politischen Ökonomie.

3.1 Vernunftrechtlich orientierte Gesellschaftstheorien

Als Hauptvertreter sind für diese Theorie Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Immanuel Kant (1724-1804) und Thomas Hobbes (1588-1679) zu nennen. Kernaussage ist, dass sich der Mensch seine eigene künstliche Ordnung schafft.

Ausgehend von einem (Natur-)Zustand, im dem das Überleben des Einzelnen gefährdet ist, weil der Selbsterhaltungstrieb zu Konflikten, Auseinandersetzungen und Kriegen nach dem Prinzip »jeder gegen jeden« führt,[13] erscheint als einziger Ausweg der Abschluss eines Vertrages, bei dem – um bei Hobbes zu bleiben – die Menschen untereinander einen Gesellschaftsvertrag abschließen. Auf diese Weise wird ein Gewaltmonopol bei einem durch diesen Vertrag begünstigten Herrscher generiert, wodurch das Volk geschützt werden soll.[14]

In Bezug zu den anderen – nicht weiter ausgeführten – Theoretikern soll angemerkt werden, dass sie Variationen aufweisen im Hinblick auf den Naturzustand – also der Zeit vor Abschluss des Vertrages – wie auch moralische Schwerpunkte. Ihnen gleich ist – und dies in Abgrenzung zu bspw. den griechischen Philosophen der Antike – dass die

Instanz zur der Regulierung [..] die menschliche Vernunft [ist] , die in Unabhängigkeit von göttlichen oder natürlichen Kräften ein System politischer Beziehungen in Verfolgung bestimmter Zwecke konstruiert.“[15]

Der Mensch ist an diesem Punkt zur Erkenntnis gelangt, dass nicht eine göttliche Ordnung, sondern dass allein der menschliche Wille und seine Vernunft die Beziehungen untereinander regelt.

3.2 Gesellschaftsmodelle der klassischen Ökonomischen Theorie

Das Gesellschaftsbild dieses Theorieansatzes unterscheidet sich deutlich von dem vorherigen. Als Hauptvertreter sind für den angelsächsischen Bereich Adam Smith (1723-1790), John Stuart Mill (1806-1873) und David Ricardo (1772-1823) zu nennen. In Frankreich gab es eine ebenso auf wirtschaftswissenschaftlichen Annahmen beruhende Theorie – allerdings mit medizinischem Hintergrund – die als Physiokratie bekannt ist, die auf die Ökonomen François Quesnay und Anne Robert Jacques Turgot zurückzuführen ist.

Der wesentliche Unterschied zur Lehre des Vernunftrechtes besteht in der Annahme, dass die soziale Ordnung nicht konstruierbar, sondern einer eigenen (Natur-) Gesetzlichkeit folgt und damit durch menschliches Eingreifen (politisch, juristisch) nicht veränderbar ist.[16]

Eigentlich kann man diesen Ansatz als gegenläufig bewerten, da hier wieder eine transzendente Ordnungsebene eingeführt wird, der sich der Mensch fügen muss.

Die Poltische Ökonomie führt als eine die Beziehungen der Menschen beeinflussende Gesetzmäßigkeit das ökonomische Handeln auf, insbesondere die Akkumulation und Verteilung des Reichtums, die vorherrschenden Marktbeziehungen, der strukturelle Aufbau der Gesellschaft nach Klassen und die Rolle des Staates.[17]

Die Physiokraten haben folgendes dreistufiges Gesellschaftsmodell entwickelt:

Die wichtigste Klasse stellt die produktive Klasse (Bauern, Pächter) dar, daneben gibt es die sterile Klasse (Industriearbeiter, Handel u. Gewerbe, Kapitalisten) und die disponible Klasse (König, Grundeigentümer, Adel, Klerus). Die Annahme, dass die Natur (der Boden) den Reichtum einer Gesellschaft verursacht macht dieses deutlich, in wirtschaftlicher Sprache ausgedrückt: Nicht die Produktionsleistung des Produktionsfaktors Arbeit spielt eine Rolle, sondern die Ausbeute des Produktionsfaktors Boden. Der Ertrag des durch die Bauern bearbeiteten Bodens versorgt also alle drei Klassen.

Der (absolutistische) Staat sorgt lediglich dafür, dass die ökonomischen Kräfte nicht von außen wie auch von innen gestört werden.[18]

In England wurde hingegen anders differenziert: Zum einen sei die Grundlage menschlicher Beziehungen ein individuelles Streben nach Maximierung des eigenen materiellen Wohls, zum anderen unterscheiden sich die Klassen nicht im Bezug zum Produktionsfaktor Boden, sondern in der Unterschiedlichkeit der Einkommensquellen (Grundrente, Profit, Lohn).[19] Das Hinzuziehen einer »fremden« Wissenschaft zur Erklärung menschlicher Interaktion wird auch daran erkennbar, dass die Politischen Ökonomen vordergründig nach der Ursache des Wohlstands von Nationen suchten und hierbei das wirtschaftliche Handeln des Menschen in das Zentrum stellten.

Auch Bereiche, die frei sind von wirtschaftlichem Denken (Gefühle, Empfindungen, Neigungen) werden schließlich doch ökonomisch bewertet: zwar wird der Nutzen nicht nur materiell erwartet und reflexiv gerichtet gesehen, d.h. auf das Individuum selbst bezogen, sondern auch zum Wohle anderer, aber dennoch bleibt das Streben nach Maximierung unverkennbar.[20]

Stark skizzenhaft dargestellt wird die Gesellschaft als ein Markt angesehen, auf dem alle vollzogenen Einzelakte nicht aggregiert werden, sondern eine eigene Dynamik durch Marktmechanismen entwickeln, die als »invisible hand« bezeichnet wird. Diese Selbstregulierungskraft ist „ weder willentlich oder vernunftmäßig gelenkt noch politisch institutionalisiert[21]. Wie bei den Physiokraten auch soll der Staat nur dafür Sorge tragen, dass die Marktkräfte ungestört wirken können. Dies ist aber auch ähnlich zur vernunftrechtlich orientierten Gesellschaftstheorie, in der eine übergeordnete Instanz geschaffen worden war, die eine Schutzfunktion übernehmen sollte für die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft, weil im vor-gesellschafts-/herrschaftsvertraglichen Zustand das Maximieren des eigenen Vorteils auch die Vernichtung eines anderen Gesellschaftsmitgliedes bedeuten konnte.

[...]


[1] Korte, Hermann/Schäfers, Bernhard: Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. 6., erweiterte und aktualisierte Auflage, Opladen, Leske + Budrich, 2002, S. 12.

[2] Als Adjektiv: gemeinsam, verbunden, verbündet; als Substantiv: Gefährte, Verbündeter, Teilnehmer.

[3] Logos hat viele Übersetzungsmöglichkeiten: In einem Grund- und Aufbauwortschatz Griechisch finden sich drei Übersetzungskategorien: 1. die Erzählung, die Rede, der Ausspruch, 2. die Abrechnung, Kalkulation und 3. die Begründung, Argumentation, der Begriff. Im wissenschaftlichen Bereich wird oft die Übersetzung »Lehre« verwendet.

[4] Korte, Hermann: Einführung in die Geschichte der Soziologie. 7., erweiterte Auflage. Opladen, Leske + Budrich, 2004, S. 66.

[5] Korte: Geschichte, S. 67.

[6] Vgl. ebd., S. 67f.

[7] Ebd., S. 68.

[8] Vgl. ebd,. S. 68.

[9] 1893 veröffentlicht. Deutscher Titel: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften.

[10] 1895 veröffentlicht. Deutscher Titel: Die Regeln der soziologischen Methode.

[11] 1897 veröffentlicht. Deutscher Titel: Der Selbstmord.

[12] Vgl. Bauer, Eva: Zur Entstehung soziologischer Theorie: Anfänge soziologischen Denkens. In: Morel, J. u.a.: Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. München, Oldenbourg, 2001, S. 1f. Diese fünf Bereiche entstammen der Idee Gabor Kiss´.

[13] Vgl. Blum, Wilhelm/Rupp, Michael/Gawlina, Manfred: Politische Philosophen. 3., neu erweiterte Auflage. München, Bayerische Landeszentrale für politische Bildung, 1997, S. 113. Hier bezogen auf Hobbes Annahmen.

[14] Vgl. Bauer: Entstehung, S. 3.

[15] Bauer: Entstehung, S. 3.

[16] Bauer: Entstehung, S. 4.

[17] Vgl. ebd., S. 4.

[18] Vgl. ebd., S. 5.

[19] Vgl. ebd., S. 5.

[20] Vgl. Bauer: Entstehung, S. 6.

[21] Ebd., S. 6.

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Titel: Die Gesellschaftsmodelle von Emile Durkheim