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Unterschiedliche kulturelle Ansichten gegenüber Behinderung

Ein interkultureller Vergleich

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1 Begriff der Behinderung

2 Die Rolle behinderter Menschen in der Gesellschaft im Kontext der Partizipation

3 Interkultureller Vergleich von Behinderten und Behinderung
3.1 Universalität und interkulturelle Variabilität
3.2 Kulturelle Uniformität
3.3 Indikatoren

4 Reaktionsspektrum
4.1 Körperbehinderung
4.2 Sinnesbehinderung
4.3 Geistige Behinderung
4.4 Psychische Behinderung
4.5 Altersbehinderung

5 Meine persönliche Einschätzung

Literaturverzeichnis

Einführung

Jeder Mensch ist unterschiedlich von seinem Wesen wie auch von seinem Erscheinen. Dann gibt es Menschen, die von der so genannten „Norm" abweichen und als behindert dekla­riert sind. Doch warum werden behinderte Personen weltweit eigentlich als behindert angese­hen und welche Rolle üben sie in den Gesellschaften aus, die grundsätzlich auf einer Ebene des „Normalen" agieren?

In meiner Arbeit gehe ich der Frage nach, welche Ansichten es gegenüber Behinderten und Behinderung in unterschiedlichen Kulturen gibt. Zu Beginn erläutere ich in Kapitel 1 den Begriff der Behinderung allgemein und stelle in Kapitel 2 die Rolle von Menschen mit einer Behinderung in der Gesellschaft dar, also deren Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Anschließend gehe ich in Kapitel 3 auf den interkulturellen Vergleich der Gesellschaften hin­sichtlich des Themas Behinderung ein. Hierbei beziehe ich die Universalität, Uniformität sowie Variabilität mit ein, also ob Behinderte grundsätzlich als solche gesehen werden oder ob es Ansichtsunterschiede gibt.

Des Weiteren konzentriere ich mich in Kapitel 4 auf das Reaktionsspektrum auf Behinder­te und Behinderung und ziehe eine kurze allgemeine Bilanz beider Extreme von Extremreakti­onen bis hin zu Laissez-faire. Interessant hierbei sind eine Differenzierung der allgemeinen Behinderungsarten (körperliche, Sinnes-, Geistes-, Altersbehinderung) sowie deren Ansichten in unterschiedlichen Kulturen.

Zum Schluss erläutere ich in Kapitel 5 meine persönlichen Einschätzungen zu meiner ge­stellten These.

Für meine Arbeit orientiere ich mich größtenteils an der Studie von NEUBERT und CLOER- KES über die „Interkulturelle Variabilität der sozialen Reaktion auf Behinderte", die zwischen 1984 und 1986 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Fach Soziologie der Behinderten, durchgeführt und als Buch mit dem Titel „Behinderung und Behinderte in verschiedenen Kultu­ren - Eine vergleichende Analyse ethnologischer Studien" im Jahr 1987 veröffentlicht wurde. Dieses Werk ist zwar mehr als zwanzig Jahre alt, jedoch ist das Thema Behinderung, auch in Vergleich zu anderen Kulturen, zeitlos und somit jederzeit anwendbar.

1 Begriff der Behinderung

„Behinderte sind Menschen mit einer Behinderung."

- Dieter Neubert und Günther Cloerkes zur Definition von Behinderten (Behinderung und Behinderte in ver­schiedenen Kulturen. Eine vergleichende Analyse ethnologischer Studien. Heidelberg 1987. 35).

Der Begriff Behinderung ist bis heute nicht direkt konkretisiert. Nach LINDMEIER kann Behinderung „als eher umfassender, sozialwissenschaftlicher, relationaler Begriff" gesehen werden, der „Behinderung nicht mehr auf Personen bezieht, sondern als „Behinderungszu­stand" versteht, als Verhältnis zwischen Personen und das dadurch entstehende psychosoziale Feld" (Lindmeier 1993. In: Albrecht 2003. 2).

CLOERKES wiederum definiert Behinderung wie folgt: „Eine Behinderung ist ein Merkmal im körperlichen, geistigen oder psychischen Bereich, das erstens Spontanreaktionen oder Aufmerksamkeit hervorruft (manifeste Andersartigkeit) und dem zweitens allgemein ein ent­schieden negativer Wert zugeschrieben wird" (Cloerkes 1983. In: Neubert/Cloerkes 1987. 35). Behinderung wird somit allgemein und häufig als negativ angesehen.

Die Sozialwissenschaften bringen Behinderung ebenfalls mit einem negativ bewerteten Zustand in Verbindung. Demnach unterscheiden sich einerseits der pathogene Zustand, wofür der Begriff „Schädigung" steht, und andererseits das „Ergebnis eines sozialen Bewertungspro­zesses (Abwertungsprozesses)". Letzteres bewirkt auch über die Schädigung hinaus „soziale Benachteiligung". Behinderung wird somit „medizinisch und sozial bestimmt" (Neubert/ Cloerkes 1987. 32).

Persönlich erkenne ich, dass der Begriff Behinderung eine gewisse Abnormalität in einer Welt standardisierter Regeln und fester Normen widerspiegelt und im Gegensatz zur „norma­len" Wertevorstellung steht. Die von den Gesellschaften aufgestellte „Norm" ist denkbar ein­fach und gilt auf dem gesamten Globus: Ein Mensch hat zwei Arme, zwei Beine und einen ge­sunden, regen Geist zu haben. Sollte eines der Kriterien fehlen, gilt die betroffene Person als behindert und deren Status ist auf ein mitleidiges oder mitunter auch ablehnendes Verhalten seitens der Mitmenschen degradiert.

Nunmehr gibt es ein erstes allgemeines Bild des Begriffes Behinderung, das ich auf den folgenden Seiten differenziert in Vergleich zu anderen Kulturen betrachten werde.

2 Die Rolle behinderter Menschen in der Gesellschaft im Kontext der Partizipation

„Gelernt wird Solidarität nur in Kooperation, die wir deshalb auch für Menschen einfordern müssen, deren Möglichkeiten zunächst gar nicht so vielfältig sind."

- Prof. Dr. Wolfgang Praschak bei einem Vortrag zum Beitrag der Integration von geistig schwer behinderten Menschen zur Humanisierung des Arbeitslebens im Jahr 2002 an den Berufsbildenden Schulen Walsrode.

Beginnen möchte ich in diesem Abschnitt mit einer notwendigen und wichtigen Regelung im Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland in Bezug des Benachteiligungsverbotes gegenüber Menschen mit einer Behinderung. In Artikel 3 Abs. 3 Satz 2 GG heißt es: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden". Dies bedeutet meiner Ansicht nach, dass alle Menschen grundsätzlich ein Recht auf Gleichbehandlung haben und nirgendwo aus­geschlossen werden dürfen. Das gilt für die Gleichbehandlung von Männern und Frauen ge­nauso wie für Menschen mit einer Behinderung. Doch trotz dieser Regelung im wichtigsten Gesetzeswerk für die Bundesrepublik sowie zunehmender Partizipation behinderter Men­schen, also deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, waren und sind sie meines Erachtens dennoch eine Randgruppe in der Gesellschaft.

Das Verhalten behinderter Personen zu ihrer Behinderung ist ein Faktor zur „Bewertung durch die soziale Umwelt", so TROMMSDORF. Jedoch spielen dabei „kulturelle Werte und Überzeugungen" eine Rolle. Behinderte Menschen können sich aber soweit an „kulturellen Anforderungen" anpassen, dass die soziale Umwelt die Behinderung „kaum noch als Störung" wahrnimmt. Möglich sei dies vor allem in solchen sozialen Kontexten, die gewisse Funktionen von Behinderten erwarten, welche sie auch „kompetent erfüllen" können (1987. 31). Ähnlich wie das Prinzip des „Förderns und Forderns" Arbeitsloser durch den Staat ergibt sich mir hier diese Maßnahme im sozialen Kontext. Behinderte Personen können durch Angebote an sozia­len Nischen „weitgehend kulturangepasstes und sozial erwünschtes Verhalten" zeigen, sofern sie „entsprechende Bereitschaft und Kompetenzen dafür" mitbringen. Die behinderte Person wird ihre Rolle in Verbindung der Nischen eher einnehmen, wenn diese positiv bewertet sind, „um somit Vergünstigungen und Erleichterungen zu gewinnen bzw. um negative Folgen der Behinderung zu verringern (Trommsdorf 1987. 31-32). Ein Beispiel hierfür ist die Behinderten­arbeit so genannter „Sozial-Supermärkte" wie das „Projekt CAP", das 2005 gegründet wurde:

Im Hamburger Stadtteil Bramberg arbeiten für die Supermarktkette CAP behinderte Menschen (geistig wie auch körperlich eingeschränkte Menschen), die den anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gleichgestellt sind und ebenso viel Verantwortung tragen. Dabei bestellen sie z. B. neue Verkaufswaren, sind im Verkauf tätig oder übernehmen Management-Aufgaben. Nach anfänglicher Testphase und überwiegender Kundenzufriedenheit sind mittlerweile in mehre­ren CAP-Filialen behinderte Personen tätig.

Dieses Beispiel ist meines Erachtens zwar ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch nur ein geringer Teil zur gewöhnlichen Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft. Die gesamte Gesellschaft basiert für mich auf einer Ebene der „Normalität", wodurch Menschen mit eingeschränkten geistigen und körperlichen Funktionen nicht oder lediglich eingeschränkt hinein zu passen scheinen.

Im internationalen Kontext entwickelte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erste Konzepte zu den Folgen von Krankheit und Störungen bereits 1972. Im Jahr 1980 wurde das Manual mit dem Titel „International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH)" veröffentlicht, dessen Nachfolgerin seit 2001 die „International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)[1] " ist. Das Dokument beschreibt als Rahmenwerk den funktionalen Gesundheitszustand, die Behinderung, die soziale Beeinträchtigung und die we­sentlichen Umweltfaktoren von Menschen. Eine Teilklassifikation ist dabei die Liste der Aktivi­täten und Partizipation behinderter Menschen. In Zukunft wird die WHO die ICF aufgrund zahl­reicher Verwendungsmöglichkeiten erweitern, um den Bedürfnissen gerecht zu werden.

In den folgenden zwei Kapiteln gehe ich näher auf den interkulturellen Vergleich von Be­hinderung und Behinderten sowie auf das Reaktionsspektrum gegenüber Behinderung und behinderten Menschen ein.

[...]


[1] Die deutschsprachige Version lautet „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Ge­sundheit", die 2002 herausgegeben wurde.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640960330
ISBN (Buch)
9783640960194
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175190
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,3
Schlagworte
Behinderung interkulturell Kultur Körperbehinderung Sinnesbehinderung geistige Behinderung psychische Behinderung Altersbehinderung Weltgesundheitsorganisation Universalität Uniformität

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