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Ukrainisch kontra Russisch

Die Sprachsituation in der Ukraine

Diplomarbeit 2011 83 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Geschichte der Ukraine im Überblick
2.1 Die Geschichte der Ukraine
2.2 Sprachliche Entwicklung
2.3 Ergebnisse der Volkszählung 2001

3 Politische Situation - Verhältnis Ukraine-Russland
3.1 Politische Situation
3.2 Verhältnis zu Russland
3.3 Regionale Politik
3.4 Sprachprestige
3.5 Religion
3.6 Bildungspolitik

4 Sprachvergleich - Sprachkontakt - Suržyk
4.1 Vergleich Ukrainisch - Russisch
4.1.1 Alphabet
4.1.2 Phonetik, Phonologie, Morphologie
4.1.3 Syntax
4.1.4 Lexik
4.2 Suržyk
4.2.1 Etymologie
4.2.2 Entwicklung
4.2.3 Definition, Einteilung
4.2.4 Suržyk in den Medien und in der Literatur
4.2.5 Beispiel für zeitgenössischen Suržyk

5 Medien in der Ukraine
5.1 Printmedien
5.2 Rundfunk
5.2.1 Fernsehsender
5.2.2 Radio sender
5.3 Werbesprache

6 Sprachsituation in den Regionen
6.1 Stadt Kiev und Zentralukraine
6.2 Halbinsel Krim
6.3 L’viv
6.4 Odesa
6.5 Ostukraine
6.6 Transkarpatien

7 Zusammenfassung

8 Резюме на русском языке

9 Bibliographie

10 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Ukraine ist flächenmäßig das größte Land, das zur Gänze in Europa liegt. Sie kann auf eine lange und interessante Geschichte zurückblicken - die Hauptstadt Kiev stellt die Wiege der ostslawischen Völker dar. Ukrainer, Weißrussen und Russen haben also hier ihren Ur­sprung. Auch in sprachlicher Hinsicht die Ukraine bemerkenswert - während die alleinige Amtssprache das Ukrainische ist, leben hier auch viele Menschen mit russischer Mutterspra­che, nämlich sowohl Russen als auch Ukrainer. Ein Großteil der Menschen spricht sogar bei­de Sprachen.

Ich habe das Land im Sommer 2008 im Rahmen eines Praktikums besucht und habe Zeit in der Hauptstadt Kiev sowie in Odessa an der Schwarzmeerküste im Süden des Landes ver­bracht. Obwohl ich diese Reise in erster Linie zur Verbesserung meiner Russischkenntnisse unternommen hatte, fiel mir bald die Koexistenz des Russischen und des Ukrainischen im täglichen Leben der Ukrainer auf. Diese Eindrücke waren ihr mich der Anreiz, mich näher mit der Sprachsituation in der Ukraine zu beschäftigen.

In der vorliegenden Arbeit werde ich die verschiedenen Aspekte dieses Themas untersuchen. Zuerst möchte ich einen Überblick über die geschichtliche und sprachliche Entwicklung der Ukraine geben. Das Wissen um die Geschichte des Landes bildet die Grundlage, die heutige sprachliche Situation zu verstehen, denn die Ukraine war lange Zeit in verschiedene Herr­schaftsbereiche aufgeteilt, die die jeweilige sprachliche Entwicklung prägten. Auch werde ich die heutige ethnische und sprachliche Verteilung im Land - laut den aktuellsten Volkszäh­lungsergebnissen - vorstellen.

Danach soll die aktuelle politische Situation erläutert werden - inklusive jener Geschehnisse seit der Unabhängigkeit der Ukraine, die auch in sprachlicher Hinsicht relevant sind und die außerdem das Verhältnis zu Russland beeinflussten. Das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine war nicht immer einfach - die Ukraine schwankte seit der Unabhängigkeit zwi­schen pro- und antirussisch agierenden Kräften in der Politik. Auch bildungspolitische sowie religiöse Aspekte sollen in diesem Abschnitt berücksichtigt werden.

Weiters werde ich die beiden ostslawischen Sprachen Ukrainisch und Russisch auf Gemein­samkeiten und Unterschiede in verschiedenen linguistischen Bereichen untersuchen, sowie die aus deren engen Kontakt entstandene Mischsprache Suržyk vorstellen. Ich werde dessen Entwicklung nachzeichnen, sowie seine verschiedenen Ausprägungen und seine Rolle in der ukrainischen Populärkultur und in der Literatur untersuchen.

Ein Kapitel meiner Arbeit wird sich mit der ukrainischen Medienlandschaft und der Rolle der beiden konkurrierenden Sprachen in den Massenmedien, einem Bereich also, der das tägliche Leben der Menschen stark betrifft, beschäftigen.

Da sich die sprachliche Situation in den verschiedenen Regionen der Ukraine stark unter­scheidet, werde ich ausgewählte Gebiete vorstellen und die jeweilige Lage erläutern. Dabei wird das Ost-West-Gefälle bezüglich der Dominanz einer Sprache deutlich werden - im Wes­ten überwiegt der Gebrauch des Ukrainischen und im Osten hat das Russische nach wie vor die bedeutendere Rolle inne.

Insgesamt wird sich zeigen, dass die Ukraine ein gespaltenes Land ist - in sprachlicher, kultu­reller und auch politischer Hinsicht.

2 Die Geschichte der Ukraine im Überblick

Die Ukraine hat eine lange und wechselvolle Geschichte - in diesem Kapitel möchte ich einen kurzen Überblick über die historische Entwicklung des Landes sowie jene der Sprachsituation geben.

2.1 Die Geschichte der Ukraine

Den Ursprung aller ostslawischen Völker - also der Russen, der Weißrussen und der Ukrainer - stellt die Kiever Rus’ dar, die im 9. Jahrhundert von den Warägern gegründet wurde und im 10. Jahrhundert (nach der Christianisierung 988) den Höhepunkt ihrer Macht erreichte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Kiever Rus’ im 10. und 11. Jahrhundert

Die unterschiedlichen ostslawischen Völker und deren Sprachen sollten sich erst im Laufe der Jahrhunderte differenzieren. Das Gebiet der heutigen Ukraine war stets in unterschiedliche Herrschaftsbereiche eingeteilt - diese Tatsache erschwerte die Bildung einer starken ethni­schen Identität der Ukrainer. Sie wurden zumeist als „kleiner Bruder“ der Russen betrachtet - dies drückt sich auch in ihrer Fremdbezeichnung aus (HÖBART 1994, 113): Bis ins 19. Jahr­hundert nannten sie sich selbst „Rusyny“ (abgeleitet von Rus’), wurden im Russischen Reich jedoch als „Kleinrussen“ (Malorusskie) und in Österreich-Ungarn als Ruthenen bezeichnet. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts sollte die sich die Bezeichnung „Ukrainer“ etablieren - der Name „Ukraine“ findet sich erstmals in einer Chronik aus dem Jahr 1187 und bedeutet wört­lich „an der Grenze“ bzw. „Grenzland“.

Andreas Kappeler (1994, 265ff.) gibt einen Abriss über die weitere Geschichte des Landes: Die westlichen Gebiete Galizien und Wolhynien wurden 1199 zu einem Fürstentum vereinigt und von 1234 bis 1264 war Fürst Danylo dessen Herrscher. Danylo ist als Gründer großer westukrainischer Städte wie L’viv bekannt und wurde im Jahr 1253 von Papst Innozenz IV. zum König der Rus’ (rex Russiae) ernannt. Er erhoffte sich von päpstlicher Seite Unterstüt­zung im Kampf gegen die Mongolen - dies wurde allerdings nicht umgesetzt. Vorübergehend war Danylo auch Herrscher über Kiev.

Mitte des 14. Jahrhunderts wurde das Fürstentum Galizien-Wolhynien auf Polen und Litauen aufgeteilt - dies stellt den Ursprung vor allem des polnischen Einflusses auf die westlichen Gebiete der Ukraine dar. Im Jahr 1362 fielen die meisten Gebiete der Ukraine (inklusive Kievs) an das Großfürstentum Litauen und im Jahr 1385 wurde die Personalunion zwischen Litauen und dem Königreich Polen eingerichtet.

Mitte des 15. Jahrhunderts (1458) wurde die unabhängige Metropolie Kiev begründet, die erst über zweihundert Jahre später (1686) dem Moskauer Patriarchat unterstellt wurde. Um die Wende zum 16. Jahrhundert kamen zentralukrainische Gebiete wie etwa Černihiv und Per e- jaslav zum Moskauer Reich. Im Jahr 1569 wurde die sogenannte Lubliner Union zwischen Polen und Litauen errichtet - dies führte dazu, dass fast die gesamte Ukraine zu Polen kam. Ende des 16. Jahrhunderts kam es zu Kosakenaufständen - die Kosaken wehrten sich gegen die polnische Herrschaft. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde zu diesem Zwecke das Kosa- ken-Hetmanat gegründet. In den folgenden Jahren gab es erneut Kosakenaufstände - im Jahr 1648 kam lehnte sich auch das übrige Volk gegen die Polen auf. Dies geschah unter der Füh­rung von Hetman Bohdan Chmel’nyc’kyj. Nach dem Sieg des Hetmans über das polnische Heer in Zboriv 1649 bemühte er sich, seinen Staat dem Russischen Reich unterstellen zu kön­nen. Im Jahr 1654 kam es zur Unterzeichnung der Vereinbarung von Perejaslav, die die Eingliederung der östlichen Gebiete der Ukraine links des Flusses Dnepr (ukr. Dnipro) in das Russische Reich zur Folge hatte. Dies markiert den Beginn des russischen Einflusses auf die Ostukraine.

Auch Hetman Ivan Mazepa (Regierungszeit 1686-1708) war anfangs ein enger Verbündeter des russischen Zaren Peter I. Im Jahr 1708 jedoch ging er ein Bündnis mit Schweden gegen Russland ein. Dies führte zu einer Spaltung der Kosaken, der Großteil kämpfte auf Seiten Russlands unter der Führung von Ivan Skoropads’kyj. Mazepa selbst fiel 1709 in der Schlacht von Poltava und Skoropads’kyj wurde sein Nachfolger. Im Jahr 1764 wurde das Amt des Hetmans abgeschafft und im Jahr 1772 kam es zur Ersten Teilung Polens, die auch die Ukrai­ne betraf, denn Galizien fiel dadurch an Österreich. Im Folgenden kam es zur stärkeren Be­siedelung der Südukraine - im Jahr 1783 wurde die Halbinsel Krim von Russland annektiert und im Jahr 1794 die Stadt Odessa gegründet. Nach der Zweiten Teilung Polens 1793 fiel auch die rechtsufrige Ukraine (Gebiete rechts des Dnepr) an Russland und nach der Dritten Teilung 1795 war fast die gesamte westliche Ukraine russisch.

Die Unterdrückung der ukrainischen Kultur und vor allem der Sprache wurde ab Mitte des 19. Jahrhundert deutlich - im Jahr 1863 wurde ein teilweises Verbot ukrainischer Druckschriften erlassen. 1876 wurde das Verbot noch ausgeweitet. Ab Mitte der 1880er Jahre wurde die Schwerindustrie in den südlichen und östlichen Gebieten aufgebaut - dies führte in den fol­genden Jahrzehnten zur verstärkten Einwanderung von Russen in diese Gebiete.

Die folgende Karte zeigt, wie das Gebiet der heutigen Ukraine um 1900 in verschiedene Herr­schaftsbereiche aufgeteilt war.

Nach der Februarrevolution von 1917 versammelte sich Anfang März der Ukrainische Natio­nalkongress und wählte die sogenannte Zentralna Rada („Zentralrat“), deren Vorsitzender der Historiker und ukrainische Nationalist Mychajlo Hruševs’kyj wurde. Anfang 1918 wurde die Unabhängigkeit der Ukraine ausgerufen, wichtige Teile des Landes wurden aber im Folgen­den von den umliegenden Mächten besetzt, so etwa Kiev durch die Bolschewiki sowie L’viv durch die Polen. Vor allem um Kiev gab es dann Kämpfe zwischen polnischen und russischen Truppen. Im Jahr 1922 wurde schließlich die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (ukr. Украшська Радянська Сощалютична Республка, russ. Украинская Советская Социалистическая Республика) in die neu gegründete Sowjetunion eingegliedert.

In den Jahren 1932 und 1933 gab es eine verheerende Hungersnot in der Ukraine - auch als Holodomor bekannt - der etwa 3,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Sie wurde vom Stalin-Regime initiiert und ist heute von vielen Ländern als Genozid anerkannt. Auch in den folgenden Jahren wurde durch „Säuberungen“ Angst und Schrecken in der Ukraine verbreitet. Der Zweite Weltkrieg zog das Land ebenfalls stark in Mitleidenschaft. 1939 wurden die west­lichen Gebiete in die Ukrainische Sowjetrepublik eingegliedert. 1941 wurde das Land von den Deutschen besetzt, im Jahre 1943 aber von den sowjetischen Truppen zurückerobert. In den Nachkriegsjahren gab es erneut „Säuberungen“ in der Ukraine und auch gegen die verbliebe­ne jüdische Bevölkerung gab es unter dem Vorwand des „Kampfes gegen jüdischen Kosmo­politismus“ Repressionen.

Im Jahr 1954 wurde die Krim anlässlich der 300-Jahr-Feier der „Wiedervereinigung der Uk­raine mit Russland“ an die Ukraine übergeben.

In den folgenden Jahren ging die Verdrängung der ukrainischen Sprache und Kultur weiter - so gab es immer wieder gegen ukrainische Intellektuelle gerichtete „Säuberungsaktionen“. Im Jahr 1989 wurde das Sprachengesetz beschlossen und kurz darauf das Ukrainische als of­fizielle Staatssprache festgelegt. 1990 wurde Leonid Kravčuk Parlamentspräsident. Im August 1991 folgte die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine - die Kommunistische Partei wurde verboten. Im Dezember sprachen sich in einer Volksabstimmung 90% der Bürger für die Un­abhängigkeit des Landes aus - Kravčuk wurde zum ersten Präsidenten gewählt.

Im Jänner 1992 begann der Streit mit Russland um die Stationierung der Schwarzmeer flotte und um die Krim. Im Juni wurde der Krim weitgehende Autonomie verliehen. Im Oktober desselben Jahres trat der neue Präsident, Leonid Kučma, sein Amt an. Im Jahr 1999 wurde Kučma wiedergewählt und konnte bei der Wahl 2004 nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten. Im November 2004 wurde Viktor Janukovyč zum Sieger der Stichwahl gegen Viktor Juščenko erklärt. Die offensichtlichen Wahlfälschungen führten zu Protesten seitens der B evölkerung und schließlich zur sogenannten Orangenen Revolution. Diese führte dazu, dass die Wahl wiederholt wurde und Juščenko als Sieger hervorging. Bei der folgenden Präsident­schaftswahl im Jänner 2010 musste Amtsinhaber Juščenko eine schwere Niederlage einst e­cken - er erhielt nur 5,45% der Stimmen. Die beiden erfolgreichsten Kandidaten waren die Premierministerin Julija Tymošenko sowie Viktor Janukovyč. Die Stichwahl brachte einen Sieg für Janukovyč, der seit Februar 2010 Präsident der Ukraine ist.

2.2 Sprachliche Entwicklung

Auch die sprachliche Teilung des Landes ist historisch bedingt, da die verschiedenen Regio­nen eine unterschiedliche Geschichte haben. Gerhard Simon (2008, 59f.) gibt einen Überblick über diese Entwicklungen. Da große Teile im Osten und Süden der Ukraine bis 1918 zum Russischen Reich gehörten, waren sie großem Russifizierungsdruck der zaristischen Regie­rung ausgesetzt. Die russische Sprache sollte als einzige im öffentlichen Raum genutzt wer­den. Nach der Machtergreifung durch die Bolschewiki setzte sich erst eine gegenteilige Sprachpolitik durch - während der Zeit der Korenizacija („Einwurzelung“) wurde das Russi­sche zurückgedrängt und das Ukrainische massiv gefördert. So sollte etwa im administrativen Bereich das Ukrainische bevorzugt werden - die Beamten mussten Ukrainisch lernen und anwenden (von dieser Anweisung waren höhere Beamte aus Moskau ausgenommen; KOWA- LEWSKYJ 1962, 30f.) Ab den 1930er Jahren ging die Ukrainisierung wieder zurück und das Russische wurde erneut stärker. Die Politik zugunsten des Russischen wurde fokussiert und erreichte während der Brežnev-Zeit, also in den 70er und frühen 80er Jahren, ihren Höhe­punkt. Das Ziel war damals, vor allem im Bildungssektor das Ukrainische so weit wie mög­lich durch das Russische zu ersetzen. In der Westukraine stellte sich die Situation anders dar. Die westlichen Gebiete kamen erst zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zur Sowjetunion - seit jeher lebten dort weniger ethnische Russen als in der Ost- und Südukraine. Ab den 1930er Jahren wanderten zudem viele von ihnen in die Großstädte des Ostens um in der sich entwi­ckelnden Industrie zu arbeiten. Dies verstärkte die ethnische und sprachliche Teilung des Landes zusätzlich.

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war das Ukrainische der Verdrängungspolitik aus­gesetzt und das Russische wurde massiv gefördert. Erst mit dem Erlass des Sprachengesetzes von 1989 begann der Aufschwung des Ukrainischen. Ab diesem Zeitpunkt war es alleinige Amtssprache des Landes und die Ukrainisierung des Bildungswesens und der Medien begann in den folgenden Jahren.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die geschichtliche Entwicklung des Landes berücksichtigt werde]n muss, um die komplizierte Sprachsituation in der Ukraine zu verstehen.

2.3 Ergebnisse der Volkszählung 2001

Um die aktuelle Situation der Verteilung der Sprachen und Ethnien in der Ukraine zu veran­schaulichen zu können, habe ich die aktuellsten Zensus-Ergebnisse untersucht.

Die bis dato letzte Volkszählung in der Ukraine stammt aus dem Jahr 2001 - sie war zugleich die erste Volkszählung nach der Unabhängigkeit des Landes. Den dabei erhobenen Daten (http://2001.ukrcensus.gov.ua/rus/results/general/nationality/) zufolge hat die Ukraine 48.157.102 Einwohner - davon sind 77,8% Ukrainer und 17,3% Russen. Weiters gibt es eine große Anzahl von kleineren Minderheiten, die je deutlich weniger als ein Prozent der Bevöl­kerung bilden, wie zum Beispiel Weißrussen (0,6%), Krimtataren (0,5%) oder Polen (0,3%).

SIMON (2008, 60) gibt zu bedenken, dass bei allen Angaben, die die ethnische Zugehörigkeit betreffen, zu beachten sei, dass bei der Volkszählung nur die Selbsteinschätzung der Befrag­ten entscheidend ist. Dies könne dazu führen, dass Menschen „mit einer labilen ethnischen Identität“ bei den Zählungen von 1989 und 2001 je unt erschiedlichen Angaben machten um der bezüglich Prestige jeweils höher stehenden Ethnie anzugehören. Waren dies 1989, in den letzten Monaten des Sowjetregimes, noch die Russen, hatten die Ukrainer zwölf Jahre später bereits erheblich an Ansehen gewonnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da es relativ viele Ukrainer gibt, die das Russische als ihre Muttersprache angeben, gestaltet sich die Aufteilung der Sprachen gegenüber jener der Ethnien etwas anders: So sprechen 67,5% der Einwohner (unabhängig von ihrer Volksgruppenzugehörigkeit) Ukrainisch als Erstsprache und 29,6% Russisch. Bei der Beurteilung der Angaben, die die Menschen bezüg­lich ihrer Muttersprache machen, ist zu beachten, dass sich diese nicht unbedingt mit der im Alltag vornehmlich verwendeten Sprache decken muss (Podolyan 2005, 2).

Generell lässt sich festhalten, dass die Ukraine sprachlich zweigeteilt ist - während im Wes­ten eher Ukrainisch gesprochen wird, sprechen im Osten und Süden auch die ethnischen Uk­rainer bevorzugt Russisch. Zur Illustration sei die Verteilung der Sprachen und Ethnien in einigen Beispielregionen angeführt (für die genauere Untersuchung der Sprachsituation in den verschiedenen Regionen der Ukraine, siehe Kap. 6)

- Oblast’ L’viv

Die Stadt L’viv (ukr. Львш, russ. Львов, dt. Lemberg) hat 735.000 Einwohner und liegt im äußersten Westen der Ukraine, nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Sie ist auch Hauptstadt der Oblast’ L’viv. Der Anteil von Menschen, deren Muttersprache Uk­rainisch ist, ist hier mit 95,3% besonders hoch. Nur 3,6% der Einwohner L’vivs sind Rus­sen und von diesen gibt wiederum gibt ein relativ großer Prozentsatz (12,1%) das Ukraini­sche als Muttersprache an.

- Oblast’ Donec’k

Die Stadt Donec’k (ukr. Донецьк, russ. Донецк) hat 985.000 Einwohner und liegt im Osten der Ukraine. In dieser Oblast’ bilden zwar (wie mit Ausnahme der Krim überall in der Ukraine) die Ukrainer mit 56,9% die Bevölkerungsmehrheit, die russische Sprache ist aber in fast allen Lebensbereichen dominant. So geben nur 24,1% der Bewohner Ukrainisch als Muttersprache an, während es für das Russische 74,9% sind. Diese Region ist beispielhaft für den östlichen Teil der Ukraine, in dem die eigentliche Amtssprache immer noch eine untergeordnete Rolle spielt. Seit dem Jahr 2006 wird in den Oblasti Donec’k und Charkiv am 6. Juni (dem Geburtstag Aleksandr Puškins) der Tag der Russi­schen Sprache gefeiert.

- Oblast’ Odesa

Die Hafenstadt Odesa (ukr. Одеса, russ. Одесса) hat ca. eine Million Einwohner und liegt im Süden der Ukraine, am Schwarzen Meer. Auch sie ist die Hauptstadt der gleich­namigen Oblast’. Im südlichen Teil der Ukraine ist die Dominanz des Russischen gege n- über dem Ukrainischen nicht ganz so ausgeprägt wie in den östlichen Landesteilen, aller­dings hat auch hier ein großer Anteil der Ukrainer Russisch als Muttersprache und der Gebrauch des Russischen allgemein ist auch hier weit verbreitet. In der Oblast’ Odesa le­ben 62,8% Ukrainer und 20,7% Russen, die Verteilung der Muttersprachen gestaltet sich folgendermaßen: 46,3% Ukrainisch - 41,9% Russisch. Im Hinblick auf den relativ gerin­gen Anteil an ethnischen Russen ist die russische Sprache also stark vertreten.

3 Politische Situation - Verhältnis Ukraine-Russland

3.1 Politische Situation

Bereits seit dem Erlass des Sprachengesetzes im Oktober 1989 - also seit der Periode der Pe­restrojka - ist das als ist das Ukrainische als alleinige Amtssprache der Ukraine festgelegt. Das Sprachengesetz ist - mit kleinen Änderungen aus dem Jahr 1995 - heute noch gültig. Es besagt, dass neben dem Ukrainischen (als Amtssprache der Ukraine) in Gebieten, in denen eine andere Sprachengemeinschaft die Bevölkerungsmehrheit stellt, auch deren Sprache in staatlichen Einrichtungen und im Justizwesen genutzt werden kann (SIMON 2008, 61). Dies bezieht sich - wie eine Reihe weiterer garantierter Sonderrechte - in erster Linie auf die Rus­sen und das Russische. So beinhaltet das Sprachengesetz auch die Garantie der freien Wahl der Ausbildungssprache (Stewart 2000, 10). Generell müssen höhere Beamte meist sowohl Ukrainisch als auch Russisch beherrschen - ist dies nicht der Fall, gibt es aber keinerlei Sank­tionen.

Es gab und gibt in der Ukraine immer wieder Konflikte um die Frage, ob das Russi­sche nicht landesweit als gleichwertige zweite Amtssprache eingeführt werden sollte. Einige politische Parteien versuchten, dieses Thema für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, so etwa die regierende Partei der Regionen. Diese Partei (ukr. Партк регюнк, russ. Партия регионов), die seit Februar 2010 mit Viktor Janukovyč den ukrainischen Präsidenten stellt, versuchte in der Vergangenheit, mit der Ankündigung, das Russische als zweite Amtssprache einzuführen, Stimmen zu gewinnen - so etwa bei der Präsidentschaftswahl im Jahre 2004, die in der Orangen Revolution münden sollte. Zum damaligen Wahlprogramm gehörte sogar die geplante Einführung einer russisch-ukrainischen Doppelstaatsbürgerschaft. Prorussische Kräf­te können in der Ukraine auf jene ethnisch russischen Wähler zählen, die sich mit der Akzep­tanz des Ukrainischen als alleinige Staatssprache schwer tun. Ein beträchtlicher Teil dieser Gruppe weigert sich sogar völlig, das Ukrainische zu verwenden oder überhaupt richtig zu erlernen. Für sie ist es auch schwer, sich mit der Tatsache abzufinden, nicht mehr - wie zu Sowjetzeiten - zum dominanten Volk, sondern zu einer ethnischen Minderheit zu gehören. Ein kurzes Portrait der Partei der Regionen (russ. Партия регионов, ukr. Партк регюнк):

Der Ursprung dieser Partei liegt im ostukrainischen Donec’k (GÖLS 2009, 3). Sie definiert sich als Unternehmerpartei, hat eine straffe innere Hierarchie und ist damit am ehesten eine Partei im traditionellen Sinne, während sich die restlichen politischen Gruppen zumeist zu­sammenschließen und als Blöcke antreten. Die Schwerpunkte der Partei liegen einerseits auf wirtschaftlichen Themen, andererseits stehen die Erhaltung der russischen Sprache und Kultur und die starke Bindung an Russland im Vordergrund. So tritt sie auch gegen einen Nato- Beitritt der Ukraine ein. Sie ist mit 175 Mandaten (von 450) die stärkste Fraktion im ukraini­schen Parlament Verchovna Rada.

Die zweitstärkste politische Kraft des Landes ist der Block Julija Tymošenko (Блок Юл1 Тимошенко) unter der Führung der ehemaligen Premierministerin. Er entstand im Jahr 2002 und stellt ein Bündnis aus mehreren Parteien dar. Der Block tritt populistisch auf und ist ganz auf die Parteivorsitzende eingestellt. Ideologisch ist er schwer einzuordnen - Göls (2009, 4) schreibt hier: „Die ideologische Unbestimmbarkeit der Partei drückt sich z.B. darin aus, dass man zwar einerseits linkspopulistische Forderungen stellt, andererseits aber mit einer Mit­gliedschaft in der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) liebäugelt.“ Der Block Juli­ja Tymošenko hält 156 Mandate im Parlament.

Die drittstärkste Fraktion ist der Block Naša Ukrajina-Narodna samoobrona (Блок Наша Украша-Народна самооброта; „Unsere Ukraine-Nationale Selbstverteidigung“), das Bünd­nis des ehemaligen Präsidenten Viktor Juščenko unter Vorsitz des ehemaligen Innenministers Jurij Lucenko. Der Block hält 72 Mandate in der Verchovna Rada. Er setzt sich aus ideolo­gisch sehr unterschiedlichen Parteien zusammen - diese Tatsache führte in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten und Umbildungen. Die Partei Naša Ukrajina hat ihren Ursprung in der radikalen nationalistischen „Volksbewegung der Ukraine für Perestrojka“ (RUCH; Народний Рух Украши) und vertritt (in abgeschwächter Form) ähnliche Anliegen, nämlich die Förderung der ukrainischen Sprache und Kultur. Göls (2009, 4): „So ist es nicht verwun­derlich, dass die Partei in ihren Programmen immer wieder den kulturellen Grundstock der Ukraine und den Wert der ukrainischen Sprache betont - jedoch weit weniger radikal als RUCH.“

Die beiden letztgenannten Fraktionen bilden also den ideologischen Gegenpol zur regierenden Partei der Regionen. Sie stehen für eine Loslösung der Ukraine vom Einfluss Russlands und für eine Orientierung des Landes in Richtung Westen, bzw. EU und Nato. Außerdem gab es etwa während der Regierung Juščenko/Tymošenko auch eine größere Pressefreiheit als dies zur Zeit der Fall ist. Ähnlich wie in Russland geht die Entwicklung der Medien wieder in Richtung staatlicher Beeinflussung oder sogar Lenkung. Regierungskritische Journalisten haben es in der Ukraine bei ihrer Berichterstattung immer schwerer.

3.2 Verhältnis zu Russland

Aufgrund des komplizierten geschichtlichen Hintergrunds ist das Verhältnis der Ukraine zu Russland auch heute noch gespannt. Am deutlichsten zeigte sich dies in den letzten Jahren in den Streitigkeiten um Gaslieferungen aus Russland in die Ukraine, die während der Regie­rungszeit des antirussischen Präsidenten Juščenko zum Politikum wurden.

Insgesamt ist das Verhältnis der beiden Staaten von einer gewissen Arroganz der russischen Seite gekennzeichnet. Man betrachtet die Ukrainer zwar als „Brudervolk“, man sieht sich al­lerdings selbst jedenfalls als „großen Bruder“, also als überlegen (Melnyk 2010, 1). Die Tat­sache, dass Russland die Ukraine traditionell als unterlegen betrachtet, äußert sich bereits in der Bezeichnung Malorossija, mit der die während der Zarenzeit eroberten östlichen Gebiete der heutigen Ukraine belegt wurden (Filatova 2007, 33):

Schon in den Vereinbarungen von 1654 nannte sich der Zar „Selbstherrscher von ganz Groß- und Kleinrußland“ und bezeichnete die Ukraine als Malorossija - ‘Kleinruß­land’. Allein dieser Name sagte, daß man in Moskau die Ukrainer als kein eigenstä­ndiges Volk sondern als Teil des Russischen Reiches sah.

Diese Bezeichnung sollte lange erhalten bleiben - die damit einhergehenden Assoziationen allerdings noch länger. Der Begriff der „Brudervölker“ spielte vor allem zur Sowjetzeit eine große Rolle. Auch heute noch wird das „brüderliche“ Verhältnis der Sowjetvölker manchmal glorifiziert. Die russische Sowjetrepublik sah die ukrainische (ebenso wenig wie die anderen Mitgliedsstaaten) jedoch nie als gleichberechtigt - anders ist etwa die starke Russifizierung und Verdrängung der ukrainischen Sprache und Kultur nicht zu erklären.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fürchtete man in der Ukraine in den ersten Jah­ren um das Bestehen des Staates - vor allem Russland betrachtete man als Bedrohung (ALE­XANDROVA 2001, 696). Man befürchtete eine Spaltung der Gesellschaft.

Im Mai 1997 wurde ein Vertrag über „Freundschaft, Zusammenarbeit und Partnerschaft“ zw i­schen Russland und der Ukraine unterzeichnet - dies führte zu einer Verbesserung der Bezie­hungen, vor allem aufgrund der Tatsache, dass Russland darin auf alle territorialen Ansprüche gegenüber der Ukraine verzichtete.

Heute ist der prorussische Präsident Janukovyč im Amt und die Bez iehungen zwischen der Ukraine und Russland haben sich scheinbar gebessert - dies ist aber nur auf der Ebene der hohen Politik der Fall. Ljudmyla MELNYK (2010, 1) schreibt: „Sie, die Regierungen, scheinen in brüderlichen Beziehungen zu stehen und nicht die Völker.“ Sie sieht sogar die Demokratie in der Ukraine - die sich vor einigen Jahren während der Orangenen Revolution als so voller Perspektiven dargestellt hatte - als vom Kurs Janukovyčs ernsthaft bedroht. So führe der die­ser „nicht zur Schaffung eines demokratischen Staates, sondern zur Schaffung eines postso w- jetischen Systems, das als Staat bezeichnet wird.“ Russland versucht wie scho n in vergange­nen Zeiten, die Ukraine für seine eigenen Zwecke zu nutzen - bei der Eroberung der südöstli­chen Gebiete unter Zarin Katharina II. war etwa vor allem der Zugang zum Schwarzen Meer von Interesse. Heute versucht man, durch die Beeinflussung der ukrainischen Regierung einen Nato-Beitritt des „kleinen Bruders“ zu verhindern.

Orangene Revolution

Die sogenannte „Orangene Revolution“ im Jahr 2004 stellt wohl die wichtigste Zäsur in der ukrainischen Politik in den Jahren seit der Unabhängigkeit des Landes dar. Am 31. Oktober 2004 fanden in der Ukraine Präsidentschaftswahlen statt (Scheer, Serdyuk 2007, 100) - nachdem Präsident Kučma nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten durfte, hießen die aussichtsreichsten Kandidaten Viktor Janukovyč (der amtierende Ministerpräsident) und Vik- tor Juščenko (Führer der Opposition). Die beiden Kandidaten vertraten unterschiedliche Lager und insbesondere unterschiedliche Ansichten zu sprach- und kulturpolitischen Fragen. Die Ukraine stand am Scheideweg und sollte sich zwischen dem o st orientiert en Janukovyč, der dafür eintrat, die Kontakte nach Russland aufrechtzuerhalten und zu intensivieren und dem prowestlichen Juščenko, der die Abkehr von Russland und die Orientierung in Richtung Nato und EU forderte, entscheiden. Es traten zahlreiche weitere Kandidaten - vor allem der sozia­listischen und kommunistischen Parteien - an, die jedoch über wenige Prozentpunkte nicht hinauskamen. Es kam also am 21. November 2004 zu einer Stichwahl zwischen Janukovyč und Juščenko. Die zentrale Wahlkommission verkündete den Sieg Janukovyčs - trotz offen­sichtlicher Wahlfälschung und massiver Kritik der Wahlbeobachter der OSZE. Daraufhin forderten Juščenko und seine Mitstreiterin Julija Tymošenko die Wähler zu friedlichen Prote s­ten gegen die Wahlmanipulationen auf. Hundertausende Menschen folgten dem Aufruf und versammelten sich vor allem auf dem Kiever Majdan Nezaležnosti („Unabhängigkeitsplatz“). Der Platz wurde zum Symbol für die Proteste, die wochenlang andauern sollten. Am 26. De­zember wurde die Präsidenten-Stichwahl schließlich wiederholt und Viktor Juščenko zum Sieger und damit zum neuen Präsidenten der Ukraine erklärt - die Orangene Revolution war erfolgreich gewesen. Die folgende Abbildung zeigt die Stimmanteile der beiden Kandidaten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Präsidentschaftswahlen 2004: Wahlergebnisse nach Regionen

Zum Vergleich die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl 2010: Die Teilung des Landes in den westlichen Teil mit den Tymošenko -Unterstützern und den östlichen Teil mit den Anhängern

Janukovyčs ist erhalten geblieben - im Westen fiel in vielen Gebieten die Zustimmung für die prowestliche Julija Tymošenko nicht mehr so stark aus wie 2004 für Viktor Juščenko.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Präsidentschaftswahlen 2010: Wahlergebnisse nach Regionen

Die Protestbewegung der Orangenen Revolution wurde im Westen mit Wohlwollen verfolgt, man erhoffte sich eine Stärkung der Demokratie in der Ukraine und auch die Bekämpfung der allgegenwärtigen Korruption im Land. Auf der anderen Seite griff Russland massiv in den Wahlkampf ein - so reiste Präsident Putin vor der Wahl sowie vor der Stichwahl persönlich an um dem Kandidaten Janukovyč seine Unterstützung auszusprechen und die russischen Wähler zu mobilisieren.

Die Bewegung von Juščenko wurde auch von vielen populären Künstlern unterstützt, darunter etwa Popstar Vjerka Serdjučka oder Comickünstler Sergej Migrin. Im Folgende n ein Beispiel für dessen gegen die Regierung Kučma sowie deren Protegé Janukovyč gerichtete Comics in ukrainischer Sprache (Scheer, Serdyuk 2007, 102f.):

1. До кшця правлшня Правителя Ky4i залишилось декiлька тижнив, а BÍH ще встит до кшця розвалити планету. Bis zum Regierungszeitende des Herrschers Kuči [Kučma, Anm.] verbleiben nur noch einige Wo-chen und er hatte es immer noch nicht geschafft, den Planeten ganz zu zerstören.
2. Цю мюдо мов продовжити його послвдовник. Diese Mission muss sein Nach-folger fortsetzen.
3. Як завжди, його виступ перед народом був дуже красномовним. Wie immer war sein Auftritt vor dem Volk sehr ausdrucksvoll.
4. Я, е-е-е, м-м, кхе-кхе. Ми, ну, того. А потм - ого-го! Ich, äh, äh, äh, kch-kch. Wir, nun, deshalb. Und dann oho-oho...
5. Люди загипнотизовано дивились на Правителя Кучi i в грили кожному його слову. Bíh розповвдов байки про Тому-Що.
Die Menschen schauten wie hypnotisiert auf den Herrscher Kuči und glaubten ihm jedes Wort. Er erzählte Märchen über „ÄH. “ [Janukovyč, Anm.]
6. З императором Пунл правитель Куй завжди розмовляв на ривних.
Mit dem Imperator [Putin, Anm.] sprach der Herrscher Kuči wie ein Ebenbürtiger.
7. Я все владнаю, Ваша Висошсть! Ми вже маемо достойного кандидата.
Ich habe alles im Griff, Euer Hochwohlgeboren! Wir haben sogar einen würdigen Kandida­ten.
8. Покажеш свого спадкоемця мот людям Сподиваюсь, цього разу все пройде за нашим планом!
Stell deinen Erben meinen Leuten vor. Ich erwarte, dass diesmal alles nach unserem Plan verläuft.
9. Ось наш майбутней Правитель. За ваши гроши bìh зможе майстерно розвалити шо планету.
Seht - unser zukünftiger Herrscher. Dank deinem Geld kann er den ganzen Planeten zerstö­ren.
10. Представники императора не знали, як реагувати на те, що перед ними стояло. Грош1 вщдовати зовсим не хотилось. Куч1 повинен був ïx переконати.
Die Vertreter des Imperators wussten nicht, wie sie auf das vor ihnen Stehende reagieren soll­ten. Geld wollten sie auf keinen Fall geben. Kuči musste sie überreden.
11. У Тому-Що було темно-смугасте минуле, але ми швидко зробимо з нього блакитного ...
„ÄH“ hat eine dunkel-gestreifte Vergangenheit, aber wir werden sie schnell durch Himmel­blau ersetzen ...
12. Ти що, рашше не миг знайти блакитного? Зобув, що це мш улюбленний колир?
Warum hast du mich nicht eher an Himmelblau erinnert? Hast du etwa vergessen, dass das meine Lieblingsfarbe ist?
13. Тримай, голубчику! Ти мет вже подобаешся!
Nimm Täubchen! Du gefällst mir jetzt bereits!
14. Несподиванно з’явився герой, вщомий у народ1 як Супер-Так. Його поява завжди супроводжувалась веселими тсням1, гучними закликами та повним безладдям на вулицях.
Völlig unerwartet tauchte ein im Volk als „Super-Ja“ [Juščenko, Anm.] bekannter Held auf. Ihn begleiteten lustige Lieder, laute Zurufe und Unordnung auf den Straßen.
15. Тима дочекалася свого зоряного часу. Вона скликала вс1х, кому в цей час тчого робити обицяла халяву: йжу, одяг í житло.
Tima [Tymošenko, Anm.] erkannte ihre Sternstunde. Sie trommelte all diejenigen zusammen, die gerade nichts zu tun hatten, und versprach ihnen großzügig: Nahrung, Kleidung und Wohnraum.
16. Вси на майдан! Настов час спивати й веселитись!
Alle auf den Unabhängigkeitsplatz! Die Stunde zu singen und sich zu amüsieren ist gekom­men!
17. А в цей час тд голубими прапорами збиралися сили Тому-Що.
Zur selben Zeit versammelten sich unter himmelblauen Fahnen Truppen von „ÄH“.
18. Будьте обережними: зброя помаранчевих яйця та апельсини. Б’ють не сильно, зате влучно !
Seid vorsichtig! Sie benutzen orangefarbene Eier und Apfelsinen als Waffen. Schlagt nicht kräftig zu, dafür aber wohlgezielt.
19. Бажаете д1знатись, що було дал1? Ми теж! Напишпъ сценар1й подальшого розвитку подш на ц1й планет! [... ]

Wollen Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht? Wir auch! Schreiben Sie darüber, wie die Ereignisse den ganzen Planeten erfassen. [...]

Dieser Comic-Strip spiegelt die Ansichten der Anhänger der Orangenen Revolution und der antirussischen Gruppen wider. Präsident Kučma ist nur eine Marionette des damaligen russi­schen Präsidenten und heutigen Premierministers Vladimir Putin. Dieser wird als „Imperator“ bezeichnet, vor dem Kučma kniet. Diese Bezeichnung wurde erstmals von Zar Peter dem Großen als Herrschaftstitel verwendet. Gleichzeitig wird spöttisch darauf verwiesen, dass „Kuči“ „wie ein Ebenbürtiger“ mit dem „Imperator“ sprechen könne. Dies bezieht sich auf die vielbeschworene „Brüderlichkeit“, die seit Sowjetzeiten seitens Russlands stets betont wird, die aber eher ein Lippenbekenntnis darstellt. Kučma und Putin wollen das Land mit aller Macht zerstören. Der Kandidat von russischen Gnaden, „ÄH“, also Janukovyč (der N a­me ist eine Anspielung auf sein eher wenig ausgeprägtes Charisma und seine relativ schwache Redefähigkeit - im Gegensatz zu den charismatischen Persönlichkeiten Juščenko und T y- mošenko) hat eine „dunkel-gestreifte Vergangenheit“, was sich auf seine Vorstrafen aufgrund Körperverletzung und Diebstahls während seiner Jugend bezieht. Auf dem letzten Bild sind die prorussischen Truppen unter der himmelblauen Fahne als Monster gezeichnet. Die pro­westlichen Politiker Juščenko (der sogar in Superman-Pose gezeigt wird) und Tymošenko werden als Helden dargestellt, die sich - im Gegensatz zu den russischen Kräften - für das Volk einsetzen und die enttäuschten Wähler zum Protest auf dem Majdan auffordern.

All dies drückt die Empfindung der Unterdrückung durch Russland und den Wunsch nach Loslösung und Orientierung in Richtung Westen aus.

3.3 Regionale Politik

Obwohl das Ukrainische wie erwähnt die einzige Amtssprache ist, haben einige Oblasti sowie Städte im Osten und Süden der Ukraine das Russische als praktisch gleichberechtigte Regio­nalsprache eingeführt. Dies geschah als Reaktion auf das Sprachengesetz, das in der Verfas­sung von 1996 bestätigt wurde. Die östlichen und südlichen Regionen wollten einer zu star­ken Ukrainisierung entgegenwirken. Im selben Jahr führte die Stadt Charkiv (ukr. Харюв, russ. Харьков) Russisch als zweite Sprache auf dem Stadtgebiet ein (STEWART 2000, 20). Zuvor (1994) hatten bereits die Oblasti Donec’k, Luhans’k und einige Städte (z.B. Odesa) dasselbe getan. Diese Vorgehensweise wurde von proukrainischen Gruppen und der ukraini­schen Intelligencija als verfassungswidrig kritisiert und in einigen Fällen wurden die Be­schlüsse wieder aufgehoben.

Nach den Parlamentswahlen von 2006 kam es erneut zur Einführung des Russischen als Re­gionalsprache in einigen Städten und Oblasti. In diesen Gebieten im Osten und Süden hatte die Partei der Regionen große Mehrheiten erreicht:

Sie nutzte diese und zahlreiche Gebiets- und Stadtparlamente erklärten in den folgen­den Monaten das Russische zu einer offiziellen „regionalen Sprache“, die gleichberechtigt neben dem Ukrainischen oder statt des Ukrainischen in allen öffentli­chen Bereichen zur Anwendung kommen sollte. Das Stadtparlament von Charkiw war schon vor der Wahl am 6. März vorangegangen, es folgten das Gebietsparlament von Luhansk am 25. April, das Stadtparlament von Sewastopol am 26. April, das Ge­bietsparlament von Donezk am 18. Mai, das Stadtparlament von Dnipro petrowsk am 26. Mai und das Gebietsparlament von Charkiw am 3. Juni 2006.

(Simon 2008, 64)

Es gibt sowohl auf der ukrainischen als auch auf der russischen Seite Aktivistengruppen, die die Ukraine nach ihren Vorstellungen in vor allem in sprachlicher Sicht verändern wollen. Beide Seiten nehmen sich dazu die jeweiligen Regionen des Landes zum Modell, in denen ihre bevorzugte Sprache dominiert. So wollten die ukrainischen Kräfte die Situation in der Westukraine, wo das Ukrainische sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich domi­niert, auf das ganze Land ausdehnen und die russischen Kräfte nehmen sich die Situation im Osten zum Vorbild, wo das Russische nach wie vor - vor allem im Privaten - dominant ist, zum Vorbild (Stewart 2000, 91).

Stewart (2000, 10) beschreibt die Entstehung dieser Bewegungen. Die ukrainische Sprache und Kultur waren in der Geschichte immer wieder starken Repressionen ausgesetzt - dies geschah vor allem in der Sowjetzeit, aber auch schon während der Herrschaft des russischen Zaren auf dem Gebiet der (heutigen) Ukraine. Die Tatsache, dass es so lange keinen ukraini­schen Staat gab - die westlichen Gebiete waren lange unter litauisch-polnischer und auch ös­terreichischer Herrschaft und die östlichen befanden sich im russischen Herrschaftsbereich - führte zur Formierung von ukrainischen Protestbewegungen, die sich auf kulturelle und sprachliche Anliegen konzentrierte.

[...]

Details

Seiten
83
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640959877
ISBN (Buch)
9783640960064
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175110
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Slawistik
Note
1,0
Schlagworte
Ukraine ukrainisch russisch Sprachsituation sprachenstreit

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Titel: Ukrainisch kontra Russisch