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Finanzmarktstabilität und -regulierung

Lehren aus der jüngsten Weltwirtschaftskrise 2008

Bachelorarbeit 2010 45 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Finanzmarktstabilität, die Theorie
2.1 Keynes’ General Theory of Employment, Interest and Money
2.2 Hayeks Rationalismus
2.3 Die aktuelle Krise - eine gescheiterte Vorhersehbarkeit

3 Finanzmarktregulierung - Diagnose und Heilung
3.1 Institutionelle Eingriffe und ihre Folgen
3.1.1 Ursachen und Struktur der Regulierungstheorie
3.1.2 Kernkapitalanforderungen und resultierende Probleme
3.1.2.1 Die Basler Eigenkapitalvereinbarungen
3.1.2.2 Eine wirtschaftliche Schieflage, Folge systematischer Fehler
3.1.3 Einlagenversicherung, Interbankenliquidität und Lender of last Resort, ein protektiver Versuch
3.1.3.1 Bankenruns und die Idee der Einlagensicherung
3.1.3.2 Die Herstatt-Krise und ihre Folgen
3.1.3.3 Einlagensicherungssysteme und ihre Probleme
3.2 Die Widerstandskraft des Systems erhöhen
3.2.1 Systemrisiken beschränken
3.2.2 Eine Verbesserung der Präventivmittel
3.2.3 Harmonisierungsbemühungen

4 Zwei Krisen im Vergleich - Erkenntnisse und deren Umsetzung
4.1 Die Krisenjahre 1929 und 2008 im Vergleich
4.2 Umsetzungen der gewonnenen Erkenntnisse

5 Schluss - Wird es Lehren aus der jüngsten Krise geben?

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sparen und Investieren in Deutschland von 1925 bis 1935

Abbildung 2: Bruttoinvestitionen in verschiedenen Weltregionen in Prozent des BIP

Abbildung 3: Staatshaushalt des Deutschen Reiches 1929 bis 1932 in Prozent des BIP

Abbildung 4: Deutsche Exporte während der großen Depression

1 Einleitung

„Bedeutende Erfolge sind auch die Ergebnisse überwundener Krisen.“1 Erfolg bedeutet eine auf 2,8 Bio. US-Dollar notierte Verlustposition des Bankensektors. Der Sachverständigenrat spricht von Entzugsprozessen. Das Finanzsystem hänge am Tropf. Seit Oktober 2008 ist es zu beobachten, dass privater Konsum sowie Exporte und Einzelhandelsumsätze zurückgingen, währenddessen die Arbeitslo- senquote und der Staatsverbrauch stiegen. Auch die Realwirtschaft war infiziert. Jeder spürte es.2

Die jüngste Weltwirtschaftskrise bietet Anlass zur Diskussion, inwieweit vorhandene Marktmechanismen in ihrer Wirkungsweise erforderlich erscheinen und warum es zur weltweiten Krise kam. Staatliche Hilfsmaßnahmen in Deutsch- land wurden zwar kaum in Anspruch genommen, jedoch führten Notmaßnahmen der Zentralbanken und des Staates zu einer Vervielfachung der ohnehin bestehen- den Anreizprobleme. Sanktionsmechanismen wurden in staatliche Garantien kon- vertiert und private Risiken verstaatlicht. Die Instabilität der globalen Finanz- märkte ist aus ökonomischer Sicht eines der zentralen Problemstellungen des letz- ten Jahrzehnts. Im Zentrum des Geschehens stehen dabei insbesondere das insta- bile Bankensystem und extreme Schwankungen der Wechselkurse.3

Gegenstand dieser Arbeit ist, Finanzmarktstabilität und Finanzmarktregu- lierung vor dem Hintergrund der Lehren aus der jüngsten Weltwirtschaftskrise zu eruieren und zu präsentieren. Dabei wird das Ziel verfolgt, eine Aussage darüber treffen zu können, warum es trotz vorhandener Erfahrungswerte und Mechanis- men zum Ausbruch der jüngsten Krise kommen konnte und welche Lehren zu ziehen sind. Die Thesis gliedert sich in fünf Teile. Im ersten Schritt erfolgt ein kurzer Umriss der Ursache, des Verlaufs und der Wirkung der letzten Krise. Im zweiten Teil wird Finanzmarktstabilität anhand der beiden konträren Stabilitäts- theorien Keynes‘ und Hayeks beschrieben. Anschließend wird detailliert die Fi- nanzmarktregulierung mit Blickpunkt auf Erfahrungen, die im Zuge der jüngsten Weltwirtschaftskrise gesammelt wurden, dargestellt. Dies bedeutet insbesondere, Schwächen zu finden, die den Krisenverlauf zuließen oder gar verstärkten, diese zu analysieren und hinsichtlich ihres zukünftigen Auftretens zu bewerten. Im vierten Teil findet dann ein Vergleich der jüngsten Weltwirtschaftskrise mit der großen Depression der dreißiger Jahre statt.

Die jüngste Weltwirtschaftskrise findet ihre Entwicklung in vielen Berei- chen der Wirtschaft. Die Bezahlung des amerikanischen Importüberschusses durch Verbriefung amerikanische Wertpapiere auf den internationalen Märkten im Zusammenspiel mit der Preisentwicklung auf dem amerikanischen Immobilien- markt folgt dem Prinzip des unvorsichtigen Finanzderivathandels. Der Crash des Aktienmarktes im Jahr 2000 und die als Reaktion darauf folgende Niedrigzinspo- litik der FED wie auch die Vergabe von Krediten an Kreditnehmer mit schlechter Bonität wirkten krisenverstärkend. Letztlich hatten die Verbriefung und Veräuße- rung von Ansprüchen auf internationalen Märkten eine Verbreitung der Blase auf globalisierte Netzwerke des Bankensektors zur Folge. Als 2006 die Schuldner zunehmend zahlungsunfähig wurden, begannen die Banken, Zahlungsausfälle in Mrd.-Bereichen abzuschreiben. Die Blase platzte. Weit über 80 international täti- ge Kreditinstitutionen wurden insolvent, verstaatlicht oder fusionierten.4

Die Globalisierung bedeutet bestehende Chancen umzusetzen, aber auch Risiken zu erkennen. Der Finanzsektor ist zum Teil fragil.5 Wichtig erscheint eine greifbare Lösung, die es zulässt, auch im internationalen Rahmen bindende Schranken für globale Player zu setzen. Ansonsten tritt die Frage auf, ob ein Ret- tungsschirm nützt, wenn der sich darunter befindende Bankier bereits im Wasser schwimmt.

2 Finanzmarktstabilität, die Theorie

Dieser Teil beschäftigt sich ausschließlich mit den Wirtschaftstheorien um Key- nes und Hayek. Nach einer Gegenüberstellung der beiden Doktrinen wird gezeigt, wie mithilfe wirtschaftspolitischer Maßnahmen versucht wurde, den Finanz- und Realmarkt nach Krisenausbruch zu stabilisieren. An diesem Beispiel wird die Wirkungsweise des Institutionalismus verbalisiert und auf Fehler eingegangen, die zu einer systematischen Verstärkung des Kriseneffekts führten.

2.1 Keynes’ General Theory of Employment, Interest and Money

John Maynard Keynes erkannte in den frühen zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die signifikante Bedeutung der Finanzmärkte für die Realwirtschaft. Auch in der aktuellen Krise ist seine wohl eminenteste These, dass Staatseingriffe in Marktwirtschaften gelegentlich stabilisierend und somit gerechtfertigt sind. Er wies dem Staat eine lenkende Rolle zu. Der Staat soll das Marktgeschehen aller- dings nicht vollständig bestimmen, sondern lediglich lenkend intervenieren, wäh- rend der Markt als denkbar effizientester Koordinationsmechanismus erhalten bleibt.6 Wird der Markt nun durch Nachfrageschwäche bedroht und läuft Gefahr, in eine Depression zu geraten, muss der Staat dafür sorgen, dass die Gesamtnach- frage wieder auf Vollbeschäftigungsniveau steigt.7 Zur Erreichung dieses Ziels formuliert Keynes zwei Untersagungen und drei Pflichten. Das erste Verbot un- tersagt Lohnsenkungen in der Depression, da sie zu Preissenkungen führen und als Folge die deflationäre Situation noch verschlechtert wird. Das zweite Verbot besagt, dass Staatsausgaben keinesfalls prozyklisch reduziert werden dürfen, da ein ohnehin herrschender Nachfragekollaps dadurch verschärft würde. Erstes Ge- bot sind niedrige Zinsen bzw. eine expansive Geldmengenpolitik. Ist das Zinsni- veau zu hoch, hat dies negative Auswirkungen auf die Investitionsneigung.8 Da aber in schlechten Zeiten mehr investiert werden soll, muss das Zinsniveau folg- lich niedrig gehalten werden. Allerdings ist diese Maßnahme in einer Liquiditäts- falle nur eingeschränkt möglich. Deshalb muss der Staat bei immer noch zu schwacher Investitionsneigung Ausgaben tätigen, um die notwendige Zusatznach- frage zu schaffen. Bei diesen Ausgaben hat er Haushaltsdefizite in Kauf zu neh- men. Nach diesem zweiten Gebot setzt Keynes als letztes auf die Erhöhung der Konsumneigung durch Umverteilung. Eine direkte Einkommensumverteilung und progressive Besteuerung des Einkommens soll die gesamtwirtschaftliche Kon- sumneigung erhöhen. In schwachen wirtschaftlichen Zeiten ist es eigentlich wich- tig, dass die Wirtschaftssubjekte höhere Ausgaben tätigen, da infolge dieser er- höhten Ausgaben sowohl das Einkommen als auch die Produktion und die Be- schäftigung steigen. Doch aufgrund ihrer unzureichenden Informationslage und ihres begrenzten Einkommens sind sie nicht in der Lage, sich zu höheren Ausga- ben in wirtschaftlich schlechten Zeiten zu entschließen. Somit ist es, wie bereits oben erwähnt, der Staat, der rezessionsbedingte Nachfrageausfälle zu kompensie- ren hat.9

Zwingend erforderlich ist eine Kreditfinanzierung seitens des Staates zur Steigerung der Gesamtnachfrage. Denn versuchte er, die Maßnahmen zur Nach- fragesteigerung durch Steuererhöhungen zu finanzieren, so ginge der Konsum bei den Steuerzahlern zurück und der Expansionseffekt würde vermindert oder bliebe gar vollkommen aus. Seine Schulden kann der Staat konkret dafür einsetzen, um Güter in der Privatwirtschaft zu erwerben, Steuersenkungen vorzunehmen oder staatliche Transferleistungen an die Bürger zu zahlen. Die so durch den Staat ge- schaffene Nachfrageerhöhung führt freilich zu einer Erhöhung des Einkommens, zu mehr Beschäftigung und wirkt sich darüber positiv auf den privaten Konsum aus.

Im Zuge der Finanzkrise wurde der Finanzmarkt kurzfristig mit Liquidität ver- sorgt, um der Insolvenz der Banken zu entkommen. Durch drastische Zinssenkung konnten Banken leichter Kapital aufnehmen. Darüber hinaus sah der Staat Mög- lichkeiten, durch Verstaatlichung, Zwangsfusionen und Kernkapitalhilfen ange- schlagene Intermediäre zu rekapitalisieren. Auch durch Zahlungsverzicht und Übernahmen konnten Hilfestellungen innerhalb der Kredithäuser erbracht werden.

Im Realsektor führte die jüngste Weltwirtschaftskrise zu Nachfrageausfäl- len. Konjunkturprogramme sollten die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Sta- bilität wiederherstellen. Einzelne Staaten versuchten auf verschiedenen Wegen, Zusatznachfrage zu stimulieren. Sie mussten Schulden machen, um z.B. Steuer- senkungen, staatliche Transferzahlungen und Staatsnachfrage nach privaten Gü- tern zu ermöglichen. Einkommen und Beschäftigung stiegen. Dem Einkommens- zuwachs folgte die Steigerung des privaten Konsums, der wiederum eine Nach- frageerhöhung zur Folge hatte. Man kann durch Konjunkturprogramme die Leis- tungsfähigkeit kurzfristig steigern und eine akute Krise überwinden, doch lang- fristig sind sie eher schädlich, weil sie zu mehr Staatsschulden führen.

Nach Keynes sollte sich die Geldpolitik antizyklisch verhalten. Es bedarf eines Ausgleichs zwischen Ausgaben in Krisenzeiten und Überschüssen in Wachstums- phasen zur Bekämpfung der Inflation. In den Sechzigern und Siebzigern zeigte sich ein keynesianischer Paradigmenwechsel durch das Big Governement durch einen langanhaltenden Arbeitslosentrend mit starkem Anstieg der Staatsverschul- dung, was als Zeichen mangelnder politischer Disziplin zu sehen ist. Die rapide Zunahme der öffentlichen Verschuldung setzte dieser Politik enge Handlungs- grenzen, denn mikroökonomisch gesehen halten sich Konsumente und Investoren mit Investitionen zurück und institutionell analysiert führen hohe Zinsen und Til- gung zu Ausgabenkürzungen. Schuldenfinanzierte Staatsausgaben trieben den Zins in die Höhe, dies minderte die private Investitionstätigkeit und verdrängte diese zum Teil. Dieses sogenannte crowding-out10 konnte teilweise empirisch widerlegt werden, da eine Kreditfinanzierung nach Auffassung einiger Ökonomen ein crowding-in hervorbringt.11 Nach dem Barro-Ricardo-Aquivalenztheorem12 werden Staatsausgaben nicht nachfragewirksam, dies bedeutet, dass das Staatsde- fizit von heute Steuern von morgen sind. Ein weiterer Kritikpunkt bildet das Ti- me-Lag, also der Zeitpunkt zwischen der Diagnose einer Rezession und der Wirk- samkeit der eingesetzten fiskalpolitischen Mittel. In diesem Zusammenhang sind Prozyklen zu nennen, die beispielsweise eine Überhitzung der Konjunktur in Wachstumszeiten zur Folge haben; hierzu mehr im dritten Teil. Staatliche Organi- sationsformen seien aufgebläht und würden große Teile der Staatsausgaben für ihren Erhalt benötigen. Wirtschaftliche Prozesse sind sehr komplex und dem We- sen nach nur bedingt durch die Verwaltung steuerungsfähig. Informationsasym- metrien im Zusammenhang mit staatlich zeitverzögertem Handeln und anhalten- der Bürokratisierung des Behördenapparates führen nach Hayek zu erhöhtem Finanzierungsbedarfs des Staates und zur Dysfunktion antizyklischen Handelns. Es bedarf einer staatsfernen Lehre von Wettbewerb und Marktverteilungsmechanismen, beruhend auf einer privaten Geldbereitstellung, des im folgenden Kapitel beschriebenen Free-Bankings.

2.2 Hayeks Rationalismus

Hayeks Begriff des Free-Bankings umfasst im Wesentlichen die private Geldbe- reitstellung und kam 1973 nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods ins Gespräch. Hierbei übernimmt der Staat gerade nicht die Funktion, Geld zu emit- tieren, sondern alleiniges Durchsetzen von Verträgen, insbesondere den Schutz des privaten Eigentums. Die Emission übernehmen private Unternehmen. Die Idee dahinter ist die des Währungswettbewerbs. Einigkeit besteht auch in der Ab- schaffung der Zentralbanken und des gesetzlich vorgeschriebenen Zahlungsmit- tels. Der Warenverkehr mit privaten Währungen soll keiner Regulierung unterlie- gen. Im gleichnamigen Buch Die Entnationalisierung des Geldes führt Hayek an, dass der Staat ex ante die volkswirtschaftlich optimale Menge nicht feststellen könne.13 Geld in Form des gesetzlich regulierten Zahlungsmittels tritt nicht in Knappheit auf. Die Gründung einer Geschäftsbank unterliegt keiner Regulierung und deren Zinssätze werden weder direkt noch indirekt durch geldpolitische Maß- nahmen kontrolliert. Darüber hinaus bedarf das System weder staatlicher Einla- genversicherung noch für diese sogenannten Geschäftsbanken der Verpflichtung zur Mindestreservehaltung.14 Dies stellt den Ansatzpunkt seiner Doktrin dar. Laut Hayek zeichnet sich die Funktionsfähigkeit des Geldes genau durch die Dürftig- keit aus.15 Oberstes Ziel nach Hayek ist die Vermeidung von Inflation, da diese zu einer Veränderung der Preisverhältnisse aller Güter führt.16 Um diese zu vermei- den, soll es nicht als Tauschmittel eingesetzt werden, um ein inhärentes Aufblä- hen und Entwerten der Währung zu vermeiden. Er setzt auf das Entdeckungsver- fahren, wodurch mittels Schöpferischer Zerstörung17 Zentralbanken und nationale Währungs- und Geldpolitik außer Funktion gesetzt werden. Ergo sind die Zinsen nicht mehr manipulierbar, sondern treten in Abhängigkeit der Zeitpräferenz durch Angebot und Nachfrage auf.18 Mit Abschaffung der Zentralbanken, wie bereits angesprochen, verschwinden Auffangmaßnahmen wie „Lender of last Resort“ und „Bailout“, welche näher in Kapitel 3.1 beleuchtet werden. Auch pekuniär bedingter Moral Hazard ist nicht mehr auffindbar.

In Hayeks Währungswettbewerb tritt Stabilität durch Wettbewerb auf, der über- emittierende Banken oder Bankengruppen vom Markt verdrängen kann. Für die Sekundärschöpfung von Noten- und Depositenprodukten müssen Liquiditätsre- serven des Primäremittenten zurückhalten werden, um Preisniveaustabilität zu garantieren. Hinzu kommen nachteilig hohe Transaktionskosten, da für jedes Pro- dukt differente Recheneinheiten bestehen. Nach Schumpeters Theorie der Schöpfe- rischen Zerstörung entstehen durch Wettbewerb fragile Bankennetze. Wettbewerb führt zu Kostendruck, der wiederum durch steigende Rendite- und Margenforde- rungen der Shareholder ausgelöst wird. Alte Industriezweige und Einzelunter- nehmen gehen durch nicht innovatives Wirtschaftshandeln unter. Übernahmen von Ausfallwahrscheinlichkeiten für Nicht-Finanzunternehmen sind demnach zunehmend risikoreicher. Diese Risikopositionen können zwar schnell aufgebaut werden, sind jedoch ebenso schnell durch Nichtbedienung abschreibungspflichtig. Dadurch geraten Banken in Illiquidität. Der Sektor wird instabil. Wettbewerb kann darüber hinaus, falls er nicht reguliert wird, zu Absprachen untereinander führen. Konsumentenrente wird durch Abschöpfung minimiert, Produzentenrente maximiert. Es endet in einer Verschiebung des Gleichgewichts.

2.3 Die Aktuelle Krise - eine gescheiterte Vorhersehbarkeit

Finanzmarktstabilität im Zeichen der Lehren aus der jüngsten Krise ist das Haupt- augenmerk der Arbeit. Deshalb wird im Folgenden aufgezeigt, welche keynesia- nischen Maßnahmen nicht aus der Krise zu führen vermochten, sondern gegenteilig den Weg dazu bereiteten.

„Financial crisis is like a pretty girl, difficult to define but recognizable when seen.“19 Es gibt nahezu keine Gemeinsamkeiten zwischen der keynesianischen Situation der dreißiger Jahre und der aktuellen Krise. Dies ist eine Erkenntnis, die weitreichende Auswirkungen auf das Instrumentarium des Institutionalismus hat. Keynes‘ Lehren entstammen der Situation völligen Vertrauensverlustes und Unsi- cherheiten der Investoren und Konsumenten. Poltische Maßnahmen bestanden in kontraktiver Geld- und Fiskalpolitik. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen waren durchsetzt von Protektionismus und fehlendem Vertrauen. Aus keynesiani- scher Perspektive konnte die Krise weder vorhergesehen noch erklärt werden, da die Ursprungssituation der Krise in den USA gegenteilig war.20 Expansive Geld- politik ermöglichte Konsum- und Investitionsentscheidungen durch hohe Ver- schuldung, da diese kreditfinanziert wurden. Ergo kann keine Rede von Angstspa- ren oder mangelhafter Konsumneigung sein. So ebneten Mittel, die der Lösung der Rezession in den Dreißigern gedacht waren, den Weg in die jüngste Krise. Die überexpansive Politik der USA ist unübersehbarer Auslöser. Versagen der Markt- teilnehmer insbesondere auf den Märkten der Asset-Backed-Securities scheint unbestritten, genauso wie Überliquidierung des amerikanischen Marktes durch staatsverschuldetes prozyklisches Handeln.

Auf die Frage nach Lehren antworten sowohl die monetaristische Schule als auch der Ordoliberalismus. Sich selbst überlassene Märkte neigen nach Erkenntnis der ersten Weltwirtschaftskrise in ganz bestimmten Situationen zu Instabilität. Sie sehen die Destabilität durch punktuelle Eingriffe staatlichen Handelns begründet. Vielmehr hat der Staat klare und transparente Regeln aufzustellen, innerhalb derer private Akteure frei handeln können. Geldwertstabilität und Haftungsprinzip sind oberste Maxime. Haftung wirkt prophylaktisch und zwingt Teilnehmer dazu, den Markt vorsichtig abzutasten. Haftung ist in diesem Zusammenhang als privat- rechtliches Instrument zu sehen. Bei Ausfall der Zahlungsfähigkeit eines privaten Schuldners sollte sein Privatvermögen Haftung tragen, um zu vermeiden, dass falsche Anreize, beispielsweise durch Einlagensicherungssysteme, geschaffen werden.21

Demnach orientiert sich der Ordoliberalismus an einem Mezzanin aus keynesianischem Institutionalismus und rationalem Wettbewerb, der Regularien vorsieht, um Schranken, Grenzen und Möglichkeiten der Marktteilnehmer aufzu- zeigen. Dieser wirtschaftliche Liberalismus zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass er Eingriffe des Staates in den eigentlichen Wirtschaftsprozess als grundsätzlich verboten ansieht. Das ordoliberale Prinzip bestimmt sich durch kon- stituierende und regulierende Elemente. Ordoliberalismus oder Soziale Marktwirt- schaft, dieser Frage soll sich diese Arbeit nicht widmen. Es geht vielmehr um die polarisierenden Ansichten Keynes‘ und Hayeks. Festgestellt wurde, dass beide Theorien für sich betrachtet erhebliche Schwächen aufzeigen.

3 Finanzmarktregulierung - Diagnose und Heilung

Dieser Teil gibt sich zunächst der theoretischen Grundlage der Regulierungstheo- rie hin. Im Anschluss sollen deren Bedeutung und Mechanismen für den Finanz- markt offengelegt und in Zusammenhang zur jüngsten Weltwirtschaftskrise ge- bracht werden. Ziel ist es, Regulationsmechanismen zu finden und anhand ihrer Funktionsfähigkeit vor, während und nach der Krise zu bewerten. Nachdem dies erfolgt ist, wird sich der Lösungsvorschläge für eine nachhaltige Verbesserung der Finanzmarktregulierung gewidmet.

3.1 Institutionelle Eingriffe und ihre Folgen

Bei der Frage nach der Art und Weise einer Regulierung und staatlicher Kontrolle fällt auf, dass diese vermehrt in Krisenzeiten nachgefragt werden. Wenn über Re- gulierungsmechanismen diskutiert wird, liegt meist eine Störung vor. Diese Stö- rung tritt in Form von Marktversagen auf. Von Marktversagen spricht ein Ökonom, wenn sich die effiziente Ressourcenallokation auf vollkommenen Märkten in ineffiziente Koordination unternehmerischer Einzelpläne umwandelt.22 Der Markt-Preis-Mechanismus und die Preisbildung einer Wettbewerbswirtschaft funktioniert nicht oder nur unzureichend. Genau dann ist ein Eingriff in den freien Wettbewerb gerechtfertigt, da dieser sonst das freie Spiel der Marktkräfte beeinflusst. Es bedarf einer Prüfung, inwieweit Rechtfertigungsgründe zur Regulierung von Banken vorliegen, welche Maßnahmen ergreifbar sind und welche Positionen in Politik und Wirtschaft hierzu eingenommen werden.

3.1.1 Ursachen und Struktur der Regulierungstheorie

„Eine Finanzmarktkrise ist eine Störung der Finanzmärkte, bei der sich adverse selection und moral hazard Probleme derart verschärfen, dass die Finanzmärkte nicht mehr effizient Kapital denen zur Verfügung stellen können, welche die pro- duktivsten Investitionsgelegenheiten haben.“23 Es liegt auf der Hand, dass staatli- che Eingriffe versuchen, genau diese Kennzeichen zu bekämpfen. Gemessen an der Eingriffsintensität des Staates auf andere Märkte greift der Staat auf den Fi- nanzmarkt in besonders hohem Maße ein. Die mikro- und makroökonomischen Interventionen sind an drei zentralen Zielen der Wirtschaftspolitik ausgerichtet: Allokationseffizienz, Verteilungsgerechtigkeit und wirtschaftlichen Stabilität.

Das Aufstellen wirtschaftspolitischer Ziele ist nur dann sinnvoll, wenn sie durch die produktiven Funktionen des Finanzsektors realisierbar sind. Allokationseffi- zienz, die wohl wichtigste Funktion, erhöht die Kapitalproduktivität und verbes- sert gleichzeitig die Risikostreuung. Bei Störung dieser kommt es auf Kapital- märkten und zwischen den Finanzintermediären zu eklatanten Dysfunktionen. Darüber hinaus sollen Geld- und Versicherungsfunktion des Sektors vorerst nur nebensächlich eine Rolle spielen. Generell ist ein häufig auftretendes Erklärungsmuster für das Eingreifen in den Allokationsprozess das Marktversagen.

[...]


1 Arndt (1959), S. 1.

2 Vgl. Sachverständigenrat (2010), S. 117.

3 Vgl. Sinn (2009), S. 187ff.

4 Vgl. Munk/Essiger (2010), S. 178.

5 Vgl. Lamfalussy (2001), S. 12.

6 Vgl. Willke (2002), S. 128.

7 Vgl. ebd., S. 31ff.

8 Vgl. ebd., S. 31.

9 Vgl. Willke (2002), S. 131ff.

10 Vgl. Kromphardt (1987), S. 165.

11 Vgl. Blanchard/Illing (2006), S. 220.

12 Vgl. Barro (1976), S. 10ff.

13 Vgl. Hayek (1977), S. 39.

14 Vgl. Selgin/White (1994), S. 13.

15 Vgl. Hayek (1977), S. 18ff.

16 Vgl. Rothengatter/Schaffer (2008), S. 141.

17 Vgl. Schumpeter (1912), S. 157.

18 Vgl. Hayek (1977), S. 66ff.

19 Kindleberger (1973), S. 33.

20 Hierzu mehr in Teil 4.

21 Hierzu mehr in Unterabschnitt 3.1.3.3.

22 Vgl. Molitor (2006), S. 76.

23 Mishkin (1992), S. 1.

Details

Seiten
45
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640958818
ISBN (Buch)
9783640958610
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175002
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Wirtschaftspolitik
Note
2,0
Schlagworte
Finanzkrise Weltwirtschaftskrise Große Depression ABS Keynesianismus Bankenrun Herstatt Krise Basel II Einlagensicherung

Autor

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Titel: Finanzmarktstabilität und -regulierung