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Phantastische Elemente in Goethes 'Faust. Der Tragödie Erster Teil'

Studienarbeit 2010 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltlich-stoffliche Dimension des Phantastischen - Phantastische Motive

3. Strukturelle Dimension des Phantastischen

4. Leserpsychologische Dimension des Phantastischen

5. Fazit

1. Einleitung

Mal wieder eine Arbeit über Goethe, mal wieder geht es um den viel besprochenen „Faust“. Die Literatur zu Goethes Hauptwerk ist mittlerweile kaum noch zu überbli- cken - jede Szene, jede Person, man möchte meinen jedes Wort ist bereits analy- siert worden. Eine Lücke bleibt jedoch noch zu füllen: die Verknüpfung des „Faust“ mit der Phantastik. Ein solcher Versuch ist in zweifacher Hinsicht von Bedeutung: Zum einen haben die phantastischen Elemente des „Faust“ bislang wenig Beach- tung in der literaturwissenschaftlichen Diskussion gefunden, zum anderen haben sich die Theoretiker der Phantastik fast ausschließlich auf das narrative Genre des Ro- mans oder der Erzählung beschränkt. Ziel dieses Aufsatzes soll es daher sein, „Faust I“ vor dem Hintergrund verschiedener Phantastiktheorien zu interpretieren und zu diskutieren, inwiefern man von einem phantastischen Drama sprechen kann.

Die Anwendung phantastischer Theorien auf den „Faust I“ geschieht auf drei Ebe- nen: Auf einer inhaltlich-stofflichen Ebene werden zunächst einzelne Motive heraus- gearbeitet, die typische Themen in der phantastischen Literatur behandeln. Danach folgt eine Übertragung der (handlungs-)strukturellen Dimension phantastischer Lite- ratur auf das Faust-Drama, während die leserpsychologische, rezeptionsseitige Be- stimmung der Phantastik und ihre Anwendung auf „Faust“ den Abschluss bildet. Die Literaturgrundlagen sind neben Goethes „Faust. Der Tragödie Erster Teil“ (1808) drei Theoretiker der phantastischen Literatur: Louis Vax („Die Phantastik“, 1963), Roger Caillois („Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction“, 1966) und Tzvetan Todorov („Einführung in die fantastische Literatur“, 1970).

2. Inhaltlich-stoffliche Dimension des Phantastischen - Phantastische Motive

Bereits zu Beginn seines Aufsatzes stellt Louis Vax fest: den „gewagten Versuch“, das Phantastische zu definieren, wird er nicht unternehmen. Stattdessen wird er ver- suchen, das Phantastische von anderen Genres abzugrenzen und zwar auf einer eher stofflich-inhaltlichen Ebene. Ein wichtiges Motiv, das auch für Goethes „Faust“ zutrifft, ist die Magie und ihre Beziehung zum Phantastischen. Gemäß dem von Vax gebrauchten Begriff des „Okkultismus“, den er als eine Art „geheime Wissenschaft“ versteht, hat sich auch Faust „der Magie ergeben“ (V.377), um zu „erkenne[n] was die Welt/ Im Innersten zusammenhält“ (V. 382f.). Nachdem Faust die ernüchternde Summe seines bisherigen Lebens und Strebens gezogen hat, und einsehen musste, „dass wir nichts wissen können“ (V. 364), verwirft er jegliches theoretisches Bücher- wissen und verlangt nach transrationaler, unbegrenzter Einsicht in das Ganze des Universums: „Das Pergament ist das der heil’ge Bronnen,/ Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?/ Erquickung hast du nicht gewonnen,/ Wenn sie dir nicht aus eigener Seele quillt“ (V.566ff.). Ihm reicht keine rationale Einzelerkenntnis mehr, deshalb widmet er sich der Magie, um die dem Menschen gesetzten Schranken zu überwinden (vgl. Keller 1980). Die Magie hält Faust für eine Art Universalwissen- schaft, die den speziellen Erkenntnissen der Einzelwissenschaften gegenübergestellt ist (vgl. Schmidt 1999).

Durch den Anblick des Makrokosmos Zeichens gelingt es ihm schließlich für einen kurzen Moment die Harmonie zwischen den verschiedenen Sphären in sich zu spü- ren. Da ihm Letzteres nur durch Geisterbeschwörung möglich ist, würde Vax an die- ser Stelle eine Beziehung zum Genre des Aberglaubens herstellen. Dennoch kann die Geschichte Fausts nach Vax’ Theorie nicht als abergläubische Geschichte inter- pretiert werden, da der Autor von abergläubischen Geschichten wirklich an die Exis- tenz von phantastischen Wesen, wie z.B. Geistern, glaubt. Goethe entspricht nach der Bestimmung Vax’ eher einem phantastischen Autor, der um die Irrealität der Geister weiß, sie aber dennoch erscheinen lässt, um das Publikum (innerhalb der Fiktion) zu einem „Glauben wider Willen“ zu bewegen (vgl. Vax 1963).

Mit der Beschwörung des Erdgeists verlässt Faust das Genre des Tragischen, das Vax vom Phantastischen abgrenzt. Laut Vax ist der Mensch tragisch, der, während er seine ganze menschliche Würde bewahrt, gegen das Schicksal ankämpft und trotz- dem verliert. Faust kann laut dieser Definition als tragischer Held ausgeschlossen werden. Faust entspricht eher der phantastischen Persönlichkeit, die gemäß Vax die Bereiche des Menschlichen und der Würde verlässt. Nach der Schau des Makro- kosmos Zeichens will Faust an der unendlichen Natur nicht nur bildhaft teilnehmen, sondern sie fassen (vgl. V.455). Dazu beschwört er den Erdgeist herauf, der von Goethe als Geist des irdischen Lebens erscheint. Er ist verantwortlich für „Lebensflu- ten“ und „Tatensturm“ (V. 501), aber auch für „Geburt und Grab“, für das „wechselnd Weben“ (V. 506). Faust fühlt sich auf einer Stufe mit dem Erdgeist gestellt, doch die- ser bemerkt ernüchternd: „Du gleichst dem Geist den du begreifst, nicht mir!“ (V. 512f.). Fausts Scheitern beim Anblick des Erdgeistes ist darin begründet, dass er das intensive, konkrete Leben mit seinen Polaritäten nicht unmittelbar und als Ganzes erfassen kann. Zugleich glaubt er aber, über die Sphäre des Erdgeistes erhoben zu sein, indem er sich selbst als „Ebenbild der Gottheit“ (V. 516) begreift (vgl. Kobligk 1997). Mit diesem Ausspruch verlässt Faust endgültig den Bereich der Würde, zumal der Drang nach Gottgleichheit, dem Schöpfungsmythos der Bibel zufolge, die Sünde des Menschen, das Urböse ist (vgl. Weber 2005). Letzteres wird außerdem von seinem Versuch des Selbstmordes unterstützt (vgl. V. 686ff.).

Für Vax ist das Phantastische nicht nur mit dem Unwürdigen, sondern auch mit dem Skandal verbunden. Der Leser eines phantastischen Textes ist gezwungen, das Unglaubliche zu glauben. War das Magische bereits ein Motiv seit der gesamten FaustTradition, so vergrößerte Goethe die Fremdheit des Übernatürlichen durch die Hinzufügung der „Hexenküche“ und der „Walpurgisnacht“ ungemein.

In der „Hexenküche“ ist das Personal nicht mehr menschlich, sondern tierisch, teuf- lisch oder eine Mischung aus beidem. Dies entspricht der Aussage Vax, dass die Personen in der Phantastik den Bereich des Menschlichen verlassen, um zum Tieri- schen zurückzukehren. Eine solche Degradierung des Menschen zusammen mit den vielen Unsinnigkeiten, wie z.B. die Meerkatzen, das Hexen-Einmaleins und die wirren Zaubersprüche ist mehr als skandalös, sowohl für die zeitgenössischen Rezipienten des 18. und 19. Jahrhunderts als auch für den heutigen Leser bzw. Zuschauer.

Die Walpurgisnacht bietet schließlich einen kompletten Gegenentwurf zur Schöpfung an. In dieser dämonischen Welt herrschen Irrlichter, Hexen, Teufel, und die niedrigste Sinnlichkeit, sprich das Böse überhaupt (vgl. Keller 1980). Die Atmosphäre ist beherrscht vom Mondeslicht, vom Nebel, vom Heulen und Rasen der Windsbraut und von den wilden Schreien und Krachen der Tiere. Hier wird der vernunftregierten Alltagswelt (so der Ausdruck Vax’) also vollends abgedankt und mit dem Übernatürlichen, dem Dämonischen und Chaotischen durchzogen.

Eine weitere inhaltlich-stoffliche Bestimmung der phantastischen Literatur nimmt Ro- ger Caillois (1966) vor, indem er eine Liste von phantastischen Motiven anführt. Ein zentrales Motiv bildet hierbei der Teufelspakt, womit Caillois ausdrücklich auf Goe- thes „Faust“ referiert. Das Motiv des Pakts mit dem Teufel geht zurück auf den histo- rischen Faust (wohl um 1480 geboren), der über bemerkenswerte naturwissenschaft- liche, medizinische und theologische Kenntnisse verfügt haben soll. Allerdings war der historische Faust eher durch sein Auftreten als Gaukler und Wahrsager auf den Märkten berühmt geworden als durch sein Wissen. Den Gerüchten zufolge starb der historische Faust eines unnatürlichen Todes, der dann als Konsequenz des Teufels- bunds ausgelegt wurde. Bereits die erste literarische Darstellung der Faust-Legende mit dem Titel „Historia von D. Johann Fausten dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartzkünstler“ (1587) griff den Bund Fausts mit dem Teufel auf. Das Volksbuch sollte als abschreckendes Beispiel für die Gläubigen gelten und sie vor allem Bösen und Magischen warnen. Auch Christopher Marlow, der die Legende 1592 dichterisch bearbeitete, verwandelte es in ein Schauerstück. (zum gesamten Absatz vgl. Kobligk 1997).

Seit dem 16. Jahrhundert hat die Figur des Teufels jedoch einen erheblichen Wandel erfahren, sowohl in der Literatur als auch in der Gesellschaft. Gehörte er im 16. Jahr- hundert noch zur lebendigen Realität, wurde er spätestens mit der Aufklärung aus dem Weltbild ausgeschlossen. Trotzdem bringt Goethe den Teufel im 19. Jahrhun- dert wieder auf die Bühne - kann dieser also doch nicht einfach „wegrationalisiert“ werden? Zwischen dem Bösen und dem Phantastischen verhält es sich wohl so, wie zwischen dem Wahnsinn und dem Phantastischen. Sowohl der Teufel bzw. das Böse allgemein als auch der Wahnsinn werden in der Aufklärung vollends tabuisiert - sie sollen entweder zum Schweigen gebracht oder in die Vernunft übergeführt werden. Gerade deshalb, so Horst Lederer (1986), ranken sich um das Böse und den Wahn- sinn Mythen und es bilden sich Spekulationen. Beide Prinzipien finden ihren Platz schließlich in der Phantasie, da eine alltägliche und direkte Begegnung mit ihnen unmöglich geworden ist. Dennoch müssen das Böse und der Wahnsinn als Teile der seelischen Wirklichkeit des Menschen stattfinden. Die Phantastische Literatur bietet hierzu ein geeignetes Medium.

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Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640959358
ISBN (Buch)
9783640959587
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175070
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
Faust Goethe Fantastik Phantastische Literatur Callois Todorov Vax Magie Mephisto Böse

Autor

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