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Das Konzept der Resilienz - zur Prävention der Resilienz durch die Soziale Arbeit

Hausarbeit 2011 25 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemaufriss
1.2 Zentrale Fragestellungen
1.2 Methodische Vorgehensweise

2 Definitionen
2.1 Geschichte des Resilienzbegriffs
2.1.1 frühe Definition von Resilienz
2.1.2 heutige Definition von Resilienz
2.2 Soziale Arbeit nach dem International Federation of Social Workers
2.3 Frühförderung und Prävention

3 Studien der Resilienzforschung
3.1 Emmy E. Werner - Kauai-Längsschnittstudie
3.2 Die „Mannheimer Risikokinderstudie“ von Laucht et al
3.3 Forschungsergebnisse
3.3.1 personale Ressourcen
3.3.2 soziale Schutzfaktoren

4 Resilienzkonzepte und Modelle
4.1 Risikofaktorenkonzept
4.2 Schutzfaktorenkonzept
4.3 Modell der Kompensation
4.4 Modell der Herausforderung

5 Frühförderung von Resilienz und Umsetzung in die 15 sozialarbeiterische Praxis

6 Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„Aus pädagogischer Sicht lässt sich das Aufwachsen von Kindern als Abfolge manchmal mehr, manchmal weniger gelingender Entwicklungsschritte betrachten, und vor allem die weniger erfolgreichen Entwicklungsschritte erfahren traditionellerweise die größte Aufmerksamkeit.“ (Wustmann 2004, 9). Corina Wustmann spricht ein Phänomen an, welches sowohl aktuell als auch historisch betrachtet Lebensläufe von Menschen beeinflusst. Noch heute berichten Holocaustopfer von dramatischen Erlebnissen in Konzentrations- und Arbeitslagern. In den Nachrichten häufen sich Beiträge über misshandelte und vernachlässigte Kinder. Naturkatastrophen vernichten die Existenzen tausender Bürger. Viele Jungen und Mädchen leben heute in Multiproblemfamilien. Die Dynamik der sich wandelnden Gesellschaft fordert daher auch eine immer schnellere Anpassung und Vermittlung von Kompetenzen an die Kinder.

1.1 Problemaufriss

Die Meinung der Öffentlichkeit tendierte lange Zeit dahin, dass - teilweise durch die Medien verbreitet - die Kindheit einen prägenden Einfluss auf das gesamte Leben hat. Wachsende Belastungen, denen Kinder heute vermehrt ausgesetzt sind, galten in früherer Zeit als Ursache dramatischer Beeinträchtigungen. Erstaunlich ist, dass es eine große Zahl von Heranwachsenden gibt, welche sich ungeachtet schwieriger Bedingungen unauffällig, positiv und gesund entwickelten.

1.2 Zentrale Fragestellungen

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll die Gegenüberstellung von Risiko- und Schutzfaktoren stehen. Das Interesse meiner Arbeit richtet sich auf die Entwicklung von Resilienz bei Kindern. Dabei möchte ich herausarbeiten, wie Heranwachsende mit Hilfe von SozialarbeiterInnen Risikofaktoren minimieren und Schutzfaktoren stärken beziehungsweise aufbauen können. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dieser Thematik auseinander, welche mit folgenden Fragestellungen einhergehen:

Welche präventiven Maßnahmen lassen sich für die Arbeit mit Kindern in der Soziale Arbeit ableiten?

Warum beeinflussen Risiko- und Schutzfaktoren die kindliche Entwicklung?

1.3 Methodische Vorgehensweise

Einleitend analysiere ich die Geschichte des Resilienzbegriffs nach dem früheren und aktuellen Kenntnisstand, definiere Soziale Arbeit nach dem International Federation of Social Workers, sowie die Begriffe Frühförderung und Prävention. Nach der Beschreibung der Kauai-Längsschnittstudie von Emmy E. Werner und der Mannheimer Risikokinderstudie von Manfred Laucht et al. fasse ich Forschungsergebnisse nach ihren personalen und sozialen Ressourcen zusammen. Weiterhin werden zwei Modelle der Resilienz beleuchtet, wobei der Fokus auf dem Risiko- und Schutzfaktorenkonzept liegt. Im fünften Abschnitt beziehe ich mich auf die Frühförderung von Resilienz und wie diese in der sozialarbeiterischen Praxis umgesetzt werden kann. Nachfolgend ziehe ich Schlussfolgerungen für die professionelle Soziale Arbeit. Ich beende die Hausarbeit mit einer Zusammenfassung und meinem Resümee, in dem ich konkret auf Aufgaben sowie Berührungspunkte mit KlientInnen eingehen werde und beantworte meine Fragestellungen implizit. Um das Resilienzkonzept zu verdeutlichen, wird im Anhang ein Exkurs zur Bindungstheorie und dessen Zusammenhang erörtert.

2 Definitionen

Nachfolgend werde ich den Begriff der Resilienz nach seinem früheren und aktuellen Kenntnisstand sowie dessen geschichtliche Entwicklung, die Soziale Arbeit nach dem International Federation of Social Workers (IFSW, zu deutsch: Internationale Vereinigung der SozialarbeiterInnen) sowie die Begriffe Frühförderung und Prävention beschreiben.

2.1 Geschichte des Resilienzbegriffs

Der Begriff Resilienz leitet sich von dem lateinischen Verb resilire ab, welches mit zurückspringen oder abprallen übersetzt werden kann. Das englische Wort resilience meint dagegen Belastbarkeit, Widerstandskraft, Elastizität. (Engelhardt 2010, 3). Eine einheitliche Definition des Begriffs Resilienz gibt es noch nicht, da jede Profession diesen für sich individuell darlegt. Transformiert in die Fachsprache der Sozialen Arbeit ist festzustellen, „(...) dass Kinder und Erwachsene, die schwierige Lebensumstände und Belastungen erfolgreich meistern und sich ungeachtet dieser Risiken positiv entwickeln, als resilient beschrieben werden können.“ (Gahleitner; Hahn 2010, 43).

2.1.1 frühere Definition von Resilienz

Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der Materiallehre und beschreibt inwieweit ein Material, welches sich unter starkem Druck verformt, wieder in seine ursprüngliche Form gelangt, sobald der Druck nachlässt.

Eine frühere Definition des psychosozialen und klinischen Bereiches verstand unter Resilienz Robustheit, wie etwa Fritz Redl beschrieb: „Fähigkeit, trotz widriger Umstände den erschwerenden Einflüssen zu widerstehen und nach kurzer Zeit ohne fremde Hilfe zum normalen Funktionsniveau zurückzukehren.“ (Short; Weinsprach 2007, 19). Der Kinderpsychiater James Anthony formulierte 1974 das Konzept des psychisch unverwundbaren Kindes. Obwohl diese unter psychischem Stress standen, waren sie fähig, sich altersgerecht zu entwickeln. In den 1970er Jahren verdeutlichte der Psychologe Norman Garmezy erstmals die Idee einer Kompetenz ungeachtet schwieriger Umstände. Er nahm Untersuchungen an Kindern vor, bei welchen das Risiko psychischer Pathologie bestand, da deren Mütter unter Schizophrenie litten. Seine Forschungen ergaben, dass einige Jungen und Mädchen gesund blieben und sich schulisch gut entwickelten. Er beschrieb diese Kinder als stressresistent. Nach diesen Erkenntnissen richtete er seine Forschungen auf die Kompetenz der Kinder. Er vermutete, dass bei stark gefährdeten Individuen nicht zwingend Pathologien vorliegen müssen. In Folge dessen konzentrierte er sich auf die Gesundheitsforschung. Garmezy ersetzte später den Kompetenzbegriff durch den der Resilienz (Boss 2008, 75).

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der Resilienzforschung. Seine Untersuchungen zu psychischen Folgen von Holocaust- Opfern ergaben, dass sich einige Menschen erholten und neue Kraft schöpften, obwohl sie diesen Qualen ausgesetzt waren. Er entwickelte daraus das Konzept der Salutogenese (Salus, lateinisch: Wohlbefinden, Gesundheit, Heil). Seiner Auffassung nach bräuchten ÄrztInnen und PsychologInnen einen Behandlungsansatz, welcher sich nicht ausschließlich auf spezifische Krankheiten und Leiden konzentrierte, sondern psychische, soziale sowie kulturelle Ressourcen im Menschen aktiviert, um sich gegen Krankheiten zu schützen. „Wenn Menschen das Gefühl hätten, dass sie ihre persönliche Welt verstehen und mit ihr umgehen können, besäßen sie das, was er als Kohärenzgefühl (sense of coherence) bezeichnet“ (Boss 2008, 77). Die Soziale Arbeit bezieht sich demnach auf die Überzeugung eines Menschen, die Fähigkeit zu besitzen, ein Problem oder eine Situation zu bewältigen. Die Handlungsbefähigung hängt mit der Selbstbestimmung zusammen, daraus ergibt sich die Fähigkeit zur Selbsthilfe.

SozialarbeiterInnen sollten demnach alles tun, um die Handlungskompetenzen von KlientInnen zu befähigen (Boss 2008, 78).

2.1.2 aktuelle Definition von Resilienz

Der Paradigmenwechsel entfernt sich von der Defizit- hin zu der Ressourcenfokussierung und geht weg von Risiko- hin zu den Schutzfaktoren. Dies ergibt sich aus Langzeitstudien, auf welche ich im Kapitel 3 eingehen werde. Resilienz kann heute mit der psychischen Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychischen und sozialen Entwicklungsrisiken beschrieben werden (Wustmann 2004, 18). Gemeint ist auch die Fähigkeit von Menschen, Krisen unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für ihre Reifung zu nutzen (Welter-Enderlin; Hildebrandt 2006, 13).

Abschließend ist festzuhalten, dass durch Forschungen Vermutungen erweitert oder auch revidiert wurden. Nach dem aktuellen Erkenntnisstand gilt, dass Resilienz keine angeborene Eigenschaft oder erlernte Fähigkeit ist, denn sie verändert sich je nach Erfahrungen und Ereignissen (Gahleitner; Hahn 2010, 44). Resiliente Personen können verletzlich, traumatisiert oder deprimiert sein, jedoch verfügen sie über schützende Bedingungen, welche ihnen helfen, Überlebensprozesse zu aktivieren und an ihnen zu wachsen. Resilienz wird demnach heute als ständig wechselnder Entwicklungsprozess verstanden, in dem eine erfolgreiche Anpassung an widrige Bedingungen gelungen ist.

2.2 Soziale Arbeit nach dem International Federation of Social Workers

International Federation of Social Workers besagt: „Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift Soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.“ (Übersetzung des englischen Originaltextes durch Barbara Molderings, DBSH (http://www.dbsh.de/html/wasistsozialarbeit.html. 2000).

2.3 Frühförderung und Prävention

„Frühförderung knüpft in seiner Erziehung an die Stellung des Menschen in Familienstand und Volk an und wollte den Sinn für die Gemeinschaft durch Spiel, rhythmische Bewegung und Sprache formen.“ (Stimmer 2000, 251). Des Weiteren stellt Frühförderung eine pädagogische, psychologische, medizinische und soziale Maßnahme bedrohter Kinder im Alter von null bis sechs Jahren dar. Auffälligkeiten und Beeinträchtigungen müssen frühestmöglich erkennbar sein, um das Auftreten zu verhindern. Dadurch sollen Kindern bestmögliche Chancen für ihre Persönlichkeitsentfaltung und Entwicklung zu einem selbstbestimmten Leben geboten werden. Dies deckt sich mit den Berufsethischen Prinzipien des DBSH (Deutscher Berufsverband für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik e.V.), welcher Rahmenbedingungen geschaffen hat, um professionelle Soziale Arbeit nicht nur ausführen, sondern auch legitimieren zu können (beispielsweise: Allgemeine Grundsätze beruflichen Handelns oder Verhalten gegenüber Klientel) (http://www.dbsh.de/BerufsethischePrinzipien.pdf 1997).

Als Prävention (vom lateinischen praevenire für „zuvorkommen, verhüten“) werden vorbeugende Maßnahmen bezeichnet, welche ein unerwünschtes Ereignis oder eine unerwünschte Entwicklung vermeiden. Allgemein kann der Begriff mit vorausschauender Problemvermeidung übersetzt werden. Transformiert auf die Soziale Arbeit bezeichnet Prävention methodische und vorbeugende Maßnahmen, wie Frühförderungen (Dieterich; Rietz 1996, 334).

3 Studien der Resilienzforschung

In diesem Kapitel nehme ich Bezug auf zwei Forschungsstudien. Zuerst beleuchte ich die Kauai-Längsschnittstudie von Emmy E. Werner, nachfolgend die Mannheimer Risikokinderstudie von Laucht et al. Abschließend fasse ich die Ergebnisse zusammen und arbeite personale- sowie soziale Ressourcen heraus.

3.1 Emmy E. Werner - Kauai-Längsschnittstudie

Wie bereits in Abschnitt 2.1.1 erwähnt, wandelte sich der Blick von krankheits- und defizitorientierten, hin zu gesundheitsfördernden- und ressourcenorientierten Modellen. Es gibt nur wenige Längsschnittstudien, welche kurz nach der Geburt beginnen und die Heranwachsenden episodisch bis in das Erwachsenenalter begleiten.

Ein Beispiel ist die Kauai-Längsschnittstudie, welche in der pränatalen Entwicklungsperiode ansetzte. Sie gilt als Pionierstudie der Resilienzforschung und wurde von Emmy E. Werner und Ruth S. Smith veröffentlicht (Zander 2008, 74). Ein Team aus KinderärztInnen, PsychologInnen und MitarbeitInnen von Gesundheits- und Sozialdiensten studierte den Einfluss biologischer sowie psychosozialer Risikofaktoren, belastender Lebensereignisse sowie Schutzfaktoren in der Entwicklung von 698 asiatischen und polynesischen Kindern. Diese wurden alle 1955 auf der Hawaiianischen Insel Kauai geboren (die multi-ethnische Kohorte des gesamten Jahrgangs) (Opp; Fingerle 2010).

Die Studie richtete ihren Fokus gezielt auf den Vergleich von resilienten und nicht- resilienten Kindern. Diese Jungen und Mädchen wurden 40 Jahre lang begleitet. Die Erfassung der Daten beginnt im Geburtsalter, danach folgten Untersuchungen im Alter von 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren. Interviews und Verhaltensbeobachtungen durch PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, KrankenpflegerInnen und LehrerInnen sowie Informationen von Gesundheits- und Sozialdiensten oder aus Persönlichkeits- und Leistungstests dienten als Erhebungsinstrumente. In den letzten drei Forschungsabschnitten wurden die Probanden auch selbst befragt (Wustmann 2004, 87).

Bei etwa einem Drittel der überlebenden Kinder in dieser Studienpopulation konnte ein hohes Entwicklungsrisiko festgestellt werden. Sie wurden schon sehr früh, vor ihrem zweiten Lebensjahr, mit mindestens vier risikobehafteten Bedingungen, also multiplen Risikobelastungen, konfrontiert. Die Jungen und Mädchen wuchsen in chronischer Armut auf, waren geburtsbedingten Komplikationen ausgesetzt, ein geringes Bildungsniveau der Eltern und/oder elterliche Psychopathologie sowie familiäre Disharmonie erschwerten das Aufwachsen. Zwei Drittel dieser Hochrisikokinder, wie sie Emmy E. Werner bezeichnete, zeigten schwere Lern- und Verhaltensstörungen in der Schulzeit (beispielsweise mangelnde Aggressionskontrolle), einige wurden straffällig, hatten psychische Probleme im Jugendalter oder wurden früh Mutter (vor dem 18. Lebensjahr).

Das restliche Drittel entwickelte sich, ungeachtet erheblicher Risiken, zu leistungsfähigen, zuversichtlichen und selbstsicheren Erwachsenen. In dieser Gruppe der resilienten Erwachsenen, im Alter von 40 Jahren, gab es im Vergleich mit der nicht-resilienten Altersgruppe niedrigere Raten an Todesfällen,chronischen Gesundheitsproblemen und Scheidungen (Opp; Fingere 2010, 21).

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640957071
ISBN (Buch)
9783640957101
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174953
Institution / Hochschule
Fachhochschule Erfurt – Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Resilienz Kauaii Frühförderung Emmy E. Werner Längsschnittstudie Laucht Mannheimer Längsschnittstudie Mannheimer Risikokinderstudie personale Ressourcen soziale Schutzfaktoren Risikofaktorenkonzept Schutzfaktorenkonzept Modell der Kompensation Modell der Herausforderung Bindungstheorie Bowlby Ainsworth

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