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Islamic Banking - Eine Alternative zum konventionellen Bankwesen?

Bachelorarbeit 2011 41 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGS-/ TABELLENVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Überblick
1.2 Problemstellung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 RAHMENBEDINGUNGEN VON ISLAMIC BANKING
2.1 Definition
2.2 Entstehungsgeschichte
2.3 Ethische und rechtliche Grundlagen
2.3.1 Das islamische Wirtschaftssystem
2.3.2 Das Zinsverbot ribä
2.3.3 Das Spekulationsverbot garär
2.3.4 Das Glücksspielverbot maysir/qimär,
2.3.5 Die Vermögenssteuer zakä
2.3.6 Zusammenfassung

3 ISLAMKONFORME FINANZIERUNGS- UND INVESTITIONSTECHNIKEN
3.1 Finanzierungstechniken
3.1.1 mudäraba
3.1.2 mušäraka
3.1.3 muräbaha
3.1.4 igära
3.2 Investitionstechniken
3.2.1 Aktienanlagen
3.2.2 sukuk

4 PRAXIS DES ISLAMIC BANKING
4.1 Marktanalyse
4.2 Angewandte Instrumente
4.3 Kritik
4.4 Exkurs: Finanzkrise

5 AUSBLICK UND FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : mudäraba Finanzierung

Abbildung 2: mušäraka-Finanzierung

Abbildung 3: muräbaha Finanzierung

Abbildung 4: Ablauf eines sukük al-igära - Geschäfts

Abbildung 5: Wachstum der Islamischen Bankenindustrie

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gebote und Verbote im Islamic Banking

Tabelle 2: Asset Composition of Selected Islamic Banks

Tabelle 3: Islamic Banking vs. Konventionelles Banking

1 Einleitung

1.1 Überblick

Im Frühsommer 2007 begann die US-Immobilienkrise, die nur kurze Zeit später eine weltweite Finanzkrise nach sich zog und die Welt in eine teilweise bis heute noch andauernde Wirtschaftskrise stürzte. Noch immer streiten Experten über die Ursachen und Hintergründe und wie eine solche Krise hätte verhindert können. Diskutiert werden insbesondere neue und strengere Regulierungsvorhaben, die den Finanzmarkt besser kontrollieren sollen. Dabei rückt auch immer mehr ein anderes Modell in den Vordergrund: das sogenannte Islamic Banking.

Im Gegensatz zu konventionellen Banken, scheinen die nach islamischen Regeln operierenden Banken keinen allzu großen Schaden von der Finanzkrise davongetragen zu haben. So schreibt beispielsweise die Welt dazu: „ Die Finanzkrise hat die Bankenwelt in der ganzen Welt erschüttert. In der ganzen Welt? Nicht ganz. Die islamischen Banken rühmen sich, weitgehend verschont geblieben zu sein. Und tatsächlich: Sie sind natürlich nicht immun, aber deutlich weniger stark betroffen, sagt Davide Barzilai, Experte für Islamic Banking bei der Anwaltskanzlei Norton Rose."[1]

Könnte das Islamic Finance eine Richtschnur für ein neu zu gestaltendes Finanzsystem sein? Dies empfahl zumindest der Vatikan in der italienischen Tageszeitung Ossovatore Romano. Die ethischen Regeln des islamischen Bankwesens seinen im Stande einem gescheiterten kapitalistischen Finanzsystem Vertrauen und Liquidität zu verschaffen und könnten zur Etablierung neuer Regeln für das westliche Finanzwesen beitragen.[2]

1.2 Problemstellung

Im Rahmen dieser Arbeit werden die Grundzüge des Islamic Banking erläutert und diskutiert. Ferner wird der Frage nachgegangen inwiefern Islamic Banking tatsächlich eine Alternative zum westlichen Bankensystem sein kann.

1.3 Aufbau der Arbeit

Im Anschluss an diese Einleitung werden im zweiten Kapitel zunächst die ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Islamic Banking vorgestellt. Kapitel drei widmet sich dann dem Kern des Islamic Banking: den Haupt-Finanzierungs/Investitionstechniken. In einem nächsten Schritt wird das Augenmerk auf die Praxis des Islamic Banking gelegt. Wie hoch ist das Potenzial tatsächlich, welche Instrumente kommen zum Einsatz und gibt es evtl. Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis? Basierend auf den bis dahin gewonnen Erkenntnissen wird ein Vergleich zwischen Islamic Banking und konventionellen Banken gezogen um damit zu beurteilen, inwiefern Islamic Banking eine Vorbildfunktion einnehmen kann. Für diese Beurteilung hilfreich ist insbesondere der Blick auf die Ursachen und Hintergründe der Finanzmarktkrise. Die Arbeit schließt mit einem Fazit ab, in dem die Ergebnisse zusammengefasst und auf mögliche Chancen und Risiken hingewiesen wird.

2 Rahmenbedingungen von Islamic Banking

2.1 Definition

Für den Ausdruck „Islamic Banking" gibt es bislang keine einheitliche Definition, die, so Warde, vollkommen zufriedenstellend ist. Denn zu jedem Islamic Banking- kennzeichnenden Kriterium, wie z.B., dass es sich um Finanzinstitutionen handelt, die von Muslimen betrieben werden, oder dass deren Aktivitäten sich lediglich auf die muslimische Bevölkerung konzentrieren, dass eine Islamische Bank Mitglied der International Association of Islamic Banks (IAIB) sein muss, bevor sie sich als islamisch-operierend bezeichnen darf, gibt es signifikante Ausnahmen, die es erschweren eine allgemein gültige Definition zu finden.[3]

Dennoch gibt es zahlreiche Akteure innerhalb des Islamic Banking, die zumindest eine Idee von dem geben, wofür Islamic Banking im Allgemeinen steht. Eine dieser Erläuterungen findet sich bei der pakistanischen State Bank, die Islamic Banking folgendermaßen definiert:

„Islamic banking is defined as banking system which is in consonance with the spirit, ethos and value system of Islam and governed by the principles laid down by Islamic Shariah. Interest free banking is a narrow concept denoting a number of banking instruments or operations which avoid interest. Islamic banking, the more general term, is based not only to avoid interest-based transactions prohibited in Islamic Shariah but also to avoid unethical and un-social practices. In practical sense, Islamic Banking is the transformation of conventional money lending into transactions based on tangible assets and real services. The model of Islamic banking system leads towards the achievement of a system which helps achieve economic prosperity. "[4]

Entgegen der vorherrschenden Meinung ist Islamic Banking demnach nicht nur auf eine zinslose Bankwirtschaft begrenzt. Es ist ein System, das unter Beachtung islamischer Grundsätze die Aufgabe hat, ökonomischen Wohlstand herbeizuführen. Zu den islamischen Grundsätzen gehören im Allgemeinen die Vermeidung unethischer und unsozialer Praktiken, von denen der Zins lediglich eine von vielen Komponenten darstellt.

In der Literatur werden - abgeleitet aus der sarT'a - folgende Prinzipien genannt, die den Rahmen für Islamic Banking darstellen:

a) das Zinsverbot
b) die Vermeidung von Spekulationen
c) die Vermeidung von Aktivitäten, die mit dem Islamischen Werteverständnis im Widerspruch stehen (Waffenproduktion, Drogen, Glücksspiel, Prostitution, etc.)
d) die Einführung einer islamischen Steuer (zakä)[5]

Auf diese Grundprinzipien wird nach einem kurzen historischen Abriss näher eingegangen.

2.2 Entstehungsgeschichte

Ansätze von Islamic Banking gehen bereits auf die Anfänge des Islam zurück.[6] Aufgrund der Tatsache, dass nur begrenzte Informationen über ökonomische und finanzielle Bedingungen im vor- bzw. frühislamischen Arabien vorliegen, gestaltet sich eine zeitliche Einordnung des Islamic Banking relativ schwierig.

Fest steht jedoch, dass vor dem Erscheinen des Islam, sowohl Zinsen also auch Profit & Loss- Arrangements (darauf wird später eingegangen) integraler Bestandteil von Finanztransaktionen waren.[7] Erst mit dem Islam wurden Zinsen abgeschafft, und damit nur noch Profit & Loss- Geschäfte praktiziert.

Die erste finanzielle Institution, bayt al-mäl, wurde unter dem Kalifen 'Umar, zehn Jahre nach dem Tod des Propheten Muhammad geschaffen. Ihre Aufgabe bestand darin, die durch die islamische Expansion erzielten Einnahmen an die Community zu verteilen.[8] Das durch den Islam eingeführte Zinsverbot innerhalb eines sich immer weiter ausbreitenden Territoriums führte dazu, dass neue Anstrengungen hinsichtlich der Entwicklung islamgerechter Finanzierungstechniken unternommen wurden und somit insbesondere das Profit & Loss- Konzept wieder aufgegriffen und immer wieder verfeinert wurde. So lässt sich die Entwicklung von mušäraka und mudäraba Instrumenten auf diesen Umstand zurückführen.[9] Mit Beginn des Zerfalls des Abbasidenreichs, setzte eine Phase des wirtschaftlichen Abschwungs ein. Das Staatsdefizit stieg infolge von gesunkenen Einnahmen aus eroberten Gebieten und der riesige Staatsapparat war aufgrund gestiegener Militärausgaben kaum noch finanzierbar. Zum ersten Mal wurden die bis dahin praktizierten islamischen Vorschriften, so auch das Zinsverbot aufgehoben, um den Staatshaushalt zu finanzieren.[10] Im Zuge der Kolonialisierung wurden dann westliche Wirtschafts- und Finanzsysteme etabliert, die bis heute noch die islamische Welt dominieren. Als die islamischen Länder nach dem zweiten Weltkrieg nach und nach politisch unabhängig wurden und eine Rückbesinnung auf islamische Werte stattfand, wurden auch erste Bestrebungen nach einer ökonomischen Neuordnung unter Berücksichtigung der sarT'a deutlich. Die ersten akademischen Debatten über ein nach islamischen Grundsätzen ausgestaltetes Finanzsystem wurden insbesondere von pakistanischen Autoren in den 1940er Jahren geführt und schrittweise weiterentwickelt.[11] Ende der 1960er Jahre gelang es Ökonomen und Rechtsgelehrten das Hauptprinzip des Islamic Banking, nämlich das Profit & Loss Sharing wieder auferleben zu lassen und an die zeitlich bedingten Gegebenheiten anzupassen.

Den ersten Meilenstein legte in dieser Zeit Ahmad an-Naggär mit der Gründung der ersten zinsfrei operierenden Bank in Ägypten (1963).[12] Weitere folgten in Malaysia, Pakistan und den Philippinen Sie hatten jedoch nur mäßigen Erfolg. Erst Mitte der 1970er Jahre, nachdem konzeptionelle Weiterentwicklungen vollzogen und durch gestiegene Öleinkünfte mehr Kapital zur Verfügung stand, gewann das islamische Bankensystem mit Gründung der Dubai Islamic Bank und der überstaatlichen islamischen Entwicklungsbank (Islamic Development Bank; eine Art islamische Weltbank) in Gidda, an Bedeutung. Wenig später entstanden die Islamic Faisal Banks in Ägypten und dem Sudan und das Kuwait Finance House.[13]

In den Folgejahren beschränkte sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung nicht nur auf islamische Ökonomen und Rechtsgelehrte. Auch in westlichen Ländern wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten wurden ganze Forschungseinrichtungen zum Islamic Finance errichtet.

Zwischen den 1980er und 1990er Jahren gab es auch von staatlicher Seite Bemühungen das Finanzsystem zu islamisieren. So wurden beispielsweise 1983 alle Banken im Iran verstaatlicht und Zinsen abgeschafft. Neben dem Iran ist das islamische Bankwesen auch im Sudan und in Pakistan in der Verfassung verankert.[14]

In den meisten islamischen Ländern hat sich jedoch, neben dem islamischen Bankwesen parallel das westliche Bankensystem weiterentwickelt, wobei das Islamic Banking zwar noch als Nische anzusehen ist, dessen Marktanteile aber stetig wachsen. Die meisten internationalen Banken haben inzwischen das Wachstumspotential entdeckt und bieten im Rahmen sogenannter Islamic Windows (meist Tochtergesellschaften) sarT'a-konforme Finanzdienstleistungen an.[15]

2.3 Ethische und rechtliche Grundlagen

2.3.1 Das islamische Wirtschaftssystem

Islamic Banking bildet einen integralen Bestandteil eines islamischen Wirtschaftssystems, welches von islamischen Gelehrten oft als einzigartig angesehen wird, weil es weder eine gänzlich kapitalistisch noch eine sozialistisch organisierte Wirtschaftsordnung favorisiert. Allerdings herrscht noch keine Einigkeit darüber, wie ein solches System konkret auszusehen hat.[16]

Dieser Abschnitt gibt lediglich eine Idee eines nach islamischen Werten zu gestaltenden Wirtschaftssystems. Daher werden hier nur einige allgemeine Aspekte, insbesondere solche, die einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entgegenstehen, vorgestellt.

Der Hauptunterschied zwischen einer islamischen Wirtschaftsordnung und der kapitalistisch westlichen Wirtschaftsordnung lässt sich zunächst einmal auf die Definition des ökonomischen Problems zurückführen.

Nach kapitalistischem Verständnis bezeichnet die Wirtschaft das Gebiet menschlicher Tätigkeiten, das der Bedürfnisbefriedigung dient. Die menschlichen Bedürfnisse sind praktisch unbegrenzt. Die zur Bedürfnisbefriedigung geeigneten Mittel (Güter) stehen dagegen nicht in unbeschränkter Menge zur Verfügung, sondern sind von Natur aus knapp. Diese naturgegebene Knappheit der Güter, d. h. das Spannungsverhältnis zwischen Bedarf und Deckungsmöglichkeit, zwingt den Menschen zu wirtschaften, der immerzu danach bestrebt ist, die vorhandenen Mittel so einzusetzen, dass ein möglichst großes Maß an Bedürfnisbefriedigung erreicht wird (individuelle Nutzenmaximierung). Das ökonomische Problem laut westlicher Wirtschaftsordnung beschreibt demnach das Spannungsverhältnis zwischen der Knappheit der Güter auf der einen Seite und der Unbegrenztheit menschlicher Bedürfnisse auf der anderen Seite.[17]

Der Islam dagegen besagt, dass diese Knappheit der Güter nicht existiert. Der Schöpfer hat die Menschheit mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet.[18] Auch die Bedürfnisse werden nicht als unbegrenzt, sondern höchstens als ungezügelt bezeichnet. So werden Bedürfnisse in die beiden Kategorien erstrebenswert und nicht erstrebenswert eingeteilt.[19] Nicht erstrebenswerte Bedürfnisse oder Wünsche sind zu unterlassen, um so Bedürfnisse zu begrenzen. Das ökonomische Problem nach islamischer Ansicht, besteht also weder aus der Knappheit der Güter noch aus unbegrenzter Anzahl an Bedürfnissen. Hier wirken sich vielmehr der Mangel an

Leistungsbereitschaft und die Verschwendung von Ressourcen durch Aktivitäten wie Alkoholkonsum, Drogen, Glücksspiel und Waffenproduktion negativ auf die Wirtschaft aus.19[20] Die Lösung des Problems liegt darin, nachfrageseitig seine Bedürfnisse zu begrenzen und angebotsseitig seine Arbeitskraft nur in Aktivitäten einzusetzen, die islamisch und moralisch gesehen, nicht verwerflich sind.

Ein weiteres Prinzip, nämlich die individuelle Nutzenmaximierung, wird im Islam um die Komponente des Allgemeinwohls erweitert. Natürlich strebt der Mensch nach seinem eigenen Wohlergehen, gleichzeitig wird er aber dazu angehalten im Sinne der Gerechtigkeit und des Allgemeinwohls zu handeln. Neben diesen Hauptunterschieden zum westlichen Wirtschaftssystem, zeichnet sich ein islamisches Wirtschaftssystem durch weitere Elemente aus, die beispielsweise Eigentumsrechte, Verträge, den Faktor Arbeit und ökonomische Gerechtigkeit regeln. Im Rahmen dieser Arbeit kann auf diese nicht weiter eingegangen werden.

Wie alle anderen Aspekte des islamischen Lebens, ist auch der Bereich Wirtschaft und speziell die Finanzwirtschaft der sarT‘a unterworfen.[21] Die wichtigsten Vorgaben für Islamic Banking sollen nun behandelt werden.

2.3.2 Das Zinsverbot ribä

Das Wort ribä wird auf die Wurzel rabä (Lu) zurückgeführt, was wörtlich übersetzt wachsen, sich ausdehnen, sich steigern oder überhöhen bedeutet. In deutschen Übersetzungen des Korans wird ribä häufig mit Wucher oder Zins übersetzt (in englischen Übersetzungen mit usury und interest), was zu noch heute andauernden Diskussionen darüber geführt hat, ob lediglich der Wucherzins oder jegliche Form von Zins, untersagt ist.[22]

So kritisiert Farooq, dass es bis heute keine einheitliche, allgemeingültige und präzise Definition von ribä gibt. Unter Einbeziehung einzelner islamischer Gelehrter, wie Sayyid Abüla'lä MawdudT, Dr. ‘Umrän Hän NiyäzT, Muhammad TaqT ‘UtmänT, Dr. Muhammad Najätulläh SiddTqT und Dr. Gamäl Bad,Jamal BadäwT versucht er zu eine zusammenfassenden Definition zu gelangen.[23] „riba is any stipulated excess over the principal in a loan or debt"[24]

Nach Ansicht der islamischen Orthodoxie, die auch die vorherrschende Meinung widerspiegelt, versteht man unter riba jegliche Art von Abgabe, die dem Schuldner bei einem Kredit auferlegt wird. So bezeichnet riba nicht nur Wucherzinsen, sondern jeglicher Art von Zins. Auch in der Praxis des Islamic banking wird riba dem Zins gleichgesetzt und gilt damit als verboten.[25]

Das Verbot von riba findet sich an zahlreichen Stellen sowohl im Koran als auch in der Sunna. Besonders hervorgehoben werden meist die Verse der Sure al-baqara, die auch als ayat ar-riba bezeichnet werden.[26]

Sure 2, al-baqara, 275-280:

„Diejenigen, die Zins nehmen (verzehren), werden (dereinst) nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfasst und geschlagen ist (so daß er sich nicht mehr aufrecht halten kann). Dies (wird ihre Strafe) dafür (sein), daß sie sagen: „Kaufgeschäft und Zinsleihe sind ein und dasselbe“. Aber Gott hat (nun einmal) das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten. Und wenn zu einem eine Ermahnung von seinem Herrn kommt (wie z.B. das Zinsnehmen zu unterlassen) und er dann aufhört (zu tun, was ihm verboten wurde), so sei ihm (belassen), was bereits geschehen ist! Und die letzte Entscheidung über ihn steht bei Gott. Diejenigen aber, die es (künftig) wieder tun, werden Insassen des Höllenfeuers sein und (ewig) darin verweilen. Gott lässt den Zins (des Wucherers) dahinschwinden, aber er verzinst die Almosen (mit himmlischem Lohn). Gott liebt keinen, der gänzlich ungläubig und ein Sünder ist[27]

Die klassischen islamischen Rechtswissenschaften haben zwei Kategorien von riba herausgearbeitet und nennen diese: ribä an-nasï’a (auch riba al-gahiliyya genannt ) und riba al-fadl.

riba an-nasï’a ist die Art von riba, vor der im Koran gewarnt wird. Sie bezeichnet den Überschuss, der sich durch eine zeitliche Verzögerung ergibt. Das bedeutet, riba an-nasï'a entsteht immer dann, wenn Geld für eine gewisse zeitliche Periode verliehen wird und im Anschluss nicht nur die ursprünglich verliehene Summe, sondern noch ein weiterer Zuschlag (unabhängig ob fix oder variabel) für die Überlassung des Geldes gefordert wird.[28] Da bei solchen Kreditgeschäften immer eine der beiden Parteien benachteiligt ist, da sie neben dem ursprünglich gewährten Kredit auch noch die Zinsen aufbringen muss, die andere Partei aber ihr Geld ohne Gegenleistung und ohne Übernahme eines Risikos (denn sie erhält ihr Geld inkl. Zinsen in jedem Fall zurück) vermehrt, handelt es sich um ein ungerechtes Geschäft.

ribä al-fadl wird aus dem hadït abgeleitet und entsteht beim Handel gleichartiger Güter, die in unterschiedlicher Menge oder Qualität und zu unterschiedlichen Zeitpunkten gegeneinander ausgetauscht werden.[29] Um solche Ungleichgewichte und damit auch Benachteiligungen einer der beiden Parteien zu vermeiden, dürfen diese Güter nur in gleicher Qualität und Menge und zum gleichen Zeitpunkt ausgetauscht werden. Diese Interpretation wird aus mehreren ahâdït abgeleitet, einer wird aber besonders oft zitiert:

„...Der Gesandte Gottes hat gesagt: Gold gegen Gold, Silber gegen Silber, Weizen gegen Weizen, Gerste gegen Gerste, Datteln gegen Datteln. Salz gegen Salz, gleiche (Mengen) gegen gleiche (Mengen), Zug um Zug. Wer mehr nimmt oder aufschlägt, macht ein ribä- Geschäft- derjenige, der nimmt, genauso wie der, der gibt."[30]

In erster Linie wurde dieses ribä-Verbot ausgesprochen, um Probleme bei Bartergeschäften zu vermeiden. Denn beim Tausch gleichartiger Güter wurden Qualitätsunterschiede meist durch Mengenanpassungen ausgeglichen (z.B. eine qualitativ hochwertige Dattel gegen 2 minderwertigere Datteln), was zu einer ungleichen Situation führte (denn Tauschpartner 1 hatte nur eine Dattel, Tauschpartner 2 hatte zwei Datteln).[31]

Eine weitere Interpretation dieses hadït besagt, dass ribä al-fadl nicht nur bei Tauschgeschäften mit Gold, Silber, Weizen, Gerste, Datteln und Salz entstehen kann, sondern auch bei Geld (daher auch bei Darlehensgeschäften). Da alle in diesem hadït erwähnten Güter damals als Tauschmittel eingesetzt wurden, in der heutigen Zeit diese Rolle aber durch das Geld übernommen wird, lässt sich dieser hadït auch auf Geld anwenden.[32]

Fasst man nun diese beiden Arten von ribä zusammen, so ergibt sich, dass zum einen kein finanzieller Zuwachs für die Überlassung von Geld für einen bestimmten Zeitraum entstehen darf und zum anderen, dass Geld kein Handelsobjekt darstellen darf.

[...]


[1] Stocker, F. (2009), o.S.

[2] Vgl. World Bulletin, (2009), o.S.

[3] Vgl. Warde, I. (2000), S. 5.

[4] Vgl. State Bank of Pakistan (o.J.), S. 4.

[5] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 48.

[6] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 38.

[7] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 38.

[8] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 40.

[9] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 42.

[10] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 43.

[11] Vgl. Ray, N.D. (1995), S. 5.

[12] Vgl. ebenda.

[13] Vgl. Al-Fallouji, I.; Urech, D. (1998), o.S.

[14] Vgl. Mahlknecht, M. (2009), S. 51.

[15] Vgl. ebenda.

[16] Vgl. Kazarian, E. (1993), S. 37.

[17] Vgl. Mankiw, N.G. (2001), S. 3f.

[18] Vgl. Naim, A. M. (2008), S. 34f.

[19] Vgl. Islam-Investor (o.J.), o.S.

[20] Vgl. Kuran, T. (1986), S. 163ff.

[21] Vgl. Amereller, F. (1994), S. 33 f.

[22] Vgl. Gassner, M. (2008), o.S.

[23] Vgl. Farooq, M. (2007), S. 15.

[24] Vgl. ebenda.

[25] Vgl. Hamidullah, M. (1991), S. 200 ff.

[26] Vgl. Lohlker, R. (1999) S.25f.

[27] Paret, R. (2010), S.41.

[28] Vgl. Ibrahim, A. (2008), S. 694.

[29] Vgl. ebenda.

[30] Vgl. Lohlker, R. (1999), S. 30.

[31] Vgl. Ibrahim, A. (2008), S. 694.

[32] Vgl. Hassan, M, Lewis, M. (2007), S. 43 f.

Details

Seiten
41
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640960552
ISBN (Buch)
9783640961047
DOI
10.3239/9783640960552
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Erscheinungsdatum
2011 (Juli)
Note
1,3
Schlagworte
Orientalistik/islamwissenschaften Finance Finanzkrise Zinsverbot Riba Spekulationsverbot mudaraba musharaka igara murabaha

Autor

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Titel: Islamic Banking - Eine Alternative zum konventionellen Bankwesen?