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Die „produktive Anschauung“ in F.W.J. Schellings "System des transzendentalen Idealismus"

Seminararbeit 2005 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Was versteht Schelling unter einer „produktiven Anschauung“?

Der Terminus „produktive Anschauung“

Was ist die „produktive Anschauung“?

Einordnung in System und Genese des Ichs

Schlußbetrachtung der „produktiven Anschauung“

Literatur:

Was versteht Schelling unter einer „produktiven Anschauung“?

Diese Frage soll im Folgenden anhand des Systems des transzendentalen Idealismus beantwortet werden. Zunächst werden über die Begrifflichkeit im Allgemeinen und im Speziellen (der Philosophie), Überlegungen angestellt. Worauf eine Definition des Begriffs im Sinne Schellings durch genaue Textbetrachtung seines Werkes, insbesondere der ersten und zweiten Epoche seines Systems, versucht wird. Im Weiteren wird die „produktive Anschauung“ in das System und das Vorhaben Schellings, also in die Geschichte des Selbstbewußtseins eingeordnet. Abschließend soll versucht werden die Rolle der „produktiven Anschauung“ im System hervorzuheben und zu gewichten, wobei auch Differenzen zwischen den Annahmen des Philosophen und denen des gemeinen Verstandes Betrachtung finden werden.

Der Terminus „produktive Anschauung“

Der Begriff der produktiven Anschauung setzt sich aus produzieren und anschauen zusammen. Im Allgemeinen bedeutet produzieren ein Hervorbringen, ein Erschaffen, ein Generieren von etwas Neuem. Es stammt vom lat. producere ab, was als „hervorbringen“ aber auch als „vorwärtsführen“ übersetzt werden kann. Die Anschauung ist eine Betrachtungsweise, eine Vorstellung oder auch eine „innere Versenkung“.

In der Philosophie wird der Begriff des Produzierens ähnlich wie der Allgemeine mit „herstellen“ und „schaffen“ aber auch mit „herleiten“ und „darstellen“ übersetzt. Allerdings kommt dem Begriff in der Philosophie beachtlich weniger praktische Bedeutung zu. Produzieren wird nicht als manuelle Handlung des Menschen, sondern als intellektuelle oder übersinnliche angesehen. Von der Antike (Proklos) bis zu Spinoza wird die Produktion als von Gott ausgehende Handlung, zur Hervorbringung der Natur und auch des Menschen, vorgestellt. Der Materialismus zur Zeit der Aufklärung erkannte in der Natur alle Produktion und schrieb auch den Menschen den Produkten der Natur zu. Im Gegensatz dazu geht das Produzieren des Deutschen Idealismus vom Verstand, also vom Subjektiven aus. Für Kant ist produzieren eine Syntheseleistung des Subjekts zur Veranschaulichung von Gegenständen. Ähnlich auch bei Schelling, wobei sich bei ihm durch Produktionen des Selbstbewußtseins alle Gegenständlichkeit erst konstituiert. Er sieht Objekte nicht als Ergebnis einer Produktion, sondern denkt das Produkt (Objekt) als in beständiger Produktivität wirkend.[1] Das Objekt ist für Schelling bloße Täuschung oder aufgehobene, gehemmte Tätigkeit.

Die Anschauung im philosophischen Sinne erhebt den Anspruch nicht nur auf ein Bestimmtes an einer Sache gerichtet zu sein, sondern dieselbe im Ganzen zu sehen. Die Anschauung ist das aller Erkenntnis zugrunde liegende Vermögen. Bei Schelling ist die Anschauung nicht auf ein Objekt gerichtet, sondern ist eine auf sich selbst gerichtete Tätigkeit des Ichs, welche nur auf Objekte blickt um sich etwas entgegensetzten zu können. Eine reine Selbstanschauung.

Betrachtet man den Begriff der „produktiven Anschauung“ als ganzen, so kommt man zu der Frage, was denn diese Anschauung produziere. Oder angenommen es handelt sich hierbei um eine einzige Tätigkeit, so ergibt sich die Frage wie denn ein Produzieren und ein Anschauen gleichzeitig vorstellbar sei. Die Antwort wird bei Schelling zu finden sein, er ist der Urheber des Begriffs der „produktiven Anschauung“.

Was ist die „produktive Anschauung“?

In seinem System des transzendentalen Idealismus folgt Schelling seinen Vorstellungen einer Methode der Transzendental-Philosophie. Er begleitet das Ich von einer Stufe der Selbstanschauung zur nächsten, bis es alle Bestimmungen eines freien und bewußten Aktes des Selbstbewußtseins aufweist. Auf jeder Stufe in der Genese des Selbstbewußtseins sieht der Philosoph das Ich in einer höheren Potenz. Die Transzendental-Philosophie ist nach Schelling „ein beständiges potenzieren des Ichs“[2]. Die Potenzierung schafft nicht etwas Neues, sondern ist eine Ausdifferenzierung des schon Bestehenden, welches sich in einer höheren Potenz wiederholt. Die logische Konsequenz einer Untersuchung, die zu dem Punkt gelangen möchte, von welchem sie ausgeht. Demnach steht auch am Anfang der Untersuchung das Selbstbewußtsein.

Das Selbstbewußtsein postuliert Schelling als „Prinzip allen Wissens“, denn ein „Sich selbst Wissen“, aus welchem der Begriff des Ichs erst entspringt, ist Bedingung jeglicher Wissensbildung. Nach ihm beruht „alles Wissen [...] auf der Übereinstimmung eines Objektiven mit einem Subjektiven.“[3] Das „Sich selbst Objekt werden des Subjektiven“ ist das vom Philosophen in das Selbstbewußtsein gelegte fortwährende Bestreben, von welchem er ausgeht. Indem sich das Ich denkend zum Objekt macht, produziert es sowohl sich selbst, als auch durch unbewußte Produktion die Mannigfaltigkeit der objektiven Welt. Um zu erhellen wie diese Produktion vorzustellen ist, wird im Weiteren auf die von Schelling aus dem Selbstbewußtsein abgeleiteten Denkakte eingegangen werden. Sie führen zur Erhebung des Ichs zur Intelligenz.

Der erste Akt der Geschichte der Intelligenz, ist der des Selbstbewußtseins. Dieser ist jedoch noch unbewußt und nicht in Freiheit, mit Bewußtsein vollzogen. In diesem Akt nimmt Schelling einen Streit zweier sich absolut entgegengesetzter Tätigkeiten an, welche er „reelle„ und „ideelle Tätigkeit“ nennt. Die reelle sieht er als ursprünglich ins Unendliche gehende, objektive, begrenzbare Tätigkeit an, der ideellen schreibt er die Tendenz zu, sich in jener Unendlichkeit anzuschauen. Er nennt sie subjektive, unbegrenzbare, welche aber auch unendlich gesetzt ist. Beide setzen sich wechselseitig voraus. Da beide ursprünglich als unendlich gedacht werden, ist auch deren Widerstreit ein nicht endender, welchen Schelling als „einen absoluten Akt“ in welchem eine Unendlichkeit von Handlungen zu erkennen ist, annimmt.[4] Diese absolute Entgegensetzung der Tätigkeiten, ist für den Philosophen Bedingung für jegliche Bewegung, Entwicklung und Produktion, folglich auch jedes Produkts. Allerdings würden sich die beiden Tätigkeiten, da sie beide absolut gesetzt sind, gegenseitig aufheben, womit auch das Selbstbewußtsein nicht mehr existent wäre, gäbe es nicht noch eine dritte Tätigkeit des Ichs, die dies zu verhindern imstande ist. Diese erahnt der Philosoph als notwendig für das Ich und formuliert sie als Synthese der beiden entgegengesetzten, welche er als These und Antithese beschreibt. Diese gemeinschaftliche Konstruktion der beiden Tätigkeiten ist die Bedingung für das Ich, damit es sich vollständig, d.h. als „Subjekt-Objekt“ zum Objekt machen und somit seinem Verlangen sich selbst anzuschauen folge leisten kann. Allerdings ist das Ich nicht in der Lage diese Synthese anzuschauen, da die anschauende (ideelle) Tätigkeit selbst in der Konstruktion enthalten ist. Das „Gemeinschaftliche“ (die Synthese) entsteht nach Schelling aus einem Durchdringen der beiden Tätigkeiten in einer Dritten, und erscheint dem Philosophen als „leblose Natur ohne Empfindung“, als „bloßer Stoff“. Das Ich selbst ist jedoch noch völlig ohne Bewußtsein und stellt sich einen Punkt vor, indem reelle und ideelle Tätigkeit noch vereinigt sind. Die ideelle (unbegrenzbare) aber, muß zwangsläufig über die, durch das Ich unbewußt in sich gesetzte Grenze (die des Punktes) hinaus streben[5], wodurch nur noch die reelle Tätigkeit als begrenzt durch die ideelle zurück bleibt.

Nun sieht sich der Philosoph auf einen zweiten Akt des Selbstbewußtseins getrieben, „welcher ein Selbstanschauen des Ichs in jener Begrenztheit ist“[6]. In ihm trennen sich die beiden ursprünglich vereinigten Tätigkeiten in rein subjektive und rein objektive. Die ideelle findet die durch sie selbst gesetzte Grenze, kann aber die Herkunft derer nicht mehr einsehen. Dieser Akt ist für den Philosophen der Akt der „ursprünglichen Empfindung“, in diesem wird der Gegensatz zwischen Ich und Ding an sich gesetzt[7]. Das Ich fühlt sich eingeschränkt durch etwas ihm Entgegengesetztes. Es erklärt sich dieses Empfinden durch eine Affektion eines Dinges auf sich. Es ist aber nicht wirklich ein Objekt welches empfunden wird, sondern die aufgehobene Tätigkeit, bzw. die Negation der ideellen Tätigkeit des Ichs. So ist, nach Schelling, „das Empfundene nichts vom Ich verschiedenes, es empfindet nur sich selbst“[8]. Dieser Zusammenhang ist bloß dem Philosophen, nicht dem Ich selbst bewußt. Die Frage wie nun der Akt des Empfindens auch dem Ich bewußt werden kann, führt Schelling zum dritten Akt des Selbstbewußtseins.

[...]


[1] Vgl. Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): F.W.J. Schelling. Stuttgart-Weimar 1998, S.72.

[2] F.W.J. Schelling: System des transzendentalen Idealismus, Tübingen 1800, S.119 Im Folgenden zitiert als: Schelling, System.

[3] Schelling, System, S.9.

[4] Vgl. Schelling, System, S.67.

[5] Ein Anschauen ist nur möglich, wenn sich die Ideelle außerhalb der Konstruktion befindet.

[6] Schelling, System, S.120.

[7] Vgl. Schelling, System, S.120.

[8] Schelling, System, S.74.

Details

Seiten
12
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640955466
ISBN (Buch)
9783640955596
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174894
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
anschauung“ schellings system idealismus

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